Papst Benedikt XVI. - Predigten und Reden

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Petra
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Papst Benedikt XVI. - Predigten und Reden

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EXEQUIEN UND BEGRÄBNIS
SEINER HEILIGKEIT PAPST

JOHANNES PAULS II.



PREDIGT VON KARD. JOSEPH RATZINGER

Petersplatz
Freitag, 8. April 2005



»Folge mir nach!«, sagt der auferstandene Herr als letztes Wort zu Petrus, zu dem Jünger, der erwählt war, seine Schafe zu weiden. »Folge mir nach!« – Dieses lapidare Wort Christi kann als Schlüssel gelten zum Verständnis der Botschaft, die vom Leben unseres geliebten verstorbenen Papstes Johannes Paul II. ausgeht, dessen sterbliche Hülle wir heute als Samen der Unsterblichkeit in die Erde senken, während unser Herz voll Trauer ist, aber auch voll froher Hoffnung und tiefer Dankbarkeit.

Das sind die Gefühle in unserem Innern, Brüder und Schwestern in Christus hier auf dem Petersplatz, in den angrenzenden Straßen und auf verschiedenen Plätzen der Stadt Rom, die in diesen Tagen von einer überaus großen Menge schweigender und betender Menschen bevölkert ist. Ich grüße alle von Herzen. Auch im Namen des Kardinalskollegiums möchte ich einen ehrerbietigen Gruß an die Staatsoberhäupter, die Regierungschefs und an die Delegationen der verschiedenen Länder richten. Ich grüße die Obrigkeiten und die Repräsentanten der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie der anderen Religionen. Ich grüße die Erzbischöfe, die Bischöfe, die Priester, die Ordensleute und die Gläubigen, die aus allen Erdteilen gekommen sind; insbesondere die Jugendlichen, die Johannes Paul II. als die Zukunft und Hoffnung der Kirche bezeichnet hat. Mein Gruß gilt darüber hinaus all denen in der ganzen Welt, die über Rundfunk und Fernsehen in dieser gemeinsamen Teilnahme am feierlichen Ritus des Abschieds von diesem geliebten Papst mit uns verbunden sind.

»Folge mir nach!« Als junger Student begeisterte sich Karol Wojtyla für die Literatur, das Theater und die Dichtung. Als er in einer Chemiefabrik arbeitete, umgeben und bedroht vom nationalsozialistischen Terror, hörte er die Stimme des Herrn: »Folge mir nach!« In dieser ganz besonderen Situation begann er, philosophische und theologische Bücher zu lesen, trat dann in das von Kardinal Sapieha im Untergrund geschaffene Priesterseminar ein und konnte nach dem Krieg seine Studien an der theologischen Fakultät der Jagellonen-Universität in Krakau vervollständigen. Oft hat er in seinen Schreiben an die Priester und in seinen autobiographischen Büchern von seinem priesterlichen Dienst gesprochen, zu dem er am 1. November 1946 geweiht worden war. In diesen Texten deutet er sein Priesteramt insbesondere im Licht von drei Worten des Herrn. Vor allem von diesem: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt« (Joh 15,16). Das zweite Wort lautet: »Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe« (Joh 10,11). Und schließlich: »Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!« (Joh 15,9). In diesen drei Worten erkennen wir die ganze Seele unseres Heiligen Vaters. Er ist wirklich unermüdlich überall hingegangen, um Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. »Auf, laßt uns gehen!« lautet der Titel seines vorletzten Buches. »Auf, laßt uns gehen!« Mit diesen Worten hat er uns aus einem müden Glauben, aus dem Schlaf der Jünger von gestern und heute aufgerüttelt. »Auf, laßt uns gehen!« sagt er auch heute zu uns. Der Heilige Vater ist dann Priester bis zum Äußersten gewesen, denn er hat sein Leben Gott dargebracht für seine Schafe und für die ganze Menschenfamilie durch seine tägliche Hingabe im Dienst an der Kirche und vor allem in den schweren Prüfungen der letzten Monate. So ist er eins geworden mit Christus, dem Guten Hirten, der seine Schafe liebt. Und schließlich: »Bleibt in meiner Liebe.« Der Papst, der die Begegnung mit allen gesucht hat, der die Fähigkeit zur Vergebung und zur Offenheit des Herzens gegenüber allen hatte, spricht auch heute zu uns mit diesen Worten des Herrn: Wenn wir in der Liebe Christi bleiben, lernen wir in der Schule Christi die Kunst der wahren Liebe.

»Folge mir nach!« Im Juli 1958 beginnt für den jungen Priester Karol Wojtyla ein neuer Abschnitt auf dem Weg mit dem Herrn und in der Nachfolge des Herrn. Karol war, wie gewohnt, mit einer Gruppe Jugendlicher, die begeisterte Kanufahrer waren, zu den Masurischen Seen in Urlaub gefahren. Aber er hatte einen Brief bei sich, in dem er aufgefordert wurde, sich beim Primas von Polen, Kardinal Wyszyński, vorzustellen, und er konnte den Zweck der Begegnung erraten: seine Ernennung zum Weihbischof von Krakau. Den Unterricht an der Hochschule aufgeben, diese anregende Gemeinschaft mit den Jugendlichen aufgeben, diesen intellektuellen Wettstreit aufgeben, um das Geheimnis des Menschen zu erkennen und auszulegen, um in der Welt von heute die christliche Verwirklichung unseres Daseins gegenwärtig zu machen – das alles mußte ihm wie eine Selbstaufgabe vorkommen, wie ein Verlust all dessen, was zur menschlichen Identität dieses jungen Priesters gehörte. »Folge mir nach!« – Karol Wojtyla nahm den Ruf an, weil er im Ruf der Kirche die Stimme Christi hörte. Und er lernte dann, wie wahr das Wort des Herrn ist: »Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen« (Lk 17,33). Unser Papst – das wissen wir alle – wollte nie das eigene Leben bewahren, es für sich behalten; er wollte sich ohne Vorbehalt, bis zum letzten Augenblick für Christus und auch für uns hingeben. Gerade so konnte er erfahren, daß alles, was er in die Hände des Herrn gelegt hatte, in neuer Weise zurückgegeben wurde: Die Liebe zum Wort, zur Dichtung, zur Literatur war ein wesentlicher Teil seiner Hirtensendung und hat der Verkündigung des Evangeliums neue Frische, neue Aktualität, neue Anziehungskraft verliehen, auch wenn es ein Zeichen ist, dem widersprochen wird.

»Folge mir nach!« Im Oktober 1978 hört Kardinal Wojtyla wiederum die Stimme des Herrn. Es wiederholt sich der Dialog mit Petrus, von dem heute im Evangelium dieses Gottesdienstes die Rede ist: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Weide meine Schafe!« Auf die Frage des Herrn: Karol, liebst du mich?, antwortete der Erzbischof von Krakau aus tiefstem Herzen: »Herr, du weißt alles; du weißt, daß ich dich liebhabe.« Die Liebe Christi war die bestimmende Kraft in unserem geliebten Heiligen Vater; wer ihn hat beten sehen, wer ihn hat predigen sehen, weiß das. Und so konnte er dank dieser tiefen Verwurzelung in Christus eine Last tragen, die rein menschliche Kräfte übersteigt: Hirt der Herde Christi, seiner universalen Kirche zu sein. Hier ist nicht der Augenblick, von den einzelnen Inhalten dieses so reichen Pontifikats zu sprechen. Ich möchte nur zwei Abschnitte aus der Liturgie von heute vorlesen, in denen die zentralen Elemente seiner Botschaft aufscheinen. In der Ersten Lesung sagt uns der hl. Petrus – und der Papst spricht mit dem hl. Petrus: »Wahrhaftig, jetzt begreife ich, daß Gott nicht auf die Person sieht, sondern daß ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller« (Apg 10,34–36). Und in der Zweiten Lesung mahnt uns der hl. Paulus und mit dem hl. Paulus unser verstorbener Papst mit lauter Stimme: »Darum, meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn« (Phil 4,1).

»Folge mir nach!« Mit dem Auftrag, seine Herde zu weiden, kündete Christus dem Petrus sein Martyrium an. Mit diesem abschließenden und zusammenfassenden Wort des Dialogs über die Liebe und über den Sendungsauftrag des universalen Hirten verweist der Herr auf einen anderen Dialog, der im Zusammenhang mit dem Letzten Abendmahl stattgefunden hat. Bei diesem Anlaß hatte Jesus gesagt: »Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.« Petrus sagte zu ihm: »Herr, wohin willst du gehen?« Jesus antwortete ihm: »Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen« (Joh 13,33.36). Vom Abendmahl geht Jesus zum Kreuz, zur Auferstehung – er tritt in das österliche Geheimnis ein; Petrus kann ihm noch nicht folgen. Jetzt – nach der Auferstehung – ist dieser Augenblick, dieses »später« gekommen. Während er die Herde Christi weidet, tritt Petrus in das österliche Geheimnis ein, geht dem Kreuz und der Auferstehung entgegen. Der Herr sagt es mit diesen Worten: »Als du noch jung warst, … konntest [du] gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst« (Joh 21,18 ). In den ersten Jahren seines Pontifikats ging der Heilige Vater, noch jung und stark, unter der Führung Christi in alle Länder der Welt. Später aber vereinte er sich immer tiefer mit dem Leiden Christi, verstand er immer mehr die Wahrheit der Worte: »Ein anderer wird dich gürten…« Und gerade in dieser Vereinigung mit dem leidenden Herrn verkündete er unermüdlich mit neuer Eindringlichkeit das Evangelium, das Geheimnis der Liebe, die bis zum Äußersten geht (vgl. Joh 13,1).

Er hat uns das österliche Geheimnis als Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit aufgezeigt. In seinem letzten Buch schreibt er: Die dem Bösen gesetzte Grenze »ist letztendlich die göttliche Barmherzigkeit« (»Erinnerung und Identität«, S. 75). Und im Hinblick auf das Attentat schreibt er: »Christus hat, indem er für uns alle litt, dem Leiden einen neuen Sinn verliehen, er hat es in eine neue Dimension erhoben, in eine neue Ordnung der Liebe … Es ist das Leiden, welches das Böse mit der Flamme der Liebe verbrennt und aufzehrt und sogar aus der Sünde einen mannigfaltigen Reichtum an Gutem hervorbringt« (S. 208f.). Von dieser Vision beseelt, hat der Papst vereint mit Christus gelitten und geliebt, und deshalb ist die Botschaft seines Leidens und seines Schweigens so beredt und fruchtbar gewesen.

Göttliche Barmherzigkeit: Der Heilige Vater hat den reinsten Widerschein der Barmherzigkeit Gottes in der Mutter Gottes gefunden. Er, der im Kindesalter die Mutter verloren hatte, hat um so mehr die göttliche Mutter geliebt. Er hat die Worte des gekreuzigten Herrn gehört und auf sich persönlich bezogen: »Siehe deine Mutter!« Und er hat wie der Lieblingsjünger gehandelt: Er hat sie in seinem tiefsten Innern aufgenommen (eis ta idia: Joh 19,27) – »Totus tuus«. Und von der Mutter hat er gelernt, Christus ähnlich zu werden.

Für uns alle bleibt es unvergeßlich, wie der Heilige Vater, vom Leiden gezeichnet, am letzten Ostersonntag seines Lebens noch einmal am Fenster des Apostolischen Palastes erschienen ist und zum letzten Mal den Segen »Urbi et orbi« erteilt hat. Wir können sicher sein, daß unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Hauses des Vaters steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segne uns, Heiliger Vater. Wir vertrauen deine liebe Seele der Mutter Gottes, deiner Mutter, an, die dich jeden Tag geführt hat und dich jetzt in die ewige Herrlichkeit ihres Sohnes, Jesus Christus unseres Herrn, führen wird. Amen.


Quelle: www.vatican.va
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(Zu Beginn des Konklaves)

PAPSTMESSE

MISSA PRO ELIGENDO ROMANO PONTIFICE

PREDIGT VON KARDINAL JOSEPH RATZINGER,
DEKAN DES KARDINASKOLLEGIUMS

Patriarchalbasilika St. Peter
Montag, 18. April 2005



Lesungen: Jes 61,1–3a. 6a. 8b–9;
Eph 4,11–16;
Joh 15,9–17

In dieser verantwortungsvollen Stunde hören wir mit besonderer Aufmerksamkeit auf das, was der Herr uns mit seinen eigenen Worten sagt. Aus den drei Lesungen möchte ich nur einige Abschnitte auswählen, die uns in einem Augenblick wie diesem direkt betreffen.

Die Erste Lesung bietet ein prophetisches Bild der Figur des Messias – ein Bild, das seine ganze Bedeutung von dem Augenblick her erhält, als Jesus, der diesen Text in der Synagoge von Nazareth liest, sagt: »Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt« (Lk 4,21). Im Zentrum des prophetischen Textes stoßen wir auf ein Wort, das – zumindest auf den ersten Blick – widersprüchlich erscheint. Der Messias, der von sich spricht, sagt, er sei gesandt worden, damit er »ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes« (Jes 61,2). Wir hören voll Freude die Ankündigung des Jahres der Barmherzigkeit: die göttliche Barmherzigkeit setzt dem Bösen eine Grenze – hat der Heilige Vater uns gesagt. Jesus Christus ist die göttliche Barmherzigkeit in Person: Christus begegnen heißt, der Barmherzigkeit Gottes begegnen. Der Auftrag Christi ist durch die priesterliche Salbung zu unserem Auftrag geworden; wir sind aufgerufen, »das Jahr der Barmherzigkeit des Herrn« nicht nur mit Worten, sondern mit dem Leben und mit den wirksamen Zeichen der Sakramente zu verkünden. Was aber will Jesaja sagen, als er den »Tag der Vergeltung unseres Gottes« ankündigt? Jesus hat in Nazareth, als er den Text des Propheten las, diese Worte nicht ausgesprochen – er schloß mit der Ankündigung des Jahres der Barmherzigkeit. War das vielleicht der Anlaß zu der Empörung, die nach seiner Predigt aufkam? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall hat der Herr seinen authentischen Kommentar zu diesen Worten durch den Tod am Kreuz abgegeben. »Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen…«, sagt der hl. Petrus (1 Petr 2,24). Und der hl. Paulus schreibt an die Galater: »Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht in der Schrift: Verflucht ist jeder, der am Pfahl hängt. Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen Geist empfangen« (Gal 3,13).

Die Barmherzigkeit Christi ist keine billig zu habende Gnade, sie darf nicht als Banalisierung des Bösen mißverstanden werden. Christus trägt in seinem Leib und in seiner Seele die ganze Last des Bösen, dessen ganze zerstörerische Kraft. Er verbrennt und verwandelt das Böse im Leiden, im Feuer seiner leidenden Liebe. Der Tag der Vergeltung und das Jahr der Barmherzigkeit fallen im Ostermysterium, im toten und auferstandenen Christus zusammen. Das ist die Vergeltung Gottes: Er selbst leidet in der Person des Sohnes für uns. Je mehr wir von der Barmherzigkeit des Herrn berührt werden, um so mehr solidarisieren wir uns mit seinem Leiden, werden wir bereit, »das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24), in unserem Leib zu ergänzen.

Gehen wir zur Zweiten Lesung über, zum Brief an die Epheser. Hier geht es im wesentlichen um drei Dinge: erstens um die Ämter und Charismen in der Kirche als Gaben des auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Herrn; sodann um das Heranreifen des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes als Voraussetzung und Inhalt der Einheit im Leib Christi; und schließlich um die gemeinsame Teilnahme am Wachsen des Leibes Christi, das heißt an der Umgestaltung der Welt in die Gemeinschaft mit dem Herrn.

Wir verweilen nur bei zwei Punkten. Der erste ist der Weg zur »Reife Christi«, wie es etwas vereinfachend im italienischen Text heißt. Dem griechischen Text nach müßten wir genauer von dem »Maß der Fülle Christi« sprechen, die zu erreichen wir gerufen sind, um wirklich Erwachsene im Glauben zu sein. Wir sollen nicht Kinder im Zustand der Unmündigkeit bleiben. Was heißt, unmündige Kinder im Glauben sein? Der hl. Paulus antwortet: Es bedeutet, »ein Spiel der Wellen zu sein, hin- und hergetrieben von jedem Widerstreit der Meinungen…« (Eph 4, 14). Eine sehr aktuelle Beschreibung!

Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. Jeden Tag entstehen neue Sekten, und dabei tritt ein, was der hl. Paulus über den Betrug unter den Menschen und über die irreführende Verschlagenheit gesagt hat (vgl. Eph 4,14). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt.

Wir haben jedoch ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen. Er ist das Maß des wahren Humanismus. »Erwachsen« ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt; erwachsen und reif ist ein Glaube, der tief in der Freundschaft mit Christus verwurzelt ist. Diese Freundschaft macht uns offen gegenüber allem, was gut ist und uns das Kriterium an die Hand gibt, um zwischen wahr und falsch, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden. Diesen erwachsenen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen. Und dieser Glaube – der Glaube allein – schafft die Einheit und verwirklicht sich in der Liebe. Dazu bietet uns der hl. Paulus – im Gegensatz zu den ständigen Sinnesänderungen derer, die wie Kinder von den Wellen hin- und hergeworfen werden – ein schönes Wort: die Wahrheit tun in der Liebe, als grundlegende Formel der christlichen Existenz. In Christus decken sich Wahrheit und Liebe. In dem Maße, in dem wir uns Christus nähern, verschmelzen auch in unserem Leben Wahrheit und Liebe. Die Liebe ohne Wahrheit wäre blind; die Wahrheit ohne Liebe wäre wie »eine lärmende Pauke« (1 Kor 13,1).

Wir kommen nun zum Evangelium, aus dessen Fülle ich nur zwei kleine Bemerkungen entnehme. Der Herr richtet an uns diese wunderbaren Worte: »Ich nenne euch nicht mehr Knechte … Vielmehr habe ich euch Freunde genannt« (Joh 15, 15). So oft haben wir das Gefühl, daß wir – wie es ja zutrifft – nur unnütze Knechte sind (vgl. Lk 17,10). Und trotzdem nennt der Herr uns Freunde, er macht uns zu seinen Freunden, er schenkt uns seine Freundschaft. Der Herr definiert die Freundschaft auf eine zweifache Weise. Zwischen Freunden gibt es keine Geheimnisse: Christus sagt uns alles, was er vom Vater hört; er schenkt uns sein volles Vertrauen und mit dem Vertrauen auch die Erkenntnis. Er offenbart uns sein Antlitz, sein Herz. Er zeigt uns seine liebevolle Zuwendung zu uns, seine leidenschaftliche Liebe, die bis zur Torheit des Kreuzes geht. Er vertraut sich uns an, er verleiht uns die Vollmacht, durch sein Ich zu sprechen: »Das ist mein Leib…«, »ich spreche dich los…«. Er vertraut uns seinen Leib, die Kirche, an. Er vertraut unserem schwachen Geist, unseren schwachen Händen seine Wahrheit an – das Geheimnis von Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist; das Geheimnis von Gott, der »die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16). Er hat uns zu seinen Freunden gemacht – und welche Antwort geben wir?

Das zweite Element, mit dem Jesus die Freundschaft definiert, ist die Übereinstimmung des Willens. »Idem velle – idem nolle« war auch für die Römer die Definition von Freundschaft. »Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage« (Joh 15,14). Die Freundschaft mit Christus entspricht dem, was die dritte Bitte des Vaterunsers ausdrückt: »Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden«. In der Stunde von Getsemani hat Jesus unseren widerspenstigen menschlichen Willen in einen Willen verwandelt, der dem göttlichen Willen entspricht und mit ihm verbunden ist. Er hat das ganze Drama unserer Autonomie erlitten – und gerade dadurch, daß er unseren Willen in Gottes Hände legt, schenkt er uns die wahre Freiheit: »Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst« (Mt 26,39). In dieser Übereinstimmung des Willens vollzieht sich unsere Erlösung: Freunde Jesu sein, Freunde Gottes werden. Je mehr wir Jesus lieben, je mehr wir ihn kennen, um so mehr wächst unsere wahre Freiheit, wächst die Freude darüber, erlöst zu sein. Danke Jesus, für deine Freundschaft!

Das andere Element des Evangeliums, auf das ich hinweisen wollte, ist die Rede Jesu über das Fruchtbringen: »Ich habe euch dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt« (Joh 15,16). Hier erscheint die Dynamik der Existenz des Christen, des Apostels: Ich habe euch dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht… Wir müssen von einer heiligen Unruhe beseelt sein: der Unruhe, allen das Geschenk des Glaubens, der Freundschaft mit Christus zu bringen. In Wahrheit ist uns die Liebe, die Freundschaft Gottes geschenkt worden, damit sie auch die anderen erreiche. Wir haben den Glauben empfangen, um ihn an die anderen weiterzugeben, wir sind Priester, um anderen zu dienen. Und wir müssen Früchte hervorbringen, die bleiben. Alle Menschen wollen eine Spur hinterlassen, die bleibt. Aber was bleibt? Das Geld nicht. Auch die Gebäude bleiben nicht; ebensowenig die Bücher. Nach einer gewissen, mehr oder weniger langen Zeit verschwinden alle diese Dinge. Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch. Die Frucht, die bleibt, ist daher das, was wir in die menschlichen Seelen gesät haben – die Liebe, die Erkenntnis; die Geste, die das Herz zu berühren vermag; das Wort, das die Seele der Freude des Herrn öffnet. Brechen wir also auf und bitten den Herrn, er möge uns helfen, Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. Nur so wird die Erde vom Tal der Tränen in einen Garten Gottes verwandelt.

Wir kommen schließlich noch einmal auf den Epheserbrief zurück. Der Brief sagt – mit den Worten des 68. Psalms – , daß Christus, als er in den Himmel auffuhr, »den Menschen Geschenke gab« (Eph 4,8 ). Der Sieger verteilt Geschenke. Und diese Geschenke sind Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Unser Amt ist ein Geschenk Christi an die Menschen, um seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen. Leben wir also unser Amt als Geschenk Christi an die Menschen! Aber in dieser Stunde beten wir vor allem inständig zum Herrn, daß er uns nach dem großen Geschenk Papst Johannes Pauls II. wieder einen Hirten nach seinem Herzen schenke, einen Hirten, der uns zur Erkenntnis Christi, zu seiner Liebe, zur wahren Freude führt. Amen.


Quelle: www.vatican.va
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Petra
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(Nach der Wahl am 19.4., gehalten am 20.4.)

Verehrte Brüder Kardinäle,
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
ihr alle Männer und Frauen guten Willens.

Gnade und Frieden in Überfluss an euch alle. In meiner Seele spüre ich in diesem Moment zwei sich widersprechende Gefühle. Auf der einen Seite ein Gefühl der menschlichen Unruhe wegen der Verantwortung die mir gestern anvertraut wurde. Als Nachfolger des Apostels Petrus an diesem Sitz von Rom mitten in der Universalkirche. Auf der anderen Seite fühle ich in mir eine tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber der, wie es uns die Liturgie singen lässt, seine Herde nicht verlässt, sondern sie durch die Zeiten führt - auch jene führt, die die Stellvertreter seines Sohnes sein sollen. Diese intime Anerkennung für ein Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit übertrifft alles in meinem Herzen. Und ich sehe das als eine große besondere Gnade, die mir von meinem verehrten Vorgänger Johannes Paul II. übergeben wurde. Ich fühle seine starke Hand, die meine hält. Ich spüre seine lächelnden Augen - zu sehen und seine Worte zu hören, die in diesem besonderen Moment an mich gerichtet sind: Hab keine Angst. Wir können zufügen: Der Tod des heiligen Vaters Johannes Paul II. und die darauffolgenden Tage sind für die Kirche und für die ganze Welt eine Zeit außerordentlicher Gnade gewesen. Der große Schmerz wegen seines Todes und das Gefühl der Leere, das der Tod in uns allen hinterlassen hat, waren von der Aktion des auferstandenen Christus überschattet. Von der Liebe und von der spirituellen Solidarität, was in den feierlichen Beerdigungsreden seinen Gipfel hatte. Die Beerdigung von Johannes Paul II. war eine außerordentliche Erfahrung in uns, in der uns auf eine besondere Weise die Kraft Gottes klar wurde, der durch seine Kirche alle Völker in eine große Familie umwandeln möchte - durch die vereinigende Kraft der Liebe und der Wahrheit. In der Stunde des Todes ist Johannes Paul II. seinem Meister und Herrn gleichgeworden. Er hat sein langes und fruchtbares Pontifikat gekrönt, indem er das christliche Volk im Glauben gestärkt, es immer um sich herum versammelt hat und die ganze Menschheitsfamilie vereinte. Wie sollen wir uns nicht von diesem Zeugnis unterstützt fühlen. Wie können wir nicht die Ermutigung feststellen, die aus diesem Moment der Gnade erwächst. Die göttliche Vorsehung hat mich durch das Votum der verehrten Kardinäle dazu berufen, diesem großen Papst zu folgen. Ich denke in diesen Stunden an das, was in Caesareum von Philippi vor 2000 Jahren geschehen ist. Ich denke, die Worte des Petrus zu hören: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und die feierliche Aussage des Herrn: Du bist Petrus und über diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Und ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Du bist Christus, du bist Petrus. Mir scheint diese evangelische Szene neu zu leben. Ich, der Nachfolger des Petrus, wiederhole mit zitternden Worten die Worte des Fischers aus Galiläa und höre noch einmal mit emotionaler Bewegtheit das Versprechen des göttlichen Meisters. Das Gewicht der Verantwortung, das sich auf meine Schultern gelegt hat, ist enorm. Es ist sicherlich außerhalb des Maßes. Es ist eine außergewöhnliche, göttliche Macht auf die ich zählen kann. Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.
Als Bischof von Rom hat mich der Herr erwählt. Er wollte mich als seinen Stellvertreter. Er wollte mich als Fels auf dem er mit Sicherheit bauen kann. Ich bitte ihn der Armut meiner Kräfte zu Hilfe zu kommen. Damit ich ein mutiger und treuer Hirte seiner Herde sei. Ich gehe nun daran, diesen besonderen Dienst auf mich zu nehmen. Den Petrusdienst, den Dienst der universalen Kirche und lege dazu mein Schicksal in die Hände der göttlichen Vorsehung. Vor allem an Christus wende ich mich mit einer totalen und vertrauensvollen Hingabe. Auf dich Herr habe ich gehofft, ich werde in Ewigkeit nicht zu Schande werden. Euch Herr und Kardinäle danke ich, für das Vertrauen, das ihr mir entgegengebracht habt und ich bitte euch, mich mit dem Gebet und mit eurer Mitarbeit zu unterstützen. Ich bitte auch alle Brüder im Bischofsamt, mir zur Seite zu stehen mit Gebet und Rat, damit ich wirklich der Diener - der Diener Christi sein kann. Wie Petrus und die anderen Apostel zusammenarbeiteten, um mit dem Herrn eine einzige Gemeinschaft der Apostel zu bilden, so auch muss der Nachfolger Christi mit den Bischöfen, als Nachfolger der Apostel zusammenarbeiten. Sie müssen jetzt wirklich vereint sein. Diese kollegiale Gemeinschaft, die sich in der Verschiedenheit der Rollen, der Funktion des römischen Papstes und der Bischöfe zeigt, ist im Dienst für die Kirche und der Einheit des Glaubens. Von dieser Gemeinschaft hängt in besonderer Weise die Wirksamkeit der Evangelisierung in unserer Zeit ab. Vor allem auf diesem Weg, auf den meine verehrten Vorgänger hingewiesen haben, möchte auch ich weitergehen, um der ganzen Welt die Lebendigkeit Christi zu verkünden. Vor mir steht in besonderer Weise das Zeugnis Papst Johannes Paul II. Er hinterlässt uns eine mutigere, freiere, jüngere Kirche. Eine Kirche, die nach seiner Lehre und seinem Beispiel mit Fröhlichkeit in die Vergangenheit blickt und keine Angst hat vor der Zukunft. Mit dem großen Jubiläum hat sie sich in das neue Jahrtausend eingefügt, indem sie auf das Evangelium vertraute und der Welt nocheinmal das zweite vatikanische Konzil vor Augen geführt hat. Papst Johannes Paul II. hat dieses Konzil als das Konzil hingestellt, an dem man sich im Dritten Jahrtausend orientieren kann. Auch in seinem spirituellen Testament merkte er an: Ich bin überzeugt, dass es noch lange Zeit - auch für die neuen Generationen - möglich sein wird, aus den Reichtümern des zweiten Vatikanischen Konzils zu schöpfen. Auch ich, der ich nun meinen Dienst als Nachfolger Petri aufnehme, möchte betonen, dass ich bei der Aktualisierung des zweiten Vatikanischen Konzils vorangehe. Auf der Spur meiner Vorgänger und in treuer Gemeinschaft mit der 2000 jährigen Geschichte der Kirche. In diesem Jahr wird besonders der 40. Jahrestag des Endes des Konzils gefeiert werden. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Konzilsdokumente dennoch nicht an Aktualität verloren. Ihre Lehren offenbaren sich immer noch besonders bedeutsam in Bezug auf die neuen Einrichtungen der Kirche und der modernen globalisierten Gesellschaft. In besonders bedeutungsvoller Weise beginnt mein Pontifikat während die Kirche das besondere Jahr der Eucharastie lebt. Wie sollte ich nicht in diesem Zufall durch die Vorsehung ein besonderes Element sehen, dass den Dienst charakterisieren soll zu dem ich berufen bin. Die Eucharastie, das Herz des christlichen Lebens und die Quelle der evangelisierenden Mission der Kirche kann nichts anderes tun als das bleibende Zentrum und die Quelle des Dienstes des Petrus zu sein, das mir anvertraut wurde. Die Eucharastie macht den auferstandenen Christus immer und Konstant gegenwärtig. Der sich uns immer weiter schenkt, der uns ruft, an dem Tisch seines Leibes und Blutes teilzunehmen. Aus der vollen Gemeinschaft mit ihm, kommt jedes andere Element der Gemeinschaft der Kirche. Zuerst die Gemeinschaft zwischen allen Gläubigen. Der Einsatz der Verkündigung und des Zeugnisses des Evangeliums. Das Brennen der Liebe allen gegenüber, besonders gegenüber den Armen und Schwachen. In diesem Jahr muss mit besonderer Weise die Feierlichkeit des Frohnleichnams gefeiert werden. Die Eucharastie wird dann im Zentrum stehen im August, beim Weltjugendtag in Köln und im Oktober bei der in der ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode. Das sich mit dem Thema die Eucharastie als Quelle und Gipfel des Lebens und der Sendung der Kirche beschäftigen wird. Ich bitte alle in den nächsten Monaten die Liebe und die Hingabe an Jesus in der Eucharastie zu intensivieren und in mutiger Weise und klar den Glauben an die Anwesenheit des Herrn auszudrücken. Vor allem durch die Feierlichkeit und Richtigkeit der Zelebrationen. Das bitte ich vor allem die Priester, an die ich in diesem Moment mit großer Hingabe denke. Der priesterliche Dienst ist im Abendmahlssaal zusammen mit der Eucharastie entstanden, wie es Johannes Paul II. mehrmals unterstrichen hat. Die priesterliche Existenz muss als besonderen Titel eine eucharistische Form haben, hat er in seinem letzten Brief am Gründonnerstag geschrieben. Zu diesem Zweck ist vor allem die tägliche Zelebration der heiligen Messe wichtig. Das Zentrum und die Sendung im Leben eines jeden Priesters. Genährt und unterstützt von der Eucharastie können die Katholiken nichts tun, als sich angenommen zu fühlen. Diese volle Einheit mit Christus zu suchen, die er im letzten Abendmahl brennend erwartet hat. Aus dieser höchsten Verbindung mit dem göttlichen Meister weiß der Nachfolger Petri besonders, welches seine Aufgaben sind. Vor allem ist ihm die Aufgabe die Brüder zu stärken aufgegeben. Mit vollem Bewusstsein am Anfang seines Dienstes in der Kirche in Rom, den Petrus mit seinem Blut gekrönt hat, möchte der Nachfolger Petri die Wiederherstellung der Einheit aller die an Christus glauben erreichen. Das ist seine Pflicht. Ihm ist bewusst, dass dafür nicht nur die Zeichen guten Willens reichen. Er braucht dazu konkrete Gesten, die in die Seelen eintreten und die Gewissen anrühren, indem sie jeden zur inneren Umkehr bewegen und ein Vorgehen auf dem Weg des Ökumenismus voranbringen. Der theologische Dialog ist notwendig. Die Vertiefung der historischen Motivationen ist doch nicht hinzugeben. Aber das zieht noch mehr zu dieser Reinigung des Gewissens, die Johannes Paul II. so oft angemahnt hat, die nur die Seelen führen kann die volle Wahrheit Christi anzunehmen. Es ist vor ihm, dem höchsten Richter alles Lebens, vor die sich ein jeder von uns stellen muss. Im Bewusstsein, dass er ihm eines Tages Rechenschaft ablegen muss für das was er getan hat oder nicht getan hat, im Angesicht des großen guten, der vollen und sichtbaren Einheit aller seiner Jünger. Der aktuelle Nachfolger Petri lässt sich in erster Person von dieser Frage ansprechen und ist dazu bereit alles dafür zu tun, was in seiner Macht steht, um die fundamentale Angelegenheit der Ökumene voranzubringen. Auf der Spur seiner Vorgänger ist er voll dazu bereit jede Initiative einzubringen, die Opportun erscheint, um die Kontakte und die Begegnung mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu fördern. An sie geht vor allem in diesem Moment mein herzlichster Gruß in Christus, dem einzigen Herrn aller. In diesem Moment komme ich mit meiner Erinnerung an den Tod und die Beerdigung Johannes Paul II. zurück. An seinen sterblichen Überresten haben sich die Staatschefs getroffen. Menschen aus allen sozialen Schichten und besonders Jugendlichen. In einer unvergesslichen Umarmung von Liebe und Bewunderung. Ihn hat die ganze Welt mit Vertrauen angeschaut. Uns schien, dass diese intensive Teilnahme, die bis in die Grenzen des Planeten ging, verbreitet durch die moderne Kommunikation, wie eine einsame Bitte um eine Hilfe war, die dem Papst von allen Mitgliedern der heutigen Menschheit gerichtet wurde. Und die sich von vielen Unsicherheiten und Ängsten durchwühlt sich über die Zukunft fragt. Die Kirche von heute muss in sich selbst das Bewusstsein der Aufgabe erneuern, die Christus selbst vorgestellt hat. Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nicht in der Dunkelheit wandern, sondern wird das Licht des Lebens haben. Die Aufgabe eines neuen Papstes ist es vor allem das Licht Christi strahlen zu lassen. Es ist nicht das eigenen Licht, sondern das Licht Christi. Mit diesem Bewusstsein wende ich mich an alle, auch an diejenige, die anderen Religionen folgen oder einfach eine Antwort auf die fundamentalen Fragen der Existenz stellen und sie noch nicht gefunden haben. An alle wende ich mich mit Einfachheit und Liebe um zu versichern, dass die Kirche weitergehen wird. Ich werde mit ihnen einen offenen und ehrlichen Dialog führen auf dem Weg zu dem wahren Gut des Menschen und der Gesellschaft. Ich bitte von Gott für die Einheit und den Frieden für die menschliche Familie und erkläre die Bereitschaft aller Katholiken für die authentische, soziale Entwicklung mitzuarbeiten, die sich auf die Würde eines jeden menschlichen Wesens stützt. Wir werden unsere Kräfte nicht schonen und um den Dialog fortzusetzen den meine verehrten Vorgänger in verschiedenen Kulturen angefangen hat. Damit auf dem gegenseitigen Verständnis, die Bedingungen für eine bessere Zukunft aller herauskommen. Ich denke in besonderer Weise an die Jugendlichen. An sie, die privilegierten Gesprächspartner Johannes Paul II. geht mein besondere liebensvolle Umarmung in der Erwartung, dass, wenn es Gott gefällt, ich sie in Köln beim Weltjugendtag treffen kann. Mit euch liebe Jugendlichen, Zukunft und Hoffnung der Kirche und der Menschheit, werde ich weiter sprechen, indem ich auf eure Erwartungen höre und ich möchte euch helfen immer mehr in Tiefe mit Christus dem Lebendigen zu treffen, dem ewig Jungen.
Bleib bei uns Herr. Diesen Anruf, der das dominante Thema des apostolischen Briefes Johannes Pauls II. für das Jahr der Eucharistie darstellt ist das Gebet, das aus meinem Herz spontan hervorkommt. Während ich anfange diesen Dienst, zu dem Christus mich berufen hat zu führen. Wie Petrus erneuere auch ich ihm gegenüber das bedingungslose Versprechen der Treue. Ihm möchte ich dienen, in dem ich mich völlig dem Dienst der Kirche widme.
Zur Unterstützung dieses Versprechens bitte ich die mütterliche Fürbitte der heiligen Maria. In ihre Hände lege ich die Zukunft und die Gegenwart meiner Person und der Kirche. Mit ihrer Fürbitte mögen auch die heiligen Apostel Petrus und Paulus und alle heiligen für mich eintreten. Mit diesen Gefühlen spende ich euch verehrte Brüder Kardinäle und allen die an diesem Ritus teilnehmen und auch denjenigen die über das Fernsehen teilnehmen einen besonders liebevollen Segen.


(Übersetzung von Ludwig Waldmüller)

Quelle:www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Arti ... p?id=34315

Stefan

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Auszug aus der Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Journalisten nach einer dpa-Übersetzung:

„Mit wahrer Freude treffe und grüße ich ganz herzlich Euch Journalisten, Fotografen und Kameraleute. ... Danke für Euren Besuch und besonders für den Dienst, den ihr in diesen Tagen für den Heiligen Stuhl und die katholische Kirche geleistet habt. ... Man kann sagen, daß dank Eurer Arbeit die Aufmerksamkeit der ganzen Welt seit mehreren Wochen auf die Basilika, den Petersplatz und den apostolischen Palast gerichtet war, in dem mein Vorgänger - der unvergeßliche Johannes Paul II. - heiter seine irdische Existenz beendet hat und wo mich später in der Sixtinischen Kapelle die Kardinäle zu seinem Nachfolger gewählt haben.”

„Dank Euch allen wurde weltweit über diese historisch wichtigen kirchlichen Ereignisse berichtet. Ich weiß, wie hart Ihr weit weg von Eurem Zuhause und Euren Familien für viele Stunden und manchmal unter schwierigen Bedingungen gearbeitet habt. ... Die Möglichkeiten, die sich uns durch die modernen Mittel sozialer Kommunikation geöffnet haben, sind in der Tat wunderbar und außergewöhnlich!”

„Ohne Zweifel war Papst Johannes Paul II. der große Urheber dieses offenen und ehrlichen Dialogs. Er war es, der in mehr als 26 Jahren seines Pontifikats die konstanten und fruchtbaren Beziehungen mit Euch, die Ihr für die sozialen Kommunikationsmittel arbeitet, gepflegt hat.”

Den folgenden Teil hielt der Papst in deutscher Sprache:

„Damit die sozialen Kommunikationsmittel einen positiven Dienst am Gemeinwohl leisten können, braucht es den verantwortlichen Beitrag aller und jedes einzelnen. Dabei ist es notwendig, immer besser die Perspektiven und die Verantwortung zu begreifen, die die Entwicklung der Medien mit sich bringt - im Hinblick auf die tatsächlichen Auswirkungen auf das Gewissen und auf die Geisteshaltung der Menschen wie auch auf die Bildung der öffentlichen Meinung.

Zugleich möchte ich die Notwendigkeit eines klaren Bezugs auf die ethische Verantwortung derer hervorheben, die im Mediensektor arbeiten, besonders hinsichtlich der aufrichtigen Suche nach der Wahrheit sowie des Schutzes der zentralen Stellung und der Würde der menschlichen Person. Nur unter diesen Voraussetzungen können die Medien dem Plan Gottes gerecht werden, der sie uns zur Verfügung gegeben hat - ich zitiere das letzte Papst-Schreiben - "um die Wahrheit zu entdecken, zu nutzen, bekannt zu machen, auch die Wahrheit über unsere Würde und unsere Bestimmung als seine Kinder, Erben seines Ewigen Reiches".”


Quelle: FAZ

Petra
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Hl. MESSE ZUR AMTSEINFÜHRUNG
VON PAPST BENEDIKT XVI.

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS BENEDICT XVI.

Sonntag, 24. April 2005



Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Staatsoberhäupter, Mitglieder der offiziellen Delegationen und des Diplomatischen Corps,
liebe Brüder und Schwestern!

Dreimal hat uns in diesen ereignisreichen Tagen der Gesang der Allerheiligenlitanei begleitet: beim Begräbnis unseres heimgegangenen Heiligen Vaters Johannes Pauls II.; beim Einzug der Kardinäle ins Konklave, und jetzt haben wir es soeben wieder gesungen mit der Bitte: Tu illum adiuva - sostieni il nuovo successore di S. Pietro. Jedes Mal habe ich auf eigene Weise dieses gesungene Gebet als großen Trost empfunden. Wie verlassen fühlten wir uns nach dem Heimgang von Johannes Paul II., der gut 26 Jahre unser Hirt und Führer auf dem Weg durch diese Zeit gewesen war. Nun hatte er die Schwelle ins andere Leben – ins Geheimnis Gottes hinein überschritten. Aber er ging nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht. Nun konnten wir die Heiligen aller Jahrhunderte herbeirufen – seine Freunde, seine Geschwister im Glauben. Und wir wußten, daß sie gleichsam das lebendige Fahrzeug sein würden, das ihn hinüber- und hinaufträgt zur Höhe Gottes. Wir wußten, wenn er ankommt, wird er erwartet. Er ist unter den Seinen, und er ist wahrhaft zu Hause. Wiederum war es so, als wir den schweren Zug ins Konklave gingen, um den zu finden, den der Herr erwählt hat. Wie sollten wir nur den Namen erkennen? Wie sollten 115 Bischöfe aus allen Kulturen und Ländern den finden, dem der Herr den Auftrag des Bindens und des Lösens geben möchte? Aber wieder wußten wir: Wir sind nicht allein. Wir sind von den Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. Und nun, in dieser Stunde, muß ich schwacher Diener Gottes diesen unerhörten Auftrag übernehmen, der doch alles menschliche Vermögen überschreitet. Wie sollte ich das? Wie kann ich das? Aber Ihr alle, liebe Freunde, habt nun die ganze Schar der Heiligen stellvertretend durch einige der großen Namen der Geschichte Gottes mit den Menschen herbeigerufen, und so darf auch ich wissen: Ich bin nicht allein. Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich. Und Euer Gebet, liebe Freunde, Eure Nachsicht, Eure Liebe, Euer Glaube und Euer Hoffen begleitet mich. Denn zur Gemeinschaft der Heiligen gehören nicht nur die großen Gestalten, die uns vorangegangen sind und deren Namen wir kennen. Die Gemeinschaft der Heiligen sind wir alle, die wir auf den Namen von Vater, Sohn und Heiligen Geist getauft sind und die wir von der Gabe des Fleisches und Blutes Christi leben, durch die er uns verwandeln und sich gleich gestalten will. Ja, die Kirche lebt – das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt – wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat.

Die Kirche lebt – so begrüße ich in großer Freude und Dankbarkeit Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, verehrte Kardinäle und Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und Katechisten. Ich grüße Euch, gottgeweihte Männer und Frauen, Zeugen der verwandelnden Gegenwart Gottes. Ich grüße Euch, gläubige Laien, die Ihr eingetaucht seid in den weiten Raum des Aufbaus von Gottes Reich, das sich über die Welt in allen Bereichen des Lebens ausspannt. Voller Zuneigung richte ich meinen Gruß auch an alle, die, im Sakrament der Taufe wiedergeboren, noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen; sowie an Euch, Brüder aus dem jüdischen Volk, mit dem wir durch ein großes gemeinsames geistliches Erbe verbunden sind, das in den unwiderruflichen Verheißungen Gottes seine Wurzeln schlägt. Schließlich gehen meine Gedanken – gleichsam wie eine Welle, die sich ausbreitet – zu allen Menschen unserer Zeit, zu den Glaubenden und zu den Nichtglaubenden.

Liebe Freunde! Ich brauche in dieser Stunde keine Art von Regierungsprogramm vorzulegen; einige Grundzüge dessen, was ich als meine Aufgabe ansehe, habe ich schon in meiner Botschaft vom Mittwoch, dem 20. April, vortragen können; andere Gelegenheiten werden folgen. Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte. Statt eines Programms möchte ich einfach die beiden Zeichen auszulegen versuchen, mit denen die In-Dienst-Nahme für die Nachfolge des heiligen Petrus liturgisch dargestellt wird; beide Zeichen spiegeln übrigens auch genau das, was in den Lesungen dieses Tages gesagt wird.

Das erste Zeichen ist das Pallium, ein Gewebe aus reiner Wolle, das mir um die Schultern gelegt wird. Dieses uralte Zeichen, das die Bischöfe von Rom seit dem 4. Jahrhundert tragen, mag zunächst einfach ein Bild sein für das Joch Christi, das der Bischof dieser Stadt, der Knecht der Knechte Gottes auf seine Schultern nimmt. Das Joch Gottes – das ist der Wille Gottes, den wir annehmen. Und dieser Wille ist für uns nicht eine fremde Last, die uns drückt und die uns unfrei macht. Zu wissen, was Gott will, zu wissen, was der Weg des Lebens ist – das war die Freude Israels, die es als eine große Auszeichnung erkannte. Das ist auch unsere Freude: Der Wille Gottes entfremdet uns nicht, er reinigt uns – und das kann weh tun – aber so bringt er uns zu uns selber, und so dienen wir nicht nur ihm, sondern dem Heil der ganzen Welt, der ganzen Geschichte. Aber die Symbolik des Palliums ist konkreter: Aus der Wolle von Lämmern gewoben will es das verirrte Lamm oder auch das kranke und schwache Lamm darstellen, das der Hirt auf seine Schultern nimmt und zu den Wassern des Lebens trägt. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem der Hirte in die Wüste nachgeht, war für die Kirchenväter ein Bild für das Geheimnis Christi und der Kirche. Die Menschheit, wir alle, sind das verlorene Schaf, das in der Wüste keinen Weg mehr findet. Den Sohn Gottes leidet es nicht im Himmel; er kann den Menschen nicht in solcher Not stehen lassen. Er steht selber auf, verläßt des Himmels Herrlichkeit, um das Schaf zu finden und geht ihm nach bis zum Kreuz. Er lädt es auf die Schulter, er trägt unser Menschsein, er trägt uns – er ist der wahre Hirt, der für das Schaf sein eigenes Leben gibt. Das Pallium sagt uns zuallererst, daß wir alle von Christus getragen werden. Aber er fordert uns zugleich auf, einander zu tragen. So wird das Pallium zum Sinnbild für die Sendung des Hirten, von der die zweite Lesung und das Evangelium sprechen. Den Hirten muß die heilige Unruhe Christi beseelen, dem es nicht gleichgültig ist, daß so viele Menschen in der Wüste leben. Und es gibt vielerlei Arten von Wüsten. Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. Die Kirche als Ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle. Das Symbol des Lammes hat aber auch noch eine andere Seite. Im alten Orient war es üblich, daß die Könige sich als Hirten ihrer Völker bezeichneten. Dies war ein Bild ihrer Macht, ein zynisches Bild: Die Völker waren wie Schafe für sie, über die der Hirte verfügt. Der wahre Hirte aller Menschen, der lebendige Gott, ist selbst zum Lamm geworden, er hat sich auf die Seite der Lämmer, der Getretenen und Geschlachteten gestellt. Gerade so zeigt er sich als der wirkliche Hirt. „Ich bin der wahre Hirte... Ich gebe mein Leben für die Schafe“, sagt Jesus von sich (Joh 10, 14f). Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe. Sie ist das Zeichen Gottes, der selbst die Liebe ist. Wie oft wünschten wir, daß Gott sich stärker zeigen würde. Daß er dreinschlagen würde, das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen. Alle Ideologien der Gewalt rechtfertigen sich mit diesen Motiven: Es müsse auf solche Weise zerstört werden, was dem Fortschritt und der Befreiung der Menschheit entgegenstehe. Wir leiden unter der Geduld Gottes. Und doch brauchen wir sie alle. Der Gott, der Lamm wurde, sagt es uns: Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst. Die Welt wird durch die Geduld Gottes erlöst und durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.

So muß es eine Haupteigenschaft des Hirten sein, daß er die Menschen liebt, die ihm anvertraut sind, weil und wie er Christus liebt, in dessen Diensten er steht. „Weide meine Schafe“, sagt Christus zu Petrus, sagt er nun zu mir. Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart, die er uns in den heiligen Sakramenten schenkt. Liebe Freunde – in dieser Stunde kann ich nur sagen: Betet für mich, daß ich den Herrn immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich seine Herde – Euch, die heilige Kirche, jeden einzelnen und alle zusammen immer mehr lieben lerne. Betet für mich, daß ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe. Beten wir füreinander, daß der Herr uns trägt und daß wir durch ihn einander zu tragen lernen.

Das zweite Zeichen, mit dem in der Liturgie dieses Tages die Einsetzung in das Petrusamt dargestellt wird, ist die Übergabe des Fischerrings. Die Berufung Petri zum Hirten, die wir im Evangelium gehört haben, folgt auf die Geschichte von einem reichen Fischfang: Nach einer Nacht, in der die Jünger erfolglos die Netze ausgeworfen hatten, sahen sie den auferstanden Herrn am Ufer. Er befiehlt ihnen, noch einmal auf Fang zu gehen, und nun wird das Netz so voll, daß sie es nicht wieder einholen können: 153 große Fische. „Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht“ (Joh 21, 11). Diese Geschichte am Ende der Wege Jesu mit seinen Jüngern antwortet auf eine Geschichte am Anfang: Auch da hatten die Jünger die ganze Nacht nichts gefischt; auch da fordert Jesus den Simon auf, noch einmal auf den See hinauszufahren. Und Simon, der noch nicht Petrus heißt, gibt die wunderbare Antwort: Meister, auf dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Und nun folgt der Auftrag: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fischen“ (Lk 5, 1 – 11). Auch heute ist es der Kirche und den Nachfolgern der Apostel aufgetragen, ins hohe Meer der Geschichte hinauszufahren und die Netze auszuwerfen, um Menschen für das Evangelium – für Gott, für Christus, für das wahre Leben – zu gewinnen. Die Väter haben auch diesem Vorgang eine ganz eigene Auslegung geschenkt. Sie sagen: Für den Fisch, der für das Wasser geschaffen ist, ist es tödlich, aus dem Meer geholt zu werden. Er wird seinem Lebenselement entrissen, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen. Aber beim Auftrag der Menschenfischer ist es umgekehrt. Wir Menschen leben entfremdet, in den salzigen Wassern des Leidens und des Todes; in einem Meer des Dunkels ohne Licht. Das Netz des Evangeliums zieht uns aus den Wassern des Todes heraus und bringt uns ans helle Licht Gottes, zum wirklichen Leben. In der Tat – darum geht es beim Auftrag des Menschenfischers in der Nachfolge Christi, die Menschen aus dem Salzmeer all unserer Entfremdungen ans Land des Lebens, zum Licht Gottes zu bringen. In der Tat: Dazu sind wir da, den Menschen Gott zu zeigen. Und erst wo Gott gesehen wird, beginnt das Leben richtig. Erst wo wir dem lebendigen Gott in Christus begegnen, lernen wir, was Leben ist. Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken. Die Arbeit des Hirten, des Menschenfischers mag oft mühsam erscheinen. Aber sie ist schön und groß, weil sie letzten Endes Dienst an der Freude Gottes ist, die in der Welt Einzug halten möchte.

Noch eins möchte ich hier anmerken: Sowohl beim Hirtenbild wie beim Bild vom Fischer taucht der Ruf zur Einheit ganz nachdrücklich auf. „Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten“ (Joh 10, 16), sagt Jesus am Ende der Hirtenrede. Und das Wort von den 153 großen Fischen endet mit der freudigen Feststellung: „Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht“ (Joh 21, 11). Ach, lieber Herr, nun ist es doch zerrissen, möchten wir klagend sagen. Aber nein – klagen wir nicht! Freuen wir uns über die Verheißung, die nicht trügt und tun wir das Unsrige, auf der Spur der Verheißung zu gehen, der Einheit entgegen. Erinnern wir bittend und bettelnd den Herrn daran: Ja, Herr, gedenke deiner Zusage. Laß einen Hirten und eine Herde sein. Laß dein Netz nicht zerreißen, und hilf uns Diener der Einheit zu sein!

In dieser Stunde geht meine Erinnerung zurück zum 22. Oktober 1978, als Papst Johannes Paul II. hier auf dem Petersplatz sein Amt übernahm. Immer noch und immer wieder klingen mir seine Worte von damals in den Ohren: Non avete paura: Aprite, anzi spalancate le porte per Cristo! Der Papst sprach zu den Starken, zu den Mächtigen der Welt, die Angst hatten, Christus könnte ihnen etwas von ihrer Macht wegnehmen, wenn sie ihn einlassen und die Freiheit zum Glauben geben würden. Ja, er würde ihnen schon etwas wegnehmen: die Herrschaft der Korruption, der Rechtsbeugung, der Willkür. Aber er würde nichts wegnehmen von dem, was zur Freiheit des Menschen, zu seiner Würde, zum Aufbau einer rechten Gesellschaft gehört. Und der Papst sprach zu den Menschen, besonders zu den jungen Menschen. Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz herein lassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei? Und wiederum wollte der Papst sagen: Nein. Wer Christus einläßt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, aprite, spalancate le porte per Cristo – dann findet Ihr das wirkliche Leben. Amen.

Quelle

Stefan

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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE PILGER AUS DEUTSCHLAND

Montag, 25. April 2005



Liebe deutsche Landsleute!

Zunächst einmal muß ich vielmals um Entschuldigung bitten für meine Verspätung. Die Deutschen sind berühmt für ihre Pünktlichkeit. Es scheint, daß ich schon sehr italianisiert bin. Aber wir hatten eine große ökumenische Begegnung mit den Vertretern der Ökumene aus aller Welt, aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, mit den Vertretern der anderen Religionen. Das war sehr herzlich, so daß es länger gedauert hat.

Jetzt aber endlich: Herzlich willkommen!

Von Herzen danke ich für die Glückwünsche, für die Worte und Zeichen der Zuwendung und der Freundschaft, die ich aus allen Teilen Deutschlands in überwältigender Weise empfangen habe. Am Beginn meines Weges in einem Amt, an das ich nie gedacht hatte und für das ich mich nicht geschaffen glaubte, ist mir dies alles eine ganz große Stärkung und Hilfe. Vergelt’s Gott! Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, daß sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindelig zumute. Ich hatte geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und nun auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Ich habe mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir dies nicht an! Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese große Aufgabe herantreten können. Da hat mich ein kleiner Brief sehr berührt, den mir ein Mitbruder aus dem Kardinalskollegium geschrieben hat. Er erinnerte mich daran, daß ich die Predigt beim Gottesdienst für Johannes Paul II. vom Evangelium her unter das Wort gestellt hatte, das der Herr am See von Genezareth zu Petrus gesagt hat: Folge mir nach! Ich hatte dargestellt, wie Karol Wojtyła immer wieder vom Herrn diesen Anruf erhielt und immer neu viel aufgeben und einfach sagen mußte: Ja, ich folge dir, auch wenn du mich führst, wohin ich nicht wollte. Der Mitbruder schrieb mir: Wenn der Herr nun zu Dir sagen sollte „Folge mir", dann erinnere Dich, was Du gepredigt hast. Verweigere Dich nicht! Sei gehorsam, wie Du es vom großen heimgegangenen Papst gesagt hast. Das fiel mir ins Herz. Bequem sind die Wege des Herrn nicht, aber wir sind ja auch nicht für die Bequemlichkeit, sondern für das Große, für das Gute geschaffen.

So blieb mir am Ende nichts als Ja zu sagen. Ich vertraue auf den Herrn, und ich vertraue auf Euch, liebe Freunde. Ein Christ ist nie allein, habe ich gestern in der Predigt gesagt. Damit habe ich die wunderbare Erfahrung ausgedrückt, die wir alle in diesen außergewöhnlichen vier Wochen machen durften, die hinter uns liegen. Beim Tod des Papstes ist in aller Trauer die lebendige Kirche erschienen. Und es ist sichtbar geworden, daß die Kirche eine Kraft der Einheit, ein Zeichen für die Menschheit ist. Wenn die großen Nachrichten-Stationen 24 Stunden auf 24 Stunden über den Heimgang des Papstes, über die Trauer der Menschen, über das Wirken des großen Heimgegangenen berichteten, antworteten sie auf eine Teilnahme, die jede Erwartung überstieg. Im Papst war ihnen ein Vater sichtbar geworden, der Vertrauen und Zuversicht schenkte. Der alle irgendwie untereinander verband. Es wurde sichtbar, daß die Kirche nicht in sich verschlossen und nur für sich selber da ist, sondern daß sie ein Lichtpunkt für die Menschen ist. Es wurde sichtbar: Die Kirche ist gar nicht alt und unbeweglich. Nein, sie ist jung. Und wenn wir auf diese Jugend schauen, die sich um den verstorbenen Papst und letztlich um Christus scharte, für den er eingestanden war, dann wurde etwas nicht minder Tröstliches sichtbar: Es ist gar nicht wahr, daß die Jugend vor allem an Konsum und an Genuß denkt. Es ist nicht wahr, daß sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, daß dem Unrecht Einhalt geboten ist. Sie will, daß die Ungleichheit überwunden und allen ihr Anteil an den Gütern der Welt wird. Sie will, daß die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Große. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend – seid Ihr – auch wieder ganz offen für Christus. Christus hat uns nicht das bequeme Leben versprochen. Wer Bequemlichkeit will, der ist bei ihm allerdings an der falschen Adresse. Aber er zeigt uns den Weg zum Großen, zum Guten, zum richtigen Menschenleben. Wenn er vom Kreuz spricht, das wir auf uns nehmen sollen, ist es nicht Lust an der Quälerei oder kleinlicher Moralismus. Es ist der Impuls der Liebe, die aufbricht aus sich selbst heraus, die nicht umschaut nach sich selber, sondern den Menschen öffnet für den Dienst an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit, am Guten. Christus zeigt uns Gott und damit die wahre Größe des Menschen.

Mit dankbarer Freude sehe ich die Delegationen und Pilger aus meiner bayerischen Heimat. Schon bei anderen Gelegenheiten durfte ich Euch sagen, wie viel mir eure treue Verbundenheit bedeutet, die seit jenen Tagen anhält, in denen ich meine geliebte Erzdiözese München und Freising in Richtung Vatikan verlassen habe, um dem Ruf meines verehrten Vorgängers Papst Johannes Pauls II. Folge zu leisten, der mich vor mehr als 23 Jahren zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre bestellt hatte. In all den Jahren, die seither vergangen sind, war mir stets bewußt, daß Bayern und Rom nicht nur in geographischer Hinsicht nicht weit auseinander liegen: Bayern und Rom, das waren von je her zwei Pole, die in fruchtbarer Beziehung zu einander standen. Von Rom kam das Evangelium mit Kaufleuten, Beamten und Soldaten bis an die Donau und an den Lech. Ich überspringe jetzt viele Dinge. Im 16. und im 17. Jahrhundert gab dann Bayern eines der schönsten Zeugnisse der Treue zur katholischen Kirche. Dies belegt der sehr fruchtbare Austausch von Kultur und Frömmigkeit zwischen dem barocken Bayern und dem Sitz des Nachfolgers Petri. In der Neuzeit war es Bayern, das der Gesamtkirche einen so liebenswerten Heiligen wie den Kapuzinerpförtner Bruder Konrad von Parzam geschenkt hat.

Liebe Freunde, lassen wir uns nicht abbringen von diesem Großmut, von dieser Wanderschaft zu Christus. Ich freue mich auf Köln, wo sich die Jugend der Welt treffen wird oder besser: wo die Jugend der Welt ihre Begegnung mit Christus hält. Gehen wir miteinander, halten wir zusammen. Ich vertraue auf Eure Hilfe. Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn ich Fehler mache wie jeder Mensch oder wenn manches unverständlich bleibt, was der Papst von seinem Gewissen und vom Gewissen der Kirche her sagen und tun muß. Ich bitte Euch um Euer Vertrauen. Halten wir zusammen, dann finden wir den rechten Weg. Und bitten wir Maria, die Mutter des Herrn, daß sie uns ihre frauliche und mütterliche Güte spüren läßt, in der uns erst die ganze Tiefe des Geheimnisses Christi aufgehen kann. Der Herr segne Euch alle!

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/bened ... ms_ge.html

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Papst Benedikt XVI. hat geschrieben:Besuch des Heiligen Vaters bei der Basilika von Sankt Paul außer den Mauern

Homilie Seiner Heiligkeit, Papst Benedikts XVI.


Montag, 25. April 2005


Meine Herren Kardinäle,
verehrte Brüder im Bischofsamt und im Priestertum,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Ich danke Gott, daß er mir zu Beginn meines Dienstes als Nachfolger Petri gewährt, im Gebet beim Grabe des Apostels Paulus zu verweilen. Dies ist für mich eine sehr ersehnte Pilgerfahrt, eine Geste des Glaubens, die ich in meinem Namen ausführe, aber auch im Namen des geliebten Bistums von Rom, zu dessen Bischof und Hirten der Herr mich eingesetzt hat, und der gesamten Kirche, die meiner Hirtensorge anvertraut ist. Eine Pilgerfahrt sozusagen zu den Wurzeln der Mission, jener Sendung, welche der auferstandene Christus dem Petrus anvertraut hat, den Aposteln und – auf besondere Weise – auch dem Paulus, indem er ihn drängte, das Evangelium der Heiden zu verkündigen und schließlich diese Stadt zu erreichen, wo er, nachdem er lange das Reich Gottes gepredigt hatte (Apg 28,31), mit dem Blute seinem Herrn das äußerste Zeugnis ablegte, der ihn „erobert“ (Phil 3,12) und ausgesandt hatte.

Noch bevor ihn die Vorsehung nach Rom führte, schrieb der Apostel an die Christen dieser Stadt, der Haupststadt des Reichs, seinen hinsichtlich der Charakteristik der enthaltenen Lehre wichtigsten Brief. Daraus ist gerade eben der Anfang vorgetragen worden, eine dichte Vorrede, in welcher der Apostel die Gemeinschaft von Rom grüßt und sich vorstellt als „Knecht Christi Jesu, Apostel durch Berufung“ (Rm 1,1). Und weiter unten fügt er hinzu: „Durch ihn [Christus] haben wir die Gnade des Apostelamts empfangen, um den Gehorsam des Glauben von allen Völker zu erlangen“ (Rm 1,5).

Liebe Freunde, als Nachfolger Petri bin ich hier, um diese „Gnade des Apostelamts“ wieder lebendig werden zu lassen, denn Gott hat mir – gemäß einem andern Wort des Heidenapostels – die „Sorge um alle Kirchen“ (II Kor 11,28) anvertraut. Uns steht das Beispiel meines geliebten und verehrten Vorgängers vor Augen, Johannes Pauls II., eines missionarischen Papstes, dessen so intensive Aktivität – von mehr als hundert apostolischen Reisen nach außerhalb der Grenzen Italiens bezeugt – wahrlich unnachahmbar ist. Was trieb ihn dazu, so voller Energie zu sein, wenn nicht dieselbe Liebe Christi, welche die Existenz des heiligen Paulus umgeformt hat (vgl. II Kor 5,14)? Möge der Herr auch in mir eine ähnliche Liebe nähren, auf daß er mir keinen Frieden lasse angesichts der Nöte der Evangeliumsverkündigung in der Welt von heute. Die Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch, ihre erstrangige Aufgabe ist die Evangelisierung. Das II. Ökumenische Konzil im Vatikan hat der Missionstätigkeit das Dekret genau mit dem Namen „Ad gentes – Zu den Heiden“ gewidmet, welches in Erinnerung ruft, wie „die Apostel …, dem Beispiel Christi folgend, ‘das Wort der Wahrheit predigten und die Kirchen zeugten’ (St. Augustin, Enarrationes in psalmos 44,23 [PL 36,508])“ und daß „es Aufgabe ihrer Nachfolger ist, dies Werk fortzusetzen, damit ‘die Rede von Gott sich verbreite und verherrlicht werde’ (II Thess 3,1) und das Reich Gottes verkündigt und errichtet werde auf der ganzen Erde“ (Nr. 1).

Am Beginn des dritten Jahrtausends empfindet die Kirche mit erneuerter Lebendigkeit, daß der Missionsauftrag Christi aktueller ist denn je. Das große Jubiläum des Jahrs 2000 hat sie dahin geleitet, „von neuem bei Christus aufzubrechen“, den sie im Gebet betrachtet, damit das Licht seiner Wahrheit zu allen Menschen strahle, vor allem durch das Zeugnis der Heiligkeit. Mit liegt sehr daran, hier an den Leitspruch zu erinnern, welchen der heilige Benedikt in seine Regel setzte, wo er seine Mönche mahnt, absolut „nichts der Liebe Christi vorzuziehen“ (Kap. 4). Wirklich, die Berufung auf der Straße nach Damskus brachte Paulus genau dahin: Christus zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen, alles zu lassen um der Erhabenheit der Erkenntnis Christi willen und seines Geheimnisses der Liebe, und sich schließlich der Aufgabe zu widmen, ihn allen zu verkündigen, besonders den Heiden, „zum Ruhme seines Namens“ (Rm 1,5). Das Leiden für Christus brachte ihn dahin, daß er das Evangelium nicht nur mit dem Wort verkündigte, sondern mit dem Leben selbst, immer mehr seinem Herrn gleichgestaltet. Endlich verkündigte Paulus durch das Martyrium Christus, und sein Blut – gemeinsam mit demjenigen Petri und vieler anderer Zeugen des Evangeliums – befeuchtete dies Land und machte die Kirche von Rom fruchtbar, die der universalen Gemeinschaft der Liebe vorsteht (vgl. Ignatius v. Antiochien, Brief an die Römer, Vorrede).

Das zwanzigste Jahrhundert war eine Zeit des Martyriums. Das hat Papst Johannes Paul II. wieder klar hervortreten lassen, der der Kirche aufgetragen hat, das Martyrologium zu aktualisieren und der zahlreiche Märtyrer der jüngeren Geschichte heilig- und seliggesprochen hat. Wenn nun das Blut der Märtyrer der Same neuer Christen ist, dann ist es erlaubt, sich am Beginn des dritten Jahrtausends eine neuerliche Blüte der Kirche zu erwarten, vor allem dort, wo sie am meisten gelitten hat um des Glaubens und der Bezeugung des Evangeliums willen.

Diesen Wunsch vertrauen wir der Fürsprache des heiligen Paulus an. Möge er für Kirche von Rom, besonders für ihren Bischof, und für das ganze Volk Gottes die Freude erlangen, allen die Gute Nachricht von Christus dem Heiland zu verkündigen und zu bezeugen.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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Re: Papst Benedikt XVI. - Predigten und Reden

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Papst Benedikt XVI. (11.06.2010) hat geschrieben:„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht": Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muß den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, daß es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern läßt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muß der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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Berolinensis
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Re: Papst Benedikt XVI. - Predigten und Reden

Beitrag von Berolinensis »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Papst Benedikt XVI. (11.6.21) hat geschrieben:„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht": Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muß den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, daß es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern läßt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muß der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.
S. auch http://kreuzgang.org/viewtopic.php?p=398128#p398128

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