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Was heißt eigentlich "fromm"?

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 15:23
von Marlene
Anastasis vermutet, sie sei zu wenig "fromm", wenn sie keine Jahresheiligen hat, neulich erklärte ein älterer Mönch in einer öffentlichen Diskussion, er sei früher viel "frömmer" gewesen als heute - wobei er mir heute sehr "fromm" vorkommt.

Mir scheint, es gibt doch reichlich unterschiedliche Vorstellungen, von dem, was "fromm" ist. Daher allen Ernstes meine Frage: Was bedeutet eigentlich "fromm" ?

Re: Was heißt eigentlich "fromm"?

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 15:44
von roncalli
Marlene hat geschrieben:Daher allen Ernstes meine Frage: Was bedeutet eigentlich "fromm" ?
Vor Gott Ehrfurcht haben, ihn lieben und ihm vertrauen...

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 16:17
von Dr. Dirk
ich würde sagen, so oft wie möglich im Gebet zu sein. Aber das ist ja auch schon im Wort "Liebe" enthalten, das roncalli genannt hat. Wer liebt, sucht so oft Kontakt zu dem Geliebten, wie möglich.

Re: Was heißt eigentlich "fromm"?

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 17:51
von Reinhard Gonaus
Marlene hat geschrieben: Mir scheint, es gibt doch reichlich unterschiedliche Vorstellungen, von dem, was "fromm" ist. Daher allen Ernstes meine Frage: Was bedeutet eigentlich "fromm" ?
Fromm heißt ursprünglich "tüchtig", "geeignet".
In etwas altertümlichen Formulierungen ist es noch enthalten: "Das frommt mir" statt "Das ist gut für mich."
http://www.uni-stuttgart.de/germed/herbers/vrum.htm
Im religiösen Sinn also: Tauglich für das Reich Gottes.

Überrascht? ;)

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 19:51
von Edith
nun, ich denke es geht hier eher um die "Alltagsdefinition" von fromm.

Wenn jemand irgendwas tut, was nicht jeder tut.... kann er sich schon mal mit der Frage konfrontiert sehen "Bist du so fromm, oder was?"

Und der allgemeine Standard ( blödes Wort, ja :D ) ist eben so abgesunken.... dass man schon als "fromm" gilt... wenn man jeden Sonntag zur Messe geht.
Öfter.... ist schon fast.... "total fromm" - ein furchtbares Urteil. 8) Heutzutage....

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 20:20
von Andi
Edith hat geschrieben:nun, ich denke es geht hier eher um die "Alltagsdefinition" von fromm.

Wenn jemand irgendwas tut, was nicht jeder tut.... kann er sich schon mal mit der Frage konfrontiert sehen "Bist du so fromm, oder was?"

Und der allgemeine Standard ( blödes Wort, ja :D ) ist eben so abgesunken.... dass man schon als "fromm" gilt... wenn man jeden Sonntag zur Messe geht.
Öfter.... ist schon fast.... "total fromm" - ein furchtbares Urteil. 8) Heutzutage....
Allerdings. "Fromm" hat immer so einen negativen Beigeschmack...irgendwie... 8)

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 20:45
von Peter
Ja. Das hat aber auch viel mit unseren Labels und Etiketten zu tun. Als ich heute nach Düsseldorf fuhr, erzählte mir ein Radiomoderator im WDR, daß Bachs Kantaten immer wieder erhebend seien, abgesehen von der «verquasten Frömmigkeit» mancher Texte.

Das ist der Sprachgebrauch. Zusammen mit dem Wort «verquast» muß niemand mehr erklären, was gemeint, und niemand fragen, ob das Urteil auch berechtigt sei. Dagegen erinnere ich mich an ein Gespräch in der Düsseldorfer «Zicke», als ich gerade frisch zum Glauben gefunden hatte und mir gegenüber eine sehr nette, junge, evangelikale Christin den Glauben buchstabierte. Sie meinte, einige Leute, die ich aus der FH kannte, seien auch «fromm».

Ich stutzte etwas, aber sie lachte, und meinte, sie wisse wohl, wie dieses Wort gebraucht werde, aber schließlich sei Frömmigkeit doch eine Tugend. Seitdem sehe ich die Dinge anders – was ein nettes Lachen doch ausmachen kann! – und der Beigeschmack von Bigotterie wich von diesem Begriff.

Wer die Deutungshoheit über Sprache hat, kann im wörtlichen Sinne den Leuten ein «X» für ein «U» vormachen. «Peter ist fromm» – das wäre kein Verdikt mehr in meinen Ohren. Schade, daß es niemand sagt …

Verfasst: Mittwoch 24. November 2004, 21:29
von imitatio
Ich kann nicht umhin, bei dem Wort "fromm" an die eine der Sieben Gaben des Hl. Geistes zu denken, an die Frömmigkeit. Da steckt ja unheimlich viel hinter.
2. Die Gabe der Frömmigkeit

Durch die Erlösungsgnade gelangen wir zur Gabe der Frömmigkeit. Sie ist die Frucht der Ehrfurcht vor Gott, wächst gleichsam aus der Gabe der Furcht des Herrn heraus. Sie schwächt die Leidenschaft, die sich immer wieder gegen die Treue und Liebe zu Gott stellt. Die Frömmigkeit stählt den Willen durch Entsagung und Ertragen. Wir werden eine Kraft spüren, für den Herrn einiges zurückzulassen und zu meiden, was uns am Wachstum zu Gott hinderlich ist; Kompromißlösungen gibt es nicht mehr. Diese Gabe vermehrt in uns die Liebe zu Gott und weckt immer mehr das Interesse für den inneren Kontakt mit Gott. Die Gemeinschaft mit Gott nimmt zu und gipfelt in der Sehnsucht nach der totalen Vereinigung mit Ihm. Im affektiven Gebet wächst die Gabe der Frömmigkeit besonders stark. Die Seele sucht Gott, möchte mit Ihm umgehen, mit Ihm in Verbindung bleiben in einem stetigen Wandel Seiner Gegenwart. Es wird uns unerträglich, Gott tagsüber einmal zu vergessen.

Die Gabe der Frömmigkeit lenkt bei Schicksalsschlägen, Leid und Schwierigkeiten alle Regungen sofort auf Gott, der hinter allen Ereignissen steht, in der Meinung: „Herr, was willst Du mir damit sagen?“ Selbst wenn wir die Situation noch nicht bejahen können, der Gedanke an Gott läßt sich nicht mehr verdrängen. So lehrt uns die Gabe der Frömmigkeit, unserer Eigenliebe entgegenzuarbeiten und die innere Sammlung in Gott zu bewahren. Wo andere Menschen längst verzweifeln, verleiht die Frömmigkeit der Seele Kraft und Ruhe in Gott. Vollendet sich diese Gabe in der Weisheit, wird die Seele völlig vom selbstsüchtigen Ich befreit; Wille, Verstand und Gemüt werden mit ihr gesättigt. Die Weisheit verleiht dem Leib Anteil am Hochgenuß der Seele durch die Vorahnung der seelischen Unsterblichkeit nach der einstigen Auferstehung.

Quelle: http://www.imitatio.de/fundgrube/fundg-geistesgab.html
Dass das Wort einem extremen Sinneswandel unterzogen wurde, ist sicher unstrittig. Es stimmt, es hat leider heute eher einen schalen Beigeschmack, schade eigentlich. Die Frömmigkeit ist eine schöne Gabe, finde ich.

Gruss, Martin

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 00:56
von Uwe Schmidt
Der Fromme hat eine gute Beziehung zu Gott und bemueht sich deshalb, recht zu handeln und verantwortungsvoll mit seinen Mitmenschen umzugehen. Wahrscheinlich ist "fromm" die beste Uebersetzung fuer das biblische "gerecht" ("denn Joseph war gerecht").
Bei Frauen mag es ja noch durchgehen, dass sie fromm und demuetig sind, aber fuer Maenner - so die vorherrschende Meinung - ist eine "kniende", demuetige und fromme Lebenseinstellung vollkommen unangebracht - das ist einfach zu passiv und schlappschwaenzig. Deshalb ist "fromm" negativ konnotiert. Es wird Zeit, das wir das aendern; man kann ja auch fromm und aktiv sein.

Frömmigkeit

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 08:33
von Mariamante
Der hl. Franz von Sales bietet in seiner "Philothea" eine sehr gute Definition von Frömmigkeit - und weist auch auf die falschen Einschätzungen hin. (Dabei vergleicht der hl. Franz von Sales falsche Frömmigkeit mit jener "Puppe" welche die Frau ich glaube des Mose als jenen selbst ausgab. F.von Sales meint: Nicht wer viel bete, faste oder viel in der Kirche sei wäre fromm- sondern jener der DEN WILLEN GOTTES in seinem Lebensstand so vollkommen wie möglich erfülle.


Weder die Anzahl der Gebete noch der Besuch der hl. Messen mache die wahre Frömmigkeit aus- sondern das man Gott und die Menschen liebe und nach dem Willen Gottes im jeweilligen Lebenstand strebe.


Siehe auch:

http://www.dachsberg.at/fvs-down.php

http://www.dachsberg.at/fvs.php?datum=4.09.2001

http://members.aon.at/kaasgraben/Sal_fold.htm

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 13:25
von Marlene
Edith hat geschrieben:nun, ich denke es geht hier eher um die "Alltagsdefinition" von fromm.
Alltagsdefinition und Vielfalt des Wortgebrauchs, wie er mir in der letzten Zeit aufgefallen ist. Und da fiel mir auf, dass das Wort selbst "frommen Kreisen" doch auch negativ konnotiert ist.

Auch der 8-bändige Duden bringt unter einem Bedeutungspunkt a) vom Glauben an Gott geprägt, gläubig, religiös; b) scheinheilig.

Würdet Ihr von euch selbst sagen "ich bin fromm" -
oder würdet Ihr es eher anders ausdrucken?

Ich würde eher sagen "ich bin gläubig", oder wenn ich es noch klarer zur Sprache bringen will "ich versuche, ein auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen".

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 13:34
von Peter
Ich hätte vermutlich Schwierigkeiten, das zu sagen; aber nur, weil es eine offensichtliche Tugend und so offensichtlich das Meine ist. Muß zugeben, als Betablock… pardon, …Betaheiliger ist das nix damit.

Ich kann mir aber vorstellen, das mal im Kreis der Firmlinge zu sagen. Allein wegen des Verfremdungseffekts.

Übrigens finde ist, daß die Kirche zum negativen Gebrauch des Wortes «fromm» im Sinne von Winkeldasein beigetragen hat. Ich denke an das Lied «Gott liebt diese Welt»: Für wen wird er wiederkommen? Richtig! – «Nicht nur für die Frommen, nein, für alle Welt!»

Was steht denn eigentlich im hebräischen, beziehungsweise griechischen Original für «fromm»? Wie sieht das in anderen Sprachen aus?

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 13:37
von Peter
Marlene hat geschrieben:Ich würde eher sagen "ich bin gläubig", oder wenn ich es noch klarer zur Sprache bringen will "ich versuche, ein auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen".
Aus dem Alltag:

Ich glaube an Jesus Christus.
Ich gehöre (gehe) zur Kirche (ganz ausweichend …)
Ich bin Christ.
Ich bin gläubig.

«Peter, welches Sternzeichen bist du?» – «Grrr. Lamm!»

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 13:40
von Biggi
Marlene hat geschrieben: Würdet Ihr von euch selbst sagen "ich bin fromm" ?
Ich würde das nicht sagen, weil ich
1.) mir das Urteil gar nicht anmaßen möchte. Ich könnte allenfalls sagen "ich hoffe, fromm zu sein"...
2.) von der hier im Thread schon mehrfach angesprochenen negativen Konnotation beim Gesprächspartner ausgehe. Den Begriff "fromm/Frömmigkeit" benutze ich normalerweise nur in Situationen, in denen ich davon ausgehen kann, dass der/die andere/n Gesprächsteilnehmer damit dasselbe verbinden wie ich. Ansonsten umschreibe ich den Begriff, um Missverständnisse zu vermeiden.
Ich würde eher sagen "ich bin gläubig", oder wenn ich es noch klarer zur Sprache bringen will "ich versuche, ein auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen".
Mach ich ähnlich.

LG
Biggi

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 14:02
von Marlene
Peter hat geschrieben:Was steht denn eigentlich im hebräischen, beziehungsweise griechischen Original für «fromm»? Wie sieht das in anderen Sprachen aus?
Das würde mich auch mal interessieren!

Ich habe hier gerade ein einbändiges englisch-dt. Wb zur Hand:

pious, godly, devout

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 14:18
von Mariamante
Marlene hat geschrieben:
Peter hat geschrieben:Was steht denn eigentlich im hebräischen, beziehungsweise griechischen Original für «fromm»? Wie sieht das in anderen Sprachen aus?
Das würde mich auch mal interessieren!

Ich habe hier gerade ein einbändiges englisch-dt. Wb zur Hand:

pious, godly, devout
Also so weit ich informiert bin, hängt das Wort fromm mit dem Wortstamm "prompt" zusammen.

Fromm ist einer, der prompt (sofort) das tut, was Gott wohlgefällig ist- das Gute.

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 14:18
von Edith
Marlene hat geschrieben:
Peter hat geschrieben:Was steht denn eigentlich im hebräischen, beziehungsweise griechischen Original für «fromm»? Wie sieht das in anderen Sprachen aus?
Das würde mich auch mal interessieren!

Ich habe hier gerade ein einbändiges englisch-dt. Wb zur Hand:

pious, godly, devout
godly? :D hab ich ja noch nie gehört....

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 15:19
von Anastasis
Marlene hat geschrieben:
Peter hat geschrieben:Was steht denn eigentlich im hebräischen, beziehungsweise griechischen Original für «fromm»? Wie sieht das in anderen Sprachen aus?
Das würde mich auch mal interessieren!
Wo in der Einheitsübersetzung im NT "fromm" steht, hat das Griechische eulabes (eigentlich "gut anfassend", vorsichtig, behutsam), dikaios (gerecht) und eusebes ("gut verehrend", gottesfürchtig, pflichterfüllend), für "Frömmigkeit" eusebeia (vgl. eusebes).
Wo Luther im AT fromm (gibt es in der EÜ nicht im AT) übersetzt, steht im Hebräischen oft tam (vollkommen, integer, ganz), jaschar (gerade, richtig), tob (gut).

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 15:23
von Edith
Marlene hat geschrieben: Würdet Ihr von euch selbst sagen "ich bin fromm" -
Nein.
Nur... mit Augenzwinkern. Wenn ich zB zum Essen eingeladen werde, aber nicht kann.... weil Osternacht ist.... und der Mensch eigentlich weiß... dass ich letzteres vorziehe... dann sage ich sowas wie" naja, du weißt ja, ich bin fromm." :)

Ich sag auch schon mal - auf die Frage wohin ich gehe - "ich geh frömmeln". Jeder weiß dann, dass ich zur Vesper gehe. :roll: Jeder... der mich kennt.

Oder in der Firma, wenn ich am Gründonnerstag um 17 Uhr weg will... um die Messe um 18 Uhr zu schaffen.... kommt schon mal eine Kollegenfrage wie "Sind Sie so fromm?"

Also im Alltag... erlebe ich das nicht als ernstgemeintes Wort.

Verfasst: Donnerstag 25. November 2004, 15:26
von Anastasis
Und in Lk 2,27, wo die EÜ hat: "Simeon war gerecht und fromm" heißt es im Englischen (King James) "devout", im Französischen (Bible de Jérusalem) "pieux" und im Italienischen (Sacra Bibbia Nuova riveduta) "timorato di Dio".