"Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Klöster, Klerus, Laienschaft. Besondere Nachfolge.
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Leguan
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"Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Leguan »

Im Paradeblatt des amerikanischen WSK-Katholizismus erschien dieser nette Brief einer Ordensschwester als Reaktion auf die angekündigte Visitation aller Frauenorden der USA.
Ich finde ihn sehr aufschlußreich.

[...]In my work on the renewal of Religious Life over the last eight years I have come to the conclusion that Congregations like ours [the kind represented by LCWR in this country] have, in fact, birthed a new form of Religious Life. We are really no longer "Congregations dedicated to works of the apostolate" - that is, monastic communities whose members "go out" to do institutionalized works basically assigned by the hierarchy as an extension of their agendas, e.g., in Catholic schools and hospitals, etc. We are ministerial Religious. [...]
The big difference is that they [apostolic Religious Congregations] read Perfectae Caritatis and did what it asked: deepened their spirituality (I hope), and did some updating -- shorter habits, a more flexible schedule, dropping customs that were merely weird, etc. We read Perfectae Caritatis through the lenses of Gaudium et Spes and Lumen Gentium and we were called out of the monastic/apostolic mode and into the world that Gaudium et Spes declared the Church was embracing after centuries of world rejection.


Etwas zum Hintergrund, für die, die das nicht wissen: In den USA gibt es zwei Ordensoberenkonferenzen, weil die Romtreuen es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sich abgespalten haben. Dies hier sind in dem Artikel die Guten, und dies die geimenen Schwestern, die dem Vatikan die Visitation aufgeschwatzt haben. Fällt an den Bildern was auf? :kugel:
Das traurige ist aber, daß die Schreiberin in einem Punkt recht hat: 95% der Schwesternhäuser gehören zur ersten Gruppe, und die braucht der Vatikan tatsächlich nicht dichtmachen, das passiert schon ganz von alleine.
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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Interessant: die amerikanischen Kirchenmusikvereinigungen haben sich genau so gespalten. Das scheint in den USA nicht unnormal zu sein. Aber so, wie es im Moment aussieht, könnten uns solche Spaltungen in Deutschland ja auch früher oder später blühen.

Ich habe neulich gelesen, dass in D 85% aller Ordensfrauen über 65 Jahre alt sind. Da muss man eigentlich auch nichts mehr visitieren. Einerseits macht es mich traurig, dass immer weniger Ordensgewänder in der Stadt zu sehen sind. Andererseits sehe ich immer wieder neue Berufungen und Niederlassungen aufbrechen, wie jetzt die Fraternités Monastiques de Jérusalem, die Ostern nach Köln kommen, oder die traditionalistischen Benediktiner in der Eifel.

Möglicherweise steht den Orden ein innerer Reformprozess bevor, wie es sie in der Kirchengeschichte so oft gegeben hat - und die der Weltkirche auch immer wieder einen kräftigen Lebensschub verpasst haben. :ja:
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iustus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von iustus »

Leguan hat geschrieben: Etwas zum Hintergrund, für die, die das nicht wissen: In den USA gibt es zwei Ordensoberenkonferenzen, weil die Romtreuen es irgendwann nicht mehr ausgehalten und sich abgespalten haben. Dies hier sind in dem Artikel die Guten, und dies die geimenen Schwestern, die dem Vatikan die Visitation aufgeschwatzt haben. Fällt an den Bildern was auf? :kugel:
Da sieht es doch bei unser Ordensobernkonferenz ganz ordentlich aus:

http://www.orden.de/index.php?rubrik=6&seite=t2s_img

Leguan hat geschrieben: Das traurige ist aber, daß die Schreiberin in einem Punkt recht hat: 95% der Schwesternhäuser gehören zur ersten Gruppe, und die braucht der Vatikan tatsächlich nicht dichtmachen, das passiert schon ganz von alleine.
DAS ist in Deutschland doch ganz genau das Gleiche.

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Leguan
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Leguan »

Eigentlich wollte ich primär auf den Artikel raus, das danach war nur als Erklärung gedacht, auch wenn ich mir einen Kommentar nicht verkneifen konnte. :blinker:
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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Nun, der Inhalt überrascht nicht. Man lebt im Orden, passt sich immer stärker der Welt an - und kommt irgendwann zwangsläufig zu der Frage, warum man noch im Orden lebt, und nicht gleich in der Welt. Klassischer Fall bereitwilliger Selbstauflösung.

Wenn ich nicht weiß, was als Ordenschrist, Priester oder Kirchenbediensteter mein Auftrag ist, habe ich natürlich auch nicht, wofür es sich zu arbeiten lohnt. Früher habe ich mich über solche Leute geärgert. Heute überwiegt das Mitleid. Sie haben sich selbst entleert, und müssen dieses Vakuum irgendwie füllen. Da wird dann nach jedem Grashalm gegriffen.
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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Was ich gerade oben schrub, führt auch ein spanischer Bischof aus: http://www.kreuz.net/article.8769.html
„Die Verweltlichung, das heißt, ein Leben als ob Gott nicht existieren würde, hat Einzug ins Ordensleben gehalten. Dieses Leben hat sich den Meinungen und Wegen dieser Welt angepaßt.“ Das sei zwar ein Widerspruch: „Doch leider ist es so.“ Ein geweihtes Leben, in dem man nicht gewillt sei, eine „radikale Hingabe“ an Christus zu leben und eine „fanatische Liebe wie jene des Heiligen Paulus“ zu entwickeln, sei ein Leben, das die heutigen jungen Menschen weder anziehe noch begeistere: „Das ist einer der Gründe für das Fehlen von Berufungen.“ Mons. Fernandez erklärte auch, daß Gemeinschaften, die „wirklich alles für Christus verloren haben“, weiterhin auf Berufungen zählen können.
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Maurus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Maurus »

cantus planus hat geschrieben:Was ich gerade oben schrub, führt auch ein spanischer Bischof aus: http://www.kreuz.net/article.8769.html
„Die Verweltlichung, das heißt, ein Leben als ob Gott nicht existieren würde, hat Einzug ins Ordensleben gehalten. Dieses Leben hat sich den Meinungen und Wegen dieser Welt angepaßt.“ Das sei zwar ein Widerspruch: „Doch leider ist es so.“ Ein geweihtes Leben, in dem man nicht gewillt sei, eine „radikale Hingabe“ an Christus zu leben und eine „fanatische Liebe wie jene des Heiligen Paulus“ zu entwickeln, sei ein Leben, das die heutigen jungen Menschen weder anziehe noch begeistere: „Das ist einer der Gründe für das Fehlen von Berufungen.“ Mons. Fernandez erklärte auch, daß Gemeinschaften, die „wirklich alles für Christus verloren haben“, weiterhin auf Berufungen zählen können.
Eigentlich müsste man fragen, warum diese Leute dann überhaupt ins Kloster gegangen sind. Irgendwas hat sie offenbar doch dorthin gezogen. Vielleicht sollte man sich über einen dritten Weg Gedanken machen, neben den in der Welt lebenden (wozu ich jetzt auch mal die Terziare zähle) und den (mehr oder weniger) Klaustrierten noch geistliche Gemeinschaften mit wesentlich lockereren Bindungen. Oder ist es nicht das, was vielleiht ohnehin schon in den Movimenti verwirklicht ist?

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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Ich habe neulich eine ganze Nacht lang mit einem befreundeten Priester über Beginen- und Begardenstifte diskutiert, die es in Köln ja wie Sand am Meer gab. Diese Lebensform würde heute großes Interesse finden. Beginenhäuser entstehen ja wieder neu, allerdings als feministische Lebensgemeinschaften auf teilweise fragwürdigem ideologischen Hintergrund. Der Ursprung der Beginen als fromme Lebensgemeinschaft wird dabei vollkommen unter den Teppich gekehrt, und nur etwas von "frühmittelalterlicher Emanzipation" und "gelebter Weiblichkeit" gefaselt.

Leider einmal mehr eine Entwicklung, die die Kirche verschläft. Das faktische Verbot von Beginen und Begarden war ja ohnehin nicht stichhaltig begründbar.
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Leguan
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Leguan »

Maurus hat geschrieben: Eigentlich müsste man fragen, warum diese Leute dann überhaupt ins Kloster gegangen sind. Irgendwas hat sie offenbar doch dorthin gezogen.
Dieser Text sei zur Lektüre empfohlen.
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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Ein überaus bemerkenswerter Text, lieber Leguan!
Gibt es ein vergleichbares Zeugnis eigentlich auch auf deutsch, bzw. für den deutschen Sprachraum?
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Niels
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Niels »

cantus planus hat geschrieben:Ein überaus bemerkenswerter Text, lieber Leguan!
Gibt es ein vergleichbares Zeugnis eigentlich auch auf deutsch, bzw. für den deutschen Sprachraum?
Hab's auch gerade gelesen, danke für den Link! :ja:
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cantus planus
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von cantus planus »

Trotzdem fällt es mir nach wie vor schwer, nachzuvollziehen, wie es in wirklich jedem Orden und in jedem Seminar dieser Welt (eine handvoll Ausnahmen bestätigen die Regel) zu einem Traditionsbruch in diesem Ausmaße kommen konnte. Da wäre eine saubere Kirchenspaltung ja noch erklärbar gewesen.

Vielleicht ist es einfach für mich als Nachgeborenen nicht mehr nachvollziehbar, was jemand, der 1950 in einen Orden eintrat, dort erwartete, so dass er zwanzig Jahre später eine "Befreiung" begrüßte. Es ist mir allerdings heute ebensowenig klar, warum jemand in ein Seminar oder einen Orden eintritt, um dann genau das Leben, welches er vorher lebte, weiterzuleben. Im Einverständnis mit seinen Vorgesetzten. :achselzuck:
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Niels
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Niels »

cantus planus hat geschrieben:Trotzdem fällt es mir nach wie vor schwer, nachzuvollziehen, wie es in wirklich jedem Orden und in jedem Seminar dieser Welt (eine handvoll Ausnahmen bestätigen die Regel) zu einem Traditionsbruch in diesem Ausmaße kommen konnte. Da wäre eine saubere Kirchenspaltung ja noch erklärbar gewesen.

Vielleicht ist es einfach für mich als Nachgeborenen nicht mehr nachvollziehbar, was jemand, der 195 in einen Orden eintrat, dort erwartete, so dass er zwanzig Jahre später eine "Befreiung" begrüßte. Es ist mir allerdings heute ebensowenig klar, warum jemand in ein Seminar oder einen Orden eintritt, um dann genau das Leben, welches er vorher lebte, weiterzuleben. Im Einverständnis mit seinen Vorgesetzten. :achselzuck:
Ich verstehe es auch überhaupt nicht. Das ist ja im Prinzip genau dasselbe wie die radikale Umsetzung der Liturgiereform (ohne konziliares Mandat ) . Wieso tritt man ins Priesterseminar ein und dreht sich dann um 18 Grad, um "das Konzil umzusetzen" Es sieht wohl so aus, als habe man drauf gewartet (oder einen Vorwand gesucht).
Ein Beispiel:
http://www.mv-online.de/lokales/kreis_s ... laeum.html
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Niels
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Re: "Wir haben eine neue Form des Ordenslebens geschaffen"

Beitrag von Niels »

Pfarrer Lammers hat geschrieben:Stellen Sie sich vor, heute würde ein Priester mit dem Rücken zur Gemeinde die Messe lesen.
Das stelle ich mir sehr gerne vor! :ja:
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