Hi SD,
Stephen Dedalus hat geschrieben:John Grantham hat geschrieben:Mmmmmhh. Wieder eigentlich nur die halbe Geschichte. Mathew war früher römisch-katholischer *Priester*, kein Bischof. Es hat sich auch herausgestellt, dass seine Wahl von "britischen Alt-Katholiken" gefälscht war -- ob mit seinem Wissen oder nicht ist ungewiß, aber nach alt-katholischem Verständnis ist das egal, denn "ohne Kirche kein Bischof". Es gab keine "alt-katholischen" Gemeinden in England, also hat Mathew kein Bischof werden können.
Hi John,
ich spiele hier einmal den
advocatus diaboli, aber diese Geschichte interessiert mich...
Wer stellt es denn so dar, daß die Wahl von Mathew durch die englischen Altkatholiken gefälscht war? Wo gibt es die Belege? Ich weiß, daß die Altkatholiken sich schnell von Mathew distanziert haben, allerdings kann das auch mit dem Faktum zusammenhängen, daß man sich doch lieber mit den Anglikanern einigen wollte, als in GB eine eigene Missionskirche zu gründen?
Primäre und unabhängige Quellen scheint es kaum zu geben, also vieles ist leider Spekulation.
Aber mit etwas Menschenverstand es liegt gewissenmassen auf der Hand: Die deutschen Alt-Katholiken hatten schon vom Anfang an Kontakte zu Anglikanern. Anglikaner waren bei der ersten konstituierenden Sitzungen des deutschen Bistums dabei; in Lambeth 1878 hatten die Anglikaner ihre Unterstützung schon ausgesprochen. Vom Anfang an waren die Beziehungen recht gut und es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Abkommen zwischen den beiden Gruppen entsteht.
In so fern wäre es etwas seltsam von alt-katholischer Seite gewesen, wenn sie in der Ur-Heimat der Anglikaner missionieren würden. Unterstützung durch die Anglikaner hat eine gewisse Legitimierung der frühen alt-katholischen Bewegung gebracht; sonst hätte keine andere Kirche sie überhaupt ernst genommen.
Angenommen die Alt-Katholiken hatten tatsächlich die Absicht gehabt, in England zu missionieren, wäre das als Minimum taktisch sehr unklug gewesen. In so fern kann ich mit bestem Willen nicht glauben, dass die Alt-Katholiken Mathew "ausgenutzt" und dann -- sobald ein Abkommen in Sicht war -- fallen gelassen haben.
Sein späteres Verhalten zeigt auch, dass er zu Schickanen fähig war.
Zwar kam die ausdrückliche Anerkennung der anglikanischen Weihen seitens der Utrecher erst 1925, aber Mathew wurde von den Utrechter 1908 geweiht und schon 1909 wieder abgesetzt. Dass das so schnell ging, deutet auf einen aufgedeckten Betrug hin.
Also Dein Teufelsadvokat hat einige Lücken in seiner Geschichte. Die ist einfach wenig glaubwürdig, auch ohne primäre Quellen. Man kann davon ausgehen, dass die damaligen Alt-Katholiken rational und im eigenen Interesse gehandelt haben, und wie Ockhams Skalpell uns belehrt, die einfachere Interpretation der Geschichte ist wahrscheinlich die richtige.
Ich denke, die einfachere Erklärung ist, Mathew hat die Wahlurkunde gefälscht oder irgendjemand hat ihm eine gefälschte gegeben. In England zu missionieren wäre ein Eigentor für die Alt-Katholiken gewesen, und die Bewegung war damals noch viel zu schwach, um sich Spinnereien zu leisten.
Stephen Dedalus hat geschrieben:John Grantham hat geschrieben:Vielmehr muß man im Auge behalten, dass die Alt-Katholiken nicht nur eine Reformbewegung des Katholizismus waren/sind, sondern eine Gegenreaktion waren -- gegen Rom des späten 19. Jhd. Das heißt, viele Alt-Katholiken reagierten allergisch auf römische Praxis und wollten sich möglichst davon entfernen -- und in der Zeit gingen Anglikaner genau in Gegenrichtung!
Ist der liturgische Progressismus bei den Alt-Katholiken nicht auch eine Reaktion auf den extremen Nationalismus, dem man vor und während des Dritten Reiches in Deutschland verfallen war?
Ich denke, das kann auch ein Beitrag gewesen sein, wobei ich mir denke, dass das weniger Einfluß auf Liturgie hatte, als der einfache Wunsch, sich zu profilieren und eine eigene Identität aufzubauen. Allerdings bewegen wir uns wieder im Raum der Spekulation.
Stephen Dedalus hat geschrieben:Ich habe den Eindruck, daß die Altkatholiken damals versuchten, sich als die "Deutschen" Katholiken zu positionieren, leider mit einem dann relativ "braunen" Einschlag. Nach dem Krieg führte dies zu einer völligen Neubesinnung und dem bewußten Bemühen, sich progressiv neu zu definieren. Somit wurden die Alt-Katholiken zu einer der liberalsten und progressivsten Kirchen. Natürlich spielt auch eine Rolle, daß dort viele Menschen sind, die aufgrund persönlicher Verletzungen die römisch-katholische Kirche verlassen haben und deshalb bewußt etwas "anders" machen wollen.
Bei den AK in Stuttgart zum Beispiel wäre ein Ave Maria undenkbar gewesen, auch gegen Weihrauch war man dort relativ resisitent.
Klar, diese Liberalisierung der alt-katholischen Kirche hat ebenfalls zur liturgischen Reform beigetragen. Man sieht das auch bei der Pfarrern der 68er-Generation. Aber ich denke auch, dass der II. Vatikanum eine Rolle gespielt hat -- zwar hatte das keinen direkten Einfluß auf die Alt-Katholiken im juristischen Sinne, aber ein Einfluß -- eine Abfärbung -- war m.E. sicherlich da.
Heute ist die alt-katholische Kirche zwar weiterhin liberal -- Frauenpriester, anderer Umgang mit Homosexuellen, synodal-demokratische Verfassung, theoretisch sind sogar Bischöfinnen denkbar --, aber ich merke schon Tendenzen, Elemente der hochkirchlichen Liturgie wieder einführen zu wollen. Ich war bei der Liturgischen Kommission dabei, als sie die Neuauflage des Eucharistiebuches besprochen haben, und auch bei einigen Gesprächen mit Pfarrern dabei, die sich darüber unterhielten: Ein Generationswechsel ist deutlich. Die jüngeren Pfarrer scheinen diese hochkirchliche Liturgie wiederentdeckt zu haben. Und siehe da, im neuen Eucharistiebuch ist das Exsultet wieder drin und das ganze deutlich feierlicher gemacht.
Zwar kann man nicht davon ausgehen, dass das Tridentium bei den Alt-Katholiken demnächst eingeführt wird

aber jedenfalls sieht man einen Trend, der sich m.E. nach und nach durchsetzen wird.
Cheers,
John