Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.
Fragesteller
Beiträge: 1691
Registriert: Freitag 18. Mai 2012, 10:41

Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Fragesteller »

Ich wusste nicht, wo ich diesen Thread aufmachen soll, habe mich dann doch für die Klausnerei entschieden, da ja auch die byzantinischen Uniaten in der Sakristei abgehandelt werden. Ich wäre aber auch für Reaktionen von Katholiken (und Orthodoxen) froh, da diese Fragestellung ihnen auch wohl näher steht als den meisten Protestanten.
Ich habe gewisse Zweifel am "Rom-Anglikanismus" im Gefolge von Anglicanorum coetibus, und zwar aus folgenden Überlegungen heraus:
Eine liturgische Tradition weiterzuführen, ist nicht nur darum sinnvoll, weil Texte und Praktiken "schön" und theologisch angemessen sind (das könnten nichttraditionelle Liturgien u. U. auch sein), und auch nicht nur deshalb, weil das Beten mit gewohnten Texten leichter ist (auch an Neues kann man sich gewöhnen), sondern vor allem deshalb, weil eine solche Tradition der betroffenen Gruppe von Gläubigen erlaubt, nicht isolierte Zelle des Leibes Christi zu sein, sondern Teil eines lebendigen Gliedes an demselben, dessen authentischer Lebensausdruck diese Tradition ist, durch das diese Tradition geheiligt wurde und das bei einem Abbruch dieser Tradition in gewissem Sinne absterben würde.
Daher ist es für die Frage, ob eine liturgische Tradition weiterzuführen ist, nicht so sehr entscheidend, dass die Tradition selbst oder ihr kirchlicher Kontext von größeren theologischen oder sonstigen Fehlern frei ist (sowas kann man ja beseitigen), wohl aber, dass die Organisation, die sie bislang gepflegt hat, wirklich Kirche Christi war, d. h. dass ihre Bischöfe wirklich Bischöfe, ihre Priester wirklich Priester gewesen sind, oder zumindest: dass ihre Eucharistie als liturgisches Kernmoment wirklich ("gültig") die von Christus eingesetzte Eucharistie war.
Genau daran hegt man römischerseits, soweit ich sehe, erhebliche Zweifel, sonst hätte man die Geistlichen ja gar nicht oder wenigstens nur sub conditione neu geweiht. Es dürfte doch eigentlich nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder die anglikanische Kirche ist wirklich, wenn auch fehlerbehaftete, Kirche im Vollsinn, oder aber die "römisch-anglikanische" Tradition ist eine Tradition zweiter Klasse, die für den längsten Teil ihrer Geschichte nicht eigentlich "kirchlich" war und der daher jede andere vorzuziehen wäre.*(Ich als Evangele wäre für "entweder", aber das Dilemma dürfte für jedermann dasselbe sein, oder?)
Ist ein solcher ekklesiologischer Traditionsbegriff und seine Anwendung auf die Situation der "Rom-Anglikaner" angemessen? Was meint ihr?

* Ein ähnliches Dilemma scheinen bestimmte amerikanische "Western-Rite"-Orthodoxe zu sehen und dadurch umgehen zu wollen, dass sie ihre Fassung des Book of Common Prayer nach ihrem Herausgeber "Divine Liturgy of Saint Tikhon" nennen, also ihre Traditionsgeschichte auf den aus ihrer Sicht zweifelsfrei orthodoxen Abschnitt einschränken.

Benutzeravatar
Linus
Beiträge: 15072
Registriert: Donnerstag 25. Dezember 2003, 10:57
Wohnort: 4121 Hühnergeschrei

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Linus »

MW bestand die anglikanische Tradition schon vor dem Bruch mit Rom durch den englischen König, mithin ist sie sehr wohl eine eigene katholische, wenngleich sie ein paar Jahrhunderte (ich dag das jetzt nicht im provozierenden Sinn)" geschauspielert" wurde
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
"Black holes are where God divided by zero. - Einstein

Fragesteller
Beiträge: 1691
Registriert: Freitag 18. Mai 2012, 10:41

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Fragesteller »

Der Sarum Use (den meinst du wohl) unterscheidet sich m. W. nicht so sehr von der späteren tridentinische Fassung (http://justus.anglican.org/resources/bc ... dinary.htm). An typischem anglikanischem Eigengut entstammt die Eingangskollekte in der Tat den Vorbereitungsgebeten (entspricht Stufengebet) des Sarum Use, das Prayer of Humble Access (Kommuniongebet) ist jedoch m. W. eine reformatorische Neuschöpfung, ebenso natürlich das archaische Bibelenglisch und das für den Gemeindegebrauch völlig neu strukturierte Stundengebet. (Das sind ein paar prägnante Merkmale. Eine genaue Analyse kann ich nicht leisten. Aber dass das, was den anglikanischen Ritus von anderen westlichen Riten unterscheidet, insgesamt eher vorreformatorischen Ursprungs sei, ist m. E. nicht richtig. Hier die katholische Fassung des anglikanischen Ritus: http://church.atonementonline.com/wp-co ... orship.pdf).
Zuletzt geändert von Fragesteller am Mittwoch 10. April 2013, 21:39, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Protasius
Moderator
Beiträge: 7171
Registriert: Samstag 19. Juni 2010, 19:13

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Protasius »

Der Usus Sarum hatte meines Erachtens durchaus einige bedeutende Unterschiede zum tridentinischen Ritus. Gewiß ging er auf den (im Grundsatz römischen) Ritus der ersten englischen Bischöfe (die aus Frankreich stammten) zurück. Ähnliches kann man aber auch über den Dominikanerritus sagen. Die Catholic Encyclopedia hat das schön beschrieben.
Der so genannte ‚Geist’ des Konzils ist keine autoritative Interpretation. Er ist ein Geist oder Dämon, der exorziert werden muss, wenn wir mit der Arbeit des Herrn weiter machen wollen. – Ralph Walker Nickless, Bischof von Sioux City, Iowa, 2009

Fragesteller
Beiträge: 1691
Registriert: Freitag 18. Mai 2012, 10:41

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Fragesteller »

Wenn man das so liest, dann sind Vorbereitungsgebete und Offertorium sdie wesentlichen strukturellen Unterschiede, und die werden in der reformatorisch-anglikanischen Tradition m. W. nicht rezipiert (mit Ausnahme der Collect of Purity aus den Vorbereitungsgebeten). Das steht ja hier in Frage.

Benutzeravatar
Protasius
Moderator
Beiträge: 7171
Registriert: Samstag 19. Juni 2010, 19:13

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Protasius »

Ich halte die Bereitung des Kelches zwischen Epistel und Evangelium, das tropierte Kyrie sowie den feierlichen Segen nach der Brotbrechung durchaus für wichtige Unterschiede. Und wenigstens von letzterem weiß ich auf jeden Fall, daß es auch im anglikanischen Gottesdienst statthat.
Der so genannte ‚Geist’ des Konzils ist keine autoritative Interpretation. Er ist ein Geist oder Dämon, der exorziert werden muss, wenn wir mit der Arbeit des Herrn weiter machen wollen. – Ralph Walker Nickless, Bischof von Sioux City, Iowa, 2009

Fragesteller
Beiträge: 1691
Registriert: Freitag 18. Mai 2012, 10:41

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Fragesteller »

Protasius hat geschrieben:Und wenigstens von letzterem weiß ich auf jeden Fall, daß es auch im anglikanischen Gottesdienst statthat.
Ich habe mal sowohl das BCP von 1662, als auch "Rite One" im kath. "Book of Divine Worship" durchgeschaut und finde nirgendwo etwas in dieser Art. Wo hast du das her? Dass es irgendwo von einzelnen Sarumorientierten praktiziert wird, ist möglich, und es gibt auch noch eine Menge Texte mehr, die man durchschauen könnte. Ich hab aber schon ein paar wahrscheinlich nach Common Worship gehaltene Gottesdienste miterlebt und kann mich auch dort nicht nicht daran erinnern. Ebenso verhält es sich mit der vorherigen Vorbereitung des Kelches.
(Aber mal ganz abgesehen von den Einzelfragen: Wenn du dir eine dieser Ordnungen ansiehst und bei jedem Element, das dir aus den römischen Riten unbekannt vorkommt, kurz innehältst, wird dir an den meisten dieser Punkte schon auf den ersten Blick auffallen, dass das eher reformatorischen Ursprungs ist. Wenn ich recht sehe, sind die einzigen Textstellen in der Ordnung von 1662, die weder "römisch" noch reformatorisch, sondern insular-katholisch sind, Vaterunser und Collect of Purity als Rest der Vorbereitungsgebete. Vielleicht Einzelheiten im Proprium und bei den Präfationen.

Benutzeravatar
Protasius
Moderator
Beiträge: 7171
Registriert: Samstag 19. Juni 2010, 19:13

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Protasius »

Fragesteller hat geschrieben:
Protasius hat geschrieben:Und wenigstens von letzterem weiß ich auf jeden Fall, daß es auch im anglikanischen Gottesdienst statthat.
Ich habe mal sowohl das BCP von 1662, als auch "Rite One" im kath. "Book of Divine Worship" durchgeschaut und finde nirgendwo etwas in dieser Art. Wo hast du das her? Dass es irgendwo von einzelnen Sarumorientierten praktiziert wird, ist möglich, und es gibt auch noch eine Menge Texte mehr, die man durchschauen könnte. Ich hab aber schon ein paar wahrscheinlich nach Common Worship gehaltene Gottesdienste miterlebt und kann mich auch dort nicht nicht daran erinnern. Ebenso verhält es sich mit der vorherigen Vorbereitung des Kelches.
(Aber mal ganz abgesehen von den Einzelfragen: Wenn du dir eine dieser Ordnungen ansiehst und bei jedem Element, das dir aus den römischen Riten unbekannt vorkommt, kurz innehältst, wird dir an den meisten dieser Punkte schon auf den ersten Blick auffallen, dass das eher reformatorischen Ursprungs ist. Wenn ich recht sehe, sind die einzigen Textstellen in der Ordnung von 1662, die weder "römisch" noch reformatorisch, sondern insular-katholisch sind, Vaterunser und Collect of Purity als Rest der Vorbereitungsgebete. Vielleicht Einzelheiten im Proprium und bei den Präfationen.
Ich habe das von Ceremonial Pictured, XIII. The Blessing.
Der so genannte ‚Geist’ des Konzils ist keine autoritative Interpretation. Er ist ein Geist oder Dämon, der exorziert werden muss, wenn wir mit der Arbeit des Herrn weiter machen wollen. – Ralph Walker Nickless, Bischof von Sioux City, Iowa, 2009

Fragesteller
Beiträge: 1691
Registriert: Freitag 18. Mai 2012, 10:41

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Fragesteller »

OK, das sieht alles sehr, sehr würdig aus.
Wenn ich recht sehe, ist das einer der Versuche, durch wortwörtliches Befolgen des Book of Common Prayer einschließlich der umstrittenen Ornaments Rubric einen möglichst "katholischen" Gottesdienst feiern zu können. Deshalb entsprechen die Textelemente ganz genau dem damals allein gültigen BCP (1662), Kleidung und Zeremoniell dagegen der Sarum-Praxis, die die genannte Rubrik "aus Versehen" und die meiste Zeit unbemerkt in Kraft gelassen hatte.
Upon the altar stand the chalice and paten containing what is left of the consecrated elements.
Das ist eine der Anweisungen zum Segen auf dieser Seite und spricht dafür, dass dieser ganz normal nach der Kommunion stattfindet. Wenn man sich die Anweisungen in Textform ansieht, denen die Bilder anscheinend folgen, (http://anglicanhistory.org/liturgy/directory1921/) dann finde ich da auch nur den "normalen" Schlusssegen. (Etwas irreführend ist vielleicht, wenn man vom Tridentinischen her denkt, dass die Purifikation nach dem Schlusssegen stattfindet.)
Ich kann diesen Segen auch in deinem CE-Artikel und in der von mir verlinkten Sarum-Ordnung nicht finden. Ich hatte allerdings auch keine Zeit, sehr genau zu lesen, und steige durch letztere Seite ohnehin nicht ganz durch.
Aber könnte nicht vielleicht mal jemand was zu der allgemeinen Fragestellung sagen?

Benutzeravatar
Florianklaus
Beiträge: 3493
Registriert: Donnerstag 20. November 2008, 12:28
Wohnort: Bistum Münster

Re: Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus

Beitrag von Florianklaus »

Neuer Ritus für konvertierte Anglikaner hatte Premiere: http://kath.net/news/43228

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema