Tradition und Ekklesiologie - Anglicanorum coetibus
Verfasst: Mittwoch 10. April 2013, 16:48
Ich wusste nicht, wo ich diesen Thread aufmachen soll, habe mich dann doch für die Klausnerei entschieden, da ja auch die byzantinischen Uniaten in der Sakristei abgehandelt werden. Ich wäre aber auch für Reaktionen von Katholiken (und Orthodoxen) froh, da diese Fragestellung ihnen auch wohl näher steht als den meisten Protestanten.
Ich habe gewisse Zweifel am "Rom-Anglikanismus" im Gefolge von Anglicanorum coetibus, und zwar aus folgenden Überlegungen heraus:
Eine liturgische Tradition weiterzuführen, ist nicht nur darum sinnvoll, weil Texte und Praktiken "schön" und theologisch angemessen sind (das könnten nichttraditionelle Liturgien u. U. auch sein), und auch nicht nur deshalb, weil das Beten mit gewohnten Texten leichter ist (auch an Neues kann man sich gewöhnen), sondern vor allem deshalb, weil eine solche Tradition der betroffenen Gruppe von Gläubigen erlaubt, nicht isolierte Zelle des Leibes Christi zu sein, sondern Teil eines lebendigen Gliedes an demselben, dessen authentischer Lebensausdruck diese Tradition ist, durch das diese Tradition geheiligt wurde und das bei einem Abbruch dieser Tradition in gewissem Sinne absterben würde.
Daher ist es für die Frage, ob eine liturgische Tradition weiterzuführen ist, nicht so sehr entscheidend, dass die Tradition selbst oder ihr kirchlicher Kontext von größeren theologischen oder sonstigen Fehlern frei ist (sowas kann man ja beseitigen), wohl aber, dass die Organisation, die sie bislang gepflegt hat, wirklich Kirche Christi war, d. h. dass ihre Bischöfe wirklich Bischöfe, ihre Priester wirklich Priester gewesen sind, oder zumindest: dass ihre Eucharistie als liturgisches Kernmoment wirklich ("gültig") die von Christus eingesetzte Eucharistie war.
Genau daran hegt man römischerseits, soweit ich sehe, erhebliche Zweifel, sonst hätte man die Geistlichen ja gar nicht oder wenigstens nur sub conditione neu geweiht. Es dürfte doch eigentlich nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder die anglikanische Kirche ist wirklich, wenn auch fehlerbehaftete, Kirche im Vollsinn, oder aber die "römisch-anglikanische" Tradition ist eine Tradition zweiter Klasse, die für den längsten Teil ihrer Geschichte nicht eigentlich "kirchlich" war und der daher jede andere vorzuziehen wäre.*(Ich als Evangele wäre für "entweder", aber das Dilemma dürfte für jedermann dasselbe sein, oder?)
Ist ein solcher ekklesiologischer Traditionsbegriff und seine Anwendung auf die Situation der "Rom-Anglikaner" angemessen? Was meint ihr?
* Ein ähnliches Dilemma scheinen bestimmte amerikanische "Western-Rite"-Orthodoxe zu sehen und dadurch umgehen zu wollen, dass sie ihre Fassung des Book of Common Prayer nach ihrem Herausgeber "Divine Liturgy of Saint Tikhon" nennen, also ihre Traditionsgeschichte auf den aus ihrer Sicht zweifelsfrei orthodoxen Abschnitt einschränken.
Ich habe gewisse Zweifel am "Rom-Anglikanismus" im Gefolge von Anglicanorum coetibus, und zwar aus folgenden Überlegungen heraus:
Eine liturgische Tradition weiterzuführen, ist nicht nur darum sinnvoll, weil Texte und Praktiken "schön" und theologisch angemessen sind (das könnten nichttraditionelle Liturgien u. U. auch sein), und auch nicht nur deshalb, weil das Beten mit gewohnten Texten leichter ist (auch an Neues kann man sich gewöhnen), sondern vor allem deshalb, weil eine solche Tradition der betroffenen Gruppe von Gläubigen erlaubt, nicht isolierte Zelle des Leibes Christi zu sein, sondern Teil eines lebendigen Gliedes an demselben, dessen authentischer Lebensausdruck diese Tradition ist, durch das diese Tradition geheiligt wurde und das bei einem Abbruch dieser Tradition in gewissem Sinne absterben würde.
Daher ist es für die Frage, ob eine liturgische Tradition weiterzuführen ist, nicht so sehr entscheidend, dass die Tradition selbst oder ihr kirchlicher Kontext von größeren theologischen oder sonstigen Fehlern frei ist (sowas kann man ja beseitigen), wohl aber, dass die Organisation, die sie bislang gepflegt hat, wirklich Kirche Christi war, d. h. dass ihre Bischöfe wirklich Bischöfe, ihre Priester wirklich Priester gewesen sind, oder zumindest: dass ihre Eucharistie als liturgisches Kernmoment wirklich ("gültig") die von Christus eingesetzte Eucharistie war.
Genau daran hegt man römischerseits, soweit ich sehe, erhebliche Zweifel, sonst hätte man die Geistlichen ja gar nicht oder wenigstens nur sub conditione neu geweiht. Es dürfte doch eigentlich nur zwei Möglichkeiten geben: Entweder die anglikanische Kirche ist wirklich, wenn auch fehlerbehaftete, Kirche im Vollsinn, oder aber die "römisch-anglikanische" Tradition ist eine Tradition zweiter Klasse, die für den längsten Teil ihrer Geschichte nicht eigentlich "kirchlich" war und der daher jede andere vorzuziehen wäre.*(Ich als Evangele wäre für "entweder", aber das Dilemma dürfte für jedermann dasselbe sein, oder?)
Ist ein solcher ekklesiologischer Traditionsbegriff und seine Anwendung auf die Situation der "Rom-Anglikaner" angemessen? Was meint ihr?
* Ein ähnliches Dilemma scheinen bestimmte amerikanische "Western-Rite"-Orthodoxe zu sehen und dadurch umgehen zu wollen, dass sie ihre Fassung des Book of Common Prayer nach ihrem Herausgeber "Divine Liturgy of Saint Tikhon" nennen, also ihre Traditionsgeschichte auf den aus ihrer Sicht zweifelsfrei orthodoxen Abschnitt einschränken.