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„prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Montag 23. Februar 2009, 20:21
von Marcus
...SELK: Kirchenleitung tagte in Hannover...

...Im Rahmen ihrer theologischen Arbeit befasste sich das kirchenleitende
Gremien weiter mit der Konkordienformel, der jüngsten der lutherischen
Bekenntnisschriften. Zu der viel zitierten Aussage aus deren Eingangsteil,
dass die biblischen Schriften "die einige Regel und Richtschnur [sei], nach
welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurteilt werden
sollen", führte Propst Gert Kelter (Görlitz) aus, dass die in der
lutherischen Theologie gängige griffige Formel "sola scriptura" - allein die
Schrift - insofern verkürzend sei, als es eigentlich "prima scriptura" -
zuerst die Schrift - heißen müsse: Den Zeugnissen der Kirchenväter oder
Texten aus dem Kirchenrecht etwa würde durchaus auch in der lutherischen
Kirche Bedeutung zugemessen, sie müssten sich nur an der Bibel messen
lassen. Insofern müsse besser von einer "Vorrangigkeit" der biblischen
Schriften gegenüber Äußerungen aus der Praxis der Kirche geredet werden als
von einer Ausschließlichkeit...

Quelle: Newsletter der SELK vom 23.02.2009
:klatsch: :daumen-rauf: :klatsch:

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Montag 23. Februar 2009, 21:11
von Johaennschen
Mal wieder ausgezeichnet, dieser Propst Kelter. :daumen-rauf:

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Montag 23. Februar 2009, 21:36
von taddeo
Damit beschreibt der gute Mann sehr deutlich den fundamentalen Unterschied im Glaubensverständnis von Katholiken und Protestanten: scriptura kann weder sola noch prima sein, allenfalls aequalis, denn sie ist selber erst aus der "Praxis der Kirche" (die wir Katholiken "Tradition" nennen) entstanden. Schrift und Tradition müssen sich ständig aneinander messen lassen, keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Montag 23. Februar 2009, 22:39
von Johaennschen
taddeo hat geschrieben:Schrift und Tradition müssen sich ständig aneinander messen lassen, keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen.
Was soll das bedeuten: die Schrift an der Tradition messen?
Wir sagen so, dort steht's aber so, folglich muß es damals wohl falsch aufgeschrieben worden sein? Theologie als Zeitreise? :hmm: :achselzuck:
Wahrscheinlich ist im Lichte der Tradition auslegen gemeint, oder? Also etwa: Joh 20,22f richtet sich konkret an die elf Apostel und der Erstandene setzt hier das Beichtsakrament ein usw. Die reformierte Tradition liest die Stelle sicherlich anders und geht damit fehl. Hier schließt die Tradition die Schrift auf, das würde ich auch so sehen.
Was ist aber mit Joh 15,26b und dem filioque? Die Tradition zitiert hier schlicht falsch, würde ich sagen. Hilft sie hier wirklich weiter, so wie fünf Kapitel später? Oder ist es nicht so, daß sich die Tradition hier an der Schrift messen lassen müßte? Oder ist es genau das, was mit "keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen" ausgedrückt werden soll und man nimmt den Widerspruch dann eben hin?

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Montag 23. Februar 2009, 23:11
von Marcus
Sämtliche biblische Schriften existierten schon seit Ende des 1. Jahrhunderts vollständig. Auch die Kirchenväter nahmen auf die biblische Schriften immer wieder Bezug. Richtig ist es selbstverständlich, dass der biblische Kanon damals noch nicht festgelegt war und es immer wieder zu Streitereien darüber kam, welche Schriften in den Kanon gehören und welche nicht. Auf den Plenarkonzilen von Hippo und Karthago erfolgte schließlich gegen Ende des 4. Jahrhunderts dann die verbindliche Zusammenstellung des biblischen Kanons, wobei gegen Ende des 2. Jahrhunderts schon der Muratorischer Kanon existierte, der bereits alle heutigen Schriften des NT enthielt. Als maßgebliches Kriterium galt dabei die dahinterstehende apostolische Autorität. So mussten die Schriften entweder selbst von den Aposteln verfasst worden sein oder zumindest deren Autorität musste dahinterstehen. Dazu bedurfte es selbstverständlich wieder einen Rückgriff auf die kirchliche Tradition. Man musste sich ja schließlich davon überzeugen können, auf welche Schriften diese Kriterien nun zutrafen.

Die Frage nach der apostolischen Autorität war jedenfalls gewichtig, was auch verständlich ist. Man ging davon aus, dass in den Schriften der Apostel der wahre durch Jesus Christus offenbarte Glaube unverfälscht enthalten ist. Auch die Kirchenväter lehrten immer auf dieses apostolische Zeugnis basierend und leiteten daraus kirchliche Lehren ab bzw. begründeten sie daraus. „Zuerst die Schrift“ heißt deshalb eigentlich „zuerst das apostolische Zeugnis“ bzw. „von dem apostolischen Zeugnis ausgehend“. Auf diese Basis lassen sich dann Lehren ableiten bzw. definieren. Die Kirchenväterschriften sind als Zeugnisschriften über den Glauben und die Lehren in der alten Kirche natürlich sehr schätzenswert und man sollte auch wieder mehr Bezug auf sie nehmen, vor allem im Protestantismus. Ja, schätzenswerter als jede moderne biblische Exegese.

Während die ganze Christenheit zumindest bis vor dem Zeitalter der Aufklärung daran geglaubt hatte, dass die Bibel das unfehlbare Wort Gottes ist, wurde zu keiner Zeit gelehrt, dass alle Kirchenväterschriften unfehlbar seien. Daraus lässt sich m. E. schon eine „Normenhierarchie“ ableiten. Im Katholizismus werden meines Wissens doch zwei Auffassungen über das Verhältnis Schrift/Tradition vertreten. Nach der einen sei der vollständige und wahre christliche Glaube nur in der Bibel und in der Tradition zusammen enthalten, während die Vertreter der anderen Auffassung sagen, dass der vollständige und wahre christliche Glaube sowohl in Schrift als auch in der Tradition enthalten sei, aber je von Fall zu Fall mal in der Schrift und mal in der Tradition besser und deutlicher zum Ausdruck komme. Mit der zweiten Lehrmeinung könnte ich mich durchaus noch anfreunden. Diese liegt gar nicht so fern von meiner eigenen. Jede verbindliche christliche Glaubens- und Sittenlehre muss zumindest einen im Kanon vorhandenen Ansatz haben bzw. darf nicht im Widerspruch zu diesem stehen. Alles andere kann man glauben, soweit es nicht im Widerspruch zur Schrift steht, man muss es aber nicht. Heilsnotwendig zu glauben ist es jedenfalls nicht.

Die orthodoxe Auffassung finde ich durchaus sympathisch:
Der Begriff der Orthodoxie verweist bereits auf die beiden wesentlichen Aspekte des orthodoxen Traditionsverständnisses: Orthodoxie heißt zugleich „richtiger Glaube“ und „richtiger Lobpreis“. Die „Rechtgläubigkeit“ bezieht sich vor allem auf die biblische Überlieferung. Für den orthodoxen Glauben ist wichtig, sich dem Ursprünglichen zuzuwenden und diesem Ursprünglichen treu zu bleiben. Der biblische Text gilt als Garant, Herzstück und Kern der Tradition. An diesem Punkt unterscheidet sich die Orthodoxie wesentlich vom römischen Katholizismus, der die kirchliche Lehrtradition eher gleichberechtigt neben die Bibel stellt. In den Anfängen der Reformation sahen die ersten Reformatoren in den orthodoxen Kirchen mögliche Verbündete. Erste Kontaktaufnahmen bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben am Ende aber folgenlos.

Der „rechte Lobpreis“ bezieht sich auf den liturgischen Gottesdienst. Die sogenannte „Göttliche Liturgie“ geht im Kern auf jüdische und frühestchristliche Formen zurück; seit gut 1 Jahren wird sie in unveränderter Form gefeiert. Allerdings haben sich unterschiedliche Varianten dieser Liturgie entwickelt. Die bekannteste Form geht auf die Liturgie aus Konstantinopel zurück und ist in allen Orthodoxen Kirchen in Gebrauch. Diese liturgische Tradition, zu der neben den Texten auch Melodien, Handlungsabläufe, Gewänder, liturgische Geräte, der Kirchenbau selbst, Ikonen etc. gehören, hat eine ebenso große Bedeutung wie die biblische Lehre und wird auch oft zur Auslegung der Bibel herangezogen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Tradition# ... Orthodoxie

P.S. Wenn ich von der „Schrift“ spreche, meine ich damit natürlich den kanonisierten Teil der kirchlichen Tradition.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 15:36
von Allons
taddeo hat geschrieben:Damit beschreibt der gute Mann sehr deutlich den fundamentalen Unterschied im Glaubensverständnis von Katholiken und Protestanten: scriptura kann weder sola noch prima sein, allenfalls aequalis, denn sie ist selber erst aus der "Praxis der Kirche" (die wir Katholiken "Tradition" nennen) entstanden. Schrift und Tradition müssen sich ständig aneinander messen lassen, keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen.
Als "Schrift" nur die Bibel in der kanonischen Festlegung zu betrachten scheint mir sehr einseitig. Nehmen wir die individuellen Inhalte der Schriften ist es wohl eher andersherum: Die Schrift war vor jeglicher Tradition und nur entlang der jeweiligen Schriften konnte sich eine Einheitlichkeit überhaupt ausbilden.

Hier liegt tatsächlich ein fundamentaler Unterschied der Kirchen. Dogmen mit Tradition aber ohne jeglichen bzw. höchst schwachen Schriftbezug gäbe es nun mal bei uns nicht. Ob wir dazu nun sola oder prima sagen ist imhho relativ wurscht.

HG, Allons!

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 17:03
von Marcus
Nein, „wurscht“ ist das nicht. Im 17. Jahrhundert kam es zwischen Lutheranern und Calvinisten verstärkt zu Streitereien wegen der liturgischen Gebräuche. Die Calvinisten meinten z. B., man dürfe keine Messgewänder tragen, weil sie keine Grundlage in der Schrift hätten. Lutheraner entgegneten ihnen, dass diese aber auch nicht durch die Schrift verboten seien und man bei einer restriktiven Anwendung von sola scriptura auch Sandalen statt Schuhe tragen müsste. An diesem historischen Bespiel wird schon ersichtlich, weshalb es nicht egal sein kann, ob von sola scriptura oder prima scriptura die Rede ist.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 20:09
von Allons
Marcus hat geschrieben: bei einer restriktiven Anwendung von sola scriptura auch Sandalen statt Schuhe tragen müsste.
Überzeugt. sola prima. Alles ausser Sandalen.

Erleichterte Grüße, Allons!

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 21:06
von taddeo
Allons hat geschrieben:Die Schrift war vor jeglicher Tradition und nur entlang der jeweiligen Schriften konnte sich eine Einheitlichkeit überhaupt ausbilden.
Das meinst Du doch nicht ernst, oder? Lies doch mal den Anfang des Luskaevangelium, vielleicht glaubst Du dann, daß es genau umgekehrt war:
Lukas 1,1-4 hat geschrieben:Nachdem schon viele es unternahmen, über das, was sich unter uns zugetragen hat, einen Bericht abzufassen, entsprechend der auf uns gekommenen Überlieferung der anfänglichen Augenzeugen und Diener des Wortes, habe auch ich, der ich allem von Anfang her nachgegangen bin, mich entschlossen, es dir im folgenden genau niederzuschreiben, hochedler Theophilus, damit du dich überzeugst von der Zuverlässigkeit der Worte, von denen dir Kunde kam."
Aus diesem Text kann man verschiedene Tatsachen ableiten, die klipp und klar gegen sola oder prima scriptura sprechen:

1. Es gab zahlreiche Versuche schriftlicher Berichte über das Leben Jesu, von denen aber letztlich nur vier kanonisch wurden.
2. Alle diese Berichte, auch die unkanonischen, basierten auf der Tradition (= Überlieferung) der Augenzeugen. Somit ist klar, daß die Tradition der Schrift vorangehen MUSS.
Wenn Lukas davon spricht, allem genau nachgegangen zu sein, dann kann er damit sowohl die mündliche Überlieferung der Augenzeugen als auch frühere Schriften meinen.
3. Theophilus hat offenbar bereits mündliche Berichte über Jesus empfangen, bevor er von Lukas eine schriftliche Fassung erhält. Gläubig geworden ist er nicht erst durch die Schrift.

Unter Tradition verstehe ich jede Überlieferung, die bei den Augenzeugen Jesu beginnt. Ein Teil dieser Tradition wurde im Laufe der Zeit schriftlich fixiert und schließlich kanonisiert, ein anderer Teil lebt bis heute im Lehramt der Kirche weiter, das die Schrift authentisch auslegt.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 21:58
von Marcus
Zuerst die Schrift heißt nicht, dass die biblischen Schriften zwangsläufig älter als andere Überlieferungen seien. Vielmehr geht hier um eine „Normenhierarchie“. Nach diesem Prinzip muss sich jede Lehre bzw. jeder Lehrer nach den kanonischen Schriften beurteilen lassen. D. h., dass keine Lehre akzeptiert werden kann, die sich nicht mit der Heiligen Schrift vereinbaren lässt. Oder anders gesagt: Was dem widerspricht, wohinter nach dem Glauben der alten Kirche die apostolische Autorität steht, ist zu verwerfen. Denn ohne Zweifel handelt es sich bei den kanonischen Schriften um die zuverlässigsten Quellen.

Man braucht sich nur einmal die Briefe der Apostel oder die der apostolischen Väter zu Gemüte führen, um daraus entnehmen zu können, dass auch viel häretischer Müll überliefert worden ist. Daher ist die Frage nach der Herkunft von immenser Bedeutung. Nicht umsonst sah sich der Evangelist Lukas, immerhin der Reisebegleiter des Apostel Paulus, wohl genötigt, nochmals die wahre und reine christliche Überlieferung für Theophilus niederzuschreiben. Sein Name bzw. seine Position als Apostelgehilfe verliehen ihm bzw. seinem Evangelium dabei die Autorität, so dass das Lukas-Evangelium als zuverlässige Quelle angesehen werden konnte.

Wer sagt übrigens, dass man die Schrift gelesen haben müsste, um gläubig werden zu können? „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Gottes.“ ( Römer 10,17) Man muss also das Evangelium gehört haben und es kennen. Dass der Mensch natürlich nicht aus eigener Kraft oder aus eigener Vernunft an Jesus Christus glauben kann, sondern einen solchen Glauben nur der Heilige Geist zu schaffen vermag, ist natürlich auch klar. (vgl. 1. Kor. 12,3)

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man bei der Frage, was Protestanten unter „sola scriptura“ verstehen, mitunter 11 Antworten von 10 Protestanten erhält. Daher ist es stets geboten, dass eigene Schriftverständnis näher zu präzisieren und es von anderen Protestanten abzugrenzen.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Dienstag 24. Februar 2009, 22:41
von Allons
taddeo hat geschrieben: Das meinst Du doch nicht ernst, oder? Lies doch mal den Anfang des Luskaevangelium, vielleicht glaubst Du dann, daß es genau umgekehrt war:
...
Unter Tradition verstehe ich jede Überlieferung, die bei den Augenzeugen Jesu beginnt.
Bene, dann haben wir uns ja nur mis[t]verstanden. Ich ging von Tradition im Sinne von "durch mehrere Generationen überliefert" aus.

HG, Allons!

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Mittwoch 25. Februar 2009, 18:40
von Lutheraner
Allons hat geschrieben:
taddeo hat geschrieben:Damit beschreibt der gute Mann sehr deutlich den fundamentalen Unterschied im Glaubensverständnis von Katholiken und Protestanten: scriptura kann weder sola noch prima sein, allenfalls aequalis, denn sie ist selber erst aus der "Praxis der Kirche" (die wir Katholiken "Tradition" nennen) entstanden. Schrift und Tradition müssen sich ständig aneinander messen lassen, keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen.
Als "Schrift" nur die Bibel in der kanonischen Festlegung zu betrachten scheint mir sehr einseitig. Nehmen wir die individuellen Inhalte der Schriften ist es wohl eher andersherum: Die Schrift war vor jeglicher Tradition und nur entlang der jeweiligen Schriften konnte sich eine Einheitlichkeit überhaupt ausbilden.
Das sehe ich genauso. Von Klaus Berger gibt es eine schöne Ausgabe aller apokryphen und kanonisierten Texte des NT in zeitlicher Reihenfolge. Das Buch enthält alle Texte die theoretisch bei der Festlegung des Kanons zur Auswahl standen. Dort liest man die erstaunlichsten (und natürlich häretischsten) Dinge. Interessant ist: Meist gilt je jünger, desto abweichender von den später kanonisierten Texten. Es wurden interessanterweise auch nur die frühesten Texte kanonisiert. Die mündliche Überlieferung, die zur Niederschrift der späteren Apokryphen führte, stellte sich wohl schon für die Urkirche als verfälschender Faktor heraus.
Es ist richtig was Propst Kelter schreibt. Für das Heil gilt allerdings "sola scriptura": Die Bibel enthält den Weg zum Heil. Es gibt nichts außerhalb der Schrift, was heilsnotwendig ist.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 08:26
von overkott
taddeo hat geschrieben:Damit beschreibt der gute Mann sehr deutlich den fundamentalen Unterschied im Glaubensverständnis von Katholiken und Protestanten: scriptura kann weder sola noch prima sein, allenfalls aequalis, denn sie ist selber erst aus der "Praxis der Kirche" (die wir Katholiken "Tradition" nennen) entstanden. Schrift und Tradition müssen sich ständig aneinander messen lassen, keines von beiden kann einen Vorrang beanspruchen.
Prima scriptura ist tatsächlich ein Schritt nach vorne in der theologischen Einsicht. Der heilige Bonaventura hätte sich nicht abgewandt, nur weil der Applaus vielleicht von der falschen Seite kommt. Schließlich entfaltet sich in diesem Gedanken die Lehre in initio verbum, womit Taddeo weiterdenkt, was schon Benedikt geäußert hat: Das Christentum ist keine Buchreligion. Denn die Schrift weist über sich hinaus auf das Fleisch gewordene Wort.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 08:44
von Raphael
Lutheraner hat geschrieben:........... Für das Heil gilt allerdings "sola scriptura": Die Bibel enthält den Weg zum Heil. Es gibt nichts außerhalb der Schrift, was heilsnotwendig ist.
Nun, die Taufe beispielsweise ist in der Schrift beschrieben!
Nichtsdestoweniger ist sie eine Handlung, die unbestreitbar außerhalb der Schrift stattfindet, sozusagen im wirklichen Leben und nicht zwischen in Erz gegossenen Buchstaben.

Hältst Du die Durchführung der Taufe für nicht heilsnotwendig?

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 09:14
von Clemens
Wo ist die Taufe in der Bibel beschrieben?
Erwähnt ja, aber wie man es macht - das kann man nicht der Bibel, sondern nur der Tradition entnehmen!

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 09:31
von Raphael
Clemens hat geschrieben:Wo ist die Taufe in der Bibel beschrieben?
Erwähnt ja, aber wie man es macht - das kann man nicht der Bibel, sondern nur der Tradition entnehmen!
Bei Johannes dem Täufer ([Punkt]): Markus-Evangelium ganz am Anfang .........

Später dann in der Apostelgeschichte 19, 3 ff.!

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 10:02
von Clemens
Was steht denn da bei dir?
- Dass es etwas mit im Wasser untertauchen zu tun hat?
- Dass man auf den Namen des Herrn Jesus getauft wird?
Weißt du noch mehr aus der Bibel?

Wo steht - im Zusammenhang mit einer Taufe! - die trinitarische Taufformel (wird von allen Kirchen als absolut notwendig betrachtet)?

Wo steht etwas von Handauflegung? (Von Taufwasserweihe und diversen Salbungen ganz zu schweigen!)

Würde man auch bei der Taufe das Sola-scriptura-Prinzip anwenden, wäre man schnell bei allerlei pseudochristlichen Handlungen.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 10:18
von Raphael
Clemens hat geschrieben:Was steht denn da bei dir?
Wenn'ste die Einheizübersetzung benutzt, dann steht da bei mir - redaktionelle Fehler der jeweiligen Ausgabe ausgenommen - dasselbe wie bei Dir. :blinker:
Clemens hat geschrieben:- Dass es etwas mit im Wasser untertauchen zu tun hat?
- Dass man auf den Namen des Herrn Jesus getauft wird?
Weißt du noch mehr aus der Bibel?

Wo steht - im Zusammenhang mit einer Taufe! - die trinitarische Taufformel (wird von allen Kirchen als absolut notwendig betrachtet)?

Wo steht etwas von Handauflegung? (Von Taufwasserweihe und diversen Salbungen ganz zu schweigen!)

Würde man auch bei der Taufe das Sola-scriptura-Prinzip anwenden, wäre man schnell bei allerlei pseudochristlichen Handlungen.
Aus Deinen Nachfragen sehe ich, daß Deine Haltung das gleiche Anliegen vertritt, wie ich es bei meiner Nachfrage an Lutheraner äußern wollte.


Laß uns also lieber Lutheraner's Antwort auf meine Nachfrage abwarten.
Er ist zwar konfessionslos, aber offenbar nicht ungetauft! 8)

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 10:21
von lifestylekatholik
Marcus hat geschrieben:Zuerst die Schrift heißt nicht, dass die biblischen Schriften zwangsläufig älter als andere Überlieferungen seien. Vielmehr geht hier um eine „Normenhierarchie“. Nach diesem Prinzip muss sich jede Lehre bzw. jeder Lehrer nach den kanonischen Schriften beurteilen lassen. D. h., dass keine Lehre akzeptiert werden kann, die sich nicht mit der Heiligen Schrift vereinbaren lässt. Oder anders gesagt: Was dem widerspricht, wohinter nach dem Glauben der alten Kirche die apostolische Autorität steht, ist zu verwerfen. Denn ohne Zweifel handelt es sich bei den kanonischen Schriften um die zuverlässigsten Quellen.
Hm. Das hört sich sehr vernünftig an. Inwiefern widersprechen sich in diesem Punkt denn katholische und protestantische Lehre?

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 11:20
von Johaennschen
Raphael hat geschrieben:Nun, die Taufe beispielsweise ist in der Schrift beschrieben!
Nichtsdestoweniger ist sie eine Handlung, die unbestreitbar außerhalb der Schrift stattfindet, sozusagen im wirklichen Leben und nicht zwischen in Erz gegossenen Buchstaben.
Äh... :hae?:
Was soll das bedeuten, in Erz gegossenene Buchstaben? :achselzuck:
Bist Du der Meinung, irgendjemand auf der weiten Welt würde an eine Taufe glauben, die nicht außerhalb der Schrift stattzufinden hat?
Wen will Deine Kritik treffen? Mir war sowas bisher nichtmal als Karrikatur eines Protestanten bekannt...

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 12:46
von Juergen
lifestylekatholik hat geschrieben:Hm. Das hört sich sehr vernünftig an. Inwiefern widersprechen sich in diesem Punkt denn katholische und protestantische Lehre?
Das sola schriptura Prinzip Luthers (vgl. u.a. WA 7, 97, 1-9) beinhaltet auch dessen Auffassung, daß die Schrift sich selbst auslegt (sui ipsius interpres. vgl. WA 7, 97, 23f.) und aus sich und in sich klar ist (claritas externa et interna scripturæ. vgl. WA 18, 609, 5-14).

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 14:28
von Linus
Clemens hat geschrieben:Wo steht - im Zusammenhang mit einer Taufe! - die trinitarische Taufformel (wird von allen Kirchen als absolut notwendig betrachtet)?
Mt 28,19 :P
Wo steht etwas von Handauflegung? (Von Taufwasserweihe und diversen Salbungen ganz zu schweigen!)
Gut die Handauflegung gehört nur mehr zu den ausdeutenden Riten der Taufe, sind also nicht unbedingt heilsontwendig. Daß Jesus aber bei der Krankensalbungsspendung die Hand auflegte ist ebenfalls in der Bibel bezeugt Mk 8,23
Handauflegung bei der Firmung:Apg 8,18

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 15:03
von Clemens
Linus hat geschrieben:
Clemens hat geschrieben:Wo steht - im Zusammenhang mit einer Taufe! - die trinitarische Taufformel (wird von allen Kirchen als absolut notwendig betrachtet)?
Mt 28,19 :P
:patsch: OK, geb ich dir recht. :pfeif:

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 19:42
von Marcus
Juergen hat geschrieben:
lifestylekatholik hat geschrieben:Hm. Das hört sich sehr vernünftig an. Inwiefern widersprechen sich in diesem Punkt denn katholische und protestantische Lehre?
Das sola schriptura Prinzip Luthers (vgl. u.a. WA 7, 97, 1-9) beinhaltet auch dessen Auffassung, daß die Schrift sich selbst auslegt (sui ipsius interpres. vgl. WA 7, 97, 23f.) und aus sich und in sich klar ist (claritas externa et interna scripturæ. vgl. WA 18, 609, 5-14).
Die Weimarana (WA) enthält zwar die Schriften Luthers, doch ist diese keine Sammlung von Bekenntnisschriften oder um es katholisch auszudrücken: Sie stellt keine dogmatische Lehrgrundlage dar. Die Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche sind im Konkordienbuch von 1580 enthalten, welches in konfessionellen bzw. orthodoxen lutherischen Kreisen als verbindlich Auslegung der Hl. Schrift anerkannt wird, weil die darin enthaltenen Schriften im konfessionellen bzw. orthodoxen als schriftgemäß akzeptiert sind. Luther ist im Konkordienbuch mit nur drei Schriften, nämlich seinem Großen und Kleinen Katechismus sowie mit seinen Schmalkaldischen Artikeln vertreten. D. h., dass die anderen Schriften Luthers nicht mehr als historische Werke des Reformators sind. Das rechte Schriftverständnis nach der Konkordienformel ist das von Propst Kelter bereits dargelegte „prima-scriptura-Prinzip“. Die Schriften der Kirchenväter gelten hingegen durchaus als altkirchliche Zeugen über den rechten apostolischen Glauben. Und Zeugen hört man zur Klärung bzw. Aufklärung eines Sachverhalts an (Beweismittel). Soweit die Schriften also auf die kanonischen apostolischen Schriften direkt oder indirekt Bezug nehmen, sind sie also durchaus hilfreich, um die Hl. Schrift bzw. die apostolische Lehre richtig zu verstehen. Man kann zwar als Protestant sagen, dass man mithilfe des Hl. Geistes in der Lage sei, die Bibel richtig zu verstehen. Man darf dabei aber nicht verkennen, dass der Hl. Geist in der gesamten Christenheit bzw. in der einen, heiligen, katholischen und apostolischen durch Jesus Christus gestifteten Kirche wirkt und sie im rechten Glauben erhält. Wenn auch einzelne Teile immer geirrt haben, sich irren und sich auch zukünftig irren werden, so bleibt dennoch festzuhalten, dass es zu allen Zeiten eine rechtgläubige sichtbare Kirche gab, gibt und geben wird.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 20:07
von Marcus
Im SELK-Forum schrieb der User „Jan“ am 9.5.27 (7:37 Uhr) zum Thema übrigens einen Beitrag, dem ich nur zustimmen kann:

http://www.selk-deutschland.de/forum1/v ... ition#1957

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 20:25
von Marcus
Raphael hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:........... Für das Heil gilt allerdings "sola scriptura": Die Bibel enthält den Weg zum Heil. Es gibt nichts außerhalb der Schrift, was heilsnotwendig ist.
Nun, die Taufe beispielsweise ist in der Schrift beschrieben!
Nichtsdestoweniger ist sie eine Handlung, die unbestreitbar außerhalb der Schrift stattfindet, sozusagen im wirklichen Leben und nicht zwischen in Erz gegossenen Buchstaben.

Hältst Du die Durchführung der Taufe für nicht heilsnotwendig?
Ich bin zwar nicht Lutheraner, glaube aber zumindest verstanden zu haben, was er damit sagen wollte, und zwar, dass es in der Hl. Schrift alle zum Heil notwendigen Lehren enthalten seien. Dass die Taufe zum Heil notwendig ist, kann aus der Schrift entnommen werden. Folglich ist die Taufe heilsnotwendig. Die Rechtsmäßigkeit dieser Lehre wurde zudem durch die hl. Kirchenväter seit dem 2. Jahrhundert nachweislich kontinuierlich bestätigt.

Anderes Beispiel: Dass die hl. Gottesmutter nicht nur mit ihrer Seele, sondern auch mit ihrem Leib in den Himmel aufgenommen worden sein soll, lässt sich zwar bis ins 5. Jahrhundert zurückverfolgen, hat jedoch keine biblische Grundlage. D. h., dass diese Lehre nach unserer Auffassung nicht als verbindliche Glaubenslehre oder gar heilsnotwendige Glaubenslehre erklärt werden kann und darf. Soweit man der Überzeugung ist, dass diese Lehre nicht der Bibel widerspricht, kann man zwar an die Aufnahme Mariens im Himmel glauben, man muss es aber nicht bzw. man darf dazu nicht gezwungen werden. Durch die BSLK wurde diese Lehre zumindest nicht verworfen. Daher wage ich mich mal soweit aus das Fenster zu lehnen und zu behaupten, dass man sich als Lutheraner nicht disqualifiziert, wenn man glaubt, dass der Leichnam der Hl. Gottesmutter nicht verweste und später in den Himmel aufgenommen wurde.

Re: „prima scriptura“ statt „sola scriptura“

Verfasst: Donnerstag 5. März 2009, 21:54
von overkott
Marcus hat geschrieben:Daher wage ich mich mal soweit aus das Fenster zu lehnen und zu behaupten, dass man sich als Lutheraner nicht disqualifiziert, wenn man glaubt, dass der Leichnam der Hl. Gottesmutter nicht verweste und später in den Himmel aufgenommen wurde.
Diese Lehre ist bemerkenswerterweise im Kanon der Hl. Schrift nicht formuliert, wurde aber von der Kirche nie als schlecht verworfen, sondern toleriert und denen zu verbreiten gestattet, die der sel. Jungfrau und Gottesmutter eine besondere Verehrung zukommen lassen wollten.