Maurus hat geschrieben:
Ich kenne nicht alle Aussagen des Papstes zur Liturgie. Klar ist, dass sich die Diskrepanzen zwischen Schriften und Praxis mit dem Amtsantritt des neuen Zeremoniars deutlich verringert haben. Einen solchen Einfluss eines Zeremoniars habe ich vorher für undenkbar gehalten.
Einige Aussagen lassen sich im Alltag möglicherweise nicht auf Biegen und Brechen durchsetzen. Dafür kann man Verständnis haben. Die ausschließliche Verwendung des Römischen Messkanons aber würde da sicher nicht dazugehören. Das könnte der Papst einfach machen, es würde wahrscheinlich nur genauen Beobachtern auffallen. Warum also nicht? Beim WJT in Köln hat er(?) es getan. Weil ich die Aussagen hinsichtlich des Römischen Messkanons nicht kenne kann ich also nur davon ausgehen, dass er es a) nicht so eng sieht, b) den Kanon von Msgr. Marini auswählen lässt oder c) der vom Messbuch gewünschten Verschiedenheit auch oin der Praxis entsprechen will - im Gegensatz zur Praxis in vielen Pfarreien, in denen sich längst wieder ein starrer Ritus etabliert hat.
Bernado hat geschrieben:Der Papst hat ausdrücklich darfauf hingewiesen, daß es nicht dem Sinn der geltenden Bücher entspricht, nur ein Hochgebet zu verwenden. Das richtet sich natürlich ggen die verbreitete Gewohnheit, (fast) ausschließlich das zweite zu verwenden - impliziert dann aber auch, daß man sich nicht nur auf das erste beschränken sollte.
Der Papst ist in einer schwierigen Lage: Sein Kritikpunkte am Novus Ordo sind bekannt, aber er schätzt die Chancen, da kurz und mittelfristig etwas zu ändern, offenbar als sehr gering ein. Also konzentriert er sich darauf, zu fordern, man solle die Liturgie so feiern, wie sie in den Büchern steht - und damit bindet er sich eben auch selbst. Vielleicht nicht im eigentlichen Sinne rechtlich, aber moralisch, so wie er das versteht.
Ich stimme Bernado zu, das wird wahrscheinlich der Grund sein. Ich bin mir nicht sicher, wie klug dieses Vorgehen ist, da es die „neokonservative“ These stützt, mit dem Novus Ordo selbst sei alles bestens, er müsse halt nur getreu den Büchern gefeiert werden. Zum anderen zieht es denen, die schon bereit sind, weiter zu gehen – nämlich etwa nur noch Verwendung des Canon Romanus – den Boden unter den Füßen weg. Aber das entscheidet der Hl. Vater.
Den Einfluß von Guido Marini sehe ich übrigens nicht ganz so stark: Der Papst kannte ihn ja (als Zeremoniar von Bertone) und hat ihn gerade deshalb ausgewählt. Es ist sicher, daß die substantiellen Änderungen der Initiative des Papstes entsprechen. Aber natürlich, so etwas wie die Auswahl des konkreten Eucharistischen Gebets für eine bestimmte Zelebration obliegt dem Zeremoniar. Msgr. Marini scheint auch eine „vermittelnde“ Haltung einzunehmen. Enttäuschendstes Beispiel ist, wie großer Wert – trotz allen Äußerungen des Papstes – nach wie vor auf die Sichtbarkeit gelegt wird. Der Thron des Papstes wird nach wie vor vor dem Altar aufgestellt, auf einem Bretterverschlag, der die Confessio mit dem Petrusgrab, das zentrale Element des ganzen Petersdoms, verdeckt, anstatt vor der Cathedra, wo er hingehört, nur damit der Papst besser gesehen werden kann (wobei in den ersten Reihen – anstatt hinter dem Altar, wo sie früher in echter Chor-Anordnung saßen – ohnehin nur Klerus sitzt, so daß die im Petersdom anwesenden Laien realistisch vom Papst ohnehin nur einen Flecken sehen). Außerdem sind die Altarkerzen, nachdem sie bei den ersten Messen Marinis in der traditionellen Form aufgestellt wurden, nun dauerhaft in einer Anordnung, bei der zwischen den dreien links, den dreien rechts und dem Altarkreuz jeweils eine Lücke klafft, deren einziger Zweck es ist, eine bessere Sichtbarkeit von vorne – vorzugsweise für die Fernsehkameras – zu ermöglichen.