Bernado hat geschrieben:Die Liturgie war traditionell etwas nicht verfügbares, sie wurde nicht "gemacht", sondern sie entwickelte sich organisch. Für das Empfinden der Menschen war sie immer so, wie sie schon immer gewesen war - Veränderungen vollzogen sich über die Jahrhunderte. Auch die großen Köpfe der Liturgischen Bewegung, auch Pius Parsch und Romano Guardini und wohl sofgar Odo Casel, hielten am Prinzip der organischen Entwicklung fest.
Ist nett von dir, dass du Dom Odo Casel aus deinem Modernisten-Walhall ausschließt. Darüber wird er sich freuen - und mit ihm der Konvent von Maria Laach.
Bernado hat geschrieben:Den Bruch brachten erst die neuen Theologen, die dann in dem intellektuell wohl nicht besonders hervorragenden, aber mit allen Wassern römischer Intrigenkunst gewaschenen Bugnini den idealen Exekutor ihrer Ideen fanden.
Interessanterweise klagen die "neuen Theologen" darüber (soll heißen: verdiente Liturgiewissenschaftler römischer Schule wie der emeritierte Münchner Professor Kaczynski (im LThK 3. Aufl., s. v. "Bugnini") über das römische Intrigenspiel gegen diesen. Und - wem soll ich jetzt vertrauen? Mgr. Bugnini, gelernter kurialer Verwaltungsbeamter, wurde vatikanischer Diplomat beim Schah von Persien und widmete sich der multinationalen katholischen Gemeinde von Teheran. Das ist ein toller beruflicher Aufstieg, Ergebnis römischer Intrigenkunst - aus der ewigen Stadt nach Hintertupfingen. Meinst du das ernst, Bernado?
Bernado hat geschrieben:Diese Ideen - das kann man an einzelnen Vertretern (Josephe Gelineau z.B.) ganz klar nachweisen, sind vielleicht nicht per se häretisch, aber sie führen in der von einigen auch angestrebten Konsequenz aus der katholischen Kirche hinaus viellicht sogar in die Apostasie.
Zum von dir bereits oben angegebenen Link nach Summorum-pontificum: Dort wird der Franzose Gelineau an Hand der englischen Übersetzung einer von ihm 1974 in französischer Sprache zitierten Schrift paraphrasiert. Nun weiß jeder Philologe, dass es sehr schwierig ist, einen Gedanken aus der einen in die andere Sprache zu transportieren. Als Deutscher einen Franzosen in einer englischen Übersetzung zu rezipieren (und obendrein den rezipierten Text nicht umsichtig vom Gesamtwerk des Autors her zu interpretieren), halte ich für einen Witz.
Bernado hat geschrieben:Diese Truppe hat das Prinzip der organischen Entwicklung verworfen und am Schreibtisch eine Neue Kunstliturgie entworfen und versucht, den Gläubigen mit autoritären Mitteln aufzuerlegen.
Josef Ratzinger hat geschrieben:Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ohne Zweifel organisches Wachstum und Erneuerung im Auge. Wir müssen aber sehen, daß es heute weitgehend Tendenzen gibt, die nun einfach Montage und auch Demontage betreiben - und damit etwas tun, was mit dem Wesen der Liturgie unvereinbar ist. Man kann nicht einfach in professoralen Kommissionen erdenken, wie es pastoral besser ankommt; wie es praktischer ist und dergleichen Dinge mehr, sondern man muß mit dem großen Respekt vor dem, was die Fracht der Jahrhunderte in sich trägt, sehen, wo sinnvolle Ergänzungen oder Beschneidungen nötig und möglich sind.
Das nunmehr erlassene Verbot des Missale, das [...] Quellen und noch mehr davon gibt es
hier.
Zur ausgewogenen Reflexion des Prinzips der organischen Entwicklung hat ad-fontes oben bereits das nötige gesagt.
Ich meine, die von Professor Ratzinger diffamierten Professorenkommissionen haben in großem Resekt vor dem, was die Frucht der Jahrhunderte in sich trägt, gesehen, wo sinnvolle Ergänzungen oder Beschneidungen nötig und möglich sind. Noch einmal: die Arbeit der Ergänzung und Beschneidung
der liturgischen Bücher (Aufgabe der Professoren) ist das eine, die ist gut gelungen. Weniger gelungen ist die Umsetzung in die Praxis.
Bernado hat geschrieben:Seitdem spielen die persönlichen Prägungen der Einzelnen eine unheilvolle Rolle - bei den Modernisten und ihren Opfern. Die Traditionalisten erkennst Du gerade daran, daß sie nicht willkürlich (und zum Teil mit gefälschten Argumenten) eine Epoche der Kirchengeschichte zur allein seligmachenden erklären. Sie kämen nie auf den Gedanken, eine (schon von der Idee her völlig absurde) Rückkehr ins 3. Jahrhundert zu idealisieren oder gar unter dem Zeichen der "Verheutigung" zu verkaufen.
Wie schon gesagt, es ist nicht ehrenrührig, seine persönliche Prägung offen auf den Tisch zu legen.
Ich nehme die Traditionalisten anders wahr. Sie stellen sich dar als Personen, die eine Epoche der Kirchengeschichte zur allein seligmachenden erklären, welche genau, ist mir noch nicht so klar, ob den siegreichen Katholizismus der antiprotestantischen Reform des 17. Jhs., wie er sich in glanzvollen Barockbauten in Rom und anderswo manifestiert hat - oder gegen den Kulturkampf siegreichen Katholizismus in Bayern und Österreich um 1900 herum, während der Pontifikate Leos XIII. und des hl. Pius X. Das ist die Zeit, in der in Bayern und Österreich neubarocke Gebäude in "Kaisergelb" gestrichen wurden. Interessanterweise stellen die Traditionalisten, wo sie ein neues Gotteshaus bauen, neubarocke Altäre auf und bevorzugen eine - bitte sieh mir das Wort nach, ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll - leicht rosarote Baßgeigen- und Gardinenoptik für ihre liturgischen Gewänder.
Bernado hat geschrieben:Echte Traditionalisten gehen immer von dem aus, was die Tradition bis zu ihnen geschaffen hat, und wenn dann Veränderungen im Sinne einer organischen Entwicklung angeraten erscheinen, schauen sie sicher auch mal in die ältere Geschichte, um zu sehen, ob es früher ähnliche herausforderungen gab und welche Lösungen dann nicht "erfunden" wurden", sondern sich gefunden haben. Beim Verändern selbst sind sie dann aber wieder extrem vorsichtig.
Deshalb haben die extrem vorsichtigen Traditionalisten mit großer Vehemenz für die Zurückdrängung der altspanischen Liturgie in Hispanien gesorgt (hl. Gregor VII.) sowie für die Abschaffung der sich in Frankreich und in Nordwestdeutschland entwickelt habenden Varianten des römischen Ritus und ihren Ersatz durch die vatikanischen Bücher (Abschaffung der gallikanischen Breviere im Frankreich des 19. Jhs., herbeigeredet und unterstützt von Dom Prosper Guéranger von Solesmes; Übergang der nordwestdeutschen Kirchen zu Trier, Köln, Münster zum römischen Brevier und Missale um 1900 herum; Reinigung etwa des zisterziensischen Ordensritus für die Messfeier nach dem Muster der römischen Rubriken auch um 1900 herum). Alles organisch - keine Gewalt, gelt?
Bernado hat geschrieben:Erzbischof Lefebvre, den man sicher als Traditionalisten bezeichnen kann, hat die liturgische Weiterentwicklung nach dem 2. Vatikanum nicht per se abgelehnt. Er hat den (in vielem problematisch eingreifenden, aber eben keinen Bruch herbeiführenden) Ordo von 1965 akzeptiert und war offen gegenüber der Verwendung der Muttersprachen im Verkündigungsgottesdienst. Erst als unübersehbar wurde, daß die von Papst Paul VI. schließlich approbierte neue Liturgie den damals auch von Kardinal Ratzinger (s. o.) konstatierten Bruch herbeiführen würde, hat er sich gegen diese "Reform" gestellt.
Genau ein solcher keinen Bruch herbeiführenden Übergang von der alten zur neuen Messordnung über den Ordo von 1965 hinweg ist nach dem II. Vatikanischen Konzil in vielen römisch-katholischen Ortsgemeinden zumindest Westdeutschlands geschehen. Ich habe das am Beispiel meines Heimatpfarrers und seines Mitbruders versucht zu erklären. Schade, dass seine Exzellenz ihnen nicht begegnet ist. Dann hätte er keinen Anlass gehabt, sich zu echauffieren

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Bernado hat geschrieben:Die Liturgie ist - wie die Moral - eine der großen Objektivitäten des katholischen Glaubens. Sie widersteht dem Relativismus und Subjektivismus, denn sie kommt von Gott. Sie bildet die Schule dafür, daß die Menschen Gott nur dadurch näherkommen, wenn sie sich ihm, der uns doch schon so weit entgegen gekommen ist, angleichen - und nicht darauf bestehen, ihr jeweils höchstwichtiges eigenes Ding zu machen.
Die persönlichen Beurteilungen, die "je eigene Gefühlswelt und Herkunft", dürfen in der Liturgie keine ausschlaggebende Rolle spielen - sonst wird Gottesdienst zum Menschendienst, wird Liturgie zerstört. Das ist auch bei allen Fragen der "Inkulturation" zu beachten, die ja so oft für Gegenargumente herhalten muß - und eben genau überall da erkennbar in die Irre geht, wo sie in Opportunismus verfällt und zuläßt, daß das Wesentliche aus dem Blick gerät. Und das steht über jeder einzelnen Kultur oder Befindlichkeit.
Gut, dass du das alles weißt. Ich auch, habe übrigens einmal Theologie studiert, wenn auch nicht in Rom, dem Nabel der katholischen Welt. Den Weltkatechismus habe ich mit Vergnügen gelesen, weiß aber immer wieder, dass ich mir vor Ort zusammen mit meinen Glaubensgeschwistern meinen eigenen Reim machen muss auf das, was aus Rom oder auch von der Bischofskonferenz kommt. Denn es ist nicht einfach, Vorschriften und Hinweise umzusetzen, und die Schwierigkeit steckt im Detail.