Mary hat geschrieben:Katechese, Aneignung von Glaubenswissen findet sehr wohl auch im Beten und Singen der Texte der Kirche statt. Ich finde es unendlich schade, dass offensichtlich nur wenige Gläubige die herrlichen Texte der Orthodoxen Kirche auch verstehen. Beim Latein in der katholischen Kirche wird es ähnlich sein. Für mich ist es immer eine Offenbarung, wenn ich die Texte in deutsch oder englisch bekomme...
Mal als Beispiel (vor dem Glaubensbekenntnis in der Göttlichen Liturgie)
Lasst uns einander lieben, damit wir einmütig bekennen: Den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, die wesenseine und unteilbare Dreieinigkeit.
Oder das Tropar zum Fest Mariä Verkündigung:
Heute ist der Anfang unserer Rettung, und die Offenbarung des seit Ewen verborgenen Mysterions. Gottes Sohn, wird Sohn der Jungfrau nun, und Gabriel überbringt die Frohe Kunde der Gnade....
Ich habe vielleicht etwas einseitig geschrieben. Natürlich ist es gut, wenn Texte auch auf sprachlicher Ebene verstanden werden. Keine Frage.
Aber die inzwischen deutschsprachige Messe führt ja interessanterweise bei 90 % der Messbesucher auch nicht zu einem vertieften Verständnis oder zu einer vertieften Beschäftigung (oder auch nur überhaupt zu irgendeinem Verständnis oder zu irgendeiner Beschäftigung) mit den Texten in der Liturgie. Interessanterweise sind das auch auf Deutsch für die meisten leere Formeln.
Die Einführung der Volkssprache hat da nichts gebracht, aber unheimlich viel an Tradition, Bezug, Verwurzelung, Verbundenheit geopfert.
Große Teile der liturgischen Texte bleiben das ganze Jahr hindurch gleich: das Vaterunser, das Kyrie, das Gloria, der Kanon usw. Im Religionsunterricht können und sollen sie ja erklärt, gedeutet und ausgelegt werden (insbesondere natürlich die Texte, die auch das Volk betet). An der Stelle ist auch der zweisprachige Schott sinnvoll. Der Text des jeweiligen Evangeliums wird sogar direkt in der Predigt ausgedeutet und erläutert.
Der Irrtum, um den es mir geht, ist das Vorurteil, alle Verständnisprobleme würden sich damit in Luft auflösen, dass man die Liturgie in der Volkssprache feiert. Die praktische Erfahrung seit einem halben Jahrhundert zeigt doch: Das Gegenteil ist der Fall.
»Was muß man denn in der Kirche ›machen‹? In den Gottesdienſt gehen und beten reicht doch.«