@alle: hier eine weitere Reaktion meinerseits, bevor ich mich kaum noch zu dem Thema melden werde.
Es mag sein, dass meine Äußerung unter Niveau ist. Fakt ist: Wenn Hierarchen der Kirche oder Priester oder Mitarbeiter aus diözesanen Dienststellen mit Univ.Dipl.Theol. sich in Kontroversfragen äußern, reden sie so (meine Erfahrung: viele Selbstdarsteller, Zyniker und Karrieristen; kaum jemand, der für seine Position auch nur einen Pfifferling hingeben würde) (tschulligung, wieder unter Niveau, aber leider Erfahrung).conscientia hat geschrieben:
Dessen bin ich mir bewusst.
Nur, Bernardo, die Auftraggeber der Kommissionäre von 1970 werden Dir sagen: Da ist nichts gekürzt (und schon gar nicht verkürzt), sondern alles ist unter Leitung des Hl. Geistes, der uns kraft der Autorität des hl. apostolischen Stuhls gegeben ist, aus dem Schatz der Hl. Schrift geschöpft, um diesen Schatz für die Gläubigen weiter zu öffnen.
Etc. etc.
Tschulligung, aber das ist unter Niveau. Das Lektionar (und das Konzil) sagen: Den Tisch des Wortes reicher bereiten. Und dann wird sinnverkehrend gekürzt.
Was Du über die neue Leseordnung schreibst, ist Fakt. Ich wünsche mir, dass Priester und Gemeinden dazu übergehen, die vorgesehenen Perikopen ohne Kürzung zu verkünden (dafür gibt es Vollbibeln im Großdruck). Priester, Gemeinde und Lektoren müssen dafür ausgebildet sein: Das macht Arbeit.
Grundsätzlich gilt: bin schon über 40, habe den letzten Schwung der Umsetzung der Liturgiereform erlebt (s. mein Posting über das Dreijahreslektionar). Mein Heimatpfarrer kam aus der Liturgischen Bewegung (ND usw.) und achtete sehr auf Formen, ließ sich auch nicht von Pastoralreferenten die Butter vom Brot nehmen. Formlosigkeit à la Mosebach gab es da nicht. Im Nachbarstädtchen gab es einen uralten Pensionär, der in einem Kapellchen weiterhin seine Messen nach dem von 19XY las (ich vermute, das 1962er hatte er sich nicht mehr angeschafft). Der wirkte auch auf uns Jugendliche, meiner Meinung nach nicht wegen seines Ritus, sondern wegen der Kraft seiner Persönlichkeit (Persönlichkeit hatte auch der Heimatpfarrer, aber eben anders).
Zwischen den Missalia von 1570 und 1970 sehe ich einen Unterschied, qualifiziere die Überarbeitung aber nicht als "grundstürzend". Zwischen 1570 und 1970 gibt es eine lange Reihe von Überarbeitungen des Missale Romanum, die letzte war die 1962 herausgekommene Blitz-Überarbeitung, die entstand, weil die Ritenkongregation die auf dem anstehenden Konzil zu erwartenden Änderungswünsche antizipierend einarbeiten wollte, um sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. (Ausgerechnet eine Nachkriegs-Blitz-Überarbeitung wird heute so hochgehalten statt des Originals von 1570!)Bernardo hat geschrieben:Wenn du den Unterschied nicht siehst zwischen der im Auftrag von Pius V. festgestellten authentischen Fassung des Missale romanum (sie sieht fast genauso aus wie das 100 Jahre ältere der "consuetudinis romanae) und der grundstürzenden Überarbeitung unter Paul VI. lohnt sich die Diskussion nicht.
Ich sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen dieser und jener Überarbeitung. Das Missale Romanum 1970 ist material das Gleiche geblieben, es ist höchstens formal halbwegs neu, vielleicht mit einem Anteil von Novitäten zwischen 10 und 30 %. Beim vergleichenenden Studium der Messformulare zu den hohen Festtagen sehe ich weitaus mehr Ähnlichkeiten als Unähnlichenkeiten zwischen den Büchern.
So gesehen, lohnt sich eine Diskussion nicht.
Den Unterschied sehe ich.Bernardo hat geschrieben:Wenn Du den Unetrschied nicht siehst zwischen der auch von den Wissenschaftlern Pius' V. unangetasteten Übernahme des überlieferten Canon Romanus (er wurde seit Menschengedenken überhaupt nur einmal verändert, und zwar 1961 durch die Einfügung des hl. Joseph unter Johannes XXIII.) und dessen rechtlicher Fakultativstellung und faktischer Abschaffung durch Paul VI., ist die Diskussion sinnlos.
Warum aber, frage ich, soll es zu einer bestimmten Zeit in der Kirchengeschichte nicht erlaubt sein, mit den dann gegebenen verwaltungstechnischen Möglichkeiten (Expertenkommission, Verwaltungsdurchlauf usw.) zusätzlich zum überlieferten Canon Romanus neue Eucharistiegebete und auch Präfationen zu schaffen und in den Gebrauch zu nehmen?
Ich selbst habe die Eucharistiegebete I - IV in den Achtzigern von der Kirche empfangen, sie mir, auch auswendig inwendig lernend, zu Teilen anzueignen versucht, an zahlreichen Messfeiern teilgenommen, bei denen sie verwendet wurden. Ich mag sowohl die neuen (II - IV) als auch den Kanon mit seinem archaischen Duktus. Da findet sich wirkliche Katholizität in der Messordnung. Warum sollte man sie wieder abschaffen?
So gesehen, ist die Diskussion sinnlos.
Die Formulare für die neuen Heiligen müssten wir unterscheiden von der Neuordnung der Messordnung.Bernardo hat geschrieben:Wenn Du den Unterschied nicht siehst zwischen einer Ergänzung des Missale durch Formulare für "neue Heilige" (streng nach dem alten Muster und Vorbild) und seinem Grundstürzenden Umbau - unter anderem durch Aufnahme neuer Opferungsgebete aus einer nachchristlichen jüdischen Gebetstradition - dann ist mit Deinen Augen etwas nicht in Ordnung.
Formulare für neue Heilige (und sonstige Feieranlässe) werden auch heute noch ständig produziert - alle nach altem Muster und Vorbild. Über manche der neuen Heiligen kann man geteilter Meinung sein. Leider wurde wegen der beinahe inflationären Vermehrung der Kanonisationen unter Johannes Paul II. die ursprüngliche Intention der nachvatikanischen Kalenderreform nicht bewahrt, die Zahl der Heiligentage möglichst gering zu halten und das Liturgische Jahr mit Ferialoffizium konsequent einzuhalten.
Neuordnung des Ordo Missae: Ich sehe die Unterschiede und schätze den Novus Ordo wegen einer Klarheit und prägnanten, gedrängten, "apollinischen" Kürze, die dem alten stadtrömischen Ritus wohl zu eigen war (nicht der gallofränkisch-römischen Mischliturgie, die wir heutzutage feiern und von wohlmeinenden Ich-rede-es-mir-schön-Rednern als "römisch" verkauft wird).
Die Privatgebete, die der Priester zu vollziehen hat, gehören allzu häufig nicht der Spätantike, sondern einem Frühmittelalter an, das sich vom altkirchlichen Verständnis und Vollzug der Messliturgie doch aus Unkenntnis weit entfernt hatte (lässt sich alles im Detail bei Jungmann nachlesen). Man hat versucht, diese Privatgebete im Novus Ordo zurückzudrängen. Ergebnis ist nicht überzeugend. Überzeugender wäre meines Erachtens eine totale Abschaffung gewesen, des "Kleinen Kanons" an schwierig zu reflektierenden Opferungsgebeten ebenso wie der Gabengebete, die häufig genug inhaltlich kaum etwas Neues bringen im Vergleich zu dem, was in den Eucharistiegebeten erbetet wird.
Also, meinetwegen "grundstürzender Umbau". Der hat sich aber schon vorher vollzogen, als irgendein frommer Schreiber gemeint hat, er müsse irgendwelche Opferungs- oder sonstige Privatgebete für den Priester in die Messordnung hineinschreiben, Privatgebete, die dann für nachfolgende Generationen für allzuviel Zündstoff für die Interpretation gesorgt haben.
Die nachkonziliaren kurialen Kommissionäre haben nur versucht, etwas zu verkleistern - eigentlich: schönzureden -, was im Ansatz verfehlt war.
Ich hoffe doch, dass ich nicht schon wieder, weil mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung ist, zum Augenarzt muss; gebe aber gern zu, dass ich die Akzente in der Bewertung etwas anders setze.
Ich bekenne, dass ich ein in diesem Sinne ein fieser liturgischer Archäologist bin (ad-fontes). Wiederherstellung der reinen stadtrömischen Liturgie ohne altgallische oder germanische Zutaten!
Rückblickend auf 40 Jahre seit der Liturgiereform wäre es günstig gewesen, 1. wenn man bei der Neuordnung des Messritus 1970 weitaus stärker für klare Strukturen gesorgt hätte (zum Beispiel des Weglassen des ausladenden Eröffnungsteils der Messfeier, Schuldbekenntnis nach der Predigt, wirkliches Brot in allen Messen, immer durchzuführende Kommunion unter beiden Gestalten usw.) und 2. wenn man das alte Missale nicht verboten, sondern es für die gleichzeitige Benutzung freigegeben hätte (ähnlich wie es in der Ecclesia Anglicana die Messe nach Common Worship wie nach dem Book of Common Prayer gibt).
Dann hätte das Missale von 1570-1962 nie den Reiz des Verbotenen gehabt. Ich vermute, uns wäre viel Ärger erspart geblieben.
Worauf will ich hinaus?
Ich habe den Eindruck, es hängt nicht so sehr von der theologischen Einstellung ab, welche Messe man bevorzugt, sondern von der geistlichen, existenziellen Grundeinstellung, die jemand hat. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist. Von mir selbst weiß ich: Ich bin geistig wach geworden in den Achtzigern, habe die letzten Ausläufer des nachkonziliaren Schwungs erlebt wie die erste, starke Ernüchterung unter Johannes Paul II., habe die nachkonziliare Messliturgie als Paket "empfangen" und sie zu meinem "geistigen Grundtext" werden lassen. Solchen Unfug, wie man ihn heute erlebt, gab es damals nicht. Nicht der Novus Ordo ist das Problem, das Problem ist der Umgang mit ihm (es gibt auch einen kompetenten, geistlich in die Tiefe führenden Umgang mit ihm, wie eingangs benannt). Wie die Hierarchen der Kirche vom letzten Univ.Dipl.Theol. bis zum Bischof auf berechtigte Kritik reagieren, schildere ich eingangs.
Was das Urteil über die Liturgiereform angeht, ist es schwer, diese angemessen zu beurteilen, wenn man in den Neunzigern wach geworden ist. Seit 1990 ungefähr nämlich beschäftigt sich das geistliche Personal der Kirche erfolgreich damit, die Liturgiereform kaputtzumachen und Wasser auf die Mühlen der Traditionalisten zu kippen.
Ich habe den Eindruck, eine gemeinsame Plattform finden wir hier am ehesten im geistlich interessierten Studium der alten römischen Sakramentare.
Gruß sendet
c.