Da die meisten Menschen in religiösen Dingen keine Experten sind, entsprach die vormoderne Intoleranz gegenüber abweichenden religiösen Strömungen (Sekten) der Fürsorgpflicht des Regenten; - war vernünftig, solange der Monarch oder Fürst selbst dem Weg der Wahrheit folgte.
Durch die Existenz zweier Religionen (Protestantismus und Katholizismus) und durch die Anerkennung der ersteren als gleichrangig im weltlichen Bereich, konnte man auf den Gedanken kommen: Jede Religion habe ihre - der/den anderen gegenüber prinzipiell gleichberechtigte - Wahrheit, die die Menschen zum Heil führe. Die Verankerung des Subjektivismus und des Relativismus in den Köpfen der verstörten Europäer, dann der ganzen Menschheit, bricht sich Bahn.
Daher fühlt sich heutzutage in puncto Religion jeder für klug und berufen genug, zu wissen, was einem frommt; was gut, wahr und richtig ist. Während man in den anderen Bereichen nur das vergängliche Leben gefährden würde (was natürlich ebenfalls schlimm wäre), geht es hier ums Seelenheil.
Statt sich zum eigenen Vorteil der kirchlichen Autorität, der von Gott eingesetzten Priesterschaft, konkret: einem kundigen und wahrheitsliebenden Seelsorger zu unterstellen - durch Unterordnung und Gehorsam -, setzt man sein eigenes, kleines und begrenztes Ego auf den Thron. Welch Verkennung der Realität!
Doch eine solche Gewißheit, welches die legitime und zuständige kirchliche Autorität vor Ort ist, gibt es nicht mehr. Entweder muß man diskriminieren (die Geister untscheiden), wird dadurch aber zum Richter in eigener Sache, oder man vertraut blindlings, auf gut Glück und in der Hoffnung, nicht einem der vielen Gesichtern der Lüge zu folgen.
Das Konzept der Mündigkeit - wenn auch scheinbar in der Moderne alternativlos - hat jedenfalls etwas Kamikazehaftes an sich; - zumindest dann, wenn es mit Selbstüberschätzung einhergeht.