Hi Samuel,
einige Kommentare aus meiner Perspektive als Akademiker und Hausmann, der ein bisschen herumgekommen ist, der seinen Beruf um der Familie willen geopfert hat, also zu einem Teil ein vertauschtes Rollenbild von innen kennt, und in einem weitgehend von christlicher Sozialisation befreiten sozialen Umfeld, eben Ostdeutschland lebt.
Beides empfinde ich als einen Prüfstein für manches, was im traditionellen westdeutschen Kontext ohne weitere Reflexion als unausgesprochene Selbstverständlichkeit empfunden und angenommen wird.
Samuel hat geschrieben:- Die von Jesus (Mt 19,5) bestätigte altestamentliche Aussage "sie werden ein Fleisch" (Gen 2,24)
Dazu fällt mir auf, dass eigentlich von allen, auch im Nachgang der "Sexuellen Befreiung", immer wieder bestätigt wird, dass man das "1. Mal" nie vergisst, und zu diesem Menschen eine besondere emotionale Bindung bestehen bleibt, ein Leben lang. Auch wenn man sich danach nie wieder sieht. Da kann sich gefühlsmäßig wohl jeder Mensch, der das erlebt hat, in dem Ausdruck "ein Fleisch" wiederfinden. Einen besonderen Widerklang findet diese erst- und einmalige Bindung in Mal. 2:14-15 in der Formulierung der "Frau Deiner Jugend" - eben diese erste und einzigartige Partnerin.
Quer durch verschiedene Grade an Libertinismus habe ich bei den meisten Menschen einen leisen Neid und eine Hochachtung herausgehört gegenüber Menschen, die ihre erste Liebe geheiratet haben und mit ihr alt werden oder wurden.
Bei den meist gebrochenen Beziehungs-Biografien in unserer Generation ist dieser Bruch einer neuen Partnerschaft aber auch ein Punkt, der auf jeden Fall als seelische Narbe zurück bleibt, und der meistens zusätzlich zur Beichte und Vergebung auch der Heilung bedarf (nicht durch die Zeit, sondern durch Gott !).
Wer das verdrängt, den holt es aller Erfahrung nach irgendwann wieder ein.
Zur Ehe selbst hat ein erfahrener Psychotherapeut aus unserer Gegend, der selber kein Christ ist, immer betont, dass die Ehe etwas ist, was zwei Menschen zusammen bindet wie nichts anderes, egal was da an Fremdgehen stattfindet. Das sagt er durchaus auch aus eigener Erfahrung.
Das empfinde ich als eine eindrückliche Bestätigung, wie sehr die Menschen, selbst wenn sie nicht ihren 1. Partner heiraten, und abseits jeder christlichen "Ideologie", auf die unverbrüchliche, sakramentale Ehe hin angelegt sind.
Samuel hat geschrieben:- Die paulinische Aussage "Ihr gehört nicht euch selbst" (1Kor 6,19) mit der konsequenten Folgerung: "Nicht die Frau verfügt über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt nicht der Mann über seinen Leib, sondern die Frau." (1Kor 7,4)
Das ist ein heißes Eisen. Denn einerseits funktioniert die gegenseitige Fremdbestimmung so konsequent ja gar nicht. Wenn ich bei der sexuellen Begegnung dem anderen nicht verrate, was ich wie empfinde, und was ich gerne habe, dann vermuten wir beide aneinander vorbei, was dem anderen gefallen könnte: "Ach, und ich dachte immer, das gefällt Dir !" - Das steht so in diversen Aufklärungsbüchern, ist aber auch wirklich so. Von daher muss ich selber durchaus
wissen, was mir gut tut, und das dem Anderen auch
mitteilen. (beides !)
Dann kommt andererseits natürlich der Punkt, dass ich den Anderen nicht als besseres "Rubbelkissen" missbrauchen darf, und an der Stelle greifen dann die paulinischen Aussagen. Vielleicht kann man das auch damit umschreiben, dass hier zusätzlich zur sexuellen Begeisterung die ἀγαπη mit ins Spiel kommt. (und kommen muss, sonst hält die Beziehung ganz sicher nicht !) - Aus
dieser Liebe heraus will ich dann gut zu dem Andern sein, so wie ich gut zu mir selber bin.
Fakt ist auf jeden Fall, dass ich unter dem Vorwand dieser Paulusstellen mich niemals bis zur Selbstaufgabe dem Anderen unterwerfen darf. Diesen Fehler machen häufig Hausfrauen, die von Natur aus "Helferseelen" sind, und zu einem Teil bin ich in diese Falle auch schon getappt. Die gegenseitige Fremdbestimmung muss ihre Grenze bei meiner eigenen Integrität finden, und darüber muss ich
selber wachen !
Der beste Schlüssel dazu ist wohl der paulinische Satz "Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat," (Eph. 5:25) - wobei mir letztens in den Exerzitien sehr deutlich aufgefallen ist, wie Christus bei aller Hingabe immer gut mit sich selber umgegangen ist. Er hat
nicht bis zum Abwinken Füße gewaschen und immer das getan, was andere von Ihm wollten ! Da war unser Herr auffallend sorgfältig mit sich selbst, bei aller Hingabe.
Samuel hat geschrieben:Da ich nun als Pfarrer keine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet habe, wäre es sehr interessant für mich, von Verheirateten zu erfahren, inwiefern ihr das "ein Fleisch" bzw. "Ihr gehört nicht euch selbst" in eurer Beziehung erlebt.
Der Punkt, sich vor exzessiver, und womöglich einseitiger Hingabe - oder Fremdbestimmung - zu hüten spielt auch im profanen Ehealltag eine wichtige Rolle. Wer sich selbst in diesem Sinne aufgibt, der wird auch für seinen Partner uninteressant und langweilig. Es ist und bleibt wichtig, sich selber treu zu bleiben, und auch ggf. dem Partner Grenzen zu setzen. Sich aus freien Stücken hinzugeben und sich zu verlieren sind zwei verschieden Dinge. Das Zweite ist ungut, und das Erste braucht ein frei und heil sein oder ein frei und heil werden, um dem Anderen wirklich etwas geben zu können.
Danke Samuel, dass Du diesen Kurs so sorgfältig vorbereitest !