Kathedra Petri
Verfasst: Donnerstag 21. April 2005, 21:51
Papst Benedikt XVI. [Joseph Kardinal Ratzinger] (in: Bilder der Hoffnung, Freiburg im Breisgau 1997) hat geschrieben:»Vorsitz in der Liebe«
Der Cathedra-Altar von St. Peter zu Rom
Wer nach einer Wanderung durch das gewaltige Mittelschiff der Peterskirche schließlich beim abschließenden Altar in der Apsis ankommt, würde wohl eine triumphale Darstellung des heiligen Petrus erwarten, um dessen Grab diese Kirche gebaut ist. Aber nichts davon – die Gestalt des Apostels erscheint nicht unter den Bildwerken dieses Altars. Stattdessen stehen wir vor einem leeren Thron, der beinahe zu schweben scheint, aber doch gehalten wird von den vier Figuren der großen Kirchenlehrer des Westens und des Ostens. Das gedämpfte Licht, das über dem Thron liegt, rührt von dem Fenster darüber, das von schwebenden Engeln umgeben ist, die das Fluten des Lichts nach unten weiterleiten.
Was soll diese ganze Komposition? Was sagt sie uns? Mir scheint, daß sich darin eine tiefe Deutung des Wesens von Kirche verbirgt und, darin eingeschlossen, eine Deutung des Petrusamtes. Beginnen wir mit dem Fenster, das mit seinen gedämpften Farben zugleich nach innen sammelt und nach außen und oben hin öffnet. Es verbindet die Kirche mit der Schöpfung im Ganzen; es deutet durch die Taube des Heiligen Geistes Gott als die eigentliche Quelle allen Lichtes an. Aber es sagt uns noch anderes: Die Kirche selbst ist ihrem Wesen nach gleichsam ein Fenster, Raum der Berührung zwischen dem jenseitigen Geheimnis Gottes und unserer Welt, Durchlässigwerden der Welt auf den Glanz seines Lichtes hin. Kirche steht nicht für sich, sie ist kein Ende, sondern ein Aufbruch über sich und über uns selbst hinaus. Sie erfüllt um so mehr ihr wahres Wesen, je mehr sie durchsichtig wird für den anderen, von dem sie kommt und zu dem sie führt. Durch das Fenster ihres Glaubens tritt Gott herein in diese Welt und weckt in uns die Sehnsucht nach dem Größeren. Kirche ist Ein- und Ausgehen von Gott zu uns, von uns zu Gott. Ihr Auftrag ist es, eine sich verschließende Welt zu öffnen über sich hinaus, ihr das Licht zu geben, ohne das sie unbewohnbar wäre.
Sehen wir uns nun die nächste Ebene dieses Altars an: die leere Cathedra aus vergoldeter Bronze, in die ein hölzerner Stuhl aus dem 9. Jahrhundert eingeschlossen ist, den man lange Zeit für die Cathedra des Apostels Petrus gehalten und deswegen an dieser Stelle aufgestellt hat. So verdeutlicht sich schon die Bedeutung dieses Teils des Altars. Der Lehrstuhl des Petrus sagt mehr, als ein Bild sagen könnte. Er drückt die bleibende Gegenwart des Apostels aus, der als Lehrender in seinen Nachfolgern anwesend bleibt. Der Stuhl des Apostels ist ein Hoheitszeichen – er ist Thron der Wahrheit, die in der Stunde von Cäsarea zu seinem und seiner Nachfolger Auftrag wurde. Der Sitz des Lehrenden wiederholt gleichsam für unser Gedächtnis das Wort des Herrn aus dem Abendmahlssaal: »Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht wanke. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, stärke deine Brüder« (Lk 22,32). Aber auch eine andere Erinnerung verbindet sich mit dem Stuhl des Apostels: das Wort des Ignatius von Antiochien, der um das Jahr 110 in seinem Brief an die Römer die Kirche von Rom »Vorsitzende der Liebe« nannte. Vorsitz im Glauben muß Vorsitz in der Liebe sein, beides ist gar nicht voneinander zu trennen. Ein Glaube ohne Liebe wäre nicht mehr der Glaube Jesu Christi. Die Vorstellung des heiligen Ignatius war aber noch konkreter: Das Wort »Liebe« ist in der Sprache der frühen Kirche auch ein Ausdruck für die Eucharistie. Eucharistie stammt ja aus der Liebe Jesu Christi, der für uns sein Leben hingegeben hat. In ihr teilt er sich immerfort an uns aus, legt sich selbst in unsere Hände. Durch sie erfüllt er immerfort seine Verheißung, daß er uns vom Kreuz her in seine offenen Arme hineinziehen werde (vgl. Joh 12,32). In der Umarmung Christi werden wir zueinander geführt. Wir werden in den einen Christus hineingenommen, und dadurch gehören wir nun auch gegenseitig zusammen: Ich kann denjenigen nicht mehr als einen Fremden betrachten, der in derselben Berührung mit Christus steht wie ich.
Das alles sind nun aber keineswegs irgendwelche entlegenen mystischen Gedanken. Eucharistie ist die Grundform der Kirche: Sie bildet sich in der eucharistischen Versammlung. Und weil alle Versammlungen aller Orte und aller Zeiten nur immer dem einen Christus zugehören, folgt daraus, daß sie alle nur eine einzige Kirche bilden. Sie legen sozusagen ein Netz der Geschwisterlichkeit über die Welt und knüpfen die Nahen und die Fernen so aneinander, daß sie durch Christus sich alle nahe sind. Nun geht gewöhnlich unsere Meinung dahin, daß Liebe und Ordnung Gegensätze seien: Wo Liebe, brauche es keine Ordnung mehr, weil ja nun alles sich von selber verstehe. Aber das ist ein Mißverständnis, sowohl der Ordnung wie der Liebe. Rechte menschliche Ordnung ist etwas anderes als die Gitterstäbe, die man vor die Raubtiere setzt, damit sie in Schranken gehalten werden. Sie ist die Achtung vor dem Anderen und vor dem Eigenen, das dann am meisten geliebt ist, wenn es in seiner rechten Sinngebung angenommen wird. So gehört zur Eucharistie Ordnung, und ihre Ordnung ist der eigentliche Kern der Ordnung der Kirche. Der leere Stuhl, der auf den Vorsitz in der Liebe verweist, spricht zu uns demgemäß über den Zusammenklang von Liebe und Ordnung. Er verweist im tiefsten auf Christus als den eigentlichen Vorsitzenden in der Liebe. Er verweist darauf, daß Kirche ihre Mitte im Gottesdienst hat. Er sagt uns, daß Kirche nur eins bleiben kann von der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus her. Keine organisatorische Tüchtigkeit kann ihre Einheit gewährleisten. Sie kann Weltkirche nur sein und bleiben, wenn ihre Einheit mehr ist als Organisation – wenn sie von Christus her lebt. Nur der eucharistische Glaube, nur die Versammlung um den gegenwärtigen Herrn kann sie auf Dauer erhalten. Und von daher bezieht sie ihre Ordnung. Die Kirche wird nicht regiert durch Mehrheitsbeschlüsse, sondern durch Glauben, der in der Begegnung mit Christus im Gottesdienst reift.
Der Petrusdienst ist Vorsitz in der Liebe, das heißt Sorge dafür, daß die Kirche ihr Maß von der Eucharistie nimmt. Sie wird um so einiger sein, je mehr sie vom eucharistischen Maß her lebt und je treuer sie in der Eucharistie sich an das Maß der Überlieferung des Glaubens hält. Um so mehr wird aus der Einheit auch Liebe reifen, die auf die Welt zugeht: Die Eucharistie beruht ja auf dem Liebesakt Jesu Christi bis in den Tod hinein. Das heißt freilich auch, daß nicht lieben kann, wer den Schmerz als etwas ansieht, das man abschaffen oder jedenfalls den anderen überlassen sollte. »Vorsitz in der Liebe«: Wir hatten anfangs vom leeren Thron gesprochen, aber nun ist sichtbar geworden, daß der »Thron« der Eucharistie kein Thron der Herrschaft, sondern der harte Stuhl des Dienenden ist.
Sehen wir jetzt auf die dritte Ebene dieses Altars hin: auf die Väter, die den Thron des Dienens tragen. Die beiden Lehrer des Ostens, Chrysostomus und Athanasius, verkörpern zusammen mit den Lateinern Ambrosius und Augustinus die Ganzheit der Überlieferung und so die Fülle des Glaubens der einen Kirche. Zwei Überlegungen sind hier wichtig: Die Liebe steht auf dem Glauben. Sie zerfällt, wo der Mensch orientierungslos wird; sie zerfällt, wo der Mensch Gott nicht mehr wahrnehmen kann. Wie sie und mit ihr stehen Ordnung und Recht auf dem Glauben, steht Autorität in der Kirche auf dem Glauben. Kirche kann sich nicht selbst ausdenken, wie sie sich ordnen will; sie kann nur versuchen, den inneren Ruf des Glaubens immer besser zu verstehen und aus ihm zu leben. Sie braucht das Mehrheitsprinzip nicht, das ja immer etwas Grausames in sich enthält: Der unterlegene Teil muß sich um des Friedens willen dem Beschluß der Mehrheit beugen, auch wenn dieser Beschluß vielleicht töricht oder sogar schädlich ist. In menschlichen Ordnungen geht es vielleicht nicht anders. Aber in der Kirche schützt die Bindung an den Glauben uns alle: Jeder ist an ihn gehalten, und insofern gewährt die sakramentale Ordnung mehr Freiheit, als diejenigen geben können, die auch die Kirche dem Mehrheitsprinzip unterwerfen wollen.
Ein Zweites kommt dazu: Die Kirchenväter erscheinen als die Garanten der Treue zur Heiligen Schrift. Die Hypothesen menschlicher Auslegung wanken. Sie können den Thron nicht tragen. Die lebentragende Kraft des Schriftwortes ist ausgelegt und angeeignet in dem Glauben, den die Väter und die großen Konzilien aus ihr vernommen haben. Wer sich daran hält, hat das gefunden, was im Wechsel der Zeiten festen Grund gibt.
Zuletzt dürfen wir nun aber über den Teilen nicht das Ganze vergessen. Denn die drei Ebenen des Altars nehmen uns in eine Bewegung hinein, die Aufstieg und Abstieg zugleich ist. Der Glaube führt zur Liebe. Darin zeigt sich, ob er überhaupt Glaube ist. Ein finsterer, mürrischer, egoistischer Glaube ist Fehlglaube. Wer Christus entdeckt, wer das weltweite Netz der Liebe entdeckt, das er in der Eucharistie ausgeworfen hat, muß fröhlich werden und muß selbst ein Gebender werden. Glaube führt zur Liebe, und nur durch Liebe erreichen wir die Höhe des Fensters, den Ausblick zum lebendigen Gott, die Berührung mit dem flutenden Licht des Heiligen Geistes. So durchdringen sich die beiden Richtungen: Von Gott her kommt das Licht, weckt abwärtssteigend Glauben und Liebe, um uns dann hinaufzunehmen auf die Leiter, die wiederum vom Glauben zur Liebe und zum Licht des Ewigen führt.
Die innere Dynamik, in die der Altar uns hineinzieht, läßt schließlich noch ein letztes Element verständlich werden: Das Fenster des Heiligen Geistes steht nicht für sich allein da. Es ist umgeben von der überquellenden Fülle der Engel, von einem Chor der Freude. Das will sagen: Gott ist nie allein. Das widerspräche seinem Wesen. Liebe ist Beteiligung, Gemeinschaft, Freude. Diese Wahrnehmung läßt noch einen weiteren Gedanken aufkommen: Zum Licht tritt der Klang. Man glaubt geradezu, sie singen zu hören, diese Engel, denn schweigend kann man sich diese Fluten der Freude nicht vorstellen, auch nicht als Gerede oder als Geschrei, sondern nur als Lobpreis, in dem Harmonie und Vielfalt sich einen. »Du wohnst in den Lobpreisungen Israels«, heißt es im Psalm (22,4). Lobpreisung ist gleichsam die Wolke der Freude, durch die Gott kommt und die ihn als sein Gefährt in diese Welt trägt. Gottesdienst ist daher Hereinscheinen des ewigen Lichts und Hereinklingen des Klangs von Gottes Freude in unsere Welt, und er ist zugleich unser Herantasten an den tröstenden Glanz dieses Lichtes aus der Tiefe unserer Fragen und Wirrnisse heraus, Aufsteigen auf der Leiter, die von Glaube zu Liebe führt und damit den Blick der Hoffnung öffnet.