Noch eins zum Verständnis dieses Worts. Die Überlieferung ist gerade hier nämlich leider recht unklar. Ich möchte, um das zu zeigen, den textus receptus jener drei Verse Mt 23,8-10 und die von Nestle/Aland gebotene Fassung einander gegenüberstellen. Zunächst der textus receptus:
Der [i]textus receptus[/i] hat geschrieben:23:8 ὑμεῖς δὲ μὴ κληϑῆτε, ῾Ραββί, εἷς γάρ ἐστιν ὑμῶν ὁ καϑηγητής, ὁ Χριστός· πάντες δὲ ὑμεῖς ἀδελϕοί ἐστε.
23:9 καὶ πατέρα μὴ καλέσητε ὑμῶν ἐπὶ τῆς γῆς, εἷς γάρ ἐστιν ὁ πατὴρ ὑμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς.
23:10 μηδὲ κληϑῆτε καϑηγηταί, εἷς γάρ ὑμῶν ἐστιν καϑηγητής, ὁ Χριστός.
Zum Vergleich die Fassung nach Nestle/Aland:
Die Nestle/Aland-Ausgabe hat geschrieben:23:8 ὑμεῖς δὲ μὴ κληϑῆτε, ῾Ραββί, εἷς γάρ ἐστιν ὑμῶν ὁ διδάσκαλος, πάντες δὲ ὑμεῖς ἀδελϕοί ἐστε.
23:9 καὶ πατέρα μὴ καλέσητε ὑμῖν ἐπὶ τῆς γῆς, εἷς γάρ ἐστιν ὑμῶν ὁ πατὴρ ὁ οὐράνιος.
23:10 μηδὲ κληϑῆτε καϑηγηταί, ὅτι καϑηγητὴς ὑμῶν ἐστιν εἷς ὁ Χριστός.
Hierzu ist zu ergänzen, daß Nestle und Aland sich keiner der kritischen Editionen vollständig anschließen, die ihrerseits in verschiedenen Details voneinander abweichen. Nestle/Aland bieten eine Mischung aus den kritischen Editionen.
Vor dem Versuch, beide Stücke zu übersetzen, zwei Hinweise. In Vers 8 hat der textus receptus als offenkundige Übersetzung des hebräischen ῥαββί („Rabbi“) griechisches καϑηγητής („Führer“; auch: „Lehrer“), Nestle/Aland dagegen nach dem Zeugnis der Codices Vaticanus und Sinaiticus διδάσκαλος („Lehrer“, dem lateinischen magister entsprechend).
In Vers 10 verwenden beide den Begriff καϑηγητής, was aber verschieden zu übersetzen ist, je nach dem in Vers 8 verwendeten Begriff. Wenn dreimal derselbe Begriff verwendet ist, wie im textus receptus, ist auch dreimal dasselbe gemeint, nämlich offensichtlich „Lehrer“.
Wo verschiedene Begriffe verwendet sind, wie bei Nestle/Aland, ist der Unterschied auch in der Übersetzung wiederzugeben. Dabei meint das διδάσκαλος von Vers 8 eindeutig „Lehrer“. Der καϑηγητὴς des Verses 10 ist folglich in der Grundbedeutung des Worts zu vestehen, heißt also „Führer“.
Die Einheitsübersetzung hat als Textgrundlage zwar Nestle/Aland, übersetzt aber in Vers 8 „Meister“, Vers 10 dagegen „Lehrer“. Das ist genau verkehrt herum, denn unser „Meister“ stammt zwar etymologisch vom lateinischen magister her, was deutsch Lehrer heißt, bedeutet aber in moderner Sprache eben nicht mehr einfach „Lehrer“. (Die Elberfelder dagegen umgekehrt, also korrekt; Schlachter wiederum ebenso falsch wie die Einheitsübersetzung.)
Die andere Anmerkung betrifft Vers 9, um den es ja ursprünglich vor allem ging. Hier liegt der Unterschied zwischen beiden Varianten darin, ob es in der ersten Satzhälfte ὑμῶν („eurer“, so der textus receptus) oder ὑμῖν („euch“ [Dat.], so Nestle/Aland) heißt. Den verneinten Imperativ vertritt der Konjunktiv Aorist μὴ καλέσητε; wegen des Aorists ist er nicht durativ, sondern punktuell zu verstehen, also nicht einfach „nennt“, sondern eher „benennt“, „ernennt“. Die beiden Varianten ergeben also »benennt nicht (für) euch einen Vater« oder aber »benennt nicht einen Vater eurer«.
Dies vorausgeschickt, übersetze ich folgendermaßen:
Der [i]textus receptus[/i] (in Übersetzung Ketelhohn) hat geschrieben:23:8 Ihr aber laßt euch nicht zum Rabbi machen, denn Einer ist euer Lehrmeister, der Gesalbte [Messias]; ihr alle aber seid Brüder.
23:9 Und macht keinen zu eurem Vater auf Erden, denn Einer ist euer Vater in den Himmeln.
23:10 Und laßt euch auch nicht zu Lehrmeistern machen, denn Einer ist euer Lehrmeister, der Gesalbte [Messias].
Die Nestle/Aland-Ausgabe (in Übersetzung Ketelhohn) hat geschrieben:23:8 Ihr aber laßt euch nicht zum Rabbi machen, denn Einer ist euer Lehrmeister, ihr alle aber seid Brüder.
23:9 Und macht euch keinen zum Vater auf Erden, denn Einer ist euer himmlischer Vater.
23:10 Und laßt euch auch nicht zu Führern machen, weil euer Führer Einer ist, der Gesalbte [Messias].