Schönes Gebet?

Allgemein Katholisches.
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Robert Ketelhohn
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Schönes Gebet?

Beitrag von Robert Ketelhohn » Dienstag 4. März 2008, 01:29

Was denkt ihr über folgenden Text:
O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
daß ich Liebe übe, wo man sich haßt,
daß ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
daß ich verbinde, wo Streit ist,
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Ach, Herr, laß mich trachten,
nicht daß ich getröstet werde, sondern daß ich tröste,
nicht, daß ich verstanden werde, sondern daß ich verstehe,
nicht, daß ich geliebt werde, sondern daß ich liebe.

Denn wer da hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergißt, der findet,
wer vergibt, dem wird verziehen,
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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incarnata
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Beitrag von incarnata » Dienstag 4. März 2008, 03:51

Ist ein hoher Anspruch.Aber wenn Heiligkeit bedeutet ,Gott vor allem zu
lieben und dies in der Liebe zum Nächsten zu verwirklichen,auch wenn
primär für dich selbst kein Nutzen herausspringt-dann geht das so.
Letzlich nützt es Dir doch:es macht Dich frei:wenn Du nicht erwartest,daß
der andere Dich für Deine guten Taten lobt bist Du nicht enttäuscht,wenn
er es unterlässt;wenn er es aber tut ist es eine besondere Freude ! Wir sind
alle nutzlose Sklaven steht irgendwo in der Bibel !
Ich kenn das Gebet übrigends von den Morgengebeten bei radio horeb.
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende
Licht aus der Höhe.......(Lk1,76)

sofaklecks
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Poverello

Beitrag von sofaklecks » Dienstag 4. März 2008, 09:11

Soll vom Heiligen Franziskus stammen.

In England, nachgedichtet, ein Kirchenlied, manchem vielleicht noch von der Trauerfeier für Lady Di in Erinnerung.

Die perfekte Übersetzung des Gebots der Nächstenliebe.

Ob das Fragezeichen in der Threadüberschrift darauf beruht, dass der vertikale Bezug als vernachlässigt angesehen wird?

sofaklecks

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Clemens
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Beitrag von Clemens » Dienstag 4. März 2008, 09:18

Ich kenne es als "aus franziskanischen Kreisen während des 1.WK".

Und vom theologischen Stil her (vor allem das Mittelstück) kommt es mir tatsächlich recht modern vor.

Aber ich lasse es immer wieder gerne im Gottesdienst beten.

Und welchen vertikalen Bezug kann man da vermissen?
Es ist ein Gebet - lediglich die letzte Zeile könnte noch einen Zusatz vertragen, etwa "wer im Glauben an Dich stirbt, erwacht zum ewigen Leben"

Raphaela
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Re: Poverello

Beitrag von Raphaela » Dienstag 4. März 2008, 09:25

sofaklecks hat geschrieben:Soll vom Heiligen Franziskus stammen.
Diese These habe ich bis vor ein paar Jahren auch immer wieder gehört. Inzwischen heißt es, dass dies Gebet ca 1913 entstanden sei und zwar in Frankreich. Diese zweite Angabe steht auch im Gotteslob (GL 29,6)

Ein schönes Gebet vielleicht, aber schwer jeden Tag ehrlich zu beten - je nach Situation, in der man gerade steckt.
(Wenn man z. B. gerade ganz stark beleidigt wurde, dann gleich beten: "dass ich verzeihe, wo man beleidigt.")

Ein sehr hoher Anspruch in diesem Gebet

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Dienstag 4. März 2008, 10:30

Vor Jahren kam meine Frau Jana am Abend aus einem Glaubensgespräch beim orthodoxen Priester nach Hause. Ich war diesmal nicht dabei gewesen, sondern zu Hause, Tochter hüten, damals noch unser einziges Kind. Jana zeigte mir einen Gebetstext, den sie bekommen hatte, und fragte mich nach meiner Meinung. Ich kannte den Text damals noch nicht (obgleich er in unzähligen Varianten im Internet kursiert); es handelte sich eben um das oben wiedergegebene Stück.

Spontan stellte ich fest, daß der Text als solcher zwar nicht häretisch sei, aber doch in keiner Weise den Geist echten Gebetes atme. Ich vermutete die Herkunft in irgendwelchen friedensbewegten, tücherumwickelten Moralingruppen der achtziger Jahre. Auffällig – und zwar unangenehm auffallend – ist die starke Ich-Betonung des Textes. In einer Art gottesdienstlicher Versammlung vorgestellt, wird er zum didaktischen Moralstück. Am Schluß geht er ohnehin von formaler Bitte in Predigtton über.

Ja, sagte meine Frau, ganz ähnlich hätte der orthodoxe Priester das auch formuliert. Aber ob ich denn wisse, von wem das sei? – Nein, ich wußte es nicht – und erfuhr, daß es sich um das »Friedensgebet des Franz von Assisi« handele. Der orthodoxe Priester – den ich im übrigen sehr schätze, wiewohl ich ihn schon lang nicht mehr gesehen habe – hatte es als Beispiel genommen, um den Unterschied zwischen „östlichem“ und „westlichem“ Gebet zu illustrieren.

Ich war einigermaßen baff. Aus der heutigen Katholizität – ja, solch eine Herkunft konnte ich mir lebhaft vorstellen. Aber aus der Zeit des heiligen Franz – von der Person einmal abgesehen? – Nein, das klang mir allzu anachronistisch. Ich forschte ein wenig nach und fand schnell heraus, daß dieser Text in der Tat bei besagten „Friedensgruppen“ flächendeckend verbreitet ist, daß er dort eben als »Friedensgebet des Franz von Assisi« umläuft – daß er jedoch, wie einige oben bereits mitgeteilt haben, keineswegs vom heiligen Franz stammt, sondern erstmals 1913 in der französischen Zeitschrift »Souvenir Normand« auftaucht. Der wirkliche Verfasser ist unbekannt, mit Sicherheit aber nicht Franz, sondern ein Zeitgenosse damals, Anfang des 20. Jht.s.

Dennoch ist der zumindest implizite Vorwurf der Orthodoxen nicht unberechtigt. Denn der Ungeist jenes „Friedensgebets“ durchzieht heute nahezu flächendeckend die ganze Katholizität. Und zwar bis in die Spitze hinein. Und noch einmal, damit es deutlich wird: »Laß mich den Verzweifelten Hoffnung geben« – das ist keine formale Häresie, doch es ist ein hybrider Wunsch, inspiriert vom Ungeist grenzenlosen Hochmuts.

Kein Wunder, wenn die Heutigen ihren Ungeist in den heiligen Franz projizieren. Kein Wunder, wenn die Orthodoxen uns diesen Ungeist vorhalten. Den alten Franz trifft der Vorwurf wohl zu Unrecht, der heutigen Katholizität aber paßt er wie die Faust aufs Auge.
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iustus
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Beitrag von iustus » Dienstag 4. März 2008, 10:44

In der Katholischen Pfadfinderschaft Europas wird folgende Fassung gebetet:
Herr, mache uns zu einem Werkzeug Deines Friedens;
dass wir lieben wo man hasst;
dass wir verbinden, wo Streit ist;
dass wir die Wahrheit sagen wo Irrtum ist;
dass wir die Klarheit Deiner Herrschaft verkünden, wo Verwirrung ist.
Mache unsere Herzen gerade und offen,
um Dein Antlitz entdecken zu können im Antlitz eines jeden Gefährten,
dem wir begegnen auf den Straßen Europas und der Welt. Amen.

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Dienstag 4. März 2008, 10:52

Ja, da sieht man, wie das Mißverständnis von innerkirchlichen Fraktionen völlig unabhängig ist.
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iustus
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Beitrag von iustus » Dienstag 4. März 2008, 10:59

Aber die Unterschiede sind schon interessant. ;)

ad_hoc
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Beitrag von ad_hoc » Dienstag 4. März 2008, 11:02

Ja, diese Ich-Bezogenheit hat mich auch irritiert.
So wie es die Pfadfinder Europas beten, ist es sehr viel angenehmer.

Gruß, ad_hoc
quidquid cognoscitur, ad modum cognoscentis cognoscitur (n. Thomas v. Aquin)

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tantum ergo
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Beitrag von tantum ergo » Dienstag 4. März 2008, 11:23

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,

da ich keinen "Vorstellungs-Thread" gefunden habe, möchte ich gerne dieses Thema zu meinem ersten Posting nutzen.

Das obige Gebet kenne auch ich, auch mir war es bisher unter dem Autor Franziskus bekannt - so lernt man halt nie aus.

Was ich mich aber frage: was ist an dem Text so schlimm? Natürlich kommt ein paar viele male das Wort "ich" vor, aber schließlich ist doch das Gebet doch meistens ein persönliches Gespräch mit unserem Herrn. Und in diesem Gebet bitte ich unseren Gott, mir zu helfen, so zu werden, wie es in dem Text steht. Natürlich kann ich auch dafür beten, dass sich die ganze Welt so wandelt bzw. Gott die ganze Welt so wandelt - aber hier geht es dann eben darum, dass ich meinen eigenen Mangel in diesen Themen empfinde und Gott um seine Hilfe bitte, mich zu bessern.

So lese ich jedenfalls das Gebet und finde es daher ganz legitim

Ich hoffe, ich stapfe als "Neuer" nicht direkt in hunderte Fettnäpfchen und freue mich, auf ein Feedback!

Gottes Segen,
tantum ergo

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taddeo
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Beitrag von taddeo » Dienstag 4. März 2008, 11:54

Robert Ketelhohn hat geschrieben:... Spontan stellte ich fest, daß der Text als solcher zwar nicht häretisch sei, aber doch in keiner Weise den Geist echten Gebetes atme. Ich vermutete die Herkunft in irgendwelchen friedensbewegten, tücherumwickelten Moralingruppen der achtziger Jahre. Auffällig – und zwar unangenehm auffallend – ist die starke Ich-Betonung des Textes. In einer Art gottesdienstlicher Versammlung vorgestellt, wird er zum didaktischen Moralstück. Am Schluß geht er ohnehin von formaler Bitte in Predigtton über.
... Dennoch ist der zumindest implizite Vorwurf der Orthodoxen nicht unberechtigt. Denn der Ungeist jenes „Friedensgebets“ durchzieht heute nahezu flächendeckend die ganze Katholizität. Und zwar bis in die Spitze hinein. Und noch einmal, damit es deutlich wird: »Laß mich den Verzweifelten Hoffnung geben« – das ist keine formale Häresie, doch es ist ein hybrider Wunsch, inspiriert vom Ungeist grenzenlosen Hochmuts.
Hallo Robert,
Deine Probleme mit diesem Text verstehe ich auch nicht ganz. Du bist doch sonst ein Meister darin, Hintergründe und formale Eigenheiten eines Textes zu sezieren - warum machst Du das nicht auch in diesem Fall? (Mir ist bei dem Text spontan in die Augen gesprungen, daß er offensichtlich die sprachliche Anleihen bei der Bergpredigt nimmt, nämlich die Antithesen, und die Formulierungen "mach mich ... daß..." sind ja auch sicher als stilistische Verkürzungen der gemeinten Aussage "laß mich als dein Werkzeug helfen ..." gedacht.)
Und die Grundaussage, daß wir nicht auf andere oder "die Kirche" warten dürfen, um in unserer Welt Christus durch Werke der Nächstenliebe zu verkünden - was ist daran so schlimm und unorthodox? Der Beter setzt sein Vertrauen auf den Herrn und bittet ihn mit Anleihen an biblische Formulierungen um die Kraft, Jesu Botschaft in die Tat umzusetzen und nicht auf eigene Stärke zu vertrauen, oder nicht? Ich finde, Deine Ausdrücke "Moralstück" und "Hybris" gehen hier an der Sache etwas vorbei.

Ich glaube, man kann das Gebet durchaus ehrlichen Herzens beten, wenn man es nicht von vornherein in die falsche ideologische Gurgel gekriegt hat, wie es Dir offensichtlich passiert ist. (Ich gestehe, daß mir das mit anderen Texten auch schon so gegangen ist, vor allem mit manchen Kirchenliedern. Aber in einigen Fällen haben sich bei näherem Hinsehen manche meiner Zweifel wieder aufgelöst, in anderen dafür bestärkt.)

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songul
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Beitrag von songul » Dienstag 4. März 2008, 12:11

Kann mich dem "Neuen" durchaus anschließen.

Ich verstehe auch nicht ganz, was an diesem Gebetchen so
bedenklich sein soll. Da kursiert doch allemal schwerere Kost in gewissen katholischen oder protestantischen Kreisen, z. B. bestimmte marianische Gebete oder an unseren "Bruder" Jesus.

Ich bin zwar orthodox, aber dieses Gebet verstehe ich eher als Aufforderung den allgemeingültigen christlichen Tugenden, als zu einer Art von Narzissmus.

Wer das für sich anwendet, ist sicher kein Softie denn es gehört wohl eine Menge starker Glaube,Selbstdisziplin und stetige Umkehr dazu.

Bedenklich finde ich nur, dass das dem Hl. Franziskus zugeschrieben wird, wenn dem wohl doch nicht so ist.

Grüße Songul

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anneke6
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Beitrag von anneke6 » Dienstag 4. März 2008, 12:23

Ich denke…
Wenn das Gebet wirklich vom hl. Franziskus stammt: Warum wurde es früher nie erwähnt. Es sind vom hl. Franziskus Texte überliefert (zumindest nimmt man an, daß sie von ihm stammen), die viel länger bekannt sind. Wenn das Gebet 1913 entdeckt wurde…unter welchen Umständen. Gebete vom hl. Franziskus tauchen nicht einfach in Höhlen auf wie die Schriftrollem vom Toten Meer.
Was den Inhalt angeht…
Das Gebet ist sicherlich in guter Intention verfaßt worden. Stellenweise liest es sich aber tatsächlich mehr wie: Ich möchte sein wie Du oder gar: Ich möchte Du sein.

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Clemens
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Beitrag von Clemens » Dienstag 4. März 2008, 12:49

Mensch, seid Ihr kritisch (hoffentlich nicht hypokritisch)!

Wenn man das Gebet in geistlicher Intention beten will, dann lasst die guten Leute das doch tun,

dass das, was sonst landauf, landab so (vor-)gebetet wird, immer besser ist, werdet Ihr ja auch nicht behaupten wollen.

Gebete sind keine dogmatischen Texte und sollten auch icht als solche zerpflückt, sondern eben - ja, richtig! - gebetet werden!

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incarnata
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Beitrag von incarnata » Dienstag 4. März 2008, 12:51

"Ich möchte sein wie Du" ist letztlich ja der Inhalt der Nachfolge Christi:wenn
ich mir bewußt bin,daß ich das eben aus eigener Kraft und nach meinen
Vorstellungen nicht kann, sondern nur aus Seiner Gnade heraus dann ist das
ja gerade der diametrale Gegensatz zu der alten Sünde Adams !
Das "Ich" löst sich ausserdem beim Beten eines vorformulierten Gebets
automatisch in ein "Wir" auf,da man sich mit all den Betern vereinigt fühlt
die gerade irgendwo auf der Welt dasselbe beten.Daß einen dieses Gebet
beim ersten Lesen etwas seltsam berührt,da man geneigt ist gleich zu
sagen,das sei sowieso nicht zu schaffen ist klar-deshalb auch die Denn-
Begründungen am Schluss.Aber zu Ende gedacht ist es eben genauso
wie mit der Bergpredigt:Christ-Sein ist in gewisser Weise "verrückt" vor
den Augen der Welt ! Der Hl. Franz wurde auch von vielen Zeitgenossen als
Verrückter angesehen-da scheint die Quelle dieser Zuschreibung zu liegen.
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende
Licht aus der Höhe.......(Lk1,76)

Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus » Dienstag 4. März 2008, 14:03

Clemens hat geschrieben: Gebete sind keine dogmatischen Texte und sollten auch icht als solche zerpflückt, sondern eben - ja, richtig! - gebetet werden!
Dem kann ich nicht zustimmen. Lex orandi - lex credendi! Sage mir, was Du betest, und ich sage Dir, was Du glaubst... Das Gebet ist innerster Ausdruck dessen, was man glaubt - und darum ist auf die liturgischen Texte der Kirche die allergrößte Sorgfalt zu verwenden.

Allerdings halte auch ich dieses Gebet nicht für sehr problematisch. es spricht vom Geist der Demut und Selbstverleugnung und Hingabe, alles Eigenschaften der Heiligen. Insofern atmet dieses Gebet den Geist der Heiligung. Es verwurzelt diese Eigenschaften nicht im Menschen selbst, sondern in Gott. Auch wenn der geistliche Bezug nicht in allen Bitten des Textes benannt wird, sollte man nicht die formale Klammer außer acht lassen, die den Text umschließt. Er beginnt mit der Anrufung Gottes, der die Ursache und der Grund dieses Wunsches nach Heiligung ist. In ihm sind die Qualitäten verwurzelt, nach denen sich der Beter sehnt, er ist die Quelle und er allein kann wahre Heiligung schenken. Die Anrufung "O Herr" steht daher am Anfang jeder einzelnen Bitte erneut, auch wenn sie nicht genannt wird. Die Klammer wird durch das "Amen" am Schluß wieder aufgenommen, das den Bitt- und Gebetscharakter des Textes bestätigt.

Es gibt übrigens eine recht beeindruckende Vertonung dieses Textes von Kurt Hessenberg im spätromantischen Stil.
If only closed minds came with closed mouths.

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HeGe
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Beitrag von HeGe » Dienstag 4. März 2008, 14:11

Ich habe das Gebet auch schon öfter mal gehört und es wie Robert eigentlich eher in die neueste Zeit eingeordnet. Dass es wohl schon von Anfang des letzten Jahrhunderts ist, zeigt nur, dass die Friedensbewegung in der katholischen Kirche eine lange Tradition hat.

Inhaltlich kann man da ja glaube ich kaum was gegen haben, allerdings fehlt mir ein wenig die Anbindung an das "warum".
Preces meae non sunt dignae: / Sed tu bonus fac benigne, / Ne perenni cremer igne.

Ecce Homo
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Beitrag von Ecce Homo » Dienstag 4. März 2008, 16:38

tantum ergo hat geschrieben:Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,

da ich keinen "Vorstellungs-Thread" gefunden habe, möchte ich gerne dieses Thema zu meinem ersten Posting nutzen.

Das obige Gebet kenne auch ich, auch mir war es bisher unter dem Autor Franziskus bekannt - so lernt man halt nie aus.

Was ich mich aber frage: was ist an dem Text so schlimm? Natürlich kommt ein paar viele male das Wort "ich" vor, aber schließlich ist doch das Gebet doch meistens ein persönliches Gespräch mit unserem Herrn. Und in diesem Gebet bitte ich unseren Gott, mir zu helfen, so zu werden, wie es in dem Text steht. Natürlich kann ich auch dafür beten, dass sich die ganze Welt so wandelt bzw. Gott die ganze Welt so wandelt - aber hier geht es dann eben darum, dass ich meinen eigenen Mangel in diesen Themen empfinde und Gott um seine Hilfe bitte, mich zu bessern.

So lese ich jedenfalls das Gebet und finde es daher ganz legitim

Ich hoffe, ich stapfe als "Neuer" nicht direkt in hunderte Fettnäpfchen und freue mich, auf ein Feedback!

Gottes Segen,
tantum ergo
Den Vorstellungsthread findest du hier... ganz herzlich willkommen im Kreuzgang...
:huhu:
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tantum ergo
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Beitrag von tantum ergo » Dienstag 4. März 2008, 16:53

„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49)

sofaklecks
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Aha

Beitrag von sofaklecks » Dienstag 4. März 2008, 17:05

Aha,

wusst ich's doch.

Da bin ich aber froh, dass ich meinen esten Postingentwurf nicht abgeschickt habe. Da hiess es nämlich noch: "Nur ein Beckmesser würde sich daran stören, dass der vertikale Bezug fehle."

sofaklecks

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Beitrag von Ecce Homo » Dienstag 4. März 2008, 17:35

sofaklecks hat geschrieben:Aha,

wusst ich's doch.

Da bin ich aber froh, dass ich meinen esten Postingentwurf nicht abgeschickt habe. Da hiess es nämlich noch: "Nur ein Beckmesser würde sich daran stören, dass der vertikale Bezug fehle."

sofaklecks
Sorry, don´t get that... :hmm:
Zuletzt geändert von Ecce Homo am Dienstag 4. März 2008, 17:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von Flamme » Dienstag 4. März 2008, 17:42

Soweit ich weiß, hing dieses Gebet bei Mutter Teresa an der Wand. Bei ihr dürfte dieses Gebet erhört worden sein. Es beschreibt das, worum sie sich in ihrem Leben bemüht und was sie gelebt hat. Von "Ich"-Betonung kann man bei ihr wohl kaum reden.

Wenn Menschen "ich" sagen, meinen sie wohl sehr verschiedenes. Ein Mensch, der unmittelbar aus Gott lebt, kann es wohl kaum sagen, ohne Gott zu meinen. - à la "Nicht ich lebe, sondern Jesus lebt in mir."

lg
Flamme

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Übersetzt

Beitrag von sofaklecks » Dienstag 4. März 2008, 17:44

"Nur ein ewiger Besserwisser würde an dem Gebet deshalb herumkritisieren, weil es sich zu sehr auf das Verhältnis zum Mitmenschen und zu wenig auf das Verhältnis des Beters zu Gott beziehe."

Capisci?

sofaklecks
Zuletzt geändert von sofaklecks am Dienstag 4. März 2008, 20:28, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Linus » Dienstag 4. März 2008, 17:52

Ich kenne dieses Gebet als Lied (im "Das Lob" zu finden)- und hab es immer abgelehnt. deswegen auch nur sehr selten mitgesungen.
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
"Black holes are where God divided by zero. - Einstein

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Beitrag von Nueva » Dienstag 4. März 2008, 19:35

Warum hast du es abgelehnt??

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Re: Übersetzt

Beitrag von Ecce Homo » Dienstag 4. März 2008, 20:03

sofaklecks hat geschrieben:"Nur eine ewiger Besserwisser würde an dem Gebet deshalb herumkritisieren, weil es sich zu sehr auf das Verhältnis zum Mitmenschen und zu wenig auf das Verhältnis des Beters zu Gott beziehe."

Capisci?

sofaklecks
Ach so - ich dachte, das bezog sich auf meine Begrüßung von tantum ergo... *puh* ;)
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Beitrag von Linus » Dienstag 4. März 2008, 23:10

Nueva hat geschrieben:Warum hast du es abgelehnt??
Zuviel "ich" zuwnig "Du" - Herr mach du mit mir, was du willst. Rede Herr dein Diener hört." Aber auch die Vertonung ist katastrophal (das sage ich als musikalische Banause)
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Beitrag von Nueva » Mittwoch 5. März 2008, 11:39

Ja, das ging mir ähnlich. Wenn ich mir vorstelle, wieviele selbsternannte "Friedenswerkzeuge" rumalufen...
Es dreht sich alles nur um's "ICH"

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Donnerstag 6. März 2008, 10:43

So, ich will denn mal zugeben, daß wir dieses Thema hier vor Jahren schon einmal hatten. Ich bin vor drei Tagen – auf der Suche nach was anderem – zufällig drauf gestoßen und dachte mir, es würde interessant zu schauen, wie die heutigen Kreuzgangster drauf reagieren.

nun, besonders überrascht bin ich von den Reaktionen nicht, besonders nicht von den positiven, bzw. denen, die meine Kritik nicht nachvollziehen können. Eine Auswahl davon:
Sofaklecks hat geschrieben:Die perfekte Übersetzung des Gebots der Nächstenliebe. Ob das Fragezeichen in der Threadüberschrift darauf beruht, dass der vertikale Bezug als vernachlässigt angesehen wird?
Clemens hat geschrieben:Aber ich lasse es immer wieder gerne im Gottesdienst beten.
HeGe hat geschrieben:Inhaltlich kann man da ja glaube ich kaum was gegen haben
Taddeo hat geschrieben:Und die Grundaussage, daß wir nicht auf andere oder "die Kirche" warten dürfen, um in unserer Welt Christus durch Werke der Nächstenliebe zu verkünden - was ist daran so schlimm und unorthodox? Der Beter setzt sein Vertrauen auf den Herrn und bittet ihn mit Anleihen an biblische Formulierungen um die Kraft, Jesu Botschaft in die Tat umzusetzen und nicht auf eigene Stärke zu vertrauen, oder nicht?
Songul hat geschrieben:Ich bin zwar orthodox, aber dieses Gebet verstehe ich eher als Aufforderung den allgemeingültigen christlichen Tugenden
Nehmen wir erst mal dies:
Tantum ergo hat geschrieben:Und in diesem Gebet bitte ich unseren Gott, mir zu helfen, so zu werden, wie es in dem Text steht.
Ja, aber was steht denn in den Text?

Steht dort: »Erbarme dich meiner, daß ich den lieben kann, der mich haßt«?
Steht dort: »Gewähre mir Sünder, daß ich dem vergeben kann, der mich beleidigt hat«?
Und steht dort zuvor erst einmal: »Vergib mir, daß ich gehaßt und beleidigt habe«?
Und sodann: »Vergib du dem, der mich haßt und beleidigt«?

Schon hier, wo es wirklich um Grundtugenden des Christen geht, ist die Sache merkwürdig verdreht: »… mache mich …, wo man …«. »Mache mich zur Leuchte in der Finsternis.«

Aber dann geht’s erst richtig los. Zur Erinnerung:
daß ich verbinde, wo Streit ist,
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt …
nicht daß ich getröstet werde, sondern daß ich tröste
Soll ich wirklich »so werden, wie es in dem Text steht«? Besser formuliert: Bin ich zu dem berufen, was da proklamiert wird? Bin ich berufen, Versöhner der Streitenden zu sein? Bin ich berufen, Licht in der Finsternis zu sein? Bin ich berufen, Quell der Hoffnung zu sein? Bin ich berufen, Freudenspender zu sein? Bin ich der Tröster?

Der ganze Text läßt sich eigentlich zusammenfassen in dem Satz: »Herr, mach mich zu einem großen Licht dem Volke, das in der Finsternis wandelt, und zur Leuchte den Bewohnern des Landes der Todesschatten.« Oder noch prägnanter: »Lieber Gott, laß mich Jesus sein.«
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Beitrag von tantum ergo » Donnerstag 6. März 2008, 11:02

Robert Ketelhohn hat geschrieben:Aber dann geht’s erst richtig los. Zur Erinnerung:[/align][/color]
daß ich verbinde, wo Streit ist,
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
daß ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt …
nicht daß ich getröstet werde, sondern daß ich tröste
Soll ich wirklich »so werden, wie es in dem Text steht«? Besser formuliert: Bin ich zu dem berufen, was da proklamiert wird? Bin ich berufen, Versöhner der Streitenden zu sein? Bin ich berufen, Licht in der Finsternis zu sein? Bin ich berufen, Quell der Hoffnung zu sein? Bin ich berufen, Freudenspender zu sein? Bin ich der Tröster?
Interessant, wie unterschiedlich man die Intention von Texten verstehen kann. Beinahe hätte ich auf jede der formulierten Fragen mit einem deutlichen Ja geantwortet. Ich glaube zu verstehen, was Du meinst, aber ich frage mal andersrum:
Sollte ich nicht zu versöhnen versuchen, wo Streit herrscht?
Sollte ich als Christ nicht versuchen, ein Licht in der Finsternis zu sein (ich glaube, wir sind genau dazu aufgerufen)?
Sollte ich nicht versuchen, Hoffnung in den Menschen zu wecken, die verzweifelt sind?
Sollte ich nicht eher darauf schauen, ob ich andere trösten kann, bevor ich selbst getröstet werden möchte?
Was natürlich noch fehlt, aber das scheint mir die Grundintention des Gebetes zu sein, dass ich dazu Gottes Hilfe brauche - um in einem der Beispiele zu bleiben: Gott mischt sich nun mal meist nicht direkt in Streitigkeiten ein, in dem Sinne, dass eine Stimme zu den Streitenden spricht und sie zur Ordnung ruft. Dann braucht es Menschen, die dies - im Auftrag unseres Herrn - tun. Und, wie sieht es aus: mischen wir uns ein? Oder ist es nicht viel bequemer, sich rauszuhalten? Vielleicht sogar, um am Ende nicht auf der falschen Seite zu stehen, oder sich gar den Unmut beider Seiten der Streitenden zuzuziehen? Ich jedenfalls kann nicht von mir behaupten, so ein toller Versöhnungsstifter zu sein. Und deshalb brauche ich Gottes Hilfe, und um die bete ich in diesem Gebet.

Wie gesagt, ich verstehe die Kritik, weil ich mir auch vorstellen kann, dass man das Gebet in "falscher" Intention beten kann - aber sollten wir nicht einfach mal positiv annehmen, dass der durchschnittliche Beter und auch der Dichter dieses Gebetes damit nicht gemeint hat "Gott, mach mich Dir gleich!"

Gottes Segen,
tantum ergo
„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49)

Dr. Dirk
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Beitrag von Dr. Dirk » Donnerstag 6. März 2008, 11:09

Der Autor bittet darum, als Werkzeug gebraucht zu werden. Damit ist "Lass mich Jesus sein" eben nicht Gegenstanst des Gebetes. Es ist vielmehr ein apostolisches Gebet.

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