@Clemens
Deinen Ausführungen folgend ist der Glaube der Kirche bis mindestens 1950* ein Glaube, der, wenn er heutzutage von Erwachsenen bekannt wird, als kindisch bezeichnet werden muss. Du sprichst das erfreulich klar aus. Ich habe zu meiner Zeit solches weder in der Schule noch in der Kirche gelernt. Es wurde bloß auf hinterlistige Weise versucht, das unterschwellig zu vermitteln, jedenfalls dämmerte auch mir immer klarer, dass das wohl unter Besserwissenden so oder so ähnlich gesehen wurde. Die Unterteilung der Gemeinde in zu Blöde und Schlauere hat, wie ich später in Erfahrung gebracht habe, ihre Ursprünge im Protestantismus der Zeit der sogenannten "Aufklärung".
Nun legst Du verständlicherweise Wert darauf, als vernünftig zu gelten und nicht als kindisch angesehen zu werden. Als einzig mögliche Konsequenz siehst Du:
Clemens hat geschrieben:[man interpretiert] das Dogma offener, wie es heute praktisch alle katholischen Theologen tun.
Und Du gibst unumwunden zu:
Clemens hat geschrieben:Natürlich besteht da eine ziemliche Spannung zum Wortlaut von Trient.
Zu gut Deutsch: Das Dogma ist - so wie es ist - kindisch, und was in Trient zu glauben vorgelegt wurde ist nicht nur unglaubwürdig sondern widerspricht "den erkennbaren Tatsachen", wie Du außerdem formulierst.
Deine Vorgehensweise besteht also darin, den Glauben der Kirche an die "erkennbaren Tatsachen" anzupassen. Warum aber sollte irgendwer etwas glauben, das - wenn heute dann wohl auch morgen - jeweils passend gemacht werden muss, weil es gerade nicht stimmt? Warum sollte ich einer Kirche glauben, die mir heute erklärt, was Gott will, die sich auf 2000 Jahre Tradition beruft, und die mir heute ebenfalls erklärt, dass sie früher halt leider noch nicht so recht die Ahnung hatte? Warum sollte ich nicht vernünftigerweise davon ausgehen, dass sie mich spätestens morgen als kindisch ansehen wird, wenn ich ihr heute abnehme, was sie verzapft?
Kommt mir vor wie jene Frau, die vor langer Zeit mit dem Vortrag um mich warb, der Mann, den sie gerade verlassen hatte, sei ein Depp gewesen. --- Sie suchte einen Nachfolgedepp.
Clemens hat geschrieben:Wer einen kindischen Glauben als Erwachsener krampfhaft festhält und pflegt, wird immer Angst davor haben, dass jemand ein besseres Argument kennt und deshalb sich Argumenten verschließen und Nachdenken vermeiden, damit man nicht auf unerwünschte Ergebnisse kommt.
Mit Verlaub, aber das ist ein Ammenmärchen. Wem der Herr die Gnade des Glaubens schenkt, der hat keine Angst, weder vor den Schwertern der Welt noch vor der jeweils modischen Weisheit der Welt. Er hat auch gar keinen Grund dazu, weil die gesammelten Werke dieser Art von Weisheit so schnell wie Popmusik vergehen und in Vergessenheit geraten.
Man braucht sich bloß den Wikipedia-Artikel
Wissenschaftstheorie der Theologie durchzulesen, um zu verstehen, dass von "erkennbaren Tatsachen" überhaupt nicht die Rede sein kann. Unter modernen Theologen gibt es keine erkennbaren Tatsachen. Da gibt es nur "intersubjektive Wahrheiten", "Dialogregeln zur kommunikativen Wahrheitsfindung" und allerlei dergleichen mehr. Logisch, dass die Haltbarkeitsdauer der Thesen und Theorien da in derselben Größenordnung liegt, wie die Haltbarkeitsdauer von Wettervorhersagen**. Tatsächlich wahr sind jene Aussagen, Gedanken und Ideen, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Keine Phlogistontheorie ist jemals wahr, selbst dann nicht, wenn die Gemeinschaft der Wissenschaftler sie gerade überwiegend vorzieht.
Wenn die Kirche von
fides et ratio spricht, dann sagt sie damit u.a., dass der wahre Glaube aller Zeiten gar keinen erkennbaren Tatsachen widersprechen kann. Wer Gegenteiliges behauptet, mag Nachweise vorlegen. Was die modernen Theologen vorlegen, sind keine Nachweise, sondern Thesen oder Theorien, die keine Faktizität beanspruchen. Sie beanspruchen der eigenen Wissenschaftstheorie gemäß - sofern überhaupt - bloß intersubjektiver Konsens zu sein, sprich: sie beanspruchen ggf. aktuelle Mehrheitsmeinung der Theologenzunft zu sein.
Deine Rede von erkennbaren Tatsachen trifft nicht das Selbstverständnis der modernen Theologie. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der modernen Theologie zeigen hingegen, wie die moderne Theologie verstanden werden will. Sie gibt nicht vor, Tatsachen zu erkennen. (Der Gag der modernen Theologie besteht eben nicht darin, heute neue Dogmen aufzustellen, und Abweichler nun nicht mehr "Häretiker" sondern modernerweise "kindisch" zu schimpfen. Der Gag besteht darin, eine Evolution zu ermöglichen, indem Dogmen neutralisiert und bloß nicht noch mehr davon geschaffen werden. )
Fazit: Die Alternativen, um die es hier geht, lauten: Glaube ich dem apostolisch beauftragten Lehramt, dem der Beistand des Heiligen Geistes zugesichert ist und das seit frühester Zeit den Glauben dogmatisch definiert und Abweichler mit dem Anathema belegt, oder glaube ich der aktuellen Mehrheitsmeinung der Theologenzunft (plus vielen Wölfen im Hirtenpelz).
Weniger als ein Jahr bevor die erste "Atom"-Kernspaltung gelang, hatte der Nobelpreisträger Niels Bohr gezeigt, dass und warum sie unmöglich sei.
*) Ich nenne das Jahr 1950 wegen Pius XII., Humani Generis, oben von ChrisCross verlinkt.
**) Das ist ein Merkmal aber kein Alleinstellungsmerkmal der modernen Theologie.