Da hast du natürlich vollkommen recht. Ich darf aber replizieren, was ich
hier schon schrieb.
cantus planus hat geschrieben:Weder das I. Vaticanum, noch das II. Vaticanum sind bis heute vollständig rezipiert worden, und die Unwissenheit und Desinformation ist verheerend.
Sorgen bereitet mir jene Aussage, dass das offizielle Lehramt ja kaum noch eine Stimme hat, da sich jeder aus den lehramtlichen Aussagen das Seine herauspickt. Genau das ist das Problem der heutigen Kirche. Und aus dieser Sicht möchte ich deinen letzten Absatz ergänzen: natürlich wünschte auch ich mir, der Papst würde manche Dinge radikaler angehen und deutlichere Zeichen setzten. Ich bemerke in der Praxis aber immer wieder, dass der Papst genau das richtige Tempo anschlägt. Er versucht, die Menschen langsam zu überzeugen. Er weiss: man kann 50 Jahre Mißbräuche, Häresie und Verdrehung theol. Fachvokabulars nicht mit einem einzigen Machtwort beenden, denn die Gläubigen wären heute nicht in der Lage zu folgen. Die Schuld an diesem Zustand ist nicht den Gläubigen zuzuschreiben, sondern den Hirten, die in sträflichem Leichtsinn ihre Aufgaben vernachlässigen, sich aber an anderer Stelle in jeden Firlefanz einmischen.
Ich befürchte, dass der Arm des Heiligen Stuhles in den letzten Jahrzehnten sehr kurz geworden ist. Und verschiedene Ereignisse der letzten Monate haben mich noch skeptischer werden lassen, ob der Papst die ihm zustehende Macht praktisch überhaupt noch zu nutzen vermag.
Möglicherweise brauchen wir einmal wieder ein "Übergangspontifikat", dass die Weichen stellt und neuen Schwung bringt. Letzteres ist auf jeden Fall schon jetzt zu beobachten: die konservative Szene ist lebendiger geworden - krankt aber leider an ihrer Zersplitterung in Partikularinteressen. Im augenblick ist die Geduld in der Tat die höchste Tugend, da die Bischofssitze bspw. im deutschen Sprachrraum fest in der Hand der Modernisten sind. Alles hängt davon ab, ob es diesem Papst gelingt, die wichtigsten Bischofssitze mit guten und treuen Leuten neu zu besetzen. Der nächste Papst hätte dann mehr Möglichkeiten, diesen Kurs zu festigen - wenn nicht einer der Modernisten zum nächsten Papst gewählt wird, was Gott verhüten möge.