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Das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 09:32
von Dieter
In der gestrigen Predigt hörte ich, dass diese Bibelstelle von Luther nicht ganz korrekt übersetzt worden sei.

Luther schreibt: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. "

Richtig übersetzt, so der Prediger, müsse es aber heißen:

"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte DER Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. "

"Die" Liebe (in ihrer ganzen Fülle) könne nur Gott haben. Wir Menschen könnten aber immer nur einen Teil dieser Liebe (Teil DER Liebe) erreichen.

Für viele Menschen kann diese Botschaft sehr tröstlich sein, denn mit einer Forderung, "die" Liebe zu haben, wird jeder Mensch überfordert sein.

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 10:03
von Hubertus
Also auf den ersten Blick läßt sich das nicht erhärten. In der Vulgata heißt die Stelle:
caritatem autem non habeam
caritatem habere: (die) Liebe haben

Auch z.B. die King James Version hat:
have not charity
Und nicht irgendwie 'lack' oder 'want'.

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 10:05
von PascalBlaise
Das hört sich für mich eher nach einem Versuch an, des Genitivs zu retten, als nach Aufdecken eines großartigen semantischen Unterschieds,
hervorgerufen durch einen Übersetzungsfehler.
Wenn man die (der) Liebe hat, "ist" man sie ja deswegen noch nicht notwendig und ausschließlich.

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 10:20
von Lupus
"alt"sprachlich: hätte ich des Geldes genug, kaufte ich mir einen neuen Daimler
heute: hätte ich genug Geld, dann...

Wie ich finde, lediglich eine altertümliche Redeweise.

Der Genitiv wird heute (leider) allzu oft mit Präpositionen umschrieben oder mit dem Dativ abgewürgt!
Ich habe im Deutschunterricht noch gelernt: des Bieres kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll. Will heißen: begierig, kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, voll; das sind die Präpositionen, die den Genitiv regieren!
heute ist man begierig auf etwas, eingedenk wessen kommt kaum noch vor, ebenso teilhaftig, des Deutschen ist man nicht mehr mächtig, sondern man kann einfach deutsch, gelegentlich ist man wohl noch voll guten Weins!

vgl.: "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod"

+L.

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 11:49
von Dieter
Luther hat aus dem Altgriechischen heraus übersetzt.

Gibt es hier jemanden, der diese Stelle direkt aus dem Griechischen übersetzen kann?

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 12:33
von Hubertus
Dieter hat geschrieben:Luther hat aus dem Altgriechischen heraus übersetzt.

Gibt es hier jemanden, der diese Stelle direkt aus dem Griechischen übersetzen kann?
Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον
(Hier:) "(die) Liebe aber nicht hätte"

ἀγάπην ist Akkusativ Singular.
Zu ἔχω vgl. hier: https://en.wiktionary.org/wiki/%E1%BC%94%CF%87%CF%89

Eine Interliniearübersetzung s. hier: http://biblehub.com/text/1_corinthians/13-1.htm

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 13:04
von Marion
Dieter hat geschrieben:Luther schreibt: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. " Richtig übersetzt, so der Prediger, müsse es aber heißen:
Da ist eine uralte Luther Ausgabe mit "und hätte der Liebe nicht" https://books.google.com.br/books?id=dM ... 22&f=false
Aber auch in der neuen (1912er) steht "der Liebe" http://www.bibel-online.net/buch/luther ... inther/13/

Re: das Hohelied der Liebe (1. Kor. 13)

Verfasst: Montag 8. Februar 2016, 13:54
von Dieter
Danke!