Aktive Sterbehilfe bei Demenz

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Geronimo

Beitrag von Geronimo »

anselm hat geschrieben:
beatrice hat geschrieben:Es läßt grüßen die Hochglanzwirsindallejungfitunddynamischgesellschaft! Passend dazu natürlich ein Wust gesetzlicher Regelungen, die bestimmen, daß alles was irgendwie nach Verfall aussieht oder unsere an idyllische Hochglanzmagazine gewöhnten Augen beleidigen könnte, kein Recht mehr auf Unterstützung jedweder Art hat. Klar, meine Geldbörse ist mir näher als das Hüftgelenk meiner Oma. Und statt sich über ein neues System der Krankenversorgung Gedanken zu machen, läßt man lieber die "Alten" über die Klinge springen. Die fressen uns ja eh die Haare vom Kopf. :sauer:
Tschuldingung, aber das Thema bringt mich etwas auf die Palme :( Beatrice
Es geht letztlich um die Festlegung von Entscheidungsregeln in speziellen Fällen, bei denen zwischen mehreren Übeln das kleinere gewählt werden soll.

Zwei Beispiele:
(1) Bei einem extrem schwerbehinderten Neugeborenen stellt sich z.B. die Frage: Geräte abstellen mit der Folge eines Sterbeprozesses, der sich vielleicht über Wochen oder Monate hinziehen kann oder der aktiven Tötung.
(2) Abtreibung von schwer missgebildeten Föten. Wenn das Kind geboren wird hätte dies für das Kind und die Eltern schwerwiegende negative Konsequenzen, bei Abteibung könnte die Familie in Zukunft vielleicht ein oder mehrere gesunde Kinder zur Welt bringen.

In jedem Fall wird Entscheidung getroffen, die weit reichende Konsequenzen hat.
Beide von dir hier vorgebrachte Beispiele hielte ich für indiskutabel. Als Vater von zwei Kindern sage ich ganz klar - ich möchte mein Kind -wäre uns dieses Schicksal beschieden gewesen - auf seinem Weg ins Paradies begleiten und zwar auf auf dem Weg, den Gott vorgesehen hat. Der Gedanke, ein schwerstbehindertes Kind zu töten (aktiv), ist mir ein abscheulicher und ich halte das für Kind und Eltern zutiefst unmoralisch. Es gibt Mittel und Wege, dass so ein Kind nicht unnötig leiden muss. Darum muss gekämpft werden - nicht darum, ihm gleich die Todesspritze zu verabreichen .
Der zweite Fall ist noch haarsträubender - wo ist der Zusammenhang zwischen einem mißgebildeten Fötus und evtl. anderer gesunder Kinder? Das ist an den Haaren herbeigezogenen. Und was heißt schwer mißgebildetet? Offener Rücken? Spastisch gelähmt? Keine Ärmchen? Bei mangelnder Ausbildung der inneren Organe wird das Baby sowieso keine Überlebenschance haben. Und der Rest? Down-Syndrom? Schwer oder nicht? Wo ist denn die Grenze bei Behinderung? Das ist dermaßen ein Stuß, der da zusammengeredet wird.
Nun, wir haben ja heute in den Heimen eine Reihe Menschen, die so gesehen am besten nie geboren wären. Alle die, die zucken, sabbern und lallen und nicht mal "praktisch bildbar" sind. Die Zeit ihres Lebens versorgt werden müssen.
Anselm, wir reden hier nicht von irgendwelchen Fällen oder Konstellationen - sondern von konkreten Personen.
Und in jedem Falle treffen die Entscheidungen die Eltern, und nicht irgendwelche am grünen Tisch unmenschlichen Sermon vor sich Hinmurmelnde.

Ohne dass ich dich jetzt damit meine - aber ich habe eh den Eindruck, dass diejenigen, die am allerweitesten von der Problematik weg sind, am ehesten und lebhaftesten mit Lösungen und Euthanisie-Vorschlägen auftreten. Die Frage ist wohl berechtigt, wer von all denen jemals wirklich in einer Frühgeborenen-Station gearbeitet, mit behinderten Kinder gelebt hat, Koma-Patienten gepflegt, unheilbar Kranke beim Sterben begleitet hat, im Altenheim die Windeln gewechselt hat.

Anselm, es tut mir leid, wir drehen uns im Kreise. Bestimmte Dinge sollten niemals in einer Gesellschaft zur Disposition stehen - und auch nicht zur Diskussion. Es ist ein Irrtum zu meine, man dürfe über alles reden und könne jegliche Möglichkeiten wertfrei diskutieren. Damit verhindert man prima, dass die Dinge beim Namen genannt werden - nämlich, dass es Nazi-Ideologie ist, die sich da langsam durchsetzt, dass wir eine Menschen-Wegwerf-Gesellschaft nicht zu ansteuern, sondern bereits am Verwirklichen sind, und dass, in ein Mäntelchen von angeblich liebevoll gewährter indivudueller Freiheit ein Werte-Umbruch (oder eher Einbruch) sondergleicen stattfindet.

Geronimo

Geronimo

Beitrag von Geronimo »

@Beatrice - das ist genau der Punkt. Die dementiellen Veränderungen verlangen von den Angehörigen einen ungeheuren Umstellungsprozeß. Dass der geliebte Mensch sich schon lange vor seinem Tod aus dem gemeinsamen Leben "verabschiedete", praktisch fortgeht in eine andere Welt, ist eine schreckliche Erkenntnis. Man bleibt allein ...

Dementiell veränderte Menschen sind aber nicht unglückliche Menschen. Wir hatten gestern abend im Heim einen Dämmerschoppen, auf den sich alle sehr gefreut haben ... Da könnt ich ja mal hingehen und gucken, welche Grade die Demenz bei den einzelnen dort Anwesenden hat und welche ich dann mal aussondere und in den Niederlanden zur Entsorgung vorschlage ... Damit können wir uns auch die Musiktherapie, die Tierbesuche und den Clown sparen, der immer zu uns kommt, um die Leute zu erfreuen. Und man braucht auch die Namen ihrer Stofftiere nicht mehr auswendig zu wissen und schon gar nicht ihre Lebensbiografie.

Geronimo :(

Cicero
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Beitrag von Cicero »

anselm hat geschrieben: (2) Abtreibung von schwer missgebildeten Föten. Wenn das Kind geboren wird hätte dies für das Kind und die Eltern schwerwiegende negative Konsequenzen, bei Abteibung könnte die Familie in Zukunft vielleicht ein oder mehrere gesunde Kinder zur Welt bringen.
Auf derartige Aussagen reagiere ich erfahrungsgemäß giftig
- ein Skorpion ist weniger als eine Mücke dagegen -
deshalb ziehe ich mich aus diesem Thread zurück.
Ich werde den Thread auch nicht mehr lesen und bitte um Verständnis dafür.
Es gibt wirklich gute Gründe.

Nur eines dazu,
auch die Tötung eines schwer mißgebildeten "Fötus" ist die Ermordung eines Menschen. Punkt.

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beatrice
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Beitrag von beatrice »

Meines Erachtens kann man zu Demenzkranken mehr nicht sagen. Du hast es auf den Punkt gebracht, Geronimus.

Beatrice

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beatrice
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Registriert: Sonntag 13. Juni 2004, 16:56

Beitrag von beatrice »

... ich meine natürlich Geronimo. Hmmm ... schleichende Demenz ... sieht nicht gut aus bei mir ... :shock:

Beatrice

anselm
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Beitrag von anselm »

Geronimo hat geschrieben:Beide von dir hier vorgebrachte Beispiele hielte ich für indiskutabel. Als Vater von zwei Kindern sage ich ganz klar - ich möchte mein Kind -wäre uns dieses Schicksal beschieden gewesen - auf seinem Weg ins Paradies begleiten und zwar auf auf dem Weg, den Gott vorgesehen hat. Der Gedanke, ein schwerstbehindertes Kind zu töten (aktiv), ist mir ein abscheulicher und ich halte das für Kind und Eltern zutiefst unmoralisch. Es gibt Mittel und Wege, dass so ein Kind nicht unnötig leiden muss. Darum muss gekämpft werden - nicht darum, ihm gleich die Todesspritze zu verabreichen ......Geronimo
Hm, es geht letztlich doch um die Konsequenzen von Handlungen / Entscheidungen. Die Entscheidung, ein medizinisches Gerät abzustellen, um das Leben nicht weiter zu verlängern, wird in der Absicht getan, das Sterben z.B. eines im Koma liegenden Menschen herbeizuführen.
Der Unterschied zur aktiven Tötung ist in diesem Fall - gar keiner: weder in Bezug auf die Absicht, noch in Bezug auf das Ergebnis. Der Unterschied ist vor allem, dass im ersten Fall das Leiden unnötig verlängert wird.
Der Hinweis auf das Schicksal, das von Gott so vorgegeben ist, ist schon sehr merkwürdig. In anderen Bereichen wird ja ein gegebener Entwicklungsstand (z.B. Technik, Forschungs, ...) auch nicht als gottgegeben und unveränderlich angesehen.

Ralf

Beitrag von Ralf »

Anselm, nach dieser Logik dürfte man jedes Neugeborene töten. Man kann es so vor unnötigen Leid bewahren.
(Er-)Kennst Du wirklich nicht den fundamentalen Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe?

Geronimo

Beitrag von Geronimo »

Anselm, du wirfst da einiges völlig durcheinander. Situation Koma-Patient - das ist als Fallbeispiel nicht unbedingt brauchbar, weil Koma-Patienten nicht automatisch Sterbende sind. Nehmen wir also mal den Fall, dass ein Patient durch die Apparate-Medizin nur noch eine unnötige qualvolle Lebensverlängerung erleidet, aber keine Besserung in Aussicht hat. Hat er eine Verfügung, wird er gar nicht an diese Apparate angeschlossen, das heißt, die Behandlung verläuft schon von vornherein anders. Wird jemand gar nicht erst an Beatmungsgerät angeschlossen, weil er er dies für sich per Verfügung ausschließt, nimmt der normale Sterbeprozeß seinen Lauf - der NORMALE, also der ohne Intensivmedizin. Begleitet wird mit Schmerzmedikamenten, die Linderung verschaffen; die führen aber nicht zum Tode.
Das ist alles ... das ist weder Sterbehilfe noch sonst etwas, sondern lediglich Begleitung in dem normalen Prozeß des Sterbens, das nicht künstlich verlängert wird. Das nenne ich übrigens in Würde sterben und dafür brauchen wir mehr, viel mehr Hospize und keine Diskussionen über Todesspritzen.

Das ist etwas völlig anders als die aktive Sterbehilfe, wo der Prozeß des Sterbens einfach durch Eingriffe gestoppt wird, der Lebensfaden durch Menschenhand wissentlich gekappt.

Möglicherweise sind dir die Unterschiede gar nicht klar.

Der Koma-Patient ist sowieso ein beliebtes, aber ungeeignetesd Fallbeispiel. Das ist ein sehr weites Feld und mancher ist schon wieder aufgewacht.

Geronimo

Geronimo

Beitrag von Geronimo »

beatrice hat geschrieben:... ich meine natürlich Geronimo. Hmmm ... schleichende Demenz ... sieht nicht gut aus bei mir ... :shock:

Beatrice
Machet nichts ... hast wahrscheinlich an Hieronymus gedacht. Mein Namenspatron ...

Geronimo

anselm
Beiträge: 370
Registriert: Samstag 1. November 2003, 17:53

Beitrag von anselm »

Ralf hat geschrieben:...
(Er-)Kennst Du wirklich nicht den fundamentalen Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe?
Ich bilde mir ein, dass ich den Unterschied kenne. Es geht mir aber nicht um z.B. juristische Unterschiede sondern um die Konsequenzen unterschiedlicher ethischer Regeln.

Ein Beispiel: wenn ein Schiffbrüchiger im Eiswasser schwimmt und ich ihn sich selbst überlasse (also z.B. kein Rettungsboot aussetze), dann ist das eine unterlassene Hilfeleistung (passive Sterbehilfe).

Wenn ich den Schwimmer aber z.B. erschiesse, dann ist das nach gängiger Rechtsprechung Mord (aktive Sterbehilfe). In beiden Fällen können aber sowohl die Motivation für das Handeln (bzw. Nicht-Handeln) sowie die Konsequenzen identisch sein.

Von den Konsequenzen (und möglicherweise der Motivation) betrachtet muss also nicht immer ein Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe bestehen. Anders gesagt, wer für das eine ist, kann rationalerweise möglicherweise nicht gegen das andere sein. Oder wenn man dagegen ist, dann gegen beides.

Geronimo

Beitrag von Geronimo »

Ich zieh mich aus dem Thread zurück. Von meiner Seite aus sind die Argumente ausgetauscht.

Mehr muss ich mir nicht antun.

Geronimo

Stefan

Beitrag von Stefan »

anselm hat geschrieben: Von den Konsequenzen (und möglicherweise der Motivation) betrachtet muss also nicht immer ein Unterschied zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe bestehen. Anders gesagt, wer für das eine ist, kann rationalerweise möglicherweise nicht gegen das andere sein. Oder wenn man dagegen ist, dann gegen beides.
Von den Konsequenzen her ist damit jeglicher Mord identisch mit Nicht-Mord. Denn jedes Leben endet tödlich. Man verlegt lediglich den Zeitpunkt etwas nach vorne. Ist es das, was Du meinst? :nein:

Ralf

Beitrag von Ralf »

Anselm, auch mir geht es nicht um Juristerei (die ist mir sogar sehr egal).
Aber Dein Diktum
Wer für das eine ist, kann rationalerweise möglicherweise nicht gegen das andere sein. Oder wenn man dagegen ist, dann gegen beides.
ist einfach nicht richtig. Das träfe nur dann zu, wenn man keine Grenzen der Macht und der ethischen Vertretbarkeit kennen würde. Zu dem gilt nach Deiner Argumentation dann auch immer noch
Anselm, nach dieser Logik dürfte man jedes Neugeborene töten. Man kann es so vor unnötigen Leid bewahren.

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Juergen
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Beitrag von Juergen »

Weil's gerade (nicht) zum Thema passt :roll:
Neue Wege in der Behandlung von Demenz
500 Teilnehmer beim Pflegekongress in Saarbrücken

Saarbrücken - „Zuerst muss die Seele bewegt werden“: Neue Wege in der Pflege Demenzkranker fordert Professor Erwin Böhm, Wien. Das von ihm entwickelte „Psychobiografische Pflegemodell“ sieht eine radikale Abkehr vom traditionellen Ansatz der Altenpflege vor, die eher an den geistigen und körperlichen Defiziten Demenzkranker ansetzt. Im Saarland sind aktuell bis zu 25 000 Menschen an Demenz erkrankt; im Jahr 2030 werden es in Deutschland schon schätzungsweise
2,5 Millionen Menschen sein. Auf großes Interesse traf vor diesem Hintergrund der Pflegekongress „Neue Wege in der Behandlung dementiell erkrankter Menschen“, der am 29. Juni gemeinsam vom Diözesan-Caritasverband Trier mit dem Luxemburger „Service RBS –Seniorenakademie und Fortbildungsinstitut“ in Saarbrücken veranstaltet wurde. Vor rund 500 Mitarbeitern aus Pflegeberufen und Schülern der Alten- und Krankenpflegeschulen betonte Professor Böhm im Burbacher Bürgerhaus, eine gute Altenpflege sei immer eine „rehabilitative Pflege.“ Für Böhm ist die Biografie des Kranken der Schlüssel dazu, um verwirrte alte Menschen verstehen und ganzheitlich betreuen zu können. Erlebnisse und Erfahrungen in Kindheit, Jugend und Alter und die damit verbundenen Gefühle sowie seine Vorlieben und Ängste prägten den Menschen. Diese Erkenntnis können sich Pflegende zu nutze machen, indem sie bestimmte „Schlüsselreize“ aus der persönlichen Biografie des Menschen einsetzen, um seinen Lebenswillen zu reaktivieren. Zwar kann dadurch die Krankheit nicht geheilt werden, aber Symptome ließen sich lindern und das Verhalten des Kranken positiv verändern. Die Pflegebedürftigen erhielten dadurch mehr Lebensqualität. Anstatt den eigenen Maßstab von „Normalität“ anzusetzen, sollten Pflegende fragen, was für einen Demenzkranken „normal“ sei, meinte Böhm. Demente Menschen dürften nicht als „verrückt“ abgestempelt, sondern höchstens als „eigenartig“ verstanden werden.

Vertreter von Altenheimen in Berbourg und Mersch/Luxemburg berichteten über die Erfahrungen, die dort mit dem „Psychobiografischen Pflegemodell“ gemacht werden. Dabei wurde klar: „Pflege nach Böhm“ verlangt von Schwestern und Pflegern ein hohes Maß an Einsatz und Einfühlungsvermögen, müssen sie sich täglich doch mit der individuellen Lebensgeschichte der Betreuten auseinandersetzen und darauf eingehen.

Ziel der Tagung war es, Schwestern und Pflegern an Hand von Theorie und Praxisbeispielen neue Möglichkeiten in der Pflege verwirrter alter Menschen aufzuzeigen. Die „menschenwürdige, ganzheitliche Betreuung“ Demenzkranker wurde vom stellvertretenden Diözesan-Caritasdirektor Winfried Görgen, der saarländischen Sozialministerin Dr. Regina Görner und der luxemburgischen Familienministerin Marie-Josée Jacobs als wichtige Herausforderung in der Zukunft bezeichnet. Winfried Görgen betonte die besondere Verantwortung der katholischen Einrichtungen und Dienste der Altenpflege: „Nur wenn wir lernen, sensibel mit der Erkrankung umzugehen, kann es uns gelingen, Demenzkranken möglichst lange soviel Lebensqualität wie möglich zu erhalten“, sagte Görgen.

Quelle: E-Mail-Newsletter der Diözese Trier
Gruß Jürgen

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Ich habe außer unverständlicher Empörung noch kein Argument gegen Anselms begründete These gelesen, zwischen aktiver und passiver „Sterbehilfe“ bestehe kein wesentlicher Unterschied. Ralf, Cicero, Geronimo, ihr seid gefordert.
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Geronimo

Beitrag von Geronimo »

Robert, es gibt keine "passive" Sterbehilfe. Das Gegenteil von aktiver Sterbehilfe (Todesspritze, Giftcocktail etc.) ist die Sterbebegleitung bzw. den Sterbeprozeß seinen natürlichen Gang gehen lassen (unter der Maßgabe, dem Sterbenden das Leiden so weit wie möglich erträglich zu machen) - dies alles siehe unter dem Stichwort "Hospiz".

Anselm hat da entweder alles munter durcheinander geworfen oder den Unterschied nicht gewusst oder mit Begriffen beliebig herum operiert. Je

Wenn ich von Patientenverfügungen spreche, meine ich alleinig diejenigen (die auch jeder von uns machen sollte), die uns vor dem sinnlosen Hinauszögern des normalen Sterbens durch die Intensivmedizin bewahrt. Das ist lediglich ein Selbsschutz und eine Handhabe für die Ärzte. Aber auch diese Verfügungen betreffen nur bestimmte Situationen. Wenn du jetzt einen Herzstillstand bekämest (hoffentlich nicht nach der Lektüre der Beiträge hier :mrgreen: ) würdest du trotz einer solchen Verfügung wiederbelebt, weil du ja gute Aussichten hast, dich zu erholen und gesund weiterzuleben. Wenn du aber unheilbar krank bist und im letzten Todeszucken noch einen Herzstillstand erleidest, kann mit einer solchen Verfügung verhindert werden, dass du noch mal qualvoll für ein paar Minuten ins Leben zurückgerufen wirst.
Man könnte sagen, man diktiert den Ärzten damit ein Verhalten vor, wie es dem Lauf der Dinge entspricht und nicht dem Fortschritt der Medizin. Denn dieser Fortschritt erleichtert oft nicht das normale Sterben, sondern zögert es hinaus bzw. verunmöglicht es auf längere Zeit. Wichtig ist also zu beachten, dass bei der Sterbebegleitung kein Prozeß absichtlich verkürzt wird.

Ja?

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Wenn ich Anselm recht verstanden habe, dann meint er, daß zwischen dem (landläufig oft „passiv“ genannten) Beenden lebenserhaltender Maßnahmen (künstliche Ernährung oder Beatmung, beispielshalber) und dem Setzen der Todesspritze kein wesenhafter Unterschied bestehe. Dem kann ich nur beipflichten.
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Geronimo

Beitrag von Geronimo »

Dem ist zwar nicht so, aber ich bin es irgendwie leid, das nochmal zu auseinanderzudividieren.

Dass es hier um einen natürlichen Prozeß des Sterbens handelt, der durch die aktive Sterbehilfe gestoppt wird, wodurch der Todeszeitpunkt völlig willkürlich selbst gesetzt wird, und dass auf der anderen Seite eben das Bestreben besteht, diesen natürlichen Prozess zuzulassen und dem Menschen dabei zu begleiten, ist eigentlich wirklich leicht zu begreifen. Dass in einen Topf zu werfen, wie Anselm das tut, führt zu einer totalen Begriffsverwirrung.

Sei's drum - Robert, entschuldige, aber das Thema geht mir auf den Senkel. Ich hab zu viel mit solchen Sachen zu tun und solchen Leuten, über die hier befunden wird, als seien sie Diskussionsmaterial für Freigeister, die jegliche Humanität außer Kraft setzen wollen. Ich sage nur Nazi-Ideologie und das ist mein letztes Wort in dieser Diskussion.

Geronimo

Lucia

Beitrag von Lucia »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:Ich habe außer unverständlicher Empörung noch kein Argument gegen Anselms begründete These gelesen, zwischen aktiver und passiver „Sterbehilfe“ bestehe kein wesentlicher Unterschied. Ralf, Cicero, Geronimo, ihr seid gefordert.
Das, was anselm beschreibt, ist in beiden Fällen Tötung - keine "Sterbehilfe". Beides ist abzulehnen (der Begriff übrigens auch - ist ein widerlicher Euphemismus à la "ethnische Säuberung").

Das einzige, was ich für gerechtfertigt halte, ist einem Todkranken (z. B. Krebs- oder Aids-Kranken im Endstadium) z. B. Opiate zu geben, um die Schmerzen zu lindern - und dabei billigend in Kauf zu nehmen, dass diese Opiate das Leben verkürzen. Das läuft aber meines Wissens unter "Palliativmedizin" und nicht unter "Sterbehilfe". Wenn ich da falsch liege, verbessert mich bitte.

Ralf

Beitrag von Ralf »

Dem (bezieht sich auf Roberts letzten Beitrag) kann ich überhaupt nicht beipflichten. Natürlich ist es ein wesenhafter Unterschied, etwas zu tun vs. etwas zu unterlassen. Das eine ist töten, das andere eben nicht. Da soll kein wesenhafter Unterschied sein?
Fraglich ist allerdings in jedem Einzelfall, ob eine Unterlassung einer Handlung eben eine unterlassene Hilfeleistung ist. Dazu müsste man in jedem Einzelfall feststellen, was hier "Hilfe" bedeuten würde.

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Lucia, deinem Beitrag stimme ich vollständig zu. Ich ging oben – hinsichtlich der Begriffe „aktiv“ und „passiv“ – von Anselms Beispielen aus.

Ralf, mit Verlaub: Ob du bei einem Koma-Patienten (oder vergleichbar Hilfslosen) die künstliche Ernährung unterläßt oder ob du ihm Gift injizierst, das ist ziemlich Jacke wie Hose.
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Ralf

Beitrag von Ralf »

Nein, ist es nicht. Seit wann ist Töten das gleiche wie Nicht-töten?

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Ist »Ernährung unterlassen« kein Töten?

Wie würdest du das bei Säuglingen sehen?
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Ralf

Beitrag von Ralf »

Das wäre Verhungern lassen. Bei Säuglingen wie bei Komapatienten. Und ich kann auch nicht sagen, ob ich das machen würde (bei letzteren), tendenziell eher nein, aber das liegt am Einzelfall (man darf die Frage stellen, warum überhaupt eine PEG - die ist es ja meistens - gelegt wurde...).

Ist Verhungern lassen Töten? Hm... ich weiß nicht. Töten wir also alltäglich Tausende von Menschen, auch Kinder, weil sie verhungern?
Zuletzt geändert von Ralf am Donnerstag 1. Juli 2004, 22:22, insgesamt 1-mal geändert.

Lucia

Beitrag von Lucia »

Ralf hat geschrieben:Nein, ist es nicht. Seit wann ist Töten das gleiche wie Nicht-töten?
Jemanden verhungern zu lassen, indem man ihm die künstliche Nahrungszufuhr abdreht, ist nichts anderes, als ihn zu töten. Wie war das denn bei Dutroux? Dessen Frau hat die Mädchen im Keller ja auch nicht getötet - sie hat ihnen nur nichts zu Essen gebracht. Oder wie?

anselm
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Beitrag von anselm »

Ralf hat geschrieben:....
Ist Verhungern lassen Töten? Hm... ich weiß nicht. Töten wir also alltäglich Tausende von Menschen, auch Kinder, weil sie verhungern?
Ja! Genau so ist es. Der Unterschied zwischen den einzelnen "Fällen" liegt sicherlich in der
- Absicht / Motivation der Handlung oder Unterlassung
- dem direkten oder indirekten Verhalten
- der juristischen Strafbarkeit
- der Gewöhnung

Wenn z.B. Kinder in anderen Leben wegen zu geringer Hilfe verhungern, dann hat das natürlich mit direkter Tötung nichts zu tun. Weder bestand die Absicht, noch wurde etwas aktiv getan. Die Konsequenzen können aber ähnlich sein.

Nur um noch summarisch auf einige vorangegangen Postings etwas zu entgegnen: ich habe weder die Absicht andere Menschen umzubringen, noch dazu aufzurufen, ethische Schranken niederzureissen oder Nazi-Ideologie aufzuwärmen. Meine Intention ist es, über ethische Probleme zu diskutieren und in der Diskussion auf sinnvolle Lösungen zu kommen.

Edith
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Beitrag von Edith »

Ralf hat geschrieben:Ist Verhungern lassen Töten? Hm... ich weiß nicht.
Frag P. Maiximilian Kolbe....



http://www.maximilian-kolbe-werk.de/max ... _kolbe.htm

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