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Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Donnerstag 11. März 2010, 10:07
von Evagrios Pontikos
Heute jährt sich zum ersten Mal der furchtbare Amoklauf von Winnenden. In den Nachrichten, Zeitungen und verschiedenen Sendungen im Fernsehen wird der unfassbaren Ereignisse gedacht, die 16 Menschen das Leben gekostet haben. Auch hier im Forum wurde damals ein Thread eröffnet, der sich mit den Geschehnissen auseinandergesetzt hat.
Nun ist uns allen klar, dass dies nicht der letzte Amoklauf in Deutschland gewesen sein wird. Einzelne "kleinere" Wahnsinnstaten ähnlicher Motivation gab es ja auch im zurückliegenden Jahr. Mich würde interessieren, ob Ihr für Euch diese unfassbare Tat inzwischen besser einordnen könnt, in Euer Bild vom Menschen, von unserer Gesellschaft und von Gott.
Ein Gedanke, der mich sehr beschäftigt, besonders auch geistlich beschäftigt, ist der, dass Jugendliche (und Erwachsene) immer mehr zu einem Lebensgefühl des "game over - try again" neigen. Playstation und X-Box haben sich in der Seele eingenistet.
Was ich damit sagen will: Mir fällt im Konfirmandenunterricht auf, dass für viele Jugendliche der Gedanke der Reinkarnation inzwischen völlig selbstverständlich ist. Besonders beim jetzt zu Ende gehenden Jahrgang und deren Eltern (die um die vierzig sind) ist mir das aufgefallen. "Im nächsten Leben dann..." Solche oder ähnliche Sätze kann man heute tatsächlich auch schon von Jugendlichen hören. Das Gewicht, der Ernst und die Einzigartigkeit dieses einen Lebens ist heute vielen Menschen ganz und gar nicht mehr bewusst. Und ich frage mich: Ist dieses Lebensgefühl vielleicht eine ganz wesentliche im Unterbewusstsein verhaftete Wurzel bei solchen Taten? Die unbewusste Hoffnung auf ein "try again", die seit dem Aufkommen der Computerspiele sich mehr und mehr bei Menschen bis Mitte vierzig eingegraben hat und die mir solche völlig irrationalen Taten ein bisschen verstehbarer machen. Nur so kann ich mir die völlige Gewissenlosigkeit des Täters und der vielen anderen Täter bei ähnlichen Amokläufen erklären. Es scheint mir eine geradezu dämonische Verblendung zu sein, die zu einer solchen Tat fähig macht.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Donnerstag 11. März 2010, 22:09
von Nassos
Lieber Evagrie,
vielen Dank für den Strang. Dadurch, dass ich in relativer Nähe von Winnenden wohne, bedrückt mich das natürlich mehr.
Eventuell - ich muss das offen zugeben - wäre ich nicht so arg bedrückt, hätte ich heute nicht DLF gehört.
Die Mutter eines getöteten Mädchens hat im Gedenken an ihre Tochter und die andern Schüler ein Klavierstück komponiert, dass sehr an die Seele geht.
Ich habe selber eine PS2 und spiele auch am Rechner (seit den Foren weniger bis gar nicht). Ich glaube, diese Auswirkungen können sich nur ergeben, wenn in der Person schon die richtigen Voraussetzungen herrschen und weitere Defekte vorliegen.
Der Herr möge sich der Seelen erbarmen.
Nassos
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Donnerstag 11. März 2010, 22:24
von Juergen
Die Berichterstattung im Radio erzeugte bei mir etwas Kopfschütteln.
Erst sagte man dort, daß man mit der heutigen Veranstaltung die Erinnerung wach halten wollte. Wenige Sätze später berichtete man, daß heute keine Polizei anwesend sei, damit keine Erinnerungen wach werden....

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Donnerstag 11. März 2010, 22:51
von cantus planus
Wichtigter
ténor: Natürlich müssen die Waffengesetze weiter verschäft werden. Man sollte das ganze Volk einfach narkotisieren oder schockfrosten. Ist günstig und die öffentliche Sicherheit ist gerettet.

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 00:30
von Juergen
Es ist doch klar, warum man Waffengesetze verschärft oder Computerspiele verbietet.
Das sind einfache Lösungen und vor allem preiswerte Lösungen.
Aber eine einfache Lösung ist vor allem eins: eine einfache Lösung - mehr nicht.
Andere Lösungsansätze wären
- mehr Lehrer
- kleinere Klassen
- individuelle Betreuung der Schüler
- psychologische Schulung von Lehrern
- Einsatz von Schulpsychologen
- vernünftige Lehrinhalte
- weniger "Stress" für die Schüler
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen
-...
-...
Doch diese Lösungsansätze haben ein Problem: sie kosten Geld.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 07:21
von Gamaliel
Andere Lösungsansätze wären
- Stärkung der christlichen Familien
- Verbot der Ehescheidung
- Förderung christlicher Schulen
- Bestrafung der Vernachlässigung von Erziehungspflichten
- Subventionierung von Projekten zur Vermittlung von christlichen Werten
- gesellschaftliche Ächtung von egoistischem bzw. gemeinschaftsschädigendem Verhalten
-...
-...
Doch diese Lösungsansätze haben ein Problem: sie sind politically incorrect und kosten geistige und sittliche Anstrengung.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 07:38
von lifestylekatholik
Juergen hat geschrieben:Andere Lösungsansätze wären
- mehr Lehrer
- kleinere Klassen
- individuelle Betreuung der Schüler
- psychologische Schulung von Lehrern
- Einsatz von Schulpsychologen
- vernünftige Lehrinhalte
- weniger "Stress" für die Schüler
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen
-...
-...
Nein. Dieser Weg ist ja seit den 70er-Jahren verfolgt worden. Er führt nicht zu einer Verbesserung der Situation, sondern zu einer Abnahme der Lebenstüchtigkeit der Jahrgänge.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 09:59
von Florianklaus
lifestylekatholik hat geschrieben:Juergen hat geschrieben:Andere Lösungsansätze wären
- mehr Lehrer
- kleinere Klassen
- individuelle Betreuung der Schüler
- psychologische Schulung von Lehrern
- Einsatz von Schulpsychologen
- vernünftige Lehrinhalte
- weniger "Stress" für die Schüler
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen
-...
-...
Nein. Dieser Weg ist ja seit den 70er-Jahren verfolgt worden. Er führt nicht zu einer Verbesserung der Situation, sondern zu einer Abnahme der Lebenstüchtigkeit der Jahrgänge.
Ja ne is klar, mehr Lehrer und kleinere Klassen produzieren natürlich nur amoklaufende Weicheier!
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:07
von cantus planus
Es muss vor allem die Pädagogik geändert werden. Bildungsvermittlung, statt stumpfen Paukens. Lebensnahes Wissen vermitteln. Die Entwicklung des ganzen Menschen fördern. Das klassisch-humboldt'sche Bildungsideal eben.
Weg von diesen "Nürnberger-Trichter-Instituten", die nur Auswendiggelerntes abfragen und lebensunfähigen Fachidiotismus produzieren. Ich sehe dafür freilich keine Möglichkeit mehr, seit wir uns den Bologna-"Reformen" angeschlossen haben.
Der Beitritt zur Lissabondiktatur hat eben seinen Preis. Unsere Kinder werden uns in zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren für diese Bildungsreformen verfluchen.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:21
von Bernado
Juergen hat geschrieben:Es ist doch klar, warum man Waffengesetze verschärft oder Computerspiele verbietet.
Das sind einfache Lösungen und vor allem preiswerte Lösungen.
Aber eine einfache Lösung ist vor allem eins: eine einfache Lösung - mehr nicht.
Andere Lösungsansätze wären
- mehr Lehrer
- kleinere Klassen
- individuelle Betreuung der Schüler
- psychologische Schulung von Lehrern
- Einsatz von Schulpsychologen
- vernünftige Lehrinhalte
- weniger "Stress" für die Schüler
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen
-...
-...
Doch diese Lösungsansätze haben ein Problem: sie kosten Geld.
Du hast das Hauptproblem übersehen: sie erziehen nicht die Zombies, die diese Gesellschaft zu ihrer Weiterfunktion dringend benötigt.
Da muß man Kollateralschäden halt hinnehmen - und das geht mit einem ordentlichen Tränenschwall natürlich besser.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:22
von Clemens
Lieber Cantus:
Ich fürchte, sie werden das nicht tun.
Sie werden überhaupt keinen Schimmer mehr haben, was ihnen vorenthalten wurde und wie man sie (und sie sich selbst) verblödete.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:29
von cantus planus
Du hast recht. Über den Punkt sind wir vermutlich sogar schon längst hinaus. Denn er gilt bereits für meine Generation (Regelschule 1986-1996). Wenigstens habe ich noch genug gelernt, um eine tragfähige Allgemeinbildung zu haben und mir weiteres Wissen aneignen zu können. Aber schon in meinem Jahrgang sind viele mit rudimentären Grundkenntnissen zufrieden gewesen.
Und die Musterschüler von einst, deren auswendiggelerntes Wissen mit guten Noten belohnt wurde, sitzen heute im lokalen Supermarkt an der Kasse, während der "Durchschnitt" zum Gebrauch des Verstandes gekommen ist, studiert und Karriere gemacht hat. Das Bildungssystem hängt schief von der Wurzel bis zur Krone.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:50
von Evagrios Pontikos
Nassos hat geschrieben:... Ich habe selber eine PS2 und spiele auch am Rechner (seit den Foren weniger bis gar nicht). Ich glaube, diese Auswirkungen können sich nur ergeben, wenn in der Person schon die richtigen Voraussetzungen herrschen und weitere Defekte vorliegen...
Natürlich wäre es verkehrt, eine kurze und schlüssige Begründung in Computerspielen zu sehen. Meine Frage ist nur: Wie kommt es zu dieser völlig gewissenslosen Einstellung, in keinster Weise die Folgen des eigenen Handelns für sich persönlich auch nur ansatzweise in den Blick zu nehmen?
Unser Leben hat - wie auch immer - Konsequenzen, nämlich, dass Gott uns richten wird, dass unsere Taten nicht folgenlos sind. Selbst das verbogenste Gewissen spiegelt das wider. Nicht aber offenbar bei solchen Amokläufern. Da setzt etwas, in geradezu dämonischer Weise, aus. Ich sage hier ganz bewusst: dämonisch.
Und da eben das Zweite: dass ich bei meinen Konfirmanden (und deren Eltern!!) mehr und mehr beobachte (und inzwischen habe ich einen Überblick von ca. 15 Jahren), dass das Gewicht, die Würde, aber auch der Ernst dieses
einen Lebens, das uns gegeben ist, nicht mehr bewusst ist. Es gibt ohne Zweifel diese "game over - try again"-Mentalität, die zum Lebensgefühl werden kann. Ob da nicht ein Zusammenhang besteht, frage ich mich? Wenn genug Frust da ist, dann wird eben alles um einen herum vernichtet einschließlich einem selbst. Und die Hemmschwelle, dies zu tun, ist nicht mehr da, weil unterschwellig dieses Lebensgefühl des neuen Spiels vorherrscht. Man muss sich klar machen: diese Amokläufer wollen ja nicht nur dies 15, 16 Menschen töten, die sie tatsächlich töten. Sie wollen alles vernichten, alles, was ist, faktisch die ganze Welt, das Sein. Die tatsächlichen Opfer sind quasi Stellvertreter des Seins.
Ich will ganz bewusst nicht in den Chor derer einstimmen, die ganz genau zu wissen scheinen, wo die Ursachen sind. Es ist sowieso fatal, dass seit den 70er Jahren durch eine dort aufgekommene soziologische Betrachtungsweise unsere Gesellschaft als eine Art Apparat mit Stellschrauben betrachtet wird. Und jeder meint zu wissen, wie die Stellschrauben justiert werden müssen, damit das Heil der Gesellschaft vermehrt wird. Auch eine Form des Machbarkeitswahns.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:51
von lifestylekatholik
Florianklaus hat geschrieben:Ja ne is klar, mehr Lehrer und kleinere Klassen produzieren natürlich nur amoklaufende Weicheier!
Das ist übertrieben und das habe ich auch nicht gemeint, aber nachdem ich die Schuldebatten in einem Landesparlament seit Jahren regelmäßig live miterlebe, habe ich tatsächlich meine Meinung geändert: Die monoton und ziemlich undifferenzeirt erhobene Forderung nach mehr Lehrern, kleineren Klassen (Klartext: mehr Geld), weniger Leistungsdruck (Klartext: Die Schüler können ihren eigenen Leistungsstand nicht mehr einschätzen) führt zu keinen positiven Ergebnissen.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 10:55
von cantus planus
Entschuldigung? Du bildest dir deine Meinung nach einer Diskussion im PARLAMENT?!
Da wundert mich allerdings nichts mehr. Sitzen ja auch lauter Fachleute da...
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:01
von lifestylekatholik
cantus planus hat geschrieben:Entschuldigung? Du bildest dir deine Meinung nach einer Diskussion im PARLAMENT?!
Da wundert mich allerdings nichts mehr.
Nein, nicht nach
einer Diskussion, sondern nachdem ich über mehrere Jahre im Grunde
jede Debatte dazu im Hause miterleben durfte, und ja, da äußern sich im Grunde ausschließlich die bildungspolitischen Fachleute, großenteils selbst ehemalige Lehrer. Und Jürgens Forderungen laufen doch darauf hinaus: Mehr Geld. Wer muss das zur Verfügung stellen? -- Das Parlament.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:03
von cantus planus
Ja, das habe ich falsch formuliert. Natürlich ist mir klar, dass du da große Erfahrungen hast. Nur halte ich die Parlamentsdebatten für vollkommen ungeeignet, sich eine fachliche Meinung zu bilden. Was ich von Politikern seit Jahren zu diesem Thema gelesen und gehört habe, ist dermaßen hanebüchend, dass ich jede Hoffnung auf Besserung im deutschen Bildungssystem zu Grabe getragen habe.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:04
von lifestylekatholik
cantus planus hat geschrieben:Was ich von Politikern seit Jahren zu diesem Thema gelesen und gehört habe, ist dermaßen hanebüchend, dass ich jede Hoffnung auf Besserung im deutschen Bildungssystem zu Grabe getragen habe.
Dann sind wir uns ja einig.

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:12
von Juergen
lifestylekatholik hat geschrieben:Die monoton und ziemlich undifferenzeirt erhobene Forderung nach mehr Lehrern, kleineren Klassen (Klartext: mehr Geld), weniger Leistungsdruck (Klartext: Die Schüler können ihren eigenen Leistungsstand nicht mehr einschätzen) führt zu keinen positiven Ergebnissen.
Nur ein einzelner Aspekt unter vielen:
Schauen wir uns doch nur mal die Stundenpläne von Gymnasien an. Die Schüler gehen morgens um 8 in die Schule und kommen nachmittags nach 16 Uhr nach Hause. Zwischendurch haben sie einige Freistunden.
Würde man das straffen, so daß die Freistunden wegfallen - und das geht nur mit mehr Lehrern an den Schulen - hätten die Schüler nach der 6. Stunde frei, wie es jahrzehntelang üblich war. Sie hätten nachmittags mehr Freizeit, die sie sinnvoll gestalten könnten. Daß das nicht alle Schüler tun, ist klar, aber man sollte nicht wegen ein paar Chaoten, die sich nicht zu beschäftigen wissen, ganze Jahrgäng tagaus tagein in der Schule "wegsperren". Das derzeitige "Einsprerren" in der Schule bewirkt jedenfalls einen Beziehungsverlust zur Familie und auch eine "freie Entfaltung". Zur "freie Entfaltung" (blödes Wort!) gehört auch, zu lernen mit Erfolgen und Mißerfolgen umzugehen.
Wenn du NACH 1980 geboren wurdest, hat das hier nichts mit Dir zu tun!
Aber Du solltest trotzdem weiterlesen. Schon allein, um zu verstehen, warum die Pampers-Generation (zu der Du auch gehörst) keine Helden hervorbringen wird.
Wenn Du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten!
Wir sind [Punkt]
Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und Airbags.
Unsere Bettchen waren angemalt mit Farben voller Blei und Cadmium.
Die Fläschen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffenen, genauso wie die Flasche Brechmittel.
Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen und auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm.
Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen.
Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar.
Wir verließen morgens das Haus zum spielen.
Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen.
Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei!
Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht". Kannst Du dich noch an "Unfälle" erinnern?
Wir kämpften und schlugen einander machmal grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsnen nicht besonders.
Wir aßen ungesundes Zeug, (Schmalzbrote, Schweinsbraten, Bonbons, ect.) keiner scherte sich um Kalorien, tranken Alkohol und wurden trotzdem nicht zu dick. Und auch nicht Alkoholsüchtig.
Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten nicht:
Playstation, Nintendeo64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video oder DVD, Surround Sound, eingene Fernseher, Computer, Internet-chat-Rooms, Jahreskarten im Fittness-Club, Handys, ect.
Wir hatten: Freunde!
Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir maschierten einfach zu denen nach Hause und klingelten.
Manchmal brauchten wir gar nicht klinglen und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern.
Keiner brachte uns und keiner holte uns.....
Wie war das nur möglich?
Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöckchen und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein:
Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir auch nicht besonders viele Augen aus.
Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.
Fahrräder (nicht Mountain-Bikes!) wurden von uns selbst repariert!
Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch die Prüfungen und wiederholten die Klassen. Das führte damals nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zu Änderung der Leistungsbewertung.
Wir bumsten quer durch den Gemüsegarten, hatten jede Menge Spass. Wir wussten zwar nicht immer, wer gerade mit wem, aber das war egal. Wir mussten die Pornos nicht aus dem Internet laden - wir machten sie selber!
Unsere Taten hatten manchmal Konsquenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht automatisch aus dem Schlamassel herausboxten. Im Gegenteil: Sie waren oft der gleichen Meinung wie die Polizei!
Na so was!
Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht.
Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem mussten wir umgehen, wussten wir umzugehen!
Und Du gehörst auch dazu?!?
Herzlichen [Punkt]
geb. nach 1980? - So, jetzt wisst ihr Warumduscher das auch!
geb. vor 1980? - WIR SIND HELDEN !
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:22
von Ewald Mrnka
cantus planus hat geschrieben:Wichtigter
ténor: Natürlich müssen die Waffengesetze weiter verschäft werden. Man sollte das ganze Volk einfach narkotisieren oder schockfrosten. Ist günstig und die öffentliche Sicherheit ist gerettet.

Man sollte, weise vorausschauend, zusätzlich große Küchenmesser verbieten.
Früher, als sich jeder anständige Mensch legal bewaffnen konnte, waren "Amokläufe" junger Deutscher in Deutschland noch nicht in Mode. Da hat sich offensichtlich einiges verändert.
Schuld an Erfurt/Winnenden (und künftigen Aktionen) sind: (u.a.) brutale, gewalt- und kriegsverherrlichende Computerspiele, der beängstigende Klimawandel, Arbeitslosigkeit, Hartz IV und großen Klassen an den "allgemeinbildenden" Schulen. Das weiß man(n)/frau.
Mit der gendergerechten, pornographischen, permissiven und nihilistischen Abtreibungsgesellschaft haben Amokläufe selbstverständlich nichts, aber auch gar nichts zu tun. Da gibt es überhaupt keine Zusammenhänge.
Davon war daher in der Rede unseres weisen, überaus hochgeschätzten Herrn Bundespräsidenten auch nichts zu hören. Da ging es primär um die bösen Waffen, um betroffene Gutmenschlichkeit, Sensibilität und ähnliche kuhstallwarme Gefühlchen. So was lieben wir.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:25
von lifestylekatholik
Juergen hat geschrieben:Nur ein einzelner Aspekt unter vielen:
Schauen wir uns doch nur mal die Stundenpläne von Gymnasien an. Die Schüler gehen morgens um 8 in die Schule und kommen nachmittags nach 16 Uhr nach Hause. Zwischendurch haben sie einige Freistunden.
Würde man das straffen, so daß die Freistunden wegfallen - und das geht nur mit mehr Lehrern an den Schulen - hätten die Schüler nach der 6. Stunde frei,
Das ist ein sinnvolles Anliegen, das sehe (sogar) ich ein.
Das Anliegen ist: Schule nur von 8 bis ca. 14 Uhr (+ vielleicht ne Dreiviertelstunde für Hausaufgaben).
Das nimmt aber in der politischen Debatte um mehr Lehrer und kleinere Klassen (= mehr Geld) nur einen untergeordneten Rang ein. Mehr Geld wird doch in der Regel deshalb gefordert, um das Ganztagsangebot an allen Schulen ausbauen zu können.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:44
von Juergen
lifestylekatholik hat geschrieben:Das nimmt aber in der politischen Debatte um mehr Lehrer und kleinere Klassen (= mehr Geld) nur einen untergeordneten Rang ein. Mehr Geld wird doch in der Regel deshalb gefordert, um das Ganztagsangebot an allen Schulen ausbauen zu können.
Den Ausbau von Ganztagsschulen habe ich natürlich nicht gemeint! Ich bin eher für einen Abbau von Ganztagsschulen.
Ganztagsschulen sind der Versuch Kinden/Jugenddliche möglichst eine lange Zeit unter (staatlicher) Kontrolle zu haben. -- Aber wehe, wenn sie losgelassen.
Wer vom Kleinkindesalter bis zum Erwachsenenalter von morgens bis abends verhätschelt wurde und "gut behütet" ist, lernt alles, nur nicht das Leben.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 11:59
von lifestylekatholik
Juergen hat geschrieben:Den Ausbau von Ganztagsschulen habe ich natürlich nicht gemeint! Ich bin eher für einen Abbau von Ganztagsschulen. [...] Wer vom Kleinkindesalter bis zum Erwachsenenalter von morgens bis abends verhätschelt wurde und "gut behütet" ist, lernt alles, nur nicht das Leben.
Ich bringe das nicht mit den Punkten auf deiner Liste zusammen.

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 12:21
von Juergen
lifestylekatholik hat geschrieben:Juergen hat geschrieben:Den Ausbau von Ganztagsschulen habe ich natürlich nicht gemeint! Ich bin eher für einen Abbau von Ganztagsschulen. [...] Wer vom Kleinkindesalter bis zum Erwachsenenalter von morgens bis abends verhätschelt wurde und "gut behütet" ist, lernt alles, nur nicht das Leben.
Ich bringe das nicht mit den Punkten auf deiner Liste zusammen.

Warum nicht?
Ich hatte folgende Punkte geschrobt (hier nun mit Erläuterungen)
- mehr Lehrer ---> weniger Freistunden, weniger Stundenausfall, kürzere Zeit, die die Schüler täglich in der Schule verbringen
- kleinere Klassen ---> mehr "Zucht und Ordnung" als in einem riesen Sauhaufen mit teils 25+X Schülern
- individuelle Betreuung der Schüler ---> in kleinen Klassen ist das während des normalen Unterrichts möglich
- psychologische Schulung von Lehrern ---> Manche Lehrer sind "weltfremd" und wissen gar nicht, wie sie mit Schülern umgehen sollen
- Einsatz von Schulpsychologen ---> Falls es wirklich mal Probleme gibt, so gibt es einen neutralen Ansprechpartner (der eben kein Lehrer ist)
- vernünftige Lehrinhalte ---> versteht sich von selbst; insbesondere auch eine "Wertevermittlung" (wie auch immer)
- weniger "Stress" für die Schüler ---> ergibt sich schon von selbst aus einer kürzeren Verweildauer pro Tag in der Schule
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen ---> "Ein Kind muß Spielen" - aber nicht in der Schule, sondern nach der Schule.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 12:35
von Evagrios Pontikos
"... mehr Lehrer ... weniger Freistunden ... weniger Computerspiele ... striktere Waffengesetze ... mehr Schulpsychologen ..." - ich sehe: auch hier sind die Soziologen am Werk, die unsere Gesellschaft als Apparat sehen, an dem die Stellschrauben nur "besser" justiert werden müssten. Und jeder meint, ganz genau zu wissen, was "besser" auch ganz konkret heißt.
In dieser Art der politischen Diskussion sehe ich nur ein Schuldverschiebespiel. Täglich ist es in den Parlamentsdebatten, Interviews und Talkshows zwischen links und rechts, konservativ und progressiv zu hören. Ich bezweifle, dass das Problem dadurch gelöst werden kann. Zumal es offenbar ein globales Problem ist. Und sofort treten dann die global denkenden Soziologen auf und fordern entsprechende Bewegung der Stellschrauben am globalen Apparat...
Meint Ihr wirklich, dass diese Diskussion weiterführt? Meint Ihr wirklich, Amokläufe könnte durch den Einsatz von letztlich finanziellen Ressourcen verhindert werden?
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 13:26
von lifestylekatholik
Juergen hat geschrieben:Ich hatte folgende Punkte geschrobt (hier nun mit Erläuterungen)
Danke für die Erläuterungen. Ich kenne exakt diese Forderungen aus der politischen Diskussion mit völlig anderem Hintergrund.
- mehr Lehrer
=> gegen Unterrichtsausfälle und Unterrichtsunterversorgung, um auch Nachmittagsunterricht zu ermöglichen und auch um
- kleinere Klassen
zu ermöglichen, bei denen der Lehrer eine
- individuelle Betreuung der Schüler
(= Bemutterung) vornehmen kann.
Weil in den Familien z. T. keine Erziehung mehr stattfinde, müsse sie in die Schulen verlagert werden. Deshalb Ganztagsschulen und daneben
- psychologische Schulung von Lehrern
damit sie als Aushilfspsychologen den
- Einsatz von Schulpsychologen
ergänzen können, der im Sinne der intensiven individuellen Betreuung jedes Schülers durch einen Schulpsychologen stattfindet.
- vernünftige Lehrinhalte
- weniger "Stress" für die Schüler
d. h. keinen Leistungsdruck aufbauen, möglichst kein hierarchieerzeugendes Leistungsranking aufstellen, sondern statt dessen
- Kinder Kinder sein lassen und nicht zu Zombies erziehen
also möglichst wenig reines Wissen durch den Lehrer vorgeben, sondern die Kinder sich selbst ausprobieren lassen.
Angesichts der Psychologen, die ich kennenlernen durfte, und auch angesichts der Personen, die mit der verwaltungsmäßigen Umsetzung zu tun haben (wir hatten etwa vor einigen Tagen eine Unterrichtung über die Einrichtung eines Heims für hochgradig gefährdete und kriminelle Kinder und Jugendliche), bin ich wirklich fest davon überzeugt, dass alle Forderungen, wie von dir aufgestellt, sinnlos sind und das Gegenteil von dem bewirken würden, was du willst.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 13:36
von Juergen
So wie Du meine "Forderungen" durch das Fettgedruckte ergänzt hast, kommt natürlich genau das Gegenteil davon heraus, was ich meinte!

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 14:35
von Linus
cantus planus hat geschrieben:Es muss vor allem die Pädagogik geändert werden. Bildungsvermittlung, statt stumpfen Paukens. Lebensnahes Wissen vermitteln. Die Entwicklung des ganzen Menschen fördern. Das klassisch-humboldt'sche Bildungsideal eben.
Humboldt? Das ist doch der, durch Rotation grad in seinem Grab ein Loch nach China bohrt...
Der Beitritt zur Lissabondiktatur hat eben seinen Preis. Unsere Kinder werden uns in zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren für diese Bildungsreformen verfluchen.
Wenn die dann überhaupt noch sprechfähig sind.
Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 23:08
von cantus planus
Linus hat geschrieben:cantus planus hat geschrieben:Der Beitritt zur Lissabondiktatur hat eben seinen Preis. Unsere Kinder werden uns in zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren für diese Bildungsreformen verfluchen.
Wenn die dann überhaupt noch sprechfähig sind.
Neulich in Osnabrück in der Fußgängerzone: "Alder, hadda Handy ausse Tasche geklaut? Gehsu Bollizei und machsu anzeigen."
In der Tat muss man sich erhebliche Sorgen um die Sprechfähigkeit des größeren Bevölkerungsteiles machen. Klar und deutlich sprechen kann eh kaum noch jemand.

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Freitag 12. März 2010, 23:18
von Juergen
cantus planus hat geschrieben:Linus hat geschrieben:cantus planus hat geschrieben:Der Beitritt zur Lissabondiktatur hat eben seinen Preis. Unsere Kinder werden uns in zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren für diese Bildungsreformen verfluchen.
Wenn die dann überhaupt noch sprechfähig sind.
Neulich in Osnabrück in der Fußgängerzone: "Alder, hadda Handy ausse Tasche geklaut? Gehsu Bollizei und machsu anzeigen."
In der Tat muss man sich erhebliche Sorgen um die Sprechfähigkeit des größeren Bevölkerungsteiles machen. Klar und deutlich sprechen kann eh kaum noch jemand.

Da bin ich mir nicht so sicher...
Ich hatte mal in einer Guppe von Schülern und Schülerinnen einen Jugendlichen, der ähnlich sprach. Kein Satz, der nicht mit "Alder" endetet etc.
In irgendeiner Situation sagte er dann irgendwas in ganz normalem Deutsch. Es wurde still in der Runde und die andern gucken sich an, bis endlich ein Mädchen sagte: "Du kannst ja auch normal sprechen!"
Er darauf: "Wenn ich will, dann kann ich mich auch gepflegt artikulieren."
Mir scheint diese Art der "Jugendsprache" teilweise nur eine Masche oder Modeerscheinung zu sein.
Das "verwächst sich", wenn sie älter werden.
Genauso wie sich bei Priesteramtskandidaten alle Laster "wegweihen".

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Samstag 13. März 2010, 01:46
von Haiduk
Ich hatte mir auch einiges Gedanken zu dem Fall gemacht. Einer Geisel, die, Gott sei's gedankt, lebend wieder frei kam,
sagte Tim Kretschmer, daß er das "aus Spaß" gemacht habe. Die Vergötterung vom Spaßhaben ist das Grundmerkmal des Hedonismus, der sich durch die gesamte Gesellschaft zieht.
Auch zum Futurismus sehe ich eine Nähe, weil dessen Kern die Verherrlichung von Gewalt als Ausdruck eines martialischen Männlichkeitsbegriffes ist.
In beidem kommt natürlich Nihilismus zum Ausdruck
Diese Bilder können als Ausdruck von Hedonismus und Futurismus in der Kunst verstanden werden:

Re: Winnenden - erster Jahrestag und die Frage nach dem Warum
Verfasst: Samstag 13. März 2010, 02:09
von Juergen
Haiduk hat geschrieben:...Hedonismus, der sich durch die gesamte Gesellschaft zieht.
Falsch!