beth hat geschrieben:
Wie kommt es, dass in einem Land mit hohem christlichen (katholisch wie protestantisch) Profil, einer exponierten Kulturzivilisation von Dichtern und Denkern so etwas geschehen konnte? Wie kommt es, dass dieser Mr. Nobody Schickelgruber aus der tiefsten österreichischen Provinz diese Menschen, intelektuelle wie einfältige, so in den Bann ziehen und zu willigen Tätern machen konnte? ....
Vielleicht: Weil es die tiefste Provinz nicht nur in Österreich gibt, und weil besagter Herr es verstand, dieses "Dumpfbackenproletariat" virulent zu machen?
Nebenbei: Soo tief war die Provinz gar nicht. Braunau ist eine oberösterreichische Kleinstadt, zur Schule ging er in Linz, dann war er in Wien ... Und seine Vorfahren, soweit das noch rekonstruierbar ist, stammen aus dem niederösterreichischen Waldviertel, was auch nicht aus der Welt ist.
Wenn ein Deutscher mir mehr oder weniger scherzhaft vorhält, uns Österreichern wäre der Hitler zu verdanken, sag ich immer, ebenso mehr oder weniger scherzhaft: Ja, aber geworden ist er erst bei euch was. Bei uns war er ein Sandler (Obdachloser).
Im Ernst: Wir in Österreich müssen uns (nach wie vor) fragen, was mit uns nicht stimmt, dass wir solche Leute hervorbringen, die Deutschen (nach wie vor), warum so einer Karriere machen kann.
Phänomen, das ich beobachte: In der deutschen rechtsradikalen Szene scheinen unverhätnismäßig viele Österreicher in relativ prominenten Positionen mitzumischen. Es hat sich also an der grundsätzlichen Problemlage wohl nichts geändert.
Und: Die Geisteshaltung des genannten Herrn ist allgegenwärtig. Man begegnet ihr im ärztlichen Wartezimmer, in der Bahnhofshalle, vor der Kassa im Supermarkt, in der Schulklasse und im Lehrerzimmer, auf der Polizeistation, einfach überall. Meist aufgesplittet: Der eine ist xenophob, der andere denkt sozialdarwinistisch, der dritte ist religiöser Antisemit, der vierte liebt "Law and Order" usw. Und wenn sich das alles in einer politischen Bewegung fokussiert, dann wird's grimmig.
Und: Die oben von mir gebrauchten Fachausdrücke für die entsprechenden Geisteshaltungen sind allesamt viel zu hochgegriffen. Das ist so dumpf und primitiv, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem alten Mann, der die Laschheit und Bedeutungslosigkeit der Soldaten des Österreichischen Bundesheeres beklagte, und auf meinen Einwand, dass sie doch bei internationalen Einsätzen recht gute Figur machten, zu lamentieren anfing. Nach längerem Gespräch kristallisierte sich heraus: Sein Hauptvorwurf war, dass sie nicht in der Schlacht sterben.
Was soll man da noch sagen?
Immerhin war er ein bisschen über sich selbst erschrocken, als das klar wurde.