Deutsch-Liechtensteiner Verwerfungen?

Aktuelle Themen aus Politik, Gesellschaft, Weltgeschehen.
Raimund J.
Beiträge: 6092
Registriert: Dienstag 3. April 2007, 09:33

Deutsch-Liechtensteiner Verwerfungen?

Beitrag von Raimund J. »

Fürst Hans-Adam II. hat Deutschland als "Viertes Reich" bezeichnet und hofft es zu überdauern.

Wortlaut des Briefes

Dazu eine satirische Antwort aus der Schweiz.
Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Nec laudibus, nec timore

Benutzeravatar
Robert Ketelhohn
Beiträge: 26022
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 09:26
Wohnort: Velten in der Mark
Kontaktdaten:

Re: Deutsch-Liechtensteiner Verwerfungen?

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Raimund Josef H. hat geschrieben:Fürst Hans-Adam II. hat Deutschland als "Viertes Reich" bezeichnet

Nein, hat er nicht.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Raphaela
Beiträge: 5490
Registriert: Dienstag 11. September 2007, 17:53
Wohnort: Erzbistum Freiburg;südlichster Südschwarzwald "Dreiland": CH-D-F

Re: Deutsch-Liechtensteiner Verwerfungen?

Beitrag von Raphaela »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Raimund Josef H. hat geschrieben:Fürst Hans-Adam II. hat Deutschland als "Viertes Reich" bezeichnet

Nein, hat er nicht.
Und wie ist der Schluss seines Briefes deiner Meinung dann zu verstehen? Raimund hat die Worte viertes Reich in Anführungsstriche gesetzt.

Benutzeravatar
Linus
Beiträge: 15072
Registriert: Donnerstag 25. Dezember 2003, 10:57
Wohnort: 4121 Hühnergeschrei

Beitrag von Linus »

Hans Adam in obig erwähnter Quelle hat geschrieben:deutsch-liechtensteinischen Beziehungen betrifft, warten wir hier auf bessere Zeiten, wobei ich zuversichtlich bin, denn in den vergangenen zweihundert Jahren haben wir immerhin schon drei Deutsche Reiche überlebt, und ich hoffe, wir werden auch noch ein viertes überleben
.

Das Klingt nach: Drei hats bisher gegeben, das Vierte wird noch kommen, dzt laufen die vorbereitungen. Nicht aber, daß Deutschland aktuell das Vierte Reich wäre
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
"Black holes are where God divided by zero. - Einstein

Benutzeravatar
Robert Ketelhohn
Beiträge: 26022
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 09:26
Wohnort: Velten in der Mark
Kontaktdaten:

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Wird kommen oder kann, genau. Denn er sagt „ein“ viertes, nicht „das“. – Abgesehen davon ist schon die Zählung eines „zweiten“ oder „dritten“ Reichs aus je eigenen Gründen absurd; um so hirnrissiger das von den Propagandisten der angelsächsischen Besatzer delirierte „vierte“, welches im übrigen die suggerierte Parallele zum „dritten“ aus Unkenntnis der ideologischen Grundlage der Rede vom „dritten“ (und letzten) Reich völlig verkackt. Weswegen man sich solcher Reichslachnummern besser gar nicht bedient, nicht einmal als souveräner Fürst.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Benutzeravatar
ar26
Beiträge: 3245
Registriert: Sonntag 19. November 2006, 10:46
Wohnort: Sachsen

Beitrag von ar26 »

Wobei die Aussage an sich sehr viele sachliche Mängel hat. Das "erste deutsche Reich", nämlich das eigentliche Hl. Reich schlechthin, ist bereits 1806 untergegangen, ergo vor etwas mehr als 200 Jahren. Lichtenstein war mE Teil dieses Reiches.

Was die Aussagen zu einem Kriegszustand mit dem dt. Reich angeht, scheinen Durchlaucht ebenso daneben zu hauen. Am 1. WK war es nicht beteiligt, vielmehr dürfte sich Aussage auf den deutsch-deutschen Krieg von 1866 beziehen, wo Lichtenstein auf Seiten Österreichs in den Krieg gezogen war, mit Preußen aber später keinen Frieden geschlossen hat. Nur ist das Königreich Preußen mE nach kein Rechtsvorgänger späterer deutscher Staaten.
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

Benutzeravatar
Linus
Beiträge: 15072
Registriert: Donnerstag 25. Dezember 2003, 10:57
Wohnort: 4121 Hühnergeschrei

Beitrag von Linus »

ar26 hat geschrieben:Wobei die Aussage an sich sehr viele sachliche Mängel hat. Das "erste deutsche Reich", nämlich das eigentliche Hl. Reich schlechthin, ist bereits 1806 untergegangen, ergo vor etwas mehr als 200 Jahren. Lichtenstein war mE Teil dieses Reiches.
Aber Formal ist es mW ja sogar noch existent, einen "Auflösungsbeschluß" ieS gabs nie...
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
"Black holes are where God divided by zero. - Einstein

Raimund J.
Beiträge: 6092
Registriert: Dienstag 3. April 2007, 09:33

Beitrag von Raimund J. »

ar26 hat geschrieben:Wobei die Aussage an sich sehr viele sachliche Mängel hat. Das "erste deutsche Reich", nämlich das eigentliche Hl. Reich schlechthin, ist bereits 1806 untergegangen, ergo vor etwas mehr als 200 Jahren. Lichtenstein war mE Teil dieses Reiches.

Was die Aussagen zu einem Kriegszustand mit dem dt. Reich angeht, scheinen Durchlaucht ebenso daneben zu hauen. Am 1. WK war es nicht beteiligt, vielmehr dürfte sich Aussage auf den deutsch-deutschen Krieg von 1866 beziehen, wo Lichtenstein auf Seiten Österreichs in den Krieg gezogen war, mit Preußen aber später keinen Frieden geschlossen hat. Nur ist das Königreich Preußen mE nach kein Rechtsvorgänger späterer deutscher Staaten.
In einem Geschichtsforum wo dieses Thema diskutiert wurde, ist zu lesen, daß das Land Niedersachsen Rechtsnachfolger des preußischen Staates sei. Beim Staatsbad Pyrmont steht das auch so auf der Webseite: "Das Land Niedersachsen wird, als Rechtsnachfolger des Preußischen Staates, Eigentümer des Vermögens des Badebetriebes".
Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Nec laudibus, nec timore

Benutzeravatar
overkott
Beiträge: 19634
Registriert: Donnerstag 8. Juni 2006, 11:25

Re: Deutsch-Liechtensteiner Verwerfungen?

Beitrag von overkott »

Raphaela hat geschrieben:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Raimund Josef H. hat geschrieben:Fürst Hans-Adam II. hat Deutschland als "Viertes Reich" bezeichnet

Nein, hat er nicht.
Und wie ist der Schluss seines Briefes deiner Meinung dann zu verstehen? Raimund hat die Worte viertes Reich in Anführungsstriche gesetzt.
Hans-Adam II. moppert in dem Brief an einen Museumsdirektor über ein Land, das entgegen seiner juristischen Meinung ihm ein Bild seiner Familie vorenthält. Dabei verwirft er die Geschichte von 200 Jahren in Bausch und Bogen. Sein Ausrutscher mit dem "vierten" war daneben.

Der Zentralrat der Juden hat zurecht protestiert, weil er sich in diese tollpatschige Art der Auseinandersetzung mit Geschichte und Nachbarn nicht mithineinziehen lassen will.

Benutzeravatar
ar26
Beiträge: 3245
Registriert: Sonntag 19. November 2006, 10:46
Wohnort: Sachsen

Beitrag von ar26 »

Ne overkott, ganz so einfach ist die Sache nicht. Zwar mag die Art und Weise der Kritik seiner Durchlaucht unangebracht sein, einen wahren Kern hat die Geschichte schon.

Meiner Kenntnis nach, ist der lichtensteinische Souverän nach wie vor darüber verärgert, daß die Bundesrepublik seinerzeit ein Bild, das im Eigentum des Fürsten steht, nicht konfisziert und an ihn zurückgegeben hat. Hintergrund ist der, daß der tschechische Freimaurerstaat anno 1945 alle Einwohner deutscher Zunge ausgeraubt (und teilweise noch einiges mehr) hat. Davon betroffen war auch Eigentum von "Deutschen" aus dem Ausland, so auch Kunstschätze aus dem Eigentum des Fürsten. Einige Bilder aus dem Eigentum des Fürsten wurden später in der Bundesrepublik ausgestellt und hätten, wenn es der Bundesrepublik mit gewissen Rechtsgrundsätzen ernst wäre, durch diese beschlagnahmt werden und an den Fürsten als rechtmäßigen Eigentümer herausgegeben werden müssen. Dies hat die Bundesrepublik nicht getan. Generell wird ja die in manchen Teilen Europas durch Raub geschaffene Rechtslage von 1945 mittlerweile als sakrosankt behandelt, so auch kürzlich durch den EGMR, mit einem juristisch absolut unterklassigen Urteil.

Die rechtswidrige Erlangung von Bankdaten aus Lichtenstein durch den Bundesrepublik-Auslandsgeheimdienst kürzlich tut dann noch ihr übriges.

Was eine zahlenmäßig unbedeutende Religionsgemeinschaft mit der Angelegenheit zu tun hat, erschließt sich mir in diesem Zusammenhang nicht. :hmm:
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

Benutzeravatar
overkott
Beiträge: 19634
Registriert: Donnerstag 8. Juni 2006, 11:25

Beitrag von overkott »

Niemand sagt, dass er für seine Meinung nicht auch Gründe habe.

Es geht nur um die tollpatschige Art der Auseinandersetzung.

Benutzeravatar
ar26
Beiträge: 3245
Registriert: Sonntag 19. November 2006, 10:46
Wohnort: Sachsen

Beitrag von ar26 »

Du hast den Begriff "moppert" verwendet. Ich muss daraus schließen, daß Du seine Anliegen abqualifizierst.
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

Benutzeravatar
Robert Ketelhohn
Beiträge: 26022
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 09:26
Wohnort: Velten in der Mark
Kontaktdaten:

Beitrag von Robert Ketelhohn »

ar26 hat geschrieben:Das "erste deutsche Reich", nämlich das eigentliche Hl. Reich schlechthin, ist bereits 1806 untergegangen, ergo vor etwas mehr als 200 Jahren.

Reden wir hier vom deutschen oder vom römischen Reich? – Die zum sacro imperio gehörigen regna Burgund und Reichsitalien, oder deren Reste, sind schon 1801 untergegangen. Mit der Annahme des absurden Titels eines österreichischen „Kaisers“ hat 1804 Franz der Depp (in den Spuren des Korsen, der sich auch „Kaiser“ schimpfen ließ) dem bereits komatösen imperio den letzten Todesstoß gegeben. Was folgte, waren die letzten Zuckungen des regni Teutonicorum, dessen mittlere Fürsten nach Einverleibung der geistlichen Territorien noch die übrigen kleinen fressen wollten, während die unfähigen Monarchen Österreichs und Preußens die Dinge im wesentlichen treiben ließen. Daß Franz der Depp die Vollmacht hatte, 1806 neben seiner eigenen Abdankung auch die Auflösung des Reichs zu verkünden, bestreite ich ihm. Aber mit dem Reiche der Römer war es ohnehin vorbei, und spätestens 1815 gab es Brief und Siegel, daß auch kein deutsches Reich mehr bestand.

Bismarcks Großpreußen hat es auch keineswegs wiederbelebt, ebensowenig wie Hitlers „drittes“ Reich, welches diese Bezeichnung übrigens der hybriden Kombination aus Fortsetzung der verfehlten borussischen Reichezählung und ideologischer Endzeiterwartung in verdrehter Nachfolge Joachims von Fiore und seiner Drei-Reiche-Lehre verdankt.

Raimund Josef H. hat geschrieben:In einem Geschichtsforum wo dieses Thema diskutiert wurde, ist zu lesen, daß das Land Niedersachsen Rechtsnachfolger des preußischen Staates sei.
Ebenso wie die andern deutschen Länder, die ganz oder teilweise auf dem Territorium des ehemaligen preußischen Staats liegen, je für den entsprechenden Gebietsteil. (Das rührt aber erst aus der Zeit nach Ende des sogenannten zweiten Weltkriegs her.)
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Benutzeravatar
ar26
Beiträge: 3245
Registriert: Sonntag 19. November 2006, 10:46
Wohnort: Sachsen

Beitrag von ar26 »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:Reden wir hier vom deutschen oder vom römischen Reich? – Die zum sacro imperio gehörigen regna Burgund und Reichsitalien, oder deren Reste, sind schon 1801 untergegangen. Mit der Annahme des absurden Titels eines österreichischen „Kaisers“ hat 1804 Franz der Depp (in den Spuren des Korsen, der sich auch „Kaiser“ schimpfen ließ) dem bereits komatösen imperio den letzten Todesstoß gegeben. Was folgte, waren die letzten Zuckungen des regni Teutonicorum, dessen mittlere Fürsten nach Einverleibung der geistlichen Territorien noch die übrigen kleinen fressen wollten, während die unfähigen Monarchen Österreichs und Preußens die Dinge im wesentlichen treiben ließen. Daß Franz der Depp die Vollmacht hatte, 1806 neben seiner eigenen Abdankung auch die Auflösung des Reichs zu verkünden, bestreite ich ihm. Aber mit dem Reiche der Römer war es ohnehin vorbei, und spätestens 1815 gab es Brief und Siegel, daß auch kein deutsches Reich mehr bestand.

Bismarcks Großpreußen hat es auch keineswegs wiederbelebt, ebensowenig wie Hitlers „drittes“ Reich, welches diese Bezeichnung übrigens der hybriden Kombination aus Fortsetzung der verfehlten borussischen Reichezählung und ideologischer Endzeiterwartung in verdrehter Nachfolge Joachims von Fiore und seiner Drei-Reiche-Lehre verdankt.
Einige interessante Gedanken. Ich meine aber, man kann das Ende des Hl. Römischen Reiches nicht mit Gebietsverlusten, wie Burgund oder Italien begründen, derartige Veränderungen hat es mE immer gegeben. Das Reichsende aber an den Hauptschluss und die damit einhergehende Säkularisierung anzuknüpfen, halte ich für gut denkbar. Letztlich war das sacrum imperium auch und vor allem Rechtsgemeinschaft. Dieses Recht ist aber durch die Säkularisierung dem Recht des Stärkeren gewichen.
Robert Ketelhohn hat geschrieben: Ebenso wie die andern deutschen Länder, die ganz oder teilweise auf dem Territorium des ehemaligen preußischen Staats liegen, je für den entsprechenden Gebietsteil. (Das rührt aber erst aus der Zeit nach Ende des sogenannten zweiten Weltkriegs her.)
Soweit es den Eigentumsübergang für im Inland belegenes Gut angeht, vollkommen richtig. Wie es sich mit der Nachfolge im völkerrechtlichen Außenverhältnis bestimmt, ist noch eine andere Frage. Jedoch ist ohnehin ein fortdauernder Kriegszustand zwischen Lichtenstein und Preußen über 1866 hinaus nicht recht begründbar, da Kriegsgrund eine Bundesexekution gewesen ist. Diese Bundesexekution wurde aber unstreitig (und erfolglos) beendet. Mit der Auflösung des Deutschen Bundes war jeder Exekution ohnehin der Boden entzogen.
...bis nach allem Kampf und Streit wir dich schaun in Ewigkeit!

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema