Rausch und Ekstase

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overkott
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Rausch und Ekstase

Beitrag von overkott »

Rauschartige Zustände und ausgelebter Eros gehören zu den religiösen Grenzerfahrungen im Rahmen der Religions- und Kirchengeschichte.

Dionysos ist in der griechischen Götterwelt ein Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

Dionysius Areopagita scheint in seiner Mystik in zurückgeschnittener Form daran anzuknüpfen.

Heute sagt man, er sei nicht mit dem von Paulus bekehrten Dionysius zu verwechseln.

Ein gleichnamiger Märtyrer aus Paris und seine Verbindung zur französischen Monarchie verlieh seiner theologischen Argumentation zusätzliches Gewicht.

Der starke Einfluss auf das bonaventuranische Denken, wie es sich im Hexaemeron widerspiegelt, ist von daher verständlich.

Bei Dionysius ist Gott Ursache, Anfang, Wesen, Leben (etc.) aller Dinge (vgl. de divinis nominibus I, 3). Gott ist aber auch als das Eine und Vollkommene jenseits allen Daseins (vgl. de mystica theologia I, 3). Die Frage nach der möglichen Erkenntnis Gottes wird dann derart beantwortet, dass per analogiam die Erkenntnis zur Ursache von Allem geführt werden kann (vgl. de div V, 9), ohne Gott in einem Existierenden jedoch jemals zu erkennen (vgl. de div VII, 3). Eine theologia positiva (kataphatike) muss also von der biblischen Offenbarung Gottes ausgehen (vgl. de myst III), wobei Gott als Über-Seiend, hyperousios , nie erreicht wird. Eine theologia negativa (apophatike) muss sich so um die Unsagbarkeit bemühen (vgl. de myst III, de div XIII), die Verborgenheit aufnehmen und eben nach diesem Dunkel fragen (vgl. de myst I). Die Positionen der theologia positiva und der theologia negativa werden nicht aufgelöst (Interpreten, die diese Auflösung doch sehen, sprechen dann von der via eminentiae), sondern eher in praxi durch eine theologia mystica flankiert, die den Weg „in das mystische Dunkel der Erkenntnis“ (de myst I, 3) soweit möglich bahnen soll.

Insgesamt erscheint Bonaventura als "Fürst aller Mystiker" (eine Formulierung von Leo XIII., die in Abwandlung dem Hexaemeron entnommen sein dürfte) Zustände von Rausch und Ekstase allenfalls anzudeuten und zu zitieren.

Im Allgemeinen sind an die Stelle von Rausch und Ekstase im Christentum Nüchternheit und Wachsamkeit getreten.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Gerade diese Elemente von Rausch und Ekstase tauchen wieder in der Pfingstgeschichte auf.

Spiritus ist heute noch ein Ausdruck sowohl für Alkohol als auch für Geist und Begeisterung.

Die Apostelgeschichte erzählt vom Pfingsttag. Eine außergewöhnliche Geschichte von Feuerzungen, fremden Sprachen und einem überraschenden Verständnis. Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken. Petrus wies dies zurück und zitierte einen apokalyptischen Text des Propheten Joel: "Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben." Das schien auch viele Franziskaner begeistert zu haben. Charismatiker wirken wie eine Variation davon. Bei Bonaventura erscheinen Pfingstmotive in theologischer Reflexion mit gebremstem Schaum. Sicher ist die charismatische Interpretation von Pfingsten nicht "die" authentische, sondern allenfalls eine mögliche.

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holzi
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Beitrag von holzi »

Nun, wo wir schon mit Dionysos angefangen haben: wo war denn sein Kult am stärksten verbreitet? Richtig - in Korinth! Da nimmt es nicht mehr Wunder, dass der Apostel Paulus gerade den Korinthern im 1 Kor 14 eine Anleitung zum vernünftigen Gebrauch der Charismen gibt. Er scheint ja gewusst zu haben, dass gerade die Korinther durch die Tradition der rauschhaften Gotteserfahrung anfällig für die "charismatische Seite" waren.

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overkott
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Beitrag von overkott »

Er ist dort hin gekommen, hat die Leute und ihre Probleme kennengelernt (zum Beispiel ihre Streitfrage: Darf ein Mann lange Haare haben?), hat sich ihnen angepasst, ihnen das Evangelium verkündet und später mit ihnen Briefkontakt gehalten.

sofaklecks
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Dionys von Paris

Beitrag von sofaklecks »

Da lächelte der kopflose Heilige.

sofaklecks

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Peregrin
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Re: Rausch und Ekstase

Beitrag von Peregrin »

overkott hat geschrieben: Im Allgemeinen sind an die Stelle von Rausch und Ekstase im Christentum Nüchternheit und Wachsamkeit getreten.
Gibt weniger Kater.
Ich bin der Kaiser und ich will Knödel.

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Linus
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Re: Rausch und Ekstase

Beitrag von Linus »

Peregrin hat geschrieben:
overkott hat geschrieben: Im Allgemeinen sind an die Stelle von Rausch und Ekstase im Christentum Nüchternheit und Wachsamkeit getreten.
Gibt weniger Kater.
Waß hastdu *hicks* gegen Miezen?
"Katholizismus ist ein dickes Steak, ein kühles Dunkles und eine gute Zigarre." G. K. Chesterton
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overkott
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Re: Rausch und Ekstase

Beitrag von overkott »

Peregrin hat geschrieben:
overkott hat geschrieben: Im Allgemeinen sind an die Stelle von Rausch und Ekstase im Christentum Nüchternheit und Wachsamkeit getreten.
Gibt weniger Kater.
Yep.

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Flamme
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Re: Rausch und Ekstase

Beitrag von Flamme »

Johannes vom Kreuz hat geschrieben: ... daß bei diesem Besuch des göttlichen Geistes der Geist der Menschenseele mit großer Kraft mitgerissen wird, um mit dem göttlichen Geist in Austausch zu treten, und den Leib verläßt und aufhört, in ihm zu fühlen und in ihm seine Handlungen auszuführen, denn er führt sie in Gott aus. Darum sagte der heilige Paulus, daß er in seiner Verzückung nicht wußte, ob seine Seele im Leib oder außerhalb des Leibes war, als er den Geist empfing (2Kor 12,2)[...]

Und diese Gefühle haben bei solchen Besuchen diejenigen, die das Stadium der Vollkommenheit noch nicht erreicht haben, sondern ihren Weg im Stadium der Fortgeschrittenen gehen; denn diejenigen, die angekommen sind, haben bereits die ganze Mitteilung, die in Frieden und zärtlicher Liebe gemacht wird, und solche Verzückungen hören auf, die Mitteilungen waren, welche auf die allumfassende Mitteilung vorbereiten.

aus: Der geistliche Gesang
Solche Art Ekstase hinterläßt wohl keinen Kater - es sei denn, man bleibt auf ihr kleben, wenn es Zeit ist weiterzugehen. Aber ihr deswegen von vorneherein ängstlich ausweichen wollen hieße wohl das Kind mit dem Bade ausschütten.

lg
Flamme

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