Erfahrungen auf dem Jakobsweg

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ifugao
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Erfahrungen eines Pilgers auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino 14 Waschmaschine und Fußball


Das alltägliche Leid eines Pilgers

Camino14 Waschmaschine und Fußball

Irgendwie fühlt es sich mittlerweile so an, als ob der Wegverlauf von einem betrunkenen Umweltschützer geplant wurde. Er folgt keinen Gegebenheiten der Landschaft, oder Straßen, oder Brücken. Entfernt sich von einem Strand, geht ins Inland, kehrt an eine Steilküste zurück, versinkt fast im Ginstergestrüpp (Ulex europaeus, übersteht bei uns kaum einen guten Winter), und man kapiert nicht, was das soll. Natürlich geht es uns nicht darum, schnellstmöglich ans Ziel zu kommen, sonst könnten wir auch an irgendeiner Schnellstraße entlangtorkeln.

Aber dann legt sich ein Bewusstsein der Vergangenheit auf meine Schultern: Hier ist ein Bereich des Camino del Norte, an dem der Wegverlauf so authentisch wie möglich gehalten ist. Dazu kommt, dass der Norte einen der ältesten Bereiche der Jakobswege darstellt, zusammen mit dem Camino Primitivo, der in wenigen Tagen abzweigt und übers Gebirge geht. Im späteren Mittelalter haben einige Fürsten im Inland erkannt, dass viel Geld in den Pilgern steckt, die an der Küste herumstapfen, und den Pilgerstrom umgeleitet, dahin, wo jetzt noch der bekannteste Weg läuft, der Camino Frances. Dieser hat natürlich auch seinen Biss, ist aber von der Härte des Weges nicht mit den ersten Bereichen des Norte zu vergleichen, und mit der brutalen Strenge des Primitivo schon gar nicht. Deshalb laufen viele Esoteriker, teilweise mit Halbedelsteinpendel oder Wünschelrute, auf dem Hauptweg, auf den Spuren der alten Kelten, die dort höchstwahrscheinlich nie gelaufen sind. Die richtig alten Strecken, auf denen schon Kelten lange vor Compostellas besten Zeiten ans Ende der Welt gelaufen sind, sind hier! Vielleicht war hier vor einigen hundert Jahren eine begehbare Furt, oder eine Mühle mit Mietstall, oder überhaupt kein Fluss, aber ganz bestimmt keine Autobahnbrücke, und der Weg, den jetzt gehe, war eben diesen Begebenheiten angepasst. Schon vor mehreren Jahrhunderten, vielleicht über tausend Jahren, sind hier auf diesen Steinen auch schon Pilger gepilgert, lange bevor diese wunderschönen alten Städte um ihre Kathedralen herum gebaut wurden.

San Vicente de la Barquera ist eine solche Stadt, und das Tagesziel. Allzu viel Phantasie mit den Städtenamen hatten die alten Stadtgründer damals nicht, es gibt hier mehrere San Vicentes, auf deutsch Heiliger Vinzenz, der hier wohl der Gebietsheilige ist, nach dem einige Städte benannt wurden, und hier ist also der Heilige Vinzenz vom Hafen. Oder so. Die Stadt ist über eine sehr lange sehr alte Brücke zu erreichen, und schon hier treffen wir einige Pilger und Pilgerinnen, die sich ins Rennen um die letzten Herbergsbetten einreihen, denn die Herberge ist in gutem Ruf und gut bekannt. Der Weg durch die Stadt ist verwinkelt, steil und dunkel, das Wetter wird zunehmend stürmischer. Die Altstadt ist wirklich alt, überall gibt’s klotzige Burganlagen und monströse Kirchengebäude. Und natürlich unzählige Souvenirläden und Touristenrestaurants.

Die Herberge ist in ein Untergeschoss eines kirchlichen Seminars eingebaut, einziger Zugang ist eine Garage, in dem eine gut frequentierte Waschmaschine und eine Tischtennisplatte stehen. Die Tischtennisplatte dient als Rezeptionsschreibtisch des Hospitaleros, der wohl bei Ernesto in die Lehre gegangen ist. Alle Wände des Aufenthaltsraumes hinter dem Garagenentrée sind mit Photos der Pilger gepflastert, es gibt Bücher, eine Computerecke, ein Fernseher läuft, und ja: Ernesto lädt auf einem Plakat zu einer Hospitaleroschulung ein. Auch hier gibt’s wieder viele Fahrradpilger, und so langsam verhärtet sich die Vermutung zur Gewissheit: Französische Radpilger sind nervig!

Der Hospitalero lädt ein zum gemeinsamen Abendessen, es wird auch eine Besprechung der weiteren Route geben, und einige Lieder mit Frau und Tochter des Hauses. Aber zuerst belagern wir die Waschmaschine, die nur von der Großen Chefin geladen und gestartet werden darf. Brav trennen wir unsere Wäsche nach hell und dunkel, und schon nach zwei Stunden ist die erste Fuhre fertig. Allerdings habe ich jetzt eine Unterhose mehr. Anscheinend benutzt einer der Radpilger die gleiche Marke wie ich, aber obwohl diese Dinger sündhaft teuer sind, versuche ich den fremden Slip zu identifizieren, und drapiere ihn gut zu finden auf dem Bücherregal. Wir schärften der Hospitalera mehrmals deutlich ein, sie möge doch bitte unsere sorgsam sortierte helle Wäsche nicht mit weiterer fremder dunkler Wäsche mischen (Zitat aus dem Handbuch „Pilgern für Tussis“) und machen uns auf, die Stadt zu erkunden. Um danach zu erkennen, dass unsere gesamte helle Wäsche mit der dunklen Wäsche sämtlicher anderer Pilger vermischt und versaut ist. Die Dame des Hauses kann einfach nicht verstehen, warum wir übergenauen Deutschen nicht unsere Klamotten waschen wie alle anderen auch: Alles wie’s kommt in die Maschine, auf 30° stellen, doppelt soviel Waschmittel wie nötig dazu, und anschalten. J. explodiert der Hospitalera direkt ins Gesicht, beide werden laut und lauter, bis J. ihre Sachen packt und kochend abrauscht, direkt ins nächste Hotel. Zuerst kann ich’s kaum nachvollziehen, aber dann stellt sich mir auch der Hahnenkamm. Gestern mussten wir die notwendigsten Sachen mit Shampoo unter der Ägide mürrischer Mönche waschen, heute das Theater hier. Wir haben so viel aufgegeben, jedes bisschen Luxus, haben als persönliches Gut fast nur noch diese paar Klamotten, nur um sie dann auch noch versaut zu bekommen. Irgendwann langt’s halt. Keiner von uns denkt noch an ein großes Abendprogramm in der Herberge. Wir treffen uns später in der Innenstadt, wo eigentlich ein Volksfest sein sollte, was aber vom Sturm weggeblasen wurde. Also stürmen wir einen chinesischen 1-€-Shop, die gibt’s hier überall, und suchen ein Restaurant, wo es endlich Salat (kaum zu kriegen hier) und gutes deutsches Essen gibt. Genau, eine Pizzeria!

Allmählich bauen wir uns gegenseitig wieder auf, und machen die hiesige Burg unsicher. Wir albern herum, verstecken uns, und singen Lieder aus dem Dschungelbuch: „Dubidubidubididu, ich bin so Dubedidu, mir ist so Dubidubidubedidu!“ Hey, damit hab ich mal `ne Talentshow gewonnen, bei der Wahl zum Mr. Mallorca, da war ich acht Jahre alt!

Zurück in der Herberge klauen wir noch ein paar Caramelpuddings und ein paar Gläser Tinto, keiner merkt’s, die Fahrradpilger gucken Fußball. Und verstehen absolut nicht, warum ihr Gegröle einige Pilger am Schlafen hindert. Als ausgleichende Gerechtigkeit gibt’s am nächsten Morgen für die langschlafenden Fußballfreunde kein Klopapier mehr, hihihi!

Und der Weg ruft, weiter, weiter, komm, immer weiter!


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ifugao
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Aus dem Pilgerleben

Camino15 Vorsicht, Privat!

Irgendwie schaffen wir es, in den nächsten drei Nächten hintereinander weg in privaten Unterkünften unter zu kommen. Die normalen Pilgerherbergen wurden schon genug beschrieben, normaler Tarif ist 5,-€, wenn’s besser erschien konnte man mehr bezahlen, oft genug hätt man Geld herausbekommen sollen. Aber wie schon gesagt, es geht um den Weg, nicht um den Stillstand. Private Unterkünfte können Gästebetten in Privathäusern sein (ist mir selbst nicht untergekommen(ob das gut oder schlecht ist weiß ich nicht…)), Pensionen, Hotels, Getreidespeicher, Wohnwagen, der Phantasie sind da keine Grenzen gesteckt. Und die Nordspanier haben Phantasie! Pilger allerdings auch! Einmal bin ich einer Pilgergruppe von sechs Mitgliedern begegnet, die den Concierge eines Fünf-Sterne-Hotels überredeten, ihnen ein Zweibettzimmer zu ermäßigtem Preis zu geben und sie zu sechst darin schlafen zu lassen, auch nicht schlecht…

Privatunterkünfte liegen normalerweise zwischen 10,- und 17,50€, allerdings sind oft genug 10,-€ schon Abzocke (angeblich ist das Wort „Abzocke“ nicht im Duden enthalten und kein deutsches Kulturgut), andere sind mit 17,50€ so gut wie geschenkt.

Von „Heiliger Vinzenz vom Hafen“ aus müssen wir uns erst einmal ein wenig miese Laune von der Seele laufen, und es geht eher hügelig durchs Binnenland. Zu den Mittagspausen verabreden wir uns, falls wir uns nicht sowieso dauernd über die Füße fallen. Wir Vier meiner Einheit sind mittlerweile gut eingelaufen, mit Ausnahme von G.‘s verblasten Füßen. Seine Blasen bekommen Junge, bevor sie richtig verheilt sind. Wir probieren Blasenpflaster, wir ziehen ihm Fäden durch die kaputte Haut, um das Gewebswasser zu drainieren, hilft aber alles nix. Das letzte, was noch Linderung verspricht und noch nicht getestet ist, sind Nylonsöckchen unter den Laufstrümpfen, um die Reibung an der Haut zu mindern. Allerdings sind wir mittlerweile so richtig im abgelegenen Hinterland, hier gibt’s wohl Burgen und Schösser, aber keine Dessousläden. Wie man hier Nylonsöckchen bekommen kann ist im Pilgerratgeber „Pilgern für Tussis“ zu lesen. Ebenso die Antwort auf die Frage, ob man für Nylonwandersocken auch Strumpfbandhalter braucht, oder wie man sich in einer Pilgerdusche die Zehennägel lackieren kann, falls man zum Rucksack passenden Nagellack gefunden hat. Inklusive unzerbrechlicher Wandernagellackflasche aus unzerbrechlichem Plastik mit integriertem Pinsel aus Funktionsfasern.

Zum frühen Nachmittag finden wir uns in einer Raststätte mit Fernfahrerkneipe und Hotel ein, und je länger wir über den weiteren Weg diskutieren, desto weniger wollen wir weiter. Nach ausgiebiger Weganalyse finden wir endlich eine Ausrede: Wir müssen meinen Rucksack wiegen! Nein, Blödsinn, G.‘s Füße haben Pflege und Ruhe nötig! Zwei Doppelzimmer bekommen wir für 15,-€ pro Pilger im Pilgerspezialpreis, und nachdem eines sogar eine Badewanne hat bleiben wir. Schräg gegenüber ist auch, oft zu treffen in der Nähe von Fernfahrerhotels, ein Café „Cherie“, das abends nette Unterhaltung bietet. Beinahe wollen wir hinübergehen und fragen, ob’s hier auch Pilgerermäßigung gibt. Lassen wir aber dann doch. Das Menu Peregrino wird nicht im anliegenden Restaurant serviert, sondern in der Fernfahrerkneipe (nicht die mit der netten Unterhaltung), und ist einfach nur gigantisch. Salat gibt’s aber auch hier nicht. Da wir mittlerweile kaum noch Schnitzel Natur (Lomo) mit ungesalzenen Pommes Frites (Patatas Fritas) riechen können, probieren wir nach und nach einheimische Spezialitäten, notgedrungen. Fabadas Asturianas ist zum Beispiel Eintopf mit weißen Asturischen Bohnen, Blutwurst, Chorizo, und Speckschwarte, echt leckerlich. Einheimisches Frühstück besteht hingegen aus abgepackten Madeleines oder abgepackten Schokocroissants, es gibt auch abgepackten Toast.

Nach diesem aufmunterndem Gaumenschmaus geht es zurück zu meiner geliebten Steilküste, die wir allerdings nicht direkt erleben, sondern von einem Höhenweg mit grandioser Aussicht aus bewundern können. Aufstieg und Abstieg zu und von diesem Panoramaweg sind zwar ultrabrutal, aber jeder Schweißtropfen lohnt sich. Die Küste sieht von oben aus, als hätte ein Kind mit Zahnlücken von einem Vollkornbrot abgebissen: Ein kleiner Strand, ein paar Felsen, wieder ein kleiner Strand, wieder Felsenküste, dann, welche Überraschung, wieder ein kleiner Strand. Oben am höchsten Punkt des Höhenweges ist ein Golfplatz. Schon hübsch da oben, aber was macht man, wenn man den Ball verschlägt? Llanes, unser nächstes Etappenziel, ist ein total süßes verwinkeltes Fischerstädtchen wie aus dem Mittelalter. In der Privatherberge, die im alten Güterbahnhof liegt und wie eine Hippiewohngemeinschaft aus den Siebzigern aussieht, treffen wir wieder auf die drei polnischen Kampfemanzen, die bei jedem männlichen Pilger, dem sie in der Stadt begegnen, den Kopf zur Seite drehen. Meine Güte, man kann’s auch übertreiben!

Davon unbeeinflusst überfällt mich mein schlimmster Heimwehanfall seit Jahrzehnten. Ich kaufe mir ein neues Funktionsshirt und Schweißbänder in einer Sportboutigue, deren sechzigjähriger Besitzer gezupfte und geschminkte Augenbrauen trägt. Hach, wie hübsch! Dann vertilge ich einen dreiviertel Liter Trinkjoghurt und zwei Äpfel, ein Mandeltörtchen, einen Döner mit Käse und zwei Gläsern Tinto, zum Abschluss in der Herberge noch eine Flasche Rotwein. Danach kann ich beinahe ertragen, dies alles nicht mit meiner Frau und meinen Kindern zu teilen. Oder wenigstens mit meiner Katze. Oder dem Hundchen. Vielleicht sollte ich zurücklaufen bis zum Fernfahrercafé, da gibt’s wenigstens Musik.

Bestimmt hängt’s damit nicht zusammen, aber am nächsten Tag verlaufe ich mich um drei oder vier Kilometer, allerdings in einer unglaublich schönen Gegend, Strände mit Steilküste lösen sich mit Eukalyptuswäldern ab, entweder riecht’s nach Fisch oder nach Hustenbonbon. Am späteren Nachmittag treffen wir uns nach und nach in San Jorge, auf Deutsch Heiliger Schorsch. Das Hotel San Jorge hat zwei Sterne, ist grün und nobel. Die Bar San Jorge ist rot, hat Plastikstühle und ein kaputtes Licht. Die Pension San Jorge ist ein gelber Betonblock direkt an der Straße. Die Pilgerunterkunft San Jorge für Mädels ist ein Zimmer über der Bar. Die Pilgerunterkunft San Jorge für Männer ist ein Getreidestadel. Darin befindet sich hinter einer Tür von 1,6m Höhe auf 9m² Fläche ein französisches Bett, zwei Nachttischchen, zwei Sessel in Kindergröße, ein Waschbecken, eine elektrisch beheizte transportable Dusche, und ein Klo. Das Klo ist mit zwei Falttüren abgegrenzt, die allerdings nicht bis zur Decke gehen. Statt Fenstern hat es hier nur zwei Klappen, durch die ein Kopf, mehr nicht, passt. Durch die Ritzen im Boden kann man auf den Hof sehen, wird wohl kalt heut.

Es gibt allerdings auch mehrere Supermercados in San Jorge, die aber alle geschlossen sind, bis auf „Alimentation Ultramarin“, und hier gibt es alles. Nein, wörtlich, alles, auf 30m². Brot, Wein, Rohre, Schrauben, Schokolade, Wurst, Motoröl, Schippenstiele, Obst, Werkzeug, alles kreuz und quer durcheinander, mit kaum Platz für die Füße. Der Verkäufer trägt im Laden einen Motorradhelm. Wir gehen Hamburger essen.

Hamburger sind hier allerdings etwas ganz spezielles, und sie heißen Hamburquesas. Man bekommt sie in einer Hamburqueseria Oder in der Bar San Jorge. Zwischen zwei Brötchenseiten tummeln sich mehrere Scheiben gegrillte Fleischklopse, Kochschinken, gebratener Speck, drei Sorten Käse, Gurken, Tomaten, Paprika, verschiedene Sorten Salat, Zwiebeln. Allein die Größe schickt jeden Viertelpfünder oder Royal McDingsbums zurück in den Kindergarten. Allerdings ist er vollkommen ungewürzt, kein Ketchup, Senf oder Mayonnaise, keine Cocktailsauce oder irgendwas. Man muss ihn auffächern wie ein Kartenspiel, alle möglichen Flüssigkeiten daraufquetschen, und ihn danach wieder zusammensetzen. Dann erst kann man ihn essen, um sich dabei restlos zu versauen. Wenigstens haben wir es nicht weit von der Bar San Jorge in den Pilgergetreidespeicher San Jorge. Bei den Mädels klauen wir uns noch ein paar Decken, dann kann die Nacht kommen.

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ifugao
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino16 Psychokäse

Es ist schon wieder Samstag, und ich bin heute tatsächlich schon zwei Wochen unterwegs, mit mehr als 200km Strecke unter den Füßen. Spätestens jetzt wäre ein normaler Wanderurlaub vorbei, hier bin ich jetzt richtig eingelaufen. Bei 20km geplanter Tagesstrecke entspanne ich mich im Voraus, kann nicht so schlimm werden. Erst bei Tagesplanungen über 25km frage ich mich noch, wie’s wohl werden wird. Essen und Schlafplatzsuche sind zur Routine geworden, und das spezielle Gelb der Wegweiser, der Pfeil (Flecha) und die Muschel (Concha), erkenne ich aus den Augenwinkeln. Ayayay, Io soy Peregrino! Kein Peregringo mehr. Morgens haben wir alle noch Krämpfe in den Unterschenkeln, aber die gehen nach einer Stunde auf dem Weg weg. Wegen so etwas regen wir uns kaum noch auf. Wenn wir abends in einer Bar gesessen haben, haben wir alle Probleme damit, danach mit geraden Beinen aufzustehen und die ersten zehn Schritte aufrecht zu gehen. Da das allen Pilgern so geht nennen wir das „Pilgrim’s Walk“, zu singen auf die Melodie von „Walk the Dinosaur“ von Queen Latifah. Auch der Tanz aus dem dazugehörigen Video passt…

Auf dem Weg nach San Esteban de Leces (Heiliger Stefan von der Milch? Eher nicht!), wo es eine einfache Herberge in schöner Umgebung geben soll, kommen wir nach einigen anspruchsvollen Steigungen und Gefällen durch Ribadesella, einer wirklich schönen mittelalterlichen Hafenstadt, komplett mit Brücke, Trutzburgen, riesigen Kirchen, und Einkaufspassagen. Während wir mit unseren Rucksäcken die halbe Straße blockieren und uns mit Kakao abfüllen, kauft sich G. ein belegtes Brötchen, ein Boccadillo, was hier tagsüber als Hauptnahrungsmittel dient. Wir haben schon einige absonderliche Beläge ausprobieren können, gekochte Tintenfischarme, weiße Paste mit Shrimp, ungebratenes Bratwurstbrät (Wer Einem eine Bratwurst brät, hat wohl ein Bratwurstbratgerät!), aber dieser schlägt alle! Es ist der schimmligste Schimmelkäse, den ich je gesehen habe! Ich kenne milden Danablu oder Bavaria Blue, Roquefort (nicht der Detektiv), steirischen Graukäse mit authentischem Stallgeschmack, französischen Schwarzschimmelkäse, aber dieses grüngraue Grauen schlägt alle! Als G. mit diesen Brötchen zum Tisch zurückkommt grüßt er freundlich eine Gruppe älterer Männer am Nachbartisch, die anscheinend mit ein paar Café Latte die Zeit zum nächsten Schnaps überbrücken. Einer von ihnen steht auf und begrüßt ihn mit vielen Umarmungen, als wär er sein verlorener Enkel. Und wiederholt das alle drei bis fünf Minuten. G. kann kaum seine Brötchen essen, weil der Opa andauernd wiederkommt. Dabei schmeckt der Käse unglaublich gut! Vielleicht sind wir gerade bei der spanischen Fassung von Vorsicht Kamera gelandet. Oder in einem Film von Jim Jarmusch. Hoffentlich nicht in einem Film von Quentin Tarantino. Wir haben auch nichts Merkwürdiges geraucht. Vielleicht ist der Käse psychedelisch! Na, in Holland muss man auch aufpassen, in welchem Café man Schokoladenkekse kauft, vielleicht gibt‘s hier psychoaktiven Schimmelkäse. Würde einiges erklären!

Der Weg zur Herberge von San Esteban de Leces ist dann doch noch ein wenig steiler und länger als wir befürchtet haben, oben auf einem Berg sind eine Kirche, ein Wohnhaus und eine ehemalige Schule. Und das ist schon der ganze Ort San Esteban de Leces. Dabei ist die Gegend sehr musikalisch, alle Kühe haben Glocken am Hals, und die Kirchenglocken läuten auch andauern. Irgendwie komisch, die Hospitalera trägt kein Dirndl, würde irgendwie passen. Die Herberge ist schnell in deutscher Hand, wir Vier meiner Einheit, ein Mann und eine Frau, ein sehr schweigsamer älterer Herr namens H., zwei Schnuckel (M. und K., Bessitos!) aus den östlichen Provinzen. Dazu zwei Vollpfosten, D. und L., die eine Guitarre mitschleppen, obwohl sie kaum spielen können, und sich benehmen, als hätten sie zu viele Käsebrötchen gegessen. Den zwei Mädels und den beiden Guitarreros sind wir schon in Heiliger Vinzenz vom Hafen begegnet. Der Camino ist klein, man kennt so ungefähr die Pilger bis drei Tage voraus und drei Tage hinter sich, wenigstens vom Sehen. Dann kommt noch eine Gruppe spanischer Fahrradpilger, die tatsächlich mit einem Begleitbus unterwegs sind, der ihr Gepäck befördert. Leider gibt es für die kein heißes Wasser mehr in den Duschen, schade, schade. Selbst Schuld, warum haben die keine Dusche in ihrem Gepäckbus? Gepäckbus, meine Güte!

A propos Bus: Es gibt eine Bar mit Pilgermenue, aber die ist nur mit dem Bus zu erreichen, der glücklicherweise vor der Herberge hält. Oder vor der Kirche? Auch egal! Wir warten fast eine Stunde auf den Bus, aber was soll’s, wir haben ja sonst nix vor. Die Bedienung der Bar mit dem Menu Peregrino gibt sich anfangs zwar recht unfreundlich, weil wir kein Asturisch oder wenigstens Cantabrisch sprechen und die Bestellung sich ein wenig schwierig und langwierig gestaltet, und die Speisekarte gibt es nicht schriftlich, sondern nur mündlich im örtlichen Highspeeddialekt. Dann söhnt sich aber mit uns wieder aus, als sie sieht, mit welchem Appetit wir zuschlagen. Und die Portionen sind einfach gigantisch. Es gibt wieder Fabadas Asturianas, fritierte Sardinen in Salzkruste, Gemüseauflauf, und Albondigas con Patatas Fritas. Das sind die hiesigen Frikadellen in Sauce, und mit der Sauce kommen die ungesalzenen Vierkantrösti richtig gut. Flan als Nachtisch, dazu Tinto, Wasser und Brot bis zum Abwinken. Für 9,-€! Wir fressen, bis wir kaum noch gehen können. Nein, natürlich liegt das nicht am Tinto!

Mit uns am Tisch gelandet ist H., einer der anderen Deutschen, und er ist sehr still. Aber er freut sich ernsthaft, mit anderen Deutschen an einem Tisch zu sitzen, auch wenn wir ihm jeden Gesprächsfetzen einzeln aus der Nase ziehen müssen. Außer seinem Vornamen und seiner Herkunft Norddeutschland bekommen wir nichts aus ihm heraus, aber er ist sichtlich froh, bei Leuten zu sitzen, die die gleiche Sprache sprechen wie er und trotzdem wissen, was sie da für ein Essen bestellen. Nun, im Norden Deutschlands gehört ein Gespräch nicht unbedingt zur Unterhaltung, das kennt jeder, der einmal in Friesland an einer Theke gesessen hat. Den anderen meiner Einheit mutet er gespenstisch an, für mich strahlt er eine tiefe Traurigkeit aus. So wie er würde ich mich nach einem schlimmen Trauerfall, den ich mir von der Seele laufen wollte, benehmen. Leider habe ich ihn nie wiedergesehen, ich hätte mich gern noch einmal in Ruhe mit ihm unterhalten. So klein ist der Camino dann doch nicht!

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ifugao
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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Lluvia



Nach dem gestrigen Pilgermenu fällt es uns schwer, die Betten zu verlassen und uns abmarschbereit zu machen. Manchmal nervt der Weg wirklich mit seinem „Auf, ihr faulen Pilger, weiter geht’s, weiter!“ Es ist doch Sonntag, bringt mir Croissants mit Schinken, Rührei, und Assam mit Sahne und braunem Zucker! Irgendjemand erzählt von „Lluvia“. Auch gut, wenn Lluvia jung und hübsch ist soll sie mir das Frühstück ans Bett bringen! Lluvia kommt nicht und bringt auch kein Frühstück ans Bett. Doña Agatha ist’s, die Herbergsmutter (leider nicht die Herbergstochter), und sie unterstützt den Weg mit ihrerseitiger Aufforderung, weiter zu pilgern. Ja nee is klar, der Krempel ist schnell gepackt, statt Zähneputzen gibt’s einen Apfel zum Frühstück. Geschniegelt und gespornt reiße ich die Ausgangstür auf und stehe vor Lluvia!

Aha.

Lluvia ist nicht die junge und hübsche Tochter der Hospitalera.

Lluvia wird auch nicht mein Urlaubsflirt werden.

Lluvia heißt Regen, und fällt sehr üppig aus. Vor der Tür steht eine Wasserwand!

Oo…kayyy, dafür hab ich meine Regenkleidung. Meine normale Windjacke ist wasserdicht, meine Schuhe sind gut imprägniert, sogar für Manni das Mammut auf meinem Rücken habe ich einen Regenschutz, endlich weiß ich, wofür ich den Mist mit mir herumschleppe. Meine Regenhose ist anthrazitfarben und seidenmattglänzend, hach, so viel Eitelkeit muss sein! Und looos geht’s in den Regen, den Berg hinunter zurück ans Meer, die Dünen wieder hinauf, die Steilküste wieder hinunter, über den Strand, durch kleine Fischerdörfer. Alles hat eine gewisse herbe Schönheit, das Meer ist kabbelig, aufgewühlt, benimmt sich als wäre seine Schwiegermutter zu Besuch, die Wolken tanzen als wären sie froh, sie los zu sein. Außer Pilgern ist niemand unterwegs, entsprechend benehmen wir uns. Wir hopsen durch Regenbäche und singen Lieder aus dem Dschungelbuch. Ein paar Pilger tragen graugrüne Regenüberwürfe, die auch über die Rucksäcke gehen, und bis zu den Füßen reichen. Da sie damit aussehen wie Colonel Hathi und seine Truppe singen wir natürlich das Lied von der Frühpatrouille, wann immer wir sie sehen.

Nach einer guten Zeit im Regen kommen wir an einem Strandboulevard zu einem Fischrestaurant mit Café, und wärmen uns mit Kakao und Keksen, oder Tee. Alle Pilger, die auf diesem Wegabzweig unterwegs sind, kommen nach und nach herein, und das Strandcafè füllt sich mit tropfenden Rucksackträgern. Das dazugehörige Spezialitätenrestaurant ist durch Aquarien, die mit verschiedensten Krusten- und Schalentieren gefüllt sind, abgeteilt. Dauernd versuchen Krebse, ins Hummerbecken zu klettern, oder kämpfen mit anderen Krebsen. Sieht irgendwie aus wie eine Szene aus dem Film „Transformers“, nur in SlowMotion. Aber egal wie lange wir diesen Tai-Chi-Actionszenen zusehen, der Regen hört nicht auf. Beim Bezahlen tropfe ich mit meinem Portemonnaie die ganze Theke voll, und trockne jeden Geldschein einzeln trocken. Was die ganze Belegschaft köstlich amüsiert. Die Strecke zur nächstgelegenen Herberge ist insgesamt nicht allzu lang, wir sind noch ganz guter Laune und Kondition, und in Hinsicht auf einen Sonntagabend in einem Schlafraum voller nasser Pilger steuern wir die nächste Ortschaft an. Was ist der Unterschied zwischen nassen Hunden und nassen Pilgern? Nasse Hunde riechen besser!

Aber egal wie viele Lieder wir singen, wie viele Pilgerwitze wir uns ausdenken, irgendwann geht die gute Laune dann doch ihrem Ende zu. Und nach dem Ende der Laune ist noch ein gutes Stück Tagesstrecke übrig. G. hat einen durchnässten Rucksack, J. hat grausame Schmerzen in den Füßen, meine Kapuze kanalisiert den Regen über meinen Rücken direkt in meine Hose, H. hat eine Abkürzung genommen und kommt anderthalb Stunden später. Aber irgendwann sind wir alle vier in Colunga angekommen und beziehen eine der absonderlichsten Pensionen einer ganzen Reihe von absonderlichen Pensionen. Sie gehört zu einem Hotel auf der anderen Straßenseite und besteht aus dem dritten Stockwerk eines baufälligen Hauses mit unzähligen Balkonen. Im Erdgeschoss ist eine Bar. Die ersten beiden Etagen sind so baufällig, dass sie nicht zugänglich sind. Der Holzboden des dritten Geschosses hat große Löcher, die Einrichtung sieht aber aus wie aus einem französischen Bordell der neunzehn-dreißiger Jahre und ist urgemütlich. Die Balkone sind so morsch, dass man sie nicht betreten darf, da man sonst unangenehm auffällt. Auf die Straße, nämlich. Es gibt sogar winzigkleine Sitzbadewannen, mit warmem Wasser. Eines der Klos ist allerdings dermaßen versaut, dass ich in einem Ein-€-Laden Spiritus und Küchenrollen kaufe und die Schüsseln desinfiziere, würg! Gegen Nachmittag haben wir jeden freien Bereich mit Wäscheleinen bestückt, um unsere Klamotten zu trocknen, und essen Kuchen mit Kakao.

Der Strom ist mittlerweile ausgefallen. Das Personal, dem Hotel gegenüber zugehörig, versteht weder mehrsilbige Wörter noch eine uns bekannte Sprache, nur tschechisch oder tschetschenisch oder so was, und es fällt uns schwer, unser Anliegen anzubringen. „Licht kaputt, si?“ Die Bedienung zapft ein Bier. „Luce es muerto, si?“ Die Bedienung lächelt und zapft ein Bier. „No Electricidat?“ Ich will nicht noch ein Bier! „Rien ne vas la Lumiere?“ Ich will auch keinen Rotwein! Ich male einen Blitz und streiche ihn deutlich durch. Die Bedienung freut sich auch, dass das Gewitter vorbei ist. Aber nach fast einer halben Stunde ist klar, dass der Strom oft ausfällt, dass nur der Chef die Sicherung einschalten kann, dass der Chef schläft und nicht geweckt werden darf, und ich gerne drei weißrussische Putzfrauen erwürgen würde.

Zum Trost freunde ich mich mit Sidra an. Das nicht die Tochter des Hotelchefs, sondern der hiesige Apfelwein, der hier mit furchtbarem Gemansche und Geplansche dekantiert wird, und sehr viel aromatischer und gehaltvoller als das gewohnte sachsehäusener Stöffche ist. Sidra und ich werden uns noch oft begegnen! Doch an diesem Abend zu einem sonntagstauglichen Menu del Dia schließen wir Freundschaft…

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Re: Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Bis hierhin erst einmal. Der restliche Bericht muß erst noch entstehen.

Viele Grüße
ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino 18


Fiese Stadt

Camino18 Fiese Stadt

Beim gestrigen Sonntagabendmenue haben wir die weiteren persönlichen Routen besprochen, und an der nächsten Station sollen sich unsere Wege trennen. Ich werde weiter an der Küste dem Camino del Norte folgen, G. will unbedingt ins Gebirge auf den Camino Pimitivo, J. will mit kleinem Umweg auf den Camino Frances ins Inland, H. will wohl doch nach ein wenig Sightseeing aufgeben und nach Hause fahren. Geplant wurde noch eine gemeinsame Tagestour mit gemütlichen 19km Strecke nach Villaviciosa, eine Busfahrt nach Gijon, dortiger Stadtbummel, dann Trennung. Ich mag keine Trennungen.

Die wenigen Kilometer der Tagesstrecke sind nicht so einfach wie ursprünglich gedacht, und der gestrige Regentag steckt uns noch in den Knochen. Es geht nicht an der Küste entlang, sondern eher im Inland, an Autobahntrassen entlang, durch kleine Ortschaften oder Eukalyptuswälder, kreuz und quer, bergauf und talab, und es ist richtig schön warm. Deshalb gibt sich Villaviciosa, auf Deutsch „Fiese Stadt“, auch sehr staubig, heiß und nervig. Es gibt hier keine normale Herberge, nur eine Pension, die wir nur nach langer und trockener Suche finden. Um sie belegt zu finden. Wir sollen es schräg gegenüber im Hotel Carlos I versuchen, meint die unfreundliche Thekenschnucke. Carlos I entpuppt sich als Zwei-Sterne-Hotel mit sehr schöner Ausstattung mit antiken Möbeln, Bücherregalen und einem Klavier, und wir fühlen uns doch recht fehl am Platze. Bis wir an der Rezeption eine Jakobsmuschel entdecken, und die Chefin uns entdeckt. Sie lädt uns sofort ein, näher zu kommen. Wir kommen näher, woraufhin sie eine Augenbraue hebt und ihrerseits zurücktritt. Könnte es sein, dass wir ein wenig verschwitzt sind? Wir Chicos werden ohne viel Federlesen in den dritten Stock geschickt, die beiden Chicas bekommen ein Zimmer in der ersten Etage, und wir alle bekommen als Pilgerrabatt alles zum halben Preis. Die Zimmer sind wunderbar und luxuriös, wenn auch klein, und sind für 17,50€ die schönsten, die wir auf dem Pilgerweg überhaupt bekommen. Bevor wir auf die Zimmer dürfen, nimmt die Herrin des Hauses J. als unsere Translatorin zur Seite, um anzubieten, unsere Wäsche für einen Euro pro Pilger zu waschen, unter der Bedingung, dass die beiden Jungs dieses Angebot doch sehr schnell annehmen sollten. Oha, wir sind doch wohl ein wenig überreif!

Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach, und der Haufen waschmittelwürdiger Kleidungsstücke wächst rapide. Wo haben wir das ganze Zeug nur getragen? Statt einer Dusche gibt es wieder so eine merkwürdige Sitzbadewanne, sie ist warm und sauber, und sauber bin ich auch bald wieder. Das Haus fasziniert mich! Da ich jetzt auch der empfindlichen Nase der Doña Carla I genüge gehe ich auf Erkundigung. Sie freut sich sehr über mein Interesse, und ich erfahre nicht nur, dass dies einmal eine königliche Sommerresidenz war, sondern auch die Namen ihrer Enkel, deren Photos neben Bildern toter Könige mit Spitzbärten und Halskrausen hängen.

Am nächsten Tag soll es hier wohl ein Radrennen geben, überall stehen schon Absperrungen bereit, und ein Straßenfest gibt’s auch. Ob beides zufällig gleichzeitig stattfindet oder das Straßenfest auf dem ausstehenden Radrennen basiert entzieht sich meiner Kenntnisnahme. Wobei mir schon Radpilger auf die Nerven gehen, wenn jetzt noch Radrenner dazu kommen…

Falls dieses Stadtfest den Radrennern zu verdanken ist steigen sie dann doch noch in meiner Achtung, denn nach einem guten deutschen Essen, Pizza mit Salat, stürzen wir uns ins Getümmel. Es gibt zwar auch noch einen Rummelplatz mit Scootern, Schießbude und Zuckerwatte, was aber keinen von uns interessiert. Uns interessieren die Bands und die Cocktailbars, Kunstgewerbe und billiger Schmuck. Beinahe würde ich mir einen Dudelsack kaufen, aber ich werde es schon schwer genug haben, mit meinem neuen Ohrring nach Hause kommen zu dürfen. Die afrikanischen Straßenhändler machen einen Bogen um uns, sie sehen sofort, dass wir Pilger sind und nichts kaufen, das wir nicht auch 500km weit tragen würden. Bestimmt keine Elefantenfamilie aus Tropenholz.

Und es gibt Musik. Ich habe schlimme Entzugserscheinungen seit mein Player kaputt ist, und wir hören einer richtig guten Rhythm&Bluesband zu, die natürlich spanisch und asturisch singt. Tatsächlich gibt’s hierzu echtes bayrisches Weizenbier, krass! Um die Ecke gibt’s sanfte südamerikanische Klänge und Cocktails, und ich bin sehr traurig, dass ich dazu nicht tanzen kann. Da das aber auch sonst niemand kann werde ich weitergedrängt. Wir landen vor einer Speedmetalband, und bleiben längere Zeit dort. Meine Kinder wären stolz auf mich! Allerdings, was würde meine beste Ehefrau von allen jetzt wohl denken? Nach wohl acht Jahren Abstinenz rauche ich ein paar Zigaretten, womit der Beweis erbracht ist, dass laute Rockmusik gesundheitsschädlich ist. Headbangen geht auch mit kurzgeschorener Pilgerfrisur, wir gröhlen mit der Musik mit. Keine Ahnung, was das für eine Sprache sein soll, EGAAAL, YEOOOW, HAUPTSACHE LAUT! Lasst uns heute feiern und tanzen, übermorgen sind wir allein! Der Bassist der Band spuckt in Spielpausen Feuer, trägt eine schillernde rote Leggings, darüber etwas wie einen türkisfarbenen Badeanzug, und wiegt bestimmt 200kg. Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal an der lateinamerikanischen Ecke vorbei, und nach einer Weile kann ich die Musik sogar wieder hören, die allerdings aus der Konserve kommt. Die Cocktails nicht…

Frühstück im Hotel Carlos I ist einfach wunderbar. Doña Carla I serviert für zwei Euro Pilgersondertarif Toast mit Käse und Serranoschinken, wahlweise Tee oder Kaffee, dazu Saft, Madeleines (abgepackt), Kekse (abgepackt), Obst (nicht abgepackt), Marmelade. Unsere Wäsche ist nicht nur sauber, sondern rein, und mit Lavendel-, Oleander- und Jasminduft frühlingsfrisch weichgespült und säuberlich zusammengelegt. Villaviciosa? Von wegen ‚Fiese Stadt‘! ‚Freundlichste Stadt des Camino del Norte‘ wäre besser geeignet! Doña Carla I, ich weiß immer noch nicht, wie sie wirklich heißt, verabschiedet uns mit Bessitos (nein, das sind keine abgepackten Kuchen, Bessito heißt Küsschen!) und entlässt uns zur Bushaltestelle nach Gijon, wo wir noch ein paar Pilger treffen, unter anderem auch die Frühpatrouille, diesmal ohne Regencapes ;-). Heute wird nicht gepilgert, wir fahren nach Gijon, ausruhen, shoppen, verabschieden.


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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino 19


Himmelhochjauchzend

Gijon ist gigantisch, mal wieder eine dieser Großstädte. Oder kommt‘s mir nur so von, weil ich zu Fuß hindurch muss? Am Stadtnamen wird wieder das hiesige babylonische Sprachengewirr deutlich. Auf den Straßenschildern, an denen wir im Bus vorbeifahren, ist nicht nur Gijon, sondern auch noch Xixon aufgelistet, was aber beides wie Chichon mit zwei stimmlosen ch wie in kichern ausgesprochen wird. Baskisch, Cantabrisch und Asturisch sind keine Sprachen, sondern Halskrankheiten, das meiste spielt sich im Rachen ab. Mallorcinisch, was vielleicht demnächst per Volksentscheid Amtssprache wird, wird eher mitten im Mund gesprochen, Plaja (Strand) wird dort eigentlich ‚Platscha‘ ausgesprochen. Die derzeitige Amtssprache, Castellano, was für uns das gängige Spanisch ist, spielt sich schlimmer noch als Englisch zwischen den Schneidezähnen ab, Civilisation klingt wie Thivilithathjonnn. Ein Land für alle Lispler. Wenn man dann diese leckere Wurst Chorizo bestellen möchte hat man ein Problem. Das Cho klingt mal wie Scho oder Tscho, mal wie Ko, dann wieder wie Cho. Das ri in spanisch wird mit der Zungenspitze getrillert, in Asturien wie das lange deutsche rrr im Rachen geröchelt, aber nie wie im englischen am Gaumendach gerollt, really. Das zo gibt’s als Zoo, als ßo, als weiches ssso, ich hab’s sogar tho gehört. Bedenkt man alle Variationen isst man lieber Spaghetti.

Es gibt viele Pensionen, merkwürdige Hotels, sogar kostenlose Unterkünfte auf einem Campingplatz weit außerhalb der Stadt. Wie wollen aber ins Getümmel, und bleiben im Hafenbereich, in der Innenstadt. Ein Zimmer für vier ist schnell gefunden, und wir verbringen den Tag mit bummeln und sightseeing, viel shoppen, Wanderschuhe und Funktionskleidung ausgenommen, ist sowieso nicht möglich. In einem Internetcafé tauschen wir alle Photos aus, was fast zwei Stunden in Anspruch nimmt, fast so lange wie „Schuhe kaufen mit Tussies“, Beschreibung zu lesen im Pilgerführer „Pilgern für Tussies“.

Zum Abschiedsessen treffen wir uns im nächsten Restaurant zur goldenen Möwe (oder was sollen diese beiden gelbleuchtenden Bögen bedeuten?), und altersmäßig komme ich mir doch ein wenig deplaziert vor. Aber wenigstens gibt’s hier Salate und Essen, das man bestellen kann, ohne eine Zungendisplasie zu bekommen. „Un Menu BigMac con Patatas Fritas porrrrr favorrrr! Si, una CocaCola, medium!“ Wir tauschen kleine tragbare Geschenke und kleine tragbare Segenssprüche aus: “Der Gute Gott im Himmel gebe Dir einen geraden Weg unter die Füße, einen weichen Wind in den Rücken, und einen Adler, der Dich zu Ihm trägt!“ Ins Zimmer will keiner, alleine rumlaufen will auch keiner, irgendwohin will erstrecht keiner, wir trödeln ein wenig am laternenbeleuchteten Hafen herum. Es fließen ein paar Tränen, und in der Studentenbar am Hafen, in der wir schließlich enden, mag ich mich noch nicht einmal mit Sidra oder Tinto betrinken.

Am nächsten morgen gehen wir ohne viele Worte zum Busbahnhof, machen noch die typischen Abschiedsphotos, G., J. und H. warten auf ihren Bus, ich drehe mich um und laufe einfach los. Ich will weg vom Camino, weg von den Pilgerherbergen, einfach nur weg von hier, weg von mir selbst. Zwischen Gijon und Aviles liegt ein gigantisches Industriegebiet, von dem will ich auch weg. Ich laufe einfach nur nach Norden, quer durch den Frachthafen, dann durch den Industriehafen, dann durch ein Halden-und Abraumgebiet. Alle drei Minuten donnert ein LKW an mir vorbei, es gibt hier keine Wanderwege. Anscheinend gibt’s hier überhauptkeine Wege. Alles ist schwarzgrau und staubig. Ein paar Stunden und wohl 2km später kann ich wieder die Küste sehen, und komme in eine halbwegs erträgliche Landschaft. Urlaub würde hier niemand machen. Irgendwie komme ich in Lluarca an, ein kleines graues Hafenstädtchen mit einem schmierigen Strand, einem großen Campingplatz, vielen superteuren Fischrestaurants (mag keinen Fisch) und einem teuren Hotel, in dem ich mich einmiete, auch wenn noch nicht Sonntag ist. Eigentlich wollte ich noch weiter nach Norden, da scheint noch was Nettes in fünf oder sechs Kilometern Entfernung zu sein, aber ich kann nicht mehr. Mein Innerstes ist so grau wie der Weg hierher, und fühlt sich an wie mit der Wurzelbürste wundgeschrubbt.

Das nicht nur teure, sondern auch sehr schöne Hotel wirkt wie Balsam auf meiner Seele, genauso wie das lange Telephongespräch mit der fernen Heimat, das für eine halbe Woche das einzige Gespräch werden sollte, das über eine Bestellung in einer Kneipe hinausgeht. Apropos Kneipe! Am Abend lande ich in einer Pizzeria (mal wieder), in der allerdings nicht spanische Schlager (viel schlimmer als deutsche) aus den Lautsprechern quellen, sondern der oberste Prophet des Rastafarianismus Bob Marley, der mir mit weichem musikalischen Streicheln verkündet, eisern wie der Löwe von Zion zu sein, oder das es ohne Frauen kein Geflenne gibt, oder erzählt mir von den Flüssen Babylons, an denen wir weinten, als wir Zions gedachten. Die niedliche Kellnerin trägt Dreadlocks bis in die Mitte ihres Rückens und schlurft reggaegetaktet durch das Lokal. Nicht nur deswegen schmecken sowohl Pizza Quattro Formaggi con Jamon Serrano als auch Tinto de la Casa phantastisch. Zum Nachtisch gibt’s Carlos Santana, und ich überstehe den zweiten Abend meines Jakobsweges, den ich allein verbringen muss. Wo ist meine Einheit?

Die Strecke von Lluarca hinunter nach Aviles zurück zum Camino ist grau und verregnet, aber genau so sehr, dass gerade wenn man sich entschieden hat, das Regencape anzuziehen, die Sonne wieder herauskommt. Der Umweg von mehr als 4km hat mich nicht um das Industriegebiet von Gijon und Aviles herumgebracht, auch die Stadt Aviles ist schmutzig, und ich finde erst wieder in Salinas Anschluss an den Camino. Salinas könnte das Naherholungsgebiet von Aviles sein, ist aber nur eine synthetische Schlafstadt mit einem phantastischen Strand, einer sehr einfachen Pension und einem Dönerladen, beides weit weg vom Strand. Aber ich kann schon erkennen, dass die morgige Tagesstrecke wieder in schönere Gefilde führt, also gönne ich mir die Pension und einen sehr leckeren Dürüm Döner.

Hevia, der wohl bekannteste ansässige Musiker, beschreibt die Zerrissenheit, die brutalen Kontraste dieser Gegend, eindrucksvoll in seinem Stück Carretera D’Aviles. Man sollte es möglicherweise einmal hören.

http://www.youtube.com/watch


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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino20 Back to Business


In Salinas kann ich den Camino sehr schnell wiederfinden. Ich erkenne ihn daran, dass merkwürdig gekleidete Leute mit einer Landkarte in der Hand auf einer Kreuzung stehen und wild gestikulierend in verschiedene Richtungen deuten. Ich schließe mich einem jungen deutschen Paar an, er ist gebaut wie ein Kleiderschrank und freut sich über seinen 19kg schweren Rucksack, sie ist eher zierlich und stapft mit 13kg Marschgepäck erschöpft und leicht angenervt hinter ihm her. Mancherorts wird der Camino als Treuetest angesehen, denn wer das hier zusammen übersteht, übersteht auch alles andere. Buon Camino Euch beiden! Es kommt noch eine durchgeknallte Französin vorbei, es könnte auch eine Schweizerin sein, so ganz bekommt das keiner raus, die unter den Pilgern sehr bekannt ist. Sie läuft mit sehr geringem Gepäck extrem schnell und locker, und singt dabei lauthals fromme Lieder. Ihr Vorhaben ist’s, in vier Monaten 4000km kreuz und quer durch Spanien und alle Jakobswege zu laufen. Ihr Tempo halten wir kaum eine Stunde mit, dann regnet es und wir haben einen Grund gefunden, uns höflicherweise zurückfallen zu lassen. Sie winkt fröhlich mit ihrem Wanderstock, trällert ein Lied und rast weiter. Avec plaisirchen!



San Esteban de Previa, ich übersetze das mal mit „Der vorherige Heilige Stefan“ (ok, das nächste mal wird’s wieder besser), liegt leicht abseits, d.h. gemütliche drei Kilometer vom Weg weg. Auf dem Camino die nächste Herberge erfordert eine Tagesstrecke von deutlich mehr als 25km, die ich mir, im Gegensatz zu meinen Begleitern mit den riesigen Rucksäcken und dem Treuetest, nicht gönnen mag. Also komme ich einigermaßen erschöpft, der Regen zehrt an der Kondition, mittags an der Herberge von „Heiliger Stefan“ an, an die laut Pilgerführer auch eine günstige und gemütliche Bar angegliedert ist. Beide sind geschlossen. Sollten aber seit geraumer Zeit geöffnet haben. Und es regnet. Nicht viel, aber zu viel. Der Pilgerführer empfiehlt die Tourist Information. Hat auch geschlossen. Und dabei hab ich mich so gefreut, wieder auf dem offiziellen Jakobsweg zu sein. Außerdem regnet es, nicht viel, aber…



Ok, ich habe ein Handy mit nur noch geringem Gesprächsguthaben. Mein Handy war schon öfters Ziel gutgemeinten Spottes, da man nur dort, wo’s alldie guten Sachen gibt, neues Guthaben kaufen kann. Die Aufladekennnummer (tolles Wort) gibt mir dann meine Tochter telefonisch durch, kurz darauf vertelefoniere das wieder mit meiner Frau. Jetzt jedenfalls rufe ich in Barcelona an, um sicher zu erfahren, dass nur die Herberge, nicht auch noch die Bar und bestimmt nicht die TouriInfo, sicher noch öffnen wird. Zurück zum Weg wären es noch einmal drei Kilometer, bis zur nächsten Herberge genug Strecke, um die Tagestour auf deutlich über 30km zu erhöhen, und das muss jetzt nicht mehr sein. Schließlich regnet es, nicht viel…



Also warte ich. Und wer kommt um die Ecke getrottet? Zwei bekannte deutsche Pilger mit einer Guitarre, D. und L., und ich kann ihnen versichern, dass die Herberge irgendwann noch öffnen wird. Großer Boss im Himmel warum schickst Du mir diese beiden immer wieder? Was hast Du jetzt wieder für einen Schabernack mit mir vor? Warum nicht diese niedliche Norwegerin oder diese milchkaffebraune Südamerikanerin? Oder mein Californian Girl? Und wo ist meine Einheit? Immer wieder D. und L.! Bald darauf kommt die Hospitalera, die sich als Bedienung der nächsten Bar entpuppt, und öffnet uns ein Zimmer mit quietschenden Stockbetten. D. hat sich irgendeinen Infekt zugezogen und dämmert sofort weg, während L. es schafft, die Hospitalera dazu zu überreden, ihm seine ganze Wäsche zu waschen. Dann leiht er sich noch, wie jedes Mal, mein Shampoo mit Mentholzusatz aus, weil das so schön kribbelt. D. ist so fertig, dass ich versuche, ihn mit Aspirin abzufüllen. Nebenan höre ich laut gesprochen die Sprache der Helden, eine Gruppe deutscher Pilger und ein Holländer eher in meiner Altersklasse haben das nächste Zimmer in Besitz genommen. Wir nehmen uns vor, später am Abend unsere Beherbergerin auf ihrer Arbeitsstelle zu besuchen, um dieser frohen Begegnung würdig zu gedenken.

Mit einem Pärchen aus Leipzig und zwei Schwestern, auch mit böser Erkältung, aus der Gegend von Köln ist die Herberge fest in deutscher Hand. Fast alle trudeln irgendwann im gemütlichen Aufenthaltsraum ein, alle futtern irgendwas, wenigstens gibt’s keine Sprachbarrieren. Nicht einmal mit den Leipzigern, grins. Trotz voll eingerichteter Küche ist es ein Problem, kochendes Wasser für meinen Tee zu bekommen, da die Kücheneinrichtung Pilgern nicht zu Verfügung steht, also koche ich mein Teewasser tassenweise im Mikrowellenofen.



Später in der Bar treffe ich auf A., der wie schon gesagt eher in meiner Altersklasse liegt, die Haare länger als mein Sohn trägt und aussieht wie ein verirrter Wikinger, der von seinem Beutezug getrennt wurde. Nach einigen Wochen Pilgerreise ohne Pilgerfriseur sehe ich selbst aus wie Petrus auf dem Weg nach Jerusalem, und wir verstehen uns vom ersten Augenblick an prächtigst. Unser Mitteilungsbedürfnis übertrifft sogar noch unseren Durst, und so sind wir irgendwann die letzten Pilger, die von der Herbergsmutter, die jetzt wieder hinter der Theke steht, spät nachts zu Bett geschickt werden.



A. war Maschinenbauingenieur und hat große Industrieanlagen installiert, viel Geld verdient, bis ihm und seinem Motorrad unversehens ein Baum in den Weg gesprungen ist. Als er im Krankenhaus wieder aufwachte war eine Menge Zeit vergangen, und er war nicht nur berufsunfähig, sondern auch noch querschnittsgelähmt. Die Rehabilitation und die dazugehörige Lebensumstellung haben ihm Zeit, über Gott und die Welt nachzudenken, geschenkt, Herrschaft über den Körper wiedergegeben und sämtliches Vermögen aufgebraucht. Jetzt bäckt er die beste Pizza der Welt und läuft den Camino del Norte. Leider habe ich ihn danach nie wiedergesehen, aber die meisten deutschen Pilger, denen ich später begegnet bin, haben ihn auch gerne kennengelernt und schmunzelnd von ihm berichtet.


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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino21 Menschenauflauf

Der Himmel ist diesig, die Luft ist diesig, mein Kopf ist diesig, mein Herz ist diesig. Zum eigentlichen Weg müsste es drei Kilometer zurück und dann über Land gehen, aber es geht vorwärts, nie zurück, nie zurück. Es gibt einen Wanderweg an der Küste entlang, den ich nehmen kann. Das Pärchen aus Leipzig ist schon verschwunden, die beiden Schwestern mit dem bösen Husten kommen schlecht los, D. und L. machen einen Tag Pause, weil D. trotz Aspirin richtig fertig ist, laufen geht wirklich nicht.



Auch A. und seine Truppe nehmen den Weg an die Küste, haben aber eine Strecke und eine Geschwindigkeit vor, die ich mir aber nicht geben will. Ich bin zum Pilgern hier, nicht zum Joggen. Zum Küstenwanderweg Europäischer Panoramaweg E10, so die offizielle Bezeichnung, geht es allerdings zuerst eine lange steile Treppe vom Meereslevel auf die Steilküste hinauf, kneift ein bisschen in den Waden, sonst nichts. Was ist bloß mit meinen Beinen los? Oder meinem Rücken? Tut nix weh? Ganz nebenbei merke ich, dass ich schon seit wohl zwei Wochen keine Medikamente für meinen kaputten Magen mehr genommen habe, trotz des manchmal eher herausfordernden hiesigen Essens und manch genossener Getränke, mit denen man eher Holz konservieren als sie trinken sollte. Praktisch alle Hautreizungen, besonders die Schuppenflechtenbereiche, sind verschwunden. Was geschieht mir? Oben auf der Steilküste gibt es eine Aussichtsplattform, von der aus ich fast meine gesamte Tagestour vor mir ausgebreitet sehen kann. Ich falle nicht mehr auf die Knie, um zu beten, die Nähe zu Gott fühlt sich eher an, als sollte ich meinen rechten Arm um seine Schultern legen, um gemeinsam mit ihm in die gleiche Richtung zu sehen: „Schau, siehst Du’s auch?“ „Jaaa!“ „Und das da! Woaa!“ Woaa fühlt sich irgendwie richtiger als ‚Amen‘ an…



Jetzt würde ich gerne Musik hören, von Claude Debussy La Mer, oder so was. Worte oder Photos kommen hier nicht mehr mit. Poet müsste man sein, nicht Gärtner.



Cudilleres liegt auf dem Weg, einer der schönsten Fischerhafen überhaupt. In einer winzigen Schlucht stehen Häuser, so bunt wie Muscheln bemalt, als hätte man sie am Wasser gebaut und dann die steilen Hänge hinaufgeschoben, um unten neue Häuser zu bauen und hinterherzuschieben. Als Abschluss der Hafen wie ein Stöpsel, damit nicht alles wieder ins Meer zurückrutscht.



Die halbe Stadt besteht aus Fischrestaurants, Andrea würde es hier sehr gefallen. Während ich einen Elektrolytdrink auf Hopfen-Gerste-Basis zu mir nehme spricht mich ein ehemaliger Pilger, der hier mit seiner Frau urlaubt, an, den es fast jährlich wieder hierher zieht. Während wir pilgerfachsimpeln und schwärmen, drängen sich mir zwei merkwürdige Typen, die mich unbedingt photographieren wollen und einen Lieferwagen haben, auf. Vielleicht wollen sie mir wirklich nur ein schönes Urlaubsphoto machen, „Patrick vor dem Hafenbecken“ oder „Patrick in der Mittagssonne“. Da ich aber eher befürchte, sie wollen mich in Bates Motel oder die Blue Oyster Bar einladen, lehne ich dankend ab.



Bis Soto de Luiña, meinem Tagesziel, sind es noch einige Kilometer mit mehreren bösen Steigungen, an denen es mir Spaß macht, Fahrradpilger zu überholen, die wieder wie so oft ihr Gepäck samt Mountainbike tragen müssen. Arme Radpilger, hihihi. Die Herberge ist eine ehemalige Schule, und die Betten hängen durch wie früher die Schüler kurz vor der Mittagspause. Nachdem die Betten alle belegt sind öffnet Pepe, der Hospitalero, einen zweiten Klassenraum, der voller Luftmatratzen und Turnmatten ist, weggeschickt wird hier keiner. Gut, dass sich schon unter der Dusche war, Stau ist angesagt. Pepe weist streng auf die Hausordnung hin, was aber verständlich ist bei so einer dichten Belegung, und erklärt uns mit Übersetzung in fünf Sprachen gleichzeitig den morgigen Weg. Alles kommt mir sehr bekannt vor, und ja, Pepe war bei Ernesto in der Lehre. Außerdem gehört ihm das Hotel des Ortes, und er lädt natürlich zum Pilgermenu ein. Ich habe allerdings noch genügend eigenes Futterzeugs, und setze mich später zu einer Portion Patatas Fritas in einer Bar am anderen Ende der Ortschaft ab.

Aber zuerst erweisen sich die beiden deutschen Schwestern mit dem Husten als amüsante Abendbrotgesellschaft, sie zicken herum wie ein altes Ehepaar, sind aber total goldig. Der Holländer von gestern ist auch dabei. Die Spanier hört man schon von weitem, können Spanier eigentlich leise reden? Zwei arrogante Italiener sind da; Italiener sind selten auf dem Camino, schließlich haben sie mit Rom was Besseres zu Hause. Es gibt eine ganze Gruppe englisch sprechender älterer Ladies aus Northern USA und Canada, dazu eine Norwegerin und ein koreanisches Ehepaar. Französische Radpilger sind weitgeschickt worden. So ein Völkergemisch ist mir noch kaum aufgefallen.



Die Herberge wird zunehmen wuseliger, ich muss noch ein wenig für mich sein. Also verziehe ich mich in eine abgelegene Bar am anderen Ende des Ortes. Zeit, Bilanz zu ziehen. Und einen Tinto zu trinken. Mir fällt überraschend auf, dass schon wieder Samstag ist. Bin ich denn schon drei Wochen unterwegs? Anscheinend bin ich auch schon fast 400km gelaufen, fast die Hälfte des Weges ans Ende der Welt, und mehr als die Hälfte bis Santiago. Seid mit willkommen, ihr Tagestouren von 18km, lebt wohl, ihr 30km langen Horrorstrecken. Obwohl mir oft genug 28km kaum noch etwas ausmachen. Auf jeden Fall kann ich meinen Zeitrahmen jetzt sehr entspannt abstecken, ich muss mich nicht mehr treiben, ich kann mich treiben lassen.

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Peregrin
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Peregrin »

Ich lese das ganz gerne, aber es ist ein bißchen wie bei den Drei Musketieren: Man hofft auf Intrigen, Spannung und Abenteuer, aber im Text geht es dann hauptsächlich ums Essen. :pfeif:
Ich bin der Kaiser und ich will Knödel.

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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Lieber Peregrin,
auch ich lese seine Erinnerungen an den Camino gerne und oftmals muß ich sehr lachen, weil ich ihn als Mensch kenne.
Wir haben an Silvester zusammen mit seiner Frau die behindert ist ein Fondue gegessen und er hat mir von seinen Erlebnissen auf der Reise berichtet.
Nur nebenbei.... In der längeren Zeit seiner Abwesenheit habe ich sein geliebtes Frauchen gut behütet.
Ich habe ihm stundenlang schweigend zugehört und zwei Bücher würden seinen unaufhörlichen Wortschwall nicht fassen. Bis er dann zum Ende und seiner abschließenden Begegnung in einem Gottesdienst mit Bischof Terbartz van Elst kam. Auch diesen Bericht hörte ich mir schweigend an.
Dann waren wir kurz alleine. Auf einmal fiel ebenso wie bei dir ohne irgendeinen Zusammenhang von ihm der Name der Musketiere.
"Ich frage mich irgendwie, warum ich Depp 1000 Kilometer laufe. War ich als Baptist die Vorhut für Papst Benedikt? Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, meine Frau hatte es in der Zwischenzeit besser." So sein Fazit...
Dann hat er sich noch einen Wein eingeschenkt und gemeint: "Also eines wäre hiermit bewiesen, Gott hat Humor."

Dir noch einen schönen Abend Peregrin. Genieße ihn, dafür ist das Leben da. Auch Essen gehört dazu.

Liebe Grüße
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino22 Silencio

Sonntag? Ist denn schon wieder Sonntag? Irgendwie geht einem hier Zeit und Raum verloren. Oft freue ich mich über einen Hügel oder eine Bucht in ein paar Kilometern Entfernung, dann denke ich beim Laufen einen Moment nach, und der Hügel ist hinter mir, und ich hab‘s nicht gemerkt. Oder gerade war Mittwoch, und jetzt ist schon wieder Sonntag.



Ich laufe den Vormittag mit der Norwegerin A., die ich beim Abendessen gestern kennengelernt habe. Wir suchen beide den Playa del Silencio, der uns vom Hospitalero angepriesen wurde. Er sei sehr schön, läge aber einige Kilometer abseits vom Weg. Egal, s’ist Sonntag. Ich jammere ihr vor, wie sehr mir meine Musik fehlt, worauf sie mich konfrontiert, ich solle mich mehr der Stille und meinen Gedanken, und was der Camino mir sagen will, aussetzen. Nur, gerade das tue ich in den langen Stunden, in denen ich allein laufe und laufe, ohne mich durch andere Pilger ablenken zu lassen. So sehr, dass die Stille mich anbrüllt und meine Gedanken weißglühend durch meinen Schädel rasen. Ja, ich stelle mich der Stille, ich stelle mich dem Camino, aber ab und zu würde ich es auch gerne einmal abschalten. Der Eindrücke sind zu viele, die Erlebnisse sind zu dicht und zu intensiv, und ich würde manchmal gerne meinen Geist mit Watte ausstopfen. Oder etwas hören, das das Bild vor meinen Augen oder meinem Herzen einrahmt.



Die norwegische Stimme meines Gewissens spricht übrigens englisch und spanisch, und wir finden zusammen den Playa del Silencio, und ich kann dieses Erlebnis mit jemandem teilen, während ich bisher die meisten tiefgreifenden Erfahrungen allein gemacht habe. Dieser Strand der Stille ist nicht still, das Meer ist nicht still, auch die vielen anwesenden Ziegen oder Möwen sind nicht still. Aber wir werden still. Wir setzen uns mitten auf den Weg und essen einen Apfel und ein Brot. Und schweigen. Die Aussicht, wir kommen gar nicht hinunter ans Wasser, legt sich auf unsere Seelen wie Balsam. Ich denke an eine Liedzeile von Nelly Furtado:

I’m like a bird, I only fly away

I don’t know where my soul is

I don’t know where my home is

Irgendwann stehen wir auf und laufen zurück an den Weg, wo wir auf die Meute schnatternder Amerikanerinnen treffen und eine Pause mit ihnen machen. Ich muss diesen Strand noch verkraften und bleibe danach zurück, während alle Mädels, auch A., weitergehen. Auch A. habe ich nie wiedergesehen.



Dafür hab ich wieder Kontakt mit meiner Einheit bekommen. J. und G. sind in Oviedo hängen geblieben, haben sich die Erkältung eingefangen, die unter den Pilgern herumgeht, und mussten zwei oder drei Tage dort bleiben. Klingt aber sehr nach Toreinfahrtskatarr ;-))! H. ist irgendwo zwei Ortschaften weiter, hier in der Nähe. Da sie morgen oder übermorgen nach Hause fährt verabreden wir uns spontan in Balluta, was dann eine gute Tagesstrecke für mich ausmacht.



Irgendwann am zeitigen Nachmittag komme ich an, und wir haben eine richtig gute Zeit miteinander. Ich quartiere mich in dem Hotel ein, wo sie auch schon wohnt, schließlich ist Sonntag. Den Nachmittag verbringen wir am Strand, und es tut wirklich gut, ein vertrautes Gesicht zu sehen, sich nicht vorstellen oder verstellen zu müssen. Zum Strand sind es zwar nochmals anderthalb Kilometer, die wir aber noch ganz gut schaffen, obwohl ich schon einige Strecke unter den Füßen hatte, und ihre Füße echt kaputt sind. Daran, wie gut wir uns verstehen, obwohl wir uns erst ein paar Wochen kennen, merkt man, wie intensiv die Zeit hier ist. Und wie wechselhaft und abwechslungsreich alles hier ist, wenn so ein kleines Maß Vertrautheit sich so gut anfühlen kann. Das Abendessen im Hotel gehört zu den besseren Pilgermenus meines Jakobsweges, und ist samt der Abendkonversation eines Sonntags würdig.



H. will baldmöglichst einen neuen Anlauf auf Santiago nehmen, bestimmt schafft sie es dann. Wir halten bis heute Kontakt.


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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino 23



Wave after Wave

Ich habe die letzten paar Tage an der Küste vor mir, und es wird mir schwer fallen, das Meer, die Wellen, den salzigen Wind zu verlassen. Die Reise geht auch immer mehr nach innen, jetzt, wo die Äußerlichkeiten wie körperliche Beschwerden oder Unterkunftsuche immer mehr in den Hintergrund treten. Letzte Station an der Küste ist Ribadeo, und ich könnte Donnerstag dort sein. Aber ich brauche eine Pause, deshalb möchte ich erst Freitag dort sein und das ganze Wochenende verpausen. Mal sehn…

Irgendwie kommen und gehen die Pilger in Wellen. Manchmal hat man tagelang nur die vier oder fünf gleichen, die man abends in der Herberge trifft, dann sind es wieder Scharen, die niemand kennt und die die Herbergen mit vielsprachigem Schnarchen füllen. In Almuña, die Hergerge ist mal wieder eine stillgelegte Schule, treffe ich daher meine beiden hustenden kölner Schwerstern B.& B., und das Pärchen aus Leipzig oder Potsdam, wieder. Und wir freuen uns sehr, bekannte Gesichter zu sehen. Die ältere Schwester B. ist übrigens die erste andere Pilgerin, die ich kennenlerne, deren hauptsächlicher Grund für die Pilgerreise ihr Glauben ist.

Außer einem Supermarkt gibt es hier nichts als einen grandiosen Sonnenuntergang und einem Pilger auf dem Rückweg, der jeden notleidenden Hund auf dem Weg mitgenommen hat. Mittlerweile sind es fünf, die ein ausgeprägtes Rudelverhalten zeigen. Alleine sind sie ängstlich und verschreckt, werden aber sofort von den anderen des Rudels in Schutz genommen. Und sowie irgendjemand auch nur eine hastige Bewegung in Richtung des pilgernden Rudelführers macht, rucken alle Hundeköpfe drohend und synchron in desjenigen Richtung. Gibt es eigentlich die Sportart „Synchrondrohen“? Einer der Hunde hat sogar seine eigene Finisterrana, also die Urkunde, ans Kap Finisterre gelaufen zu sein. Und wir lernen die nervigste Pilgerin aller Zeiten, wir sollten sie in Ermangelung eines Namens, niemand will danach fragen, Nemesis nennen. Frisch angekommen bemerkt sie, dass außer ihr keine Spanier anwesend sind, als greift sie sich ein Bett in einem kleinen Nebenraum und verschwindet, um spät abends laut palavernd zurückzukommen. Gegen 4 Uhr 30 trampelt sie in den großen Schlafraum, macht das grelle und laut brummende Neonlicht an, tritt trotzdem gegen einige Rucksäcke, verschwindet im einzigen Klo, stapft elefantös zurück in ihr eigenes Schlafgemach, in dem es noch dunkel ist. Und ja, bei uns brennt und brummt noch das Neonlicht.

Trotzdem starten wir erst um acht Uhr, eine schwer verkaterte Clique spanischer Radpilger bleibt noch länger. Radpilger halt wieder! Und in Piñera’s Herberge, die wie auch sonst, aus einer ehemaligen Schule besteht, treffen wir „richtigen“ Pilger uns wieder, die Radpilger sind schon weiter. Ja genau, dieselben von gestern, meine lieben Schwestern B.&B, das Pärchen von Drüben, und Nemesis. Dazu ein überraschend stiller Spanier, der eine weitere deutschenglische Pilgerin anhimmelt.

Nemesis hat sich am Fuß verletzt, liegt in einem Bett und brüllt in ihr Handy. Alle anderen sind in den schönen Garten der sehr sauberen Herberge geflüchtet. Da es weder Bar noch Restaurant noch Cantina oder irgendetwas gibt, plündern wir den kleinen Laden und futtern gemeinsam, was die Rucksäcke hergeben. Da niemand gewillt ist, spanisch im Schnelldurchgang zu lernen, um Nemesis zu bemuttern, bleibt sie schmollend in ihrem Bett und schnauzt weiter ihr Handy an. Schade, sie versäumt ein sehr schönes, sehr gemeinschaftliches Abendessen. B., die jüngere Schwester von B. hat ihr Handtuch verschlampt, ich tausche mein zweites gegen eine Einladung zu Abendessen, das unter anderem aus leckerem Brot, Serranoschinken, Tinto, und wunderbarer Gesellschaft besteht.

Da die Herberge von Tapia de Casaregio, die letzte Station vor Ribadeo, mit knapp über 25km Entfernung gut zu erreichen ist, macht kaum jemand Halt in La Franca, und so bin ich nach 15km Tagesstrecke für lange Zeit allein in der Herberge von La Franca, die sich als fast völlig unbekannt, frisch neugebaut und supersauber erweist. Und das, obwohl dieses Schmuckstück im Pilgerführer als altes Dreckloch beschrieben ist. Auf dem Weg in Ortsinnere, mir von der sehr freundlichen Hospitalera, die unbeachtet meiner Sprachbarriere fröhlich auf mich einschnattert, beschrieben, finde ich die frühere Herberge, und sie ist alles, was der Pilgerführer verspricht, dunkel im Tal, baufällig, schmutzig, näher am Ortszentrum. Stunden später kommt ein weiterer Pilger an, er hieß Rodrigo oder Piedro, ist aber egal. Er spricht kein Wort Deutsch oder Französisch, und nur drei oder vier Worte Englisch. Wir verstehen uns trotzdem sofort blenden. Er will zu dem Strand, den ich noch nicht finden konnte, also gehe ich mit. Der bald gefundene Strand besteht aus Steilküste und dicken Kieseln. Rodrigo oder Piedro geht tatsächlich baden, ich höre faszinierend den Wellen zu. Wenn eine Welle aufläuft, rauscht sie hier viel lauter über die Steine und nimmt immer auf dem Weg hoch einige Kiesel mit, die dann unter lautem Klackern wieder zurückgerissen werden. Das ganze macht dann bei relativ kleinen Wellen schon SWOOOSCHSCHSCH-klackklackklackklackklack. Was für ein Sound! Ich erinnere mich an das Lied „Wave after Wave“ von IONA, und ausnahmsweise bin ich froh über mein viel zu gutes Gedächtnis.

Danach mache ich mich auf die Suche nach dem Menu Pellegrino, das ich in einem absoluten Firstclassrestaurant finde. Der Maitre begrüßt mich wie einen Ehrengast, gibt mir einen der besten Plätze im Separee, und ist glücklich, mir für ganze 8,-€ ein gigantisches Menu zu servieren. Dieses besteht aus Hühnerragout mit Naturreis (Pollodingsbumso con Riz), Schnitzel mit Pommes (Lomo y Patatas Fritas), genialem Quarkpudding (Flan con Queso), richtig gutem Vino Tinto, und einem riesigen Liquor de Hjerbas auf Eis. Und der Gesellschaft von Rodrigo oder Piedro, der irgendwann zum zweiten Gang auch noch auftaucht. Den weiteren Abend verbringt er damit, mit beizubringen, wie man den hiesigen Ebbelwoi, Sidra, RICHTIG trinkt: Man versucht, auch in einer Topnotchlodge, aus fast einem Meter Entfernung ein glücklicherweise relativ großes Glas zu treffen, mit nicht mehr als einem guten Schluck, den man sich dann so schnell wie möglich hinter die Binde kippt. Angeblich entfaltet er mit diesem Prozedere erst richtig sein volles Aroma. Und ja, mögen mir alle Sachsenhäusener Schoppepetzer vergeben, Sidra ist, RICHTIG getrunken, der Hammer! Das Echo dieses Hammers begrüßt mich am folgenden Morgen, weswegen ich nur gaanz laangsaam aufstehe und mich auf den Weg mache.

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Peregrin
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Peregrin »

Danke fürs Update!
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ChrisCross
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ChrisCross »

Auch von mir vielen Dank. Lese immer wieder gerne mit und hab mir auch vorgenommen, den Weg einmal selber zu gehen, wenn ich endlich mit der ASchule fertig bin ;)
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

ChrisCross hat geschrieben:Auch von mir vielen Dank. Lese immer wieder gerne mit und hab mir auch vorgenommen, den Weg einmal selber zu gehen, wenn ich endlich mit der ASchule fertig bin ;)

Lach.... Mein Sohn hat es sich auch fest vorgenommen. Bis das soweit ist, holt er sich Anregungen beim Verfasser dieser Zeilen und bei seinem Onkel, der evangelischer Pfarrer ist und den Weg auch schon gelaufen ist.
Selbst würde es mich auch ungemein reizen das einmal zu machen. Die Wegstrecken schrecken mich nicht, das schaffe ich locker. Aber das Gepäck.....
Da nehme ich auf mein "fortgeschrittenes Alter".... Rücksicht und mute es mir nicht mehr zu. Natürlich muß ich nicht den Camino Norte laufen, sondern kann mich auf die seichten Touren begeben.... Das macht aber keinen Spaß! :aergerlich:
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Peregrin hat geschrieben:Danke fürs Update!

Gern geschehen. Sobald ich einen neuen Bericht habe, gebe ich ihn weiter. :ja:
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

CAMINO 24



LEKTION

Tapia de Casaregio, ist, wie schon berichtet, die letzte Station vor Ribadeo, und eigentlich ein Katzensprung. Also trödele ich ein wenig, mache ein paar Umwege, nehme eher die wunderschönen Spazierwege als den hier ein wenig langweiligen Pilgerweg. Solange es noch geht will ich die Küste genießen. Und die kommende Herberge ist wohl auch die Herberge, die von allen am schönsten gelegen ist. Direkt am Ortseingang, nur wenige Meter von der Steilküste entfernt, WAHNSINN, WIE SCHÖN! Es gibt kleine Aussichtsplattformen, Treppchen, Kletterfelsen, niedliche Wellen aus denen eigentlich eine Venus mitsamt Jakobsmuschel entsteigen müsste.

Stattdessen überfällt mich Nemesis, die nervigste aller Pilgerinnen, mit lautem Geschnatter, bevor ich auch nur meinen Rucksack durch die Tür wuchten kann. Sie lässt sich nicht davon stören, dass ich ein wenig außer Atem bin, meine Kopfhörer im Ohr habe, oder mehrmals mit steigender Lautstärke versuche, sie darauf aufmerksam zu machen, dass ich kein Wort von dem verstehe, was sie mir da ins Ohr rammt. Sie hat mittlerweile einen aufwendigen Verband ums Bein, mitsamt Schiene und Krücke, und erwartet, dass ich ihr die halbe Herberge umräume, bevor ich auch nur meinen Rucksack absetze. Ich hänge meinen Player an einen Bettpfosten, werfe Manni das Mammut hinterher, und klemme etwas in den Türrahmen, da Nemesis gerne frische Luft hätte, und ignoriere sie danach, um die Lokalität in Augenschein zu nehmen. Im hinteren Teil des dicht mit leeren Etagenbetten gefüllten Raumes gibt es eine Kochplatte und einen Mikrowellenherd (spanisch: Magnetron, toller Name für ein Küchenutensil, vielleicht gibt‘s ja auch noch eine Kräutermühle, genannt Wolverine, und einen Mixer namens Storm), alles klebrig vor Schmutz. Auch Klos und Duschen sind nicht besser. Nemesis schnattert immer noch, und neugierig gehe ich eine Treppe hinauf, ihr zu entflüchten. Auch das Obergeschoss ist vollgestellt mit Etagenbetten, und mindestens zehn Pilger mit Händen auf den Ohren grinsen mich an. Ein Südamerikaner sagt: „She’s going like this for hours now!“ Ich entgegne: „I don’t know what she smoked, but don’t try it too!“ Rasch wird in mehrere Sprachen übersetzt, alle gröhlen.

Nach einer Dusche setze ich mich mit meiner Teekanne an die Küste, und sehe zu, wie sich die Herberge füllt und der Strand sich leert. Ja, D. und L. mit ihrer Gitarre sind auch wieder da, und schließen sich den Südamerikanern an. Es kommt auch noch eine Gruppe von 10 deutschen Pilgern an, die die untere Etage in Beschlag nehmen und laut schnatternde Spanierinnen einfach ignorieren. Nemesis zieht sich die Decke über den Kopf. In der kleinen Hafenstadt mit wunderschönem Hafen finde ich zu Abend eine kleine Cantina, in der es billiges Fastfood gibt, und wo es einigermaßen ruhig zugeht. Dort esse ich eine der merkwürdigsten Mahlzeiten, die ich auf dem ganzen Pilgerweg gegessen habe: Frittierte Chorizo, man stelle sich vor, dazu Rührei mit Patatas Fritas und Majonnaise. Ich merke regelrecht, wie sich meine Arterien mit Cholesterin verstopfen.

Nach einer grauenhaften Nacht in einer voll belegten und total verdreckten Herberge laufe ich mit der deutschen Gruppe weiter, und wir unterhalten uns prächtig bei einem wirklich knackigen Marsch, sie wollen noch weiter, wollen um die 30 Kilometer laufen. Die wohl 18 Kilometer nach Ribadeo vergehen mir im Fluge, und dort angekommen merke ich, dass ich meinen mp3-Player, den mit meinen Hörbüchern, vergessen habe. Gestern, bei dem Überfall von Nemesis, hatte ich ihn an den Bettpfosten gehängt, und hängen gelassen, als ich in das Obergeschoss gezogen bin. Die anderen Deutschen haben ihn gesehen, „So’n kleiner mit echt guten Kopfhörern? Hätt‘ ich beinahe mitgenommen!“ Hättest Du doch nur, dann könntest Du ihn mir jetzt geben. Also nehme ich mir ein Taxi, und fahre in kaum einer Viertelstunde die Strecke zurück, die mich gerade zweieinhalb Stunden Marsch gekostet hat, nur um den Player nicht mehr zu finden. Zurück in Ribadeo mache ich einen Stadtbummel zur Post, meine Tochter wollte mir meine Lieblingsmusik auf zwei Speicherdvds brennen und postlagernd hierherschicken, und auf dem Postamt liegt tatsächlich ein Päckchen für mich. Der Brennvorgang hat aber nicht richtig funktioniert, ein Drittel der Dateien ist kaputt, und der Billigplayer, den ich mir in Spanien gekauft hatte, schaltet nach drei bis fünf Liedern ab, aber wenigsten etwas. Tief deprimiert komme ich zurück zur Herberge. Mittlerweile sind auch die Südamerikaner mit D. und L. eingetroffen. Ohne sonderliche Hoffnung frage ich die süßeste aller Pilgerinnen „Have You found a mp3-Player? I lost it?“ „A tiny little thingy with really good earphones? Yes! I took the phones and gave the player to him over there!” L. kommt um die Ecke, um sich wie immer mein Shampoo auszuleihen, und drückt mir meinen Player in die Hand.

Zeit, über L. nachzudenken. Vielen Pilgern meiner Altersstufe, fortysomething, ist er schon auf den Nerv gegangen, er ist zu aufdringlich, zu distanzlos, spätestens um acht Uhr Abends zugekifft, und erzählt jedem, den er länger als fünf Minuten festhalten kann, seine Lebensgeschichte. Ich hab allerdings schon fünf oder sechs verschieden Ausführungen gehört. Allen Versionen ist eines gleich, er hat Mist oder Durcheinander gebaut, möchte aber jemandem, Bewährungshelfer, Lehrherrn oder zukünftigem Schwiegervater, beweisen, dass er etwas Großes zu Ende bringen kann. Dabei ist er praktisch immer gut gelaunt und nimmt niemandem etwas krumm.

Aber, geht’s denn auf diesem Pilgerweg nicht genau darum? Bis an Ende der Welt laufen, und alle Last von den Schultern und vom Herzen abwerfen? Sich, Gott, und der Welt beweisen, dass man etwas leisten kann? Und sich dabei nicht wie ein depressiver Endvierzigjähriger auf Midlifecrisis benehmen, sondern fröhlich sein wie ein verliebtes Gürteltier auf einer Bowlingbahn? Ohne zu versuchen, in jedem Blatt, das vom Baum fällt, einen tieferen Sinn zu finden, sondern Spaß zu haben, wo er nur zu finden ist?

He, Großer Gott, das will ich auch!!
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ChrisCross
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ChrisCross »

:klatsch: Danke
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Mare Vale

Camino25 Mare Vale

Die Herberge von Ribadeo ist die erste Herberge in Gaelicia,

und wird staatlich betrieben, wie fast alle in diesem Bundesland. Moment, sind

das hier auch Bundesländer wie bei uns? Oder Kantone wie in der Schweiz, oder

Mandarinate wie in Canton? Staaten wie in Nordamerika? Nää, Vereinigte Staaten

von Espagña klingt nicht so gut. Jedenfalls bin ich jetzt in Gaelicia, nicht zu

verwechseln mit Galizien, was angeblich zu Polen gehört. Die Hauptstadt von Gaelicia

ist Santiago de Compostella, es wird so langsam ernst. Also bin ich jetzt der

Länge nach durch Catalunya und Cantabria, und einen guten Teil Basque, also das

Baskenland, gelaufen. Komisch, auf der ganzen Strecke, besonders im Baskenland,

ist mir niemand mit einer Baskenmütze begegnet. Naja, der Panamahut wurde auch

nicht in Panama, sondern in Kolumbien erfunden, in Bad Homburg trägt kaum

jemand einen Homburger, und auch in Stettin sieht man wenige Leute mit einem

Stetson. Schwach, das mit den Hüten. Da halten es andere besser mit ihrem

Lokalkolorit. Hamburger essen doch auch gern Brötchen mit Flachfrikadellen,

Bremer gerne Fischklopse in Brötchen. Oder gehen wir an die Hauptstädte:

Berliner essen gern frittierte Hefebällchen, Italiener trinken ihren Wein aus

Römern, Österreicher essen Würstchen, und die Franzosen...— tragen Baskenmützen.

Die Herberge von Ribadeo ist jedenfalls sauber und direkt

unter einer gigantischen Brücke gelegen. B.&B., meine beiden kölner

Schwestern, haben jedenfalls schon seit Tagen Angst vor der Höhenangst, da

diese irre hohe Brücke die einzige Alternative zu zwei bis drei Tagen Umweg

ist, und auch mir ist ein wenig mulmig. B.&B. verlassen hier den Camino del

Norte, bleiben weiter an der Küste, bis sie bei A Coruña auf den Camino Ingles

stoßen, einen Abschnitt des Weges, den man in Deutschland kaum kennt, 117km

lang und schlecht mit Herbergen ausgestattet, aber ohne den Pilgerrummel vor

Santiago, mit dem ich noch zu kämpfen haben werde. Ich bleibe jedenfalls auf

dem Norte, der jetzt meine geliebte Küste verlässt. Für den Abschied vom Meer nehme ich mir das Wochenende Zeit.

Mit einer Kanne Tee feiere ich die Bergung meines Players,

und eine der verrücktesten Pilgerinnen trinkt eine Tasse mit mir. Sie ist

Australierin, sehr hübsch, und hat zum Ende ihres Studiums von ihrem Vater

einen Besuch bei ihren Schwestern geschenkt bekommen. Nun, die eine wohnt in

Südafrika, nur ein Katzensprung von Canberra, die andere in London. Und wo sie

nun schon mal in Europa ist, geht sie halt den Jakobsweg. Zuerst hat sie den

Camino Frances hinter sich gebracht, allerdings kurz vor Santiago den Weg

verlassen, und die Urkunde verweigert bekommen. „Was soll‘s,“ dachte sie sich, „mach ich halt auch noch den Norte.“ Na, wenn’s weiter nichts ist! Australier halt.

Da die Herberge sich ernsthaft füllt mache ich mich auf zu

einem Stadtbummel, der damit endet, dass ich mich in einer fantastischen

Pizzeria restlos überfresse. Wenigstens kann ich damit in der total überfüllten

Herberge gut schlafen. Am nächsten Morgen bewundere ich das Chaos, das D. und

L. in der Küche angerichtet haben. Bis das wieder sauber ist wird wohl Mittag

sein. Es gab Spaghetti mit Tomaten und Pilzen, dazu Kürbissuppe, wie in

bemerkenswert vielen Herbergsküchen entlang ihres Weges auch. Ich finde schon

früh ein günstiges Hotel genau im Altstadtzentrum, und gegen Mittag treffe ich

D. bei einer gaelicischen Hochzeitsfeier, er läuft jetzt mit der schnuckeligen

Australierin. Sein Blick gleicht dem einer Katze, die gerade den Kanarienvogel

gefressen hat, ;}.

Die Hochzeitsfeier ist sehr nobel gehalten, wird aber durch eine Trachtengruppe und

eine Folkband, die keltische Dudelsäcke, Gaitas, benutzt, aufgelockert, deshalb schauen auch so viele Leute zu.

Etwas anderes merkwürdiges fällt mir auch hier wieder auf.

Ich hab schon in mehreren Städten merkwürdige Figuren gesehen, junge Frauen,

von Hut mit Schleier bis Schuh mit Schnallen in einer Farbe gekleidet und

geschminkt, also entweder ganz silbern oder weiß, oder golden. Einmal auch

schwarz mit Goldrand. Niemals „richtige“ Farben wie rot, gelb, blau und deren

Mischungen. Sitzen auf einem Hocker in der gleichen Farbe, haben Flügel in

passender Farbe auf dem Rücken, und bewegen sich absolut nicht. Egal, was für

Faxen man als Pilger auch von sich gibt, und ich kann da schon sehr

einfallsreich sein. Wirft man ihnen dann eine Münze in den Becher erwachen sie,

wackeln mit den Flügeln, lächeln und werfen eine Kusshand, und erstarren sofort

wieder zur Statue. Laut Fremdenverkehrsbüro sind das Schauspielstudentinnen,

die so eine Hausaufgabe erfüllen. Sehr viel angenehmer und schöner als südamerikanische Musikstudenten auf deutschen Weihnachtsmärkten.

Ribadeo hat viele Kirchen und Paläste, aber auch viele

Hafenkneipen und Cafès, und das Wochenende vergeht mit Sightseeing und heißer

Schokolade, und zu viel Cervesa und Vino Tinto. Mein Zimmer hat sogar eine

Badewanne, es gibt aber im ganzen Hotel keinen Stöpsel, weshalb ich mir einen

aus einer Obsttüte bastele, hah! Ich nehme mir Zeit, alle Kleidungsstücke

richtig sauber zu waschen, und stocke meine Ausrüstung mit neuen Strümpfen, die

ersten sind schon durchgescheuert, und einem silbernen Halsreif, einem

keltischen Torques, auf. Wann immer ich in einem Cafè Zuckertütchen entdecke, verschwinden

sie auf magische Art und Weise, um in weiteren Tagen genauso magisch in meinem

Nachmittagstee wieder aufzutauchen, schließlich kann ich ja kein Kilo Zucker

mit mir herumschleppen. Aber ich schaffe es kaum, länger als zwei Stunden still

zu sitzen, ich laufe zur Erholung durch die ganze große Stadt und einige

Kilometer an der Steilküste entlang, erst Sonntag Nachmittag komme ich

einigermaßen zur Ruhe. Montag um acht Uhr bin ich allerdings hellwach, gehe indes

ein weinig in die Knie, als ich Manni das Mammut wieder auf meinen Rücken

wuchte. Die ersten paar hundert Meter knirschen in den Muskeln wie Sand

zwischen den Backen, aber dann finde ich den ersten Wegweiser mit Jakobsmuschel, und mein Herz schaltet in den Rallyegang. Endlich geht’s weiter…

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Bernardo
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Bernardo »

Letztes Jahr bin ich einen kleinen Teil des Jakobsweges gegangen.

In Asturien .... und in Galizien.
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Ich würde mir auch wünschen ihn einmal laufen zu können.
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Was denn noch?

Camino28

Es ist der erste Oktober, und weiß nicht, was mir hier noch

alles passieren soll! Der ganze Tag ist echt kalt, feucht, diesig, auch in

Spanien wird’s Herbst. Irgendwann am späten Vormittag stelle ich Manni das

Mammut, meinen Rucksack, vor einer kleinen Bar ab, setze mich in die Bar und

trinke zum Aufwärmen einen heißen Kakao, als mehrere sehr merkwürdige Gestalten

im Nieselregen aufgeregt um Manni herumtanzen. Ein total supergedresster

Radsportler steigt von seinem Superrennrad, kommt in die Bar und strahlt mich

mit einem Tausendwattleuchtsupergrinsen an. Er ist Reporter von „Television

Asturias“, macht eine Reportage über den Camino del Norte, und kann keine

Pilger finden. Na klar, morgens um elf in Spanien, da sitzen alle Pilger in der

Bar, zum letzten Kakao oder zum ersten Bier des Tages. Ob ich mit nach draußen

zum einem Interview kommen wolle? Gesagt, getan, es geht vor die Tür, wo ein

Kamerateam mit Tourbus und zwei schweren Motorrädern als Begleitung stehen.

Alle sind froh, einen Pilger, der nicht sofort bei ihrem Anblick im Gebüsch

verschwunden ist, gefunden zu haben. Das Interview ist bescheuert und schnell

vorbei, und am Abend bin ich nicht nur in der Herberge von Baamonde, sondern auch noch im asturischen Fernsehen. Patrick, der Paradepilger, meine Güte!

Am frühen Nachmittag komme ich an, und die Alberque ist,

besonders nach dem Betonbunker von gestern, eine der gemütlichsten Unterkünfte

meiner gesamten Reise. Kaminecke, Sofas, Blumengarten, Küche, herrlich. Die

Herberge wird in ihrer Schönheit nur noch von der Rezeptionistin übertroffen,

die sich leider nicht von mir zu einem Tee einladen lässt. Meine spanischen

Mitpilger Jo., C. und M. trudeln auch ein, und während Jo. seine Suppe anbrennen lässt, erkunde ich den Ort.

Während in mir noch die Meinung reift, hier sei nix los

auf’m Hof, nicht mal Schwof, kommt ein netter Opa auf mich zu und fragt mich,

ob er mir sein Museum zeigen darf. Na klar, Opa hat ein Museum, man gönnt sich

ja sonst nichts. Aber ich hab‘ gerade nichts zu tun, ich bin kein kleiner Junge

mehr, dem ein lieber Onkel ein Kaninchen zeigen will, und der Opa ist auch

nicht Norman Bates mit seinem Motel, also komme ich mit. Zuerst halten wir an

einer uralten Kastanie an de Kirche, in die überall Schnitzereien eingearbeitet

sind, und da das dieser Opa gemacht hat, werde ich ganz langsam neugierig auf

sein Museum. Dort angekommen schiebt er nicht nur ein Tor auf, sondern auch

mich hindurch, und ich stehe sprachlos in einem wahren Zaubergarten. Überall

stehen Granitskupturen, superrealistische Tiere wie Rehe und Biber, Türme, ein

Thron, eine Santa Lucia, eine schlafende supersexy Venus, eine Heilige Familie,

eine kleine Kapelle, Wahnsinn! Danach führt er mich ins Haus, wo seine Holz-

und Metallarbeiten stehen. Opa entpuppt sich als einer der herausragenden

Bildhauer sakraler Kunst Spaniens, Victor Corral. Wir unterhalten uns

französisch. Wenn am Camino irgendwo Jakobusstatuen aus Granit stehen, sind die

garantiert von Ihm! Sein größter Christus ist vier Meter hoch, sein kleinster

Engel vier Millimeter klein. Seine Schnitzerei „Hunger“ drückt so viel Leid

aus, dass es mir Tränen in die Augen treibt; eine Skulptur von einem Mann mit

einer rauchenden Pfeife erfüllt mich mit tiefster Ruhe. Kamera habe ich leider keine dabei, aber dieses Gefühl kann man sowieso nicht festhalten.

Nach einer sehr ruhigen Nacht geht es weiter nach Miraz,

hier soll es die einzige englische Herberge, geführt von der „Fraternity of St.

James“, geben. Na, da kann ich vielleicht mal wieder mit jemandem in einer

Sprache, die ohne wilde Gebärden auskommt, reden. Auf dem Weg dorthin empfiehlt

der Pilgerführer einen weiteren gastfreundlichen Bildhauer. Mittlerweile forsch

pilgere ich irgendwann vormittags in seine weit offene Werkstatt, in der laut

scheppernde Flamencomusik ein wildes Pingpingping von Hammer und Meißel kaum

übertönt. Er meißelt eine Flasche. Aus Glas. Mit einem Hammer. Und einem

Meißel. Ein Ping von mir und er bräuchte eine neue Flasche, stattdessen bedeckt

er die ganze Flasche mit einem Gewirr von Symbolen der Tempelritter. Wenn er

nicht gerade Flaschen meißelt, malt er Aztekengötter auf Holz. Und singt dazu Flamenco.

Übrigens, das wichtigste Symbol der Templer ist nicht dieses

allseits bekannte Luftwaffenkreuz, sondern dieses schiefe T, der griechische

Buchstabe Tau, der gleichzeitig auch noch ein wichtiges Symbol der Jakobuspilger

und DAS Symbol der Bruderschaft von Taizé ist. Schön, dass ich nicht an Verschwörungstheorien glaube.

Auf diesem Tagesweg überwinde ich die Entfernungsmarken 111,111

und 100, was bedeutet, dass ich keine einhundertelf Kilometer und einhundertelf

Meter, auch keine einhundert Kilometer mehr von der Kathedrale von Compostela

entfernt bin. Es geht in die Zielgerade! Die Friedhöfe hier sind sehr berühmt

und sehenswert, gigantische Granitmausoleen mit Schrankfächern, in die die

Toten gelegt werden. Der Aufwand wäre es wert, den Lebenden geschenkt zu werden,

aber die bekommen noch nicht einmal Blumen. Interessant auch, dass die

Todesanzeigen hier nicht in der Zeitung stehen, sondern als einzelne Blätter an

Bushaltestellen und Kneipentüren geklebt werden. Eben dorthin, wo sich die Verstorbenen meistens aufhielten und wo die besten Freunde meistens sind…

So liebevoll, wie ich in der englischen Herberge empfangen

werde, wurde ich seit Ernesto und Güemes nicht mehr begrüßt. Die Mitglieder der

Bruderschaft, im Moment eine Schwester und zwei Brüder, machen hier einige

Wochen Dienst, dann kommen die nächsten. Und es ist wunderbar, sich wieder

fließend mit jemandem zu unterhalten. Da es hier in weitem Umkreis absolut

nichts außer einer Kirche und einer Kneipe gibt, verkaufen sie Nahrungsmittel

in Pilgerrationen, also zwei Kartoffeln, ein Ei, eine halbe Karotte, und so

weiter. Jo. ist gespielt beleidigt, dass ich nur ein Boccadillo, also ein

belegtes Brötchen, essen will, und lädt mich zum Essen ein, zu dem ich gerade

noch zwei Dosen Michaelisbräu und zwei griechische Joghurt beisteuern kann. Es

gibt Ensalada (Salat), Sopa (angebrannte Suppe), und Tortilla con Patatas

(Omelette mit Kartoffeln), und die drei Spanier adoptieren mich endgültig. Ein

dänisches Ehepaar kommt dazu, er ist auch noch Gärtner, und beide sind froh,

ihre Deutschkenntnisse an mir zu trainieren. J. und G., die nach ein paar

hundert Kilometern getrennter Wege wieder zusammen pilgern, melden sich endlich

wieder; sie werden einen Tag nach mir in Santiago eintreffen, und wir

verabreden uns zu Mittag vor der Kathedrale. Sogar das Münztelefon funktioniert

nach Hause. Kurz vor Einbruch der Nacht steht ein Regenbogen am Himmel. Danach

wird der Himmel schwarz, morgen soll es wohl regnen. Na, was soll denn jetzt noch kommen…


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino29 Kontraste

„Just to get something warm into the kids!“ sagt der

englische Bruder, als ich in die Küche der Herberge komme und das Frühstück

bestaune. Es gibt Röstbrot mit Marmelade oder Jelly, Obst, Milchkaffee oder

Breakfast-Tea. Vor zwei Tagen bin ich noch von einer städtischen Putzfrau nicht

nur aus dem Bett, sondern auch aus der Unterkunft geschmissen worden, und jetzt

so ein Frühstück. Zum richtigen englischen Frühstück fehlen zwar noch Fabadas Y

Tomatas (Baked Beans) und fritiertes Weißbrot (Toast), dazu Scrambled Eggs

(Huevos revueltas), und es ist wieder einmal Zeit, das Portemonnaie (Borsa) in

die Spendenurne zu leeren. Wieder amüsieren sie sich über den Pilger, der

seinen eigenen Teapot mitschleppt; „I filched it from my beloved grandma when I

was eighteen, and now it’s everything I have from her. I have it with me on

almost every journey.“ Aber auch das schönste Frühstück geht einmal zu Ende, und es Zeit, wieder dem Weg zu begegnen.

Nach einem Blick vor die Tür stopfe ich alle Klamotten in meinen

treuen Rucksack Manni, und trage außer der Regenkleidung nichts außer einem

Funktionsslip (Ropa Supertecnika), da bei so einem Regen sowieso das Wasser

auch an der Innenseite der Kleidung entlangläuft. Ich hab dann zwar am Tag

keinen nasskalten Stoff an der Haut kleben und am Abend trockene Sachen, kühle

aber sofort aus, wenn ich stehen bleibe. Auch ist es so nass, dass ich kein

Audiobook (Hörbuch) auf meinem Player hören kann, und ich falle irgendwann in

einen tranceähnlichen Zustand, weiter, immer weiter, weiter. Es gibt keine Bar,

die warm und gemütlich aussieht, keinen Supermarkt, nichts bis Sobrado los

Monxes, welches in 27km Entfernung liegt. Am Morgen regnet es Bindfäden, guter

Landregen, der Gärtner und Maurer Feierabend machen lässt. Ich laufe. Bis zum

Mittag nimmt der Regen immer stärker zu. Ich nehme mir vor, am Felsen am Ende

der Welt die Vier Winde und den Regen anzubrüllen, das ER, der sie auf den Weg

geschickt hat, auch mich auf den Weg geschickt hat, ihnen zu widerstehen. Und laufe weiter. Das

stört einen der Vier Winde, und der Regen kommt die letzten acht Kilometer von

der Seite. Am Nachmittag bin ich ohne Pause und am Stück 27 Kilometer in

fünfeinhalb Stunden gelaufen, und belohne mich mit einem Hotelzimmer mit Badewanne.

Eine BADEWANNE! So sieht also das Paradies aus…

Im Treppenhaus des Hotels kommen mir „Schau mal wer da ist!“

D. und L. entgegen. Sie müssen schon wieder Pause machen, weil einer von ihnen

krank ist. Leider bin ich viel zu erschöpft, länger mit ihnen zu reden, und

leider war dies das allerletzte Mal, dass ich sie getroffen habe. Das

Zisterzienserkloster, das dem Ort den Namen gab, erweist sich als gigantischer

und heruntergekommener Granitkomplex, der einfach nur Kälte ausstrahlt. Die

dazugehörige Pilgerunterkunft ist überraschend gemütlich, und wohl fünfzehn

Pilger drängen sich um einen einzigen Heizlüfter. Der Geruch erinnert mich an

die Heimat meiner Kindheit. Nein, nicht weil’s so heimelig wäre. Meine Mutter hatte fünf Hunde.

Der im Pilgerführer angepriesene gesungene Vespergottesdienst

schreckt mich maßlos ab. Es nehmen 10 Pilger, 8 Einheimische und 24 Mönche

daran Teil. Diese spulen desinteressiert und gelangweilt ihr Programm in 40

Minuten ab und gehen wieder. Vielleicht liegt es an meiner Erschöpfung, an

meinem kaputten Stuhl, an der Kälte des Raumes, oder daran, dass ich nichts von

diesem ganzen Ablauf verstehe, aber sollte ich einmal Mönch (Bruder Tuck) werden müssen, würde ich Franziskaner.

In der Pilgerbar treffe ich auf meine Pilgertruppe der

letzten Tage, und ihr herzliches Willkommen entschädigt mich schnell.

Miteinander vertreiben wir den Regen des Tages aus unseren Herzen. Die Unwetter

draußen legen die Stromversorgung des ganzen Ortes lahm, auf einmal ist es

stockfinster, bis die Wirtin, gesegnet sei ihr Name und ihr Vorname, das ganze

Lokal mit Kerzen erleuchtet. Hmm, die sollte mal die Vesper leiten! Aufgrund

des Stromausfalles gibt es nach dem Nachtisch keinen Kaffee, sondern Liquor de Herbas auf Eis, und mir wird richtig warm. Noch 60 Kilometer bis Santiago!

Arzua, das nächste Etappenziel, ist einer der wichtigsten

Knotenpunkte der Jakobswege. Hier laufen Norte, Primitivo, Frances, und Via de

la Plata zusammen. Dazu kommen die Kurzstreckenpilger, die nur die letzten

100km laufen, und ich befürchte schon lange ein ziemliches Gewimmel. Ich komme

über eine Nebenstraße nach Arzua hinein, biege um eine Ecke, und bleibe

geschockt und wie angewurzelt stehen. Hunderte Pilger traben die Hauptstraße

entlang, sitzen an jedem Tisch der zahlreichen Bars und Cafés. Diese Stadt

scheint aus Cafés, Alberques und Souvenirläden zu bestehen, und alles ist

voller Pilger. Ich bekomme mit Müh und Not noch ein Bett, dabei ist Mittag kaum

vorbei. Die Preise sind astronomisch. Besonders schlimm sind die Tourigrinos,

Touristenpilger, die vier bis fünf Tage lang pilgern, abends ihren nächsten

Herbergenplatz telefonisch reservieren, ihr Gepäck mit dem Taxi vorausschicken,

und in frisch gestärkter Wanderkleidung mit Bügelfalte vor den Häusern sitzen und

jammern, als hätten sie nicht 15, sondern 50km bewältigt. Nach fast 800km und sechs Wochen Beschaulichkeit ist das alles ein Schock ohne Gleichen.

Vor Jahren habe ich einmal einen schweren Schlag mit einem

Gummihammer gegen die Stirn bekommen, und genauso benommen wie damals torkele

ich durch die Stadt. Auf einem Platz torkelt mir ein genauso benommener Jo.

entgegen. Wir klammern uns aneinander wie Hänsel und Gretel im Wald, und finden

eine beinahe ruhige Cantina mit einem brauchbaren Pilgermenu, Jo. konnte noch nicht einmal eine Suppe anbrennen lassen.

Nach einer unruhigen Nacht stehe ich früh auf und laufe in

voller Finsternis los. Draußen bewegt sich eine lockere Menschenschlange in

Richtung Santiago, jetzt schon. Immer wenn ich mich an die Dunkelheit gewöhnt

habe leuchtet jemand mit einer Taschenlampe herum. Langt Euch der Vollmond

nicht? Auf einmal ruft vor mir jemand „Willi, wink doch emol!“ Hinter mir „Ja

Schorsch, winkewinke!“ und Schorsch brennt mir aus zwei Metern Entfernung mit

einem Photoblitz die Netzhaut aus. Nur bedingt freundlich tue ich ihm meinen Unwillen

kund. Seine Antwort ist: „Wieso, war doch nur ganz kurz!“ Das haben Blitze so

an sich, oder? Wenn er mich nochmal anblitzt braucht er das Buch „Pilgern ohne

Kniescheiben“. Und das bringt jetzt das Fass zum überlaufen, ich hab‘ die Nase

voll, absolut. Ich will nur noch zum nächsten Bus und zum Flughafen. F*#k

Santiago, F*#k Camino, mir ist f*#kegal, dass ich 30km vor dem Ziel bin, ich will nicht mehr, ich will heim.

In der Hoffnung, vor mir eine ruhigere Zone zu finden, lege

ich den Rallyegang ein und lasse meine Wut am Weg unter mir aus, nach den

Wegweisern laufe ich mehr als acht Kilometer in einer Stunde, gutes

Joggertempo. Der Camino nimmt es mir nicht übel, und erweist sich mir als guter

Freund. Er schenkt mir eine pilgerfreie Zone, keine Bushaltestelle, und die

merkwürdigste Begegnung meiner ganzen Pilgerreise. Mitten in der Wildnis steht

eine Frau am Weg, in Zivilkleidung, kein Wandereroutfit, kommt auf mich zu,

neigt den Kopf und überreicht mir mit beiden Händen zugleich einen Keks. Dann

sagt sie „Buon Camino!“, dreht sich um und geht weg. Buon Camino! Das

fühlt sich an, als ob mir jemand einen verklemmten Wirbel einrenkt, und in

meinem Kopf macht es laut „Knack“! Der einzige Moment meiner Pilgerreise, an dem ich wirklich abbrechen wollte, ist vorbei. SANTIAGO, ICH KOMME!

Am Wegesrand steht ein Pilgerbüro, in dem ich ein Zimmer in

einem kleinen Hotel achteinhalb Kilometer von der Kathedrale entfernt

reservieren kann, die Herberge, an der ich vorbeikomme ist ein stinkendes

Dreckloch. Den wunderbar ruhigen Abend verbringe ich in Gesellschaft von zwei Norwegern und einer Engländerin, und mehreren Flaschen Rotwein.

beer dulls a mind, brand sets it burning,

but wine is the best for a sore souls yearning

Achteinhalb Kilometer noch, keine zwei Stunden Wanderzeit.

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Peregrin
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Peregrin »

Bald ist es geschafft!
Ich bin der Kaiser und ich will Knödel.

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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Jepp. Ich sehe mich noch heute mit seiner Frau im strömenden Regen auf einer Anhöhe im freien Feld stehen weil die Handyverbindung so schlecht war um ihm Mut zuzusprechen. Seine Frau fragte sich nach diesem Gespräch ernstlich, ob sie ihren geplanten Flug nach Spanien absagen muß.
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ifugao
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Camino 30


Santiago

Ich wache kribbelig auf, heute wird das Hauptziel erreicht.

Von Anfang an war Cap Finisterre als Wunschendziel geplant, ich wusste

allerdings nicht, ob die Zeit dazu ausreichen sollte. Nun, Zeit war jetzt mehr

als genug vorhanden, nach Santiago war sollte es noch das Ende der Welt sein.

Aber zuerst Santiago. Für Ausschlafen oder Frühstück bin ich viel zu aufgeregt,

ich will ankommen, von wegen „Der Weg ist das Ziel“, heute ist das Ziel das

Ziel! Ich komme im Dunkeln los, der Himmel ist dicht bewölkt, und während es

langsam hell wird, sehe ich die ersten anderen Pilger. Mein Musikplayer gibt

wieder den Geist auf, und ich genieße die Stille. Drei Kilometer oberhalb der

Stadt ist noch einmal ein gigantischer Herbergenkomplex, von wo aus man den

ersten Blick auf die Kathedrale haben sollte. Unter mir ist allerdings ein

Nebelmeer. Ok, dann halt nicht. Während ich dieses Nebelmeer und ein riesiges

Denkmal photographiere kommen weitere Pilger zu Tage, und ich begreife, dass

die alle mit mir ins Pilgerbüro wollen. Nu, für Sightseeing hab ich später noch

Muße, jetzt will ich meine Urkunde, meine Compostella, haben. Also lege ich

mich noch einmal richtig ins Zeug, volles Pilgertempo.

Und eine halbe Stunde später habe ich das Pilgerbüro gefunden,

es liegt direkt neben der Kathedrale im Obergeschoss eines Hauses, am Ende

eines langen Ganges. Zwei Pilger sind vor mir, nach kaum fünf Minuten bin ich

dran. Ich staune mittlerweile selbst, wie viele Herbergenstempel, einer für

jede Übernachtung, in meinem Pilgerausweis, dem Credential gelandet sind. Die

ganze Zeit habe ich fast nur nach Vorn gesehen, jetzt geht mir erst richtig

auf, was ich hinter mir habe. Die Süße am Schalter schließt in diesem Moment

die Kontrolle meiner Stempel mit einem Lächeln ab, holt ihrerseits aus und

knallt mir den letzten Stempel in meinen Pilgerpass, und wie zum Echo knalle

ich weinend auf den Boden auf. Ich schluchze irgendwelchen Blödsinn zu meiner

Entschuldigung, aber alle Offiziellen lächeln nur, das passiert wohl öfter. Sechs

Wochen unterwegs, drei oder fünf Tage Stadtbummel, primitive Wanzenherbergen,

gute Hotels, tiefste Freunde und totale Kotzbrocken, „Torture and Bliss“ bis

man es nicht mehr aushält, unvergleichliche Gastfreundschaft. Mehr als

achthundert Kilometer zu Fuß. Als ich wieder ohne Hilfe stehen und annähernd

verständlich sprechen kann ist meine Urkunde, meine Compostella, fertig.

Sie ist ausgestellt auf „Patricius Stephanus Harborthus,

Peregrinus“.

Nach den dazugehörigen Photos finde ich ein Einzelzimmer in

der größten Herberge Santiagos, dem Seminario Menores, wo es natürlich auch

gigantische Schnarchsäle gibt. Immer noch verschwitzt geht es zurück in die

Innenstadt und in die Kathedrale, aber eine halbe Stunde vor Beginn der

Pilgermesse ist diese schon voll. Also gehe ich in ein Tattoostudio in der

Altstadt, und lasse mir eine Jakobsmuschel auf den Oberarm stechen. So lange

hat sie mich jetzt geleitet, jetzt will ich sie auch weiterhin ganz nahe bei

mir haben. Andrea mag keine Tattoos, wenn sie dieses sieht muss ich bestimmt

drei Jahre im Gästezimmer schlafen. Dann erst gehe ich duschen und mache eine

Siesta, schließlich muss man Prioritäten setzen!

Santiagos Altstadt ist von der Größe mit Limburgs Innenstadt

oder Rothenburg ob der Tauber zu vergleichen. Wo allerdings bei uns diese

niedlichen Fachwerkhäuser stehen, stehen hier Granitpaläste und –festungen.

Während der Limburger Dom hübsch auf einem Hügel steht, spürt man hier immer

und überall die Präsenz und die Macht der Kathedrale, die als eine der wichtigsten

der Christenheit gilt. Es ist eine Atmosphäre der Unverrückbarkeit, der

Beständigkeit: „Ich habe hier viele Jahrhunderte überdauert, ich werde noch

weitere Jahrhunderte fortbestehen! Und Du?“

Natürlich ist die Altstadt auf Tourismus ausgerichtet, jedes

dritte Geschäft ist ein Andenken- und T-Shirtladen, es gibt Schmuckgeschäfte,

Cafés und Restaurants, Pensionen und Hotels in Fülle und Hülle. Während die

Touristenpilger der letzten hundert Kilometer nervig waren, sind die reinen

Touristen einfach putzig. Eine Busladung nach der anderen trifft auf dem großen

Platz an der Kathedrale ein, alle rennen in die nächstgelegenen Andenkenläden,

und die meisten kaufen sofort ein authentisches Pilgeroutfit: Filzschlapphut

mit Jakobsmuscheln, Filzponcho mit Jakobsmuscheln, Besenstiel mit

Jakobsmuscheln und Flaschenkürbis als Wanderstock. Nach den obligatorischen

Photos geht’s dann schnellstmöglich in das nächste Café, um sich an einem Bier

wieder aufzurichten, Pilgern ist ja soo anstrengend.

Aber dann gibt es ein Wiedersehen nach dem anderen! C. und

M., die beiden Spanierinnen, die mich adoptiert hatten, schleifen mich durch

die Grabkammer des Jakobus und zeigen mir den silbernen Sarg. Mein lieber

Freund Jo. ruft quer über den Platz nach mir, wir rennen aufeinander zu und

umarmen uns, wie das nur Pilger können. Natürlich lassen wir uns von ein paar

Japanern photographieren. Er strahlt mich an und gesteht mir, dass er im

Pilgerbüro weinend aus den Wanderstiefeln gekippt ist, ich berichte ihm lachend

von meiner Bekanntschaft mit den dortigen Holzplanken. Die Schlange vor den Schaltern

dort geht bis weit vor das Haus auf den Platz, die Wartezeit auf die Urkunde

beläuft sich auf wohl zwei Stunden…

Nachdem ich für J. und G., sie wollen morgen eintreffen, ein

Hotelzimmer eingeloggt habe, wird es Abend. Ich laufe meinen beiden Norwegern

aus dem letzten Hotel in die Arme, und lasse mich abschleppen. Sie haben sich

mit genau dem dänischen Ehepaar verabredet, mit dem ich auch schon einige Tage

gegangen bin, und die wiederum drei andere Dänen mitschleppen. Das

Sprachenchaos ist fast so wild wie die Stimmung! „Hey! Wir haben einen Freund

mitgebracht!“ „Hey, das ist doch Patrick! Hey Patrick!“ „Hey, Ihr kennt

Patrick?“ Verrückt, alle kennen Patrick, hey! Und alle bewundern mein

Pilgertattoo, ich bin ein Held! Während wir einen Tisch mitten auf der Straße

fest in skandinavische Okkupation bringen (Wikinger an die Macht, Für Thor und

Odin!) und ordentliche Mengen Irish Cream spanischer Fertigung und das

obligatorische Michaelisbräu vertilgen, kommt eine große Meute singender

Studenten vorbei. Zu Hause feiern die Studenten das Semesterende mit

Zuhilfenahme höherwertiger Kohlenwasserstoffe flüssiger Art und

euphorisierender Kräuter, deren Rauch sie atmen, hier feiern die Studenten den

Semesterbeginn mit superkomplizierten Frage-Antwort-Gesängen in Tonleitern, die

uns total fremd sind, dabei sind meisten von uns Musiker. Nachdem wir die

Frage, ob das nun myxolydische oder hypophrygische Skalen wären, ausführlich

und uneindeutig in fünf Sprachen gleichzeitig ausdiskutiert hatten, packt einer

seine Bluesharp aus, und wir machen unsere eigene Musik, singen und trommeln so

laut, das die Gläser vom Tisch fallen. Auf dem Weg in die Herberge komme ich an

einem großen Sportplatz vorbei, an dem sich mittlerweile viele Hundert

Studenten zusammengefunden haben, sie singen bis in den frühen Morgen hinein.

Der zweite Vormittag in Santiago vergeht mit Sightseeing,

und fast eine Stunde vor Beginn der Messe finde ich einen Sitzplatz auf dem Boden

mit einer Säule zum Anlehnen. Eine junge Nonne mit schöner Stimme versucht den

Besuchern die Lieder des folgenden Gottesdienstes beizubringen, und schafft das

sehr gut, ohne zu „Schwester Drillsergeant“ zu werden. In dieser Messe sehe ich

meine Pilgermeute der letzten Wochen zum letzten Mal, alle reisen heute oder

morgen ab. Vom Limburger Dom ist eine Pilgergruppe mit dem dortigen

Chefpriester angekommen. Ich hab‘ die Rangfolgen nie verstanden; in einem Dom,

ist das ein Kardinal oder ein Bischof? Und was ist der Unterschied zu einer

Kathedrale oder einem Münster, wer residiert da? Im Petersdom sitzt Papa Ratze,

wenigstens das konnte ich mir merken. Schließlich sind wir Papst!

Bei uns zu Hause kommt der Katholizismus eher wie ein

gemütlicher Folkloreverein daher, es gibt Riten, die nur schwer zu verstehen

sind, man schaut es sich zu besonderen Anlässen an, und schert sich ansonsten

kaum darum. Hier in Santiago braust ein Sturm, hier ist Macht in der

Kathedrale. Die Lieder werden von mehreren Tausend Stimmen getragen, und ein

Ave Maria, in einer vollgestopften Kathedrale gesungen, erschüttert mich wie

kein Rockkonzert der letzten Jahre. Der Boden vor dem Altar wird rigoros

freigeräumt, um Platz für eine große Kindergruppe zu machen. „Macht Platz für

die Kinder, sie sind unsere Zukunft!“ ertönt es in wohl zehn verschiedenen

Sprachen. Das hätte ich gern auch in unseren Gottesdiensten, wo Kinder nur zu

Taufen und zu Weihnachten dabei sind. Die Schriftlesungen und Segensgebete

werden kurzerhand von den Kindern in catalanischer Sprache vorgetragen. Die

Liturgie wird dann aber von Hauptamtlichen auf Latein gehalten, die Predigt

allerdings in Deutsch, und zwar vom Limburger Domchef. In ihr wird der

Märtyrertod des Jakobus mit dem Kreuzestod Jesu verglichen, und dabei wird mir

doch unwohl. So was geht wohl auch nur im Zentrum der Jakobusverehrung. Den

Limburgern zu Ehren wird dann auch der größte Weihrauchschwenker der Welt

angefacht, und von sechs Priestern, so breit wie Türsteher, immer höher fast

bis an die Decke geschleudert. Bei jedem Schwung dieses Pendels, Edgar Allen

Poe hätte seine wahre Freude daran gehabt, rufen alle zusammen immer lauter

HUIII, und am Ende wird laut geklatscht, ja Wahnsinn aber auch, die Kirche

tobt! Diese Hingabe und dieser Glauben durch so viele Jahrhunderte sind, was

diesen Ort zu etwas so besonderem macht, ihn heilig macht, egal, ob hier im

Keller im silbernen Sarg tatsächlich DER Apostel Jakobus oder ein Ziegenhirte

aus dem sechsten Jahrhundert liegt.

Aber letztendlich ich versteh’s ich nicht, ich bin ja nur

ein kleiner baptistischer Ketzer, der immer die falschen Fragen stellt. Ich

verstehe ja noch den Weihrauchschwenker, der den Geruch vieler Pilger, die sich

seit Wochen nicht richtig waschen konnten, überdecken soll. Ich habe auch

Vorbilder, denen ich nachstrebe, zum Beispiel der Apostel Johannes oder

Franziskus von Assisi, aber ich verstehe die Heiligenverehrung nicht, nachdem

ich so lange mit Jesus allein glücklich bin, oder warum ich die Vermittlung

eines Fremden brauche, wenn der liebende Gott selbst mir so nahe ist. Ich

verstehe, dass Christentum eine Gemeinschaft bedeutet, und dass ein Stoßgebet

allein im Wald nicht genügt, es sei denn ich wollte mich vom Oberförster

beerdigen lassen; aber ich verstehe nicht, warum ich als Mitglied einer solchen

Gemeinschaft unzählige Benimmregeln ohne Bezug zu Gottes Liebe im Sammelpack dazu

buchen muss. Ich verstehe nicht, wie und warum ich durch bestimmte Aufgaben die

Sünden von verstorbenen Verwandten gesühnt bekommen kann, ich verstehe ja kaum

Schuld, Buße und Sühne für mich, geschweige denn was Sünde eigentlich ist, und

warum ich dafür Vergebung brauche. Ich versuche das in Einklang zu bringen mit

einer Kirche, die ich sehr bewundere und respektiere, und mit noch einigen

anderen Kirchen, merke aber, dass ich noch viele Kilometer Pilgerweg brauche,

um darüber nachzudenken.

Ach ja, und es ist hier gerade Heiliges Jahr, das bedeutet,

ich bekomme wie ein Hadschi in Mekka alle Sünden vergeben. Dazu soll ich durch

eine besondere Tür in die Kathedrale gehen, ein Vaterunser für den Papst beten,

ein Glaubensbekenntnis sprechen und zur Beichte samt Kommunion gehen. Durch die Tür bin ich

gegangen, und ein Gebet für den Papst spreche ich gern, nie war es so wertvoll

wie heute. Das Glaubensbekenntnis spreche ich allerdings schon seit vielen

Jahren nur noch von „Ich glaube an Gott den Vater…“ bis „Ich glaube an den

heiligen Geist!“, der Rest will mir irgendwie nicht mehr über die Lippen. Zur

Beichte muss ich nicht gehen, schließlich bin ich Baptist!


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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ChrisCross »

Das Glaubensbekenntnis spreche ich allerdings schon seit vielen

Jahren nur noch von „Ich glaube an Gott den Vater…“ bis „Ich glaube an den

heiligen Geist!“, der Rest will mir irgendwie nicht mehr über die Lippen.
Ich suche mir auch gerne aus, was ich glaube.
Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von Paul Heliosch »

(die Lücken im Glauben füllt der Wille)

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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Paul Heliosch hat geschrieben:(die Lücken im Glauben füllt der Wille)


Ist es nicht eher die Gnade? :hmm:

Wie dem auch sei. ;)

Allen einen gesegneten Restsonntag.
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ChrisCross
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ChrisCross »

ifugao hat geschrieben:
Paul Heliosch hat geschrieben:(die Lücken im Glauben füllt der Wille)


Ist es nicht eher die Gnade? :hmm:

...
Kommt ganz darauf an, ob du sie wirken lassen willst oder nicht ;)
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Re: Erfahrungen auf dem Jakobsweg

Beitrag von ifugao »

Nach jedem Gottesdienst bei uns heisst es:
"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die trostreiche Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei und bleibe mit uns." ;)
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