Das berühmte Nadelöhr

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
Ralf
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Das berühmte Nadelöhr

Beitrag von Ralf » Sonntag 27. Juni 2004, 15:05

Hallo.

Was mit dem Nadelöhr - durch das ja ein Kamel leichter gelänge als ein Reicher in den Himmel - nun wirklich gemeint ist, wird ja extrem unterschiedlich gesehen bzw. ausgelegt.

Das sind so die mir bekannten Versionen:

1. das Öhr einer Nadel
2. irgendwie gab es einen Schreibfehler in der Überlieferung, es ist was ganz anderes gemeint - nicht ein Kamel, sondern ein dickes Seil, eine Art Tau, ansonsten gilt 1.
3. das "Nadelöhr" war ein Stadttor im alten Jerusalem
4. ein "Nadelöhr" ist ein enger Spalt im Gebirge, durch den ein Kamel gerade so noch passt

Was kennt Ihr denn so und wie seht ihr das ganze?
Hier im Kreuzgang-Forum ist es weit verbreitet, Gericht über die Bischöfe als Hirten der Kirche zu halten. Manch einer dünkt sich besonders schlau und autoritativ. Man sollte das nicht allzu ernst nehmen.

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Juergen
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Beitrag von Juergen » Sonntag 27. Juni 2004, 15:22

Meinste das mit Nr. 2?

κάμηλος - Kamel
kάμιλος - Tau; Seil

Im NT gibt es - je nach Handschrift - beide Versionen.

------------------------

Beispiel zu Nr. 4:

Das "Nadelöhr" sieht doch gar nicht so aus,
als ob kein Kamel da durch passt.

Bild

:kratz:
Gruß
Jürgen

Geronimo

Beitrag von Geronimo » Sonntag 27. Juni 2004, 16:07

Der jüdische Bibelforscher Pinchas Lapide meinte, es sei ein Übersetzungsfehler von Luther und statt Kamel sei ein Schiffstau gemeint - also ein dickes Seil, das man nicht durch ein Nadelöhr kriegt.

Geronimo

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Sonntag 27. Juni 2004, 22:57

Obschon es sich um kein dogmatisch besonders relevantes Problem handelt, hat immer das Wort Jesu Anstoß erregt, leichter gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich komme (Mt 19,24; Mc 10,25; Lc 18,25 ). Das Bild erscheint doch als gar zu abwegig. Es gibt verschiedene Versuche, es wegzuinterpretieren, so etwa durch die Vermutung, das Nadelöhr meine ein damals bekanntes, besonders enges und niedriges Stadttor in Jerusalem oder auch in Petra.

Manche notorisch antichristlichen Missionsangebote präsentieren als letzten Schrei der Wissenschaft genüßlich die hierzulande freilich gut und gerne anderthalb Jahrhunderte alte These, es handle sich um eine schlichte Wortverwechslung: Die griechischen Wörter für „Kamel“ und „Schiffstau“ unterschieden sich nur um einen Buchstaben.

Auf den ersten Blick scheint das bestechend zu sein: Das Kamel heißt griechisch κάµηλος, und der geübte Blick ins Schulwörterbuch zeigt dem humanistischen Bildungsbürger geschwind, daß κάµιλος das Ankertau bezeichnet. Womöglich erinnert er sich auch noch, daß im späteren Gemeingriechisch, der Κοινή, das Ἦτα mehr und mehr wie ein langes Ἰῶτα ausgesprochen wurde.

Bei genauerem Nachdenken zeichnen sich jedoch Fragezeichen am geistigen Horizont ab. Erstens ist da das eindeutige, gemeinsame Zeugnis dreier Evangelisten. Zu deren Zeit – im ersten Jahrhundert – hatte sich das Ἦτα zwar vom langen, offenen ä, wie wir’s in der Schule gelernt haben, schon zum geschlossenen e entwickelt, aber längst nicht zum i; das gehört erst in byzantinische Zeit.

Zweitens gilt als Grundregel der historischen Quellenkritik, daß im Zweifel der lectio difficilior der Vorzug zu geben ist, der schwierigeren Lesart. Ein schlampiger Kopist glättet eher ein holpriges Original, er tendiert, wenn er Fehler macht, eher zum Naheliegenden als zum Abwegigen; also auch eher zum Ankertau als zum Kamel: was für ein originales Kamel spricht.

Drittens gebraucht Jesus an anderer Stelle (Mt 23,24) ein weiteres Bild, in dem Kamele vorkommen, und zwar sogar verschluckt werden, im Gegensatz zu den ihnen gegenübergestellten Mücken. Da denkt man an unsre Mücke, die zum Elephanten wird – auch ein abstruses Bild: weshalb nicht zur Wespe? –, aber auch an Jesu Wort vom Balken im Auge. Auch dies reichlich absonderlich: Oder wer hat schon jemanden mit einem Balken im Auge gesehen (außer Polyphem, den Niemand damit geblendet hatte)? Es scheint also, als liebte Jesus solche Bilder. Man denke daran: Er war Orientale und redete zu Orientalen. Und orientalischer Herkunft – und zwar semitischer – ist auch das Wort „Kamel“. Die Griechen haben es den Juden oder Arabern entlehnt.

Diesen drei Fragezeichen können wir nun aber ein Ausrufezeichen aufsetzen: Denn der Clou an der Geschichte – den unsre Schulwörterbücher verschweigen –, ist folgender: Das Wort κάµιλος nämlich ist mit der Bedeutung „Ankertau“ ist weder bei vorchristlichen Schriftstellern bezeugt, noch in den ersten christlichen Jahrhunderten bis weit über die Kirchenväterzeit hinaus.

Die erste Bezeugung finde ich in der Suda, der byzantinischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts. Vielleicht hat der eine oder andere Bibelkommentator sich schon einmal die Mühe gemacht, weitere Zeugnisse zusammenzustellen, denn ganz aus der Luft gegriffen hat die Suda den entsprechenden Eintrag sicher nicht. Viel dürfte sich aber kaum finden lassen, und wenn etwas, dann geht es sicher kaum weit übers neunte Jahrhundert zurück, aus welchem nebenbei bemerkt auch die erste Erwähnung jener These vom Jerusalemer Stadttor stammt.

Jedenfalls stellt dieses ominöse Ankertau zumindest eine gegenüber den Evangelientexten sehr viel jüngere Bildung dar. Da es überdies für seine Herkunft keinerlei Anhalt gibt, darf man mit Fug annehmen, daß es sich um eine Wortschöpfung byzantinischer Theologen oder eher Philologen handelt, die genau über Jesu Kamel gestolpert waren und mutmaßend eine besser passende Bedeutung erfanden, mit gleicher Aussprache, aber andrer Orthographie. Kurz: Vergeßt das Ankertau und das Schiffstau. Denkt ans Kamel, aber seid keins.
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Ulrich
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Re: Das berühmte Nadelöhr

Beitrag von Ulrich » Sonntag 27. Juni 2004, 23:24

Ralf hat geschrieben: Was mit dem Nadelöhr - durch das ja ein Kamel leichter gelänge als ein Reicher in den Himmel - nun wirklich gemeint ist, wird ja extrem unterschiedlich gesehen bzw. ausgelegt.

Was kennt Ihr denn so und wie seht ihr das ganze?

Es ist nicht mehr als ein Bild, das auf drastisch, bewusst übertriebene Weise zum Ausdruck bringen möchte nicht dem Mammon zu dienen und sein Herz an den Reichtum zu binden ...

Mt 6,24 Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.

Auch darf man das " Nadelöhr " nicht isoliert sehen und so deuten, dass es für einen Reichen unmöglich sein könnte das Himmelreich zu erreichen, da es vor Mt 19,24 heisst ...

Mt 19,23 Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.

" nur schwer " - nicht unmöglich !

Ich sehe es als Bild das aufrütteln soll. Die Jünger sind ja auch erschrocken ...

Mt 19,25 Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden?

Die Antwort Jesu fordert vollkommenes Gottvertrauen von seinen Nachfolgern ein ...

Mt 19,26 Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.

Ja, für GOTT ist kein Ding unmöglich, wenn wir IHM vertrauen.

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Sonntag 27. Juni 2004, 23:28

Ich weiß jetzt übrigens, wo die Ankertau-These herkommt. Aber das erzähle ich erste morgen abend. 8)
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Montag 28. Juni 2004, 22:17

Nun also die Auflösung. – Laut Tischendorff gibt es ein Origenes zugeschriebenes Scholion zu Mt 19,24, welches besagt, κάµηλος meine an dieser Stelle nicht das Tier, sondern ein dickes Tau, wie es die Seeleute für Anker verwendeten; ähnlich der Lucas-Kommentar des Cyrill von Alexandrien zu Lc 18,25, was auf Origenes zurückgehen dürfte, sofern die Zuweisung jenes Scholions korrekt ist.

Nota bene: Da ist immer bloß von κάµηλος die Rede, nicht von κάµιλος. Einen Begriff κάµιλος, der „Ankertau“ bedeutete, kennt keiner der beiden Autoren. Wieso aber κάµηλος als Ankertau? – Es wird keine Begründung geboten, doch liegt die Vermutung nahe, es sei an ein aus Kamelhaar gefertigtes Tau gedacht.

Die variæ lectiones der Evangelien, die κάµιλος bieten, sind nicht sehr zahlreich und offenkundig rein phonetisch bedingte Varianten, sprach man das η doch als langes i; Soden z. B. läßt diese Lesarten im Apparat auch ganz weg. Die Gegenüberstellung von κάµηλος und κάµιλος, welche im 10. Jht. die Suda bringt, ist somit ein jenes Origenes-Scholion (oder eine darauf beruhende Auslegung gleichen Inhalts) mißverstehendes, rein spekulatives Wort- und Lautspiel.

Das wird auch von dem Umstand bestätigt, daß noch im elften Jahrhundert ein Theophylact von Ohrid die These von der Ankertau-Bedeutung als Meinung einiger referiert, jedoch bloß von κάµηλος redet und von κάµιλος nichts weiß.

Weshalb die Ankertau-These an den Haaren herbeigezogen ist – und bleibt, auch wenn man das Tau als Kamelhaartau erklärt –, das habe ich gestern schon erläutert.
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Juergen
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Beitrag von Juergen » Montag 28. Juni 2004, 22:25

Die Form mit Iota gibt es aber wohl - nach Nestle-Aland - in ein paar Handschriften - nicht wahr?

...aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf....

ist alles an den Haaren herbeigezogen.


Ich meine allerdings, daß es wohl ein Kamel war und kein Ankertau. 8)
Gruß
Jürgen

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn » Montag 28. Juni 2004, 22:51

Jürgen hat geschrieben:»Die Form mit Iota gibt es aber wohl - nach Nestle-Aland - in ein paar Handschriften - nicht wahr?«
Ketelhohn hat geschrieben:»Die variæ lectiones der Evangelien, die κάµιλος bieten, sind nicht sehr zahlreich«
Belege finde ich bei Tischendorff. Soden läßt sie weg. Nestle auch. (Ich habe hier die erste Auflage des Novum Testamentum Græcum et Latinum von 1906 und die neunte des Novum Testamentum Græcum von 1909.) Aland hat das offenbar im Apparat der späteren Auflagen ergänzt.

Wenn Soden und Nestle diese Varianten weglassen, dann weil sie sachlich bedeutungslos sind, so etwa wie im Lateinischen der Wechsel zwischen condicio und conditio.
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