anselm hat geschrieben:Bernd Heinrich Stein hat geschrieben:... Und wenn es nicht mehr in bestimmte Parameter passt, dann kann es halt beendet werden?..
Ja. Und zwar durch die Betroffenen selbst bzw. auf deren ausdrücklichen Wunsch. Warum sollte gerade in einem so weit reichenden Fall, bei dem es um ein sinnvolles und erträgliches Leben geht, die Entscheidungskompentenz der einzelnen Menschen nicht mehr zählen? Warum sollte gerade dann die Entscheidungsfreiheit aufgehoben sein mit der Aussicht auf z.B. eine Lebensverlängerung in geistiger Abwesenheit/Verwirrtheit oder starken Schmerzen? Ist eine solche Einschränkung nicht schon als eine Art von Freiheitsberaubung und eine Verurteilung zum Leiden anzusehen?
Anselm, dir ist doch klar, dass diese Entscheidungen (wenn wir hier mal von Leuten reden, die die überhaupt noch treffen können) auf Kosten anderer gehen. Will sagen - ich werde zum Mörder gemacht, nur weil das jemand anders aufgrund seiner Entscheidung so will und auch einfordert, wenn er sich auf gesetzliche Regelungen beruft. Nur - mit welchem Recht verlangt der andere das von mir, Angehörigen oder Ärzten?
Die Diskussion über aktive Sterbehilfe verbrämt sich immer mit dem Etikett Mitleid bzw. nicht Leiden lassen. Dabei geht völlig unter, dass es gescheiter wäre, sich mit der Weiterentwicklung der Schmerztherapie zu beschäftigen und Gesetzesänderungen einzufordern, welche die Ärzte in die Lage versetzt, eine umfassende Schmerzbehandlung durchzuführen (Opiate etc.)
Meine Frage: konkreter Fall: darf ich meinen Kindern die Last aufbürden (oder meiner Ehefrau) mich ins Jenseits zu befördern, die moralische Entscheidung, das Leben danach mit dieser Entscheidung oder ist das einfach auch nur eine Art von grundlegendem unreflektierten Egoismus? Christlicherweise gesehen, empfinde ich das als Aufforderung zum Mord.
Um noch auf die dementiell Erkrankten zurückzukommen - natürlich spart das eine Menge Geld, wenn man die alle so locker zu entsorgen. Und den Angehörigen eine Menge Streß, diese Menschen evtl. über Jahre begleiten zu müssen. Es entspricht ja auch nicht dem Bild des Menschen heutzutage, dass er Stofftierkuschelnd irgendwo durch die Gänge wandert und vor sich hinmurmelt.
Wer entscheidet diese Entsorgung? Die Kranken wohl selber nicht mehr. Und wer sagt uns, dass diese Menschen unsäglich leiden? Sie leben in einer anderen Realität - und? Leiden tun die Außenwelt an solchen Phänomen und darum will sie sie weghaben.
Bei all diesen Diskussionen wirds mir einfach speiübel und sonst gar nichts.
Die ganze Energie, die in diese Diskussion über aktive Sterbehilfe reingehängt wird, sollte dafür verwendet werden, sich für den Ausbau an Hospizen stark zu machen. Da gibts echt viel zu tun - vor allem in der Bewußtsseinbildung der Bevölkerung.
Aber es ist doch eigentlich ganz klar, was läuft - unwert und deshalb verfügbar für die Todesmaschinerie ist das Leben vor der Geburt und das Leben mit Krankheit und Altern. Einfach entsorgen - und tschüss.
Nachdem ich mich jetzt hier in Fahrt gebracht habe, noch ein Gedanke zum Schluss: bei meiner Arbeit im Altenheim verstören mich nicht die Dementen oder schwerst Pflegebedürftigen. Was mich verstört und woran ich mich nie gewöhnen werde, ist der ganz normale körperliche Verfall des Menschen, der für uns alle ansteht, kurz über lang. Und mit Verfall meine ich wirklich - Verfall und Auflösung. Und dazu braucht man nicht krank zu werden, sondern nur alt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Verfall auch für unerträglich erklärt wird und die Frage sich gesellschaftlich erhebt, ob man sich denn dieses zumuten könnte -. das langsame Verwelken und das ganz normale Siechen, was das Leben ausklingen lässt.
Geronimo