Ist das auch gut so???

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.
Raphael

Ist das auch gut so???

Beitrag von Raphael »

Die FAZ titelt am letzten Dienstag (Ausgabe vom 24.6.2008, Seite 3):
"Und das ist auch gut so"
In Nordelbien ist das Private zum Politikum geworden. Horst Gorski, Propst des Hamburger Kirchenkreises Altona, sieht sich genötigt, öffentlich Stellung zu nehmen zu seiner Homosexualität, aus der er bisher zwar kein Geheimnis, aber auch keinen Diskussionsgegenstand gemacht hat. "Was gewinnt Nordelbien, wenn Horst Gorski der weltweit erste schwule lutherische Bischof wird?", fragte die "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis", eine Randgruppe in Nordelbien, nachdem Gorski - neben Gerhard Ulrich, Propst im Kirchenkreis Angeln - vom Wahlausschuss der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nordelbien als Bischofskandidat für den Sprengel Schleswig benannt worden war. Damit war das Thema auf der Tagesordnung. Und da steht es bis heute.
Gibt es bald den ersten schwulen lutherischen Bischof weltweit?
Zuletzt geändert von Raphael am Freitag 27. Juni 2008, 10:20, insgesamt 1-mal geändert.

Allons
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Allons »

Raphael hat geschrieben:Die FAZ titelt am letzten Dienstag (Ausgabe vom 24.6.2008, Seite 3):
"Und das ist auch gut so"
Gibt es bald den ersten schwulen lutherischen Bischof weltweit?
Das wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht obs der erste wäre. Nur eins weiß ich: Mir ist dessen Schwulsein völlig wurscht. Als Bischof sollte er primär anderes draufhaben.

Gruß, Allons!

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Marcus
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Marcus »

Raphael hat geschrieben:Die FAZ titelt am letzten Dienstag (Ausgabe vom 24.6.2008, Seite 3):
"Und das ist auch gut so"
In Nordelbien ist das Private zum Politikum geworden. Horst Gorski, Propst des Hamburger Kirchenkreises Altona, sieht sich genötigt, öffentlich Stellung zu nehmen zu seiner Homosexualität, aus der er bisher zwar kein Geheimnis, aber auch keinen Diskussionsgegenstand gemacht hat. "Was gewinnt Nordelbien, wenn Horst Gorski der weltweit erste schwule lutherische Bischof wird?", fragte die "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis", eine Randgruppe in Nordelbien, nachdem Gorski - neben Gerhard Ulrich, Propst im Kirchenkreis Angeln - vom Wahlausschuss der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nordelbien als Bischofskandidat für den Sprengel Schleswig benannt worden war. Damit war das Thema auf der Tagesordnung. Und da steht es bis heute.
Gibt es bald den ersten schwulen lutherischen Bischof weltweit?
Das ist etwas missglückt formuliert. In protestantischen Kirchen ist „Propst“ eine gängige Bezeichnung für einen Regionalbischof. Darüber hinaus ist es für mich problematisch, liberale Theologen als „lutherische Bischöfe“ zu bezeichnen gar anzuerkennen, weil sich theologischer Liberalismus und die BSLK gegenseitig ausschließen. Da Gorski noch nicht einmal mehr einen Zusammenhang zwischen den Kreuzestod Christi und unserer Erlösung sieht, erfüllt er m. E. noch nicht einmal die Minimalvoraussetzungen eines Christen. Die Nominierung Gorskis zum Bischofskandidaten ist daher eine einzigste Farce.

Johaennschen
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Beitrag von Johaennschen »

FAZ über Gorski hat geschrieben:Er sagt, ihm gehe es auch darum, aufgeklärte Theologie zu stärken.
Genau was Deutschland braucht: noch mehr Zersetzungsarbeit! :jump:
Dieser Mann ist kein Lutheraner, er leugnet die Gnade Gottes um Christi willen! Es ist doch vollkommen absurd, ihn zu einem lutherischen Bischof machen zu wollen. :cry:
Zu seiner Sodomie: vielleicht versteht er als aufgeklärter "Theologe" sein Outing ja als öffentliche Beichte und den Applaus des Pöbels als erteilte Absolution. Quasi in einer Art gut demokratisch verstandenen Umkehrung des Verhältnisses von Hirte und Herde zueinander. :ratlos:
Es gibt keine Dummheit, an die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.
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Stephen Dedalus
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Stephen Dedalus »

Marcus hat geschrieben: Gibt es bald den ersten schwulen lutherischen Bischof weltweit?
Das ist etwas missglückt formuliert. In protestantischen Kirchen ist „Propst“ eine gängige Bezeichnung für einen Regionalbischof.

Du willst damit sagen, dass der Mann im lutherischen Sinne bereits Bischof ist? :shock:

Meines Erachtens sollten die norddeutschen Lutheraner auf jeden Fall von dieser Wahl absehen. Es waere nachgeradezu bekloppt, in der gegenwaertigen Situation Gorski zum Bischof zu machen. Auch wenn das deutsche Luthertum dem Bischofsamt nicht den gleichen Stellenwert zumisst wie die Anglikaner oder Katholiken, ist doch allgemein bekannt, was die Weihe von Gene Robinson in der Anglican Communion ausgeloest hat. :roll:

Abgesehen davon ist Gorski in meinen Augen theologisch untragbar.
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Marcus
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Marcus »

Stephen Dedalus hat geschrieben:
Marcus hat geschrieben:
Raphael hat geschrieben: Gibt es bald den ersten schwulen lutherischen Bischof weltweit?
Das ist etwas missglückt formuliert. In protestantischen Kirchen ist „Propst“ eine gängige Bezeichnung für einen Regionalbischof.
Du willst damit sagen, dass der Mann im lutherischen Sinne bereits Bischof ist? :shock:

Meines Erachtens sollten die norddeutschen Lutheraner auf jeden Fall von dieser Wahl absehen. Es waere nachgeradezu bekloppt, in der gegenwaertigen Situation Gorski zum Bischof zu machen. Auch wenn das deutsche Luthertum dem Bischofsamt nicht den gleichen Stellenwert zumisst wie die Anglikaner oder Katholiken, ist doch allgemein bekannt, was die Weihe von Gene Robinson in der Anglican Communion ausgeloest hat. :roll:

Abgesehen davon ist Gorski in meinen Augen theologisch untragbar.
"Propst" ist in ev.-luth. Kirchen eine gängige Amtsbezeichnung für den „Regionalbischof“ als Vorsteher eines Sprengels. Pröpste üben deshalb üblicherweise innerhalb ihres Aufgabenbereiches die klassischen bischöflichen Aufgaben aus (Lehraufsicht, Visitation, Ordination).

Nach der Kirchenverfassung der Nordelbischen Kirche (eben mal angeschaut) haben allerdings nur die Bischöfe als Sprengelvorsteher ein konstitutionell-manifestiertes Ordinationsrecht. Der Propst steht in der Nordelbischen Kirche auch nur einem Kirchenkreis vor. Ihm kommt auch kein Ordinationsrecht zu. Er darf lediglich die Pastoren in ihr Amt einführen. Daher bin ich jetzt zu dem Ergebnis gekommen, dass der nordelbische Propst kein bischöfliches Amt im eigentlichen Sinne ausübt. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen klassischen Kreisdekan. Mit seinen theologischen Ansichten ist er meiner Ansicht nach allerdings auch für dieses Amt ungeeignet bzw. untragbar.

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FranzSales
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Beitrag von FranzSales »

Die Wahl eines männlichen Homosexuellen wäre diskriminierend. Schwule Männer in geistlichen Leitungspositionen gibt es in der ev. und kath. Kirche doch wie Sand am Meer.
Ein wirklicher Fortschritt wäre eine Bischöfin, die offen lesbisch ist.
"Herr Jesus Christus, wir beten Dich an und benedeien Dich. In Deinem Heiligen Kreuz hast Du die Welt erlöst."

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Klingt nicht schlecht. Noch besser wäre es, wenn eine liberale, feministische, transsexuelle und homosexuelle Theologie, die in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit einer Muslim lebt, die früher mal eine Mann war (hatte schon mal eine Akte auf meinem Schreibtisch, wo ein eigentlich Heterosexueller eine „(lesbische) Sie“ nach dem TSG werden wollte), zur Bischöfin gewählt würde. Das wäre ein schönes Zeichen für religiöse Toleranz in unserer Gesellschaft, ganz nach dem Geschmack der Jungs und Mädels unserer Ökopartei... :roll:

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FranzSales
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Beitrag von FranzSales »

Marcus, Du hast völlig Recht! Das sollte man sofort nach Nordelbien schicken. Frag doch mal den heterosexuell-lesbischen Transsexuellen, ob er Bischof werden möchte. Die Stelle ist [Punkt]
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Lutheraner
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Lutheraner »

Stephen Dedalus hat geschrieben:Meines Erachtens sollten die norddeutschen Lutheraner auf jeden Fall von dieser Wahl absehen. Es waere nachgeradezu bekloppt, in der gegenwaertigen Situation Gorski zum Bischof zu machen. Auch wenn das deutsche Luthertum dem Bischofsamt nicht den gleichen Stellenwert zumisst wie die Anglikaner oder Katholiken, ist doch allgemein bekannt, was die Weihe von Gene Robinson in der Anglican Communion ausgeloest hat. :roll:
Darauf weist der Artikel zu Recht hin. Erstaunlicherweise spielt die Ökumene in solchen Fällen keine Rolle. Das war schon immer so. Bei manchen Vertretern der Landeskirchen habe ich den Eindruck, dass jedes zweite Wort Ökumene lautet (ich kann's schon lange nicht mehr hören), aber Rücksicht für die Ökumene gibt's keine. Die anderen sollen sich halt anpassen.
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tanatos
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von tanatos »

Lutheraner hat geschrieben: Erstaunlicherweise spielt die Ökumene in solchen Fällen keine Rolle. Das war schon immer so. Bei manchen Vertretern der Landeskirchen habe ich den Eindruck, dass jedes zweite Wort Ökumene lautet (ich kann's schon lange nicht mehr hören), aber Rücksicht für die Ökumene gibt's keine. Die anderen sollen sich halt anpassen.
Ich denke, ein Teil dieses Problems liegt im Ökumene-begriff. "Ökumene" wird in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht:
1) im Sinne einer Lehrökumene.
2) im Sinne einer Zusammenarbeit mit Menschen ferner Kontinente.

Ökumene im Sinne von Lehrökumene ist für viele Verantwortungsträger in den Landeskirchen unwichtig geworden, da auch kein Interesse mehr an der eigenen Konfession (i.S. von Lehrgrundlage) mehr besteht. Erinnert sei an Maria Jepsens Zitat von der Konfession als bloße "Anstecknadel". An die Stelle des eigenen Bekenntnisses (egal ob lutherisch, reformiert oder -was immer das sei- uniert) tritt ein nebulöser Aufklärungsfetischismus, seit einiger Zeit verbunden mit einer theologisch höchst fragwürdigen Überbetonung bis Absolutierung der Vorstellungen der Psychologie. Einige durchaus vorhandene rührige Kämpfer für eine Lehrökumene werden dann oft auch nur belächelt. Wenn man heute von eine "Eiszeit" in der Ökumene spricht, ist hier sicherlich der Grund zu suchen.

Anders sieht es mit der Ökumene mit fernen Kontinenten aus: Das alte Ideal des "edlen Wilden" ist hier aufs seltsamste wiederbelebt worden: Menschen in fernen Ländern werden so zu einer Sichtbarwerdung eigener Wunschvorstellungen: Man gibt nun vor, sich nicht für seine eigenen Ideen einzusetzen, sondern für die Ausgebeuteten in der Ferne. (Ich erinnere mich noch sehr ganz genau an mein Studium in Bethel, als die Solidarität mit der kommunistischen Jugendorganisation auf Kuba zur Christenpflicht erhoben wurde...). Das Problem, das sich hier nun gebildet hat, ist, daß die "edlen Wilden" gar nicht unbedingt den Vorstellungen besagter Landeskirchenkader entsprechen, wie man gerade beim Thema Homosexualität sehen kann. Aber auch hiervon läßt man sich nicht beirren: Schließlich wissen diese Kreise so ziemlich genau, was gut für die Kirche, Gott und die Welt ist: das eigene aufklärerische Ideal. Und wenn die sonst und einst so idealisierten Hinterwäldler das nicht wahrhaben wollen: Macht nichts! Wiiiirrrr wissen es besser!

- Man möchte hierzu ergänzen: Denn wir habe der Kirchensteuer sei Dank im Gegensatz zu ihnen viel Geld und wissen es im Sinne unserer Vorstellungen machtvoll zu gebrauchen, und außerdem sind wir weiter entwickelt als sie, denn wir sind aus Deutschland und können auf eine jahrhundertelange Erfahrung mit der Aufklärung zurückblicken. Mit anderen Worten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Und das ist gut so!

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Was Du schreibst, liest sich schon furchtbar erschreckend genug. Noch grausamer daran ist allerdings, dass das auch der Realität entspricht.

Nordelbien braucht sehr dringend Erweckungsprediger und Missionare mit dem Format eines Ludwig Harms, Theodor Harms,Carl Ferdinand Wilhelm Walthers, Wilhelm Löhes und Co., die dem nordelbischen Kirchenvolk wieder das reine und unverfälschte Evangelium Christi predigen und die Herde Unseres Herrn und Heilands im Zuge dieses Re-Christianisierungsprozesses vergrößern, ganz nach den Worte Jesu Christi:

„Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matth. 28, 19-20).

Dass Deutschland mittlerweile ein Missionsgebiet geworden ist und sich in den sog. „Volkskirchen“ einige Menschen darauf warten, dass ihnen jemand wieder die Frohe Botschaft Christi predigt, dürfte mittlerweile bekannt sein.

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Lutheraner
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Lutheraner »

tanatos hat geschrieben:- Man möchte hierzu ergänzen: Denn wir habe der Kirchensteuer sei Dank im Gegensatz zu ihnen viel Geld und wissen es im Sinne unserer Vorstellungen machtvoll zu gebrauchen
Es ist in der Tat beeindruckend, wie stark ökumenische Bündnisse mit EKD-Kirchensteuern bezahlt werden: ÖRK, LWB, GEKE & Co hängen am großen Geldtopf der Landeskirchen.

tanatos hat geschrieben: und außerdem sind wir weiter entwickelt als sie, denn wir sind aus Deutschland und können auf eine jahrhundertelange Erfahrung mit der Aufklärung zurückblicken. Mit anderen Worten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Und das ist gut so!
Manche Partnerkirchen aus der Dritten Welt gehen damit recht pragmatisch um. Die Evang.-Luth. Kirche in Tansania hat die FO eingeführt, um die europäischen Partnerkirchen ruhig zu stellen, aber es ist für die Gesellschaft dort unvorstellbar, dass in irgendeiner Gemeinde eine Pfarrerin installiert wird.

Die Nordelbische Kirche ist übrigens auch Partnerkirche der Evang.-Luth. Kirche von Kenia.
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Beitrag von Lutheraner »

Marcus hat geschrieben:Dass Deutschland mittlerweile ein Missionsgebiet geworden ist und sich in den sog. „Volkskirchen“ einige Menschen darauf warten, dass ihnen jemand wieder die Frohe Botschaft Christi predigt, dürfte mittlerweile bekannt sein.
Das ist bei uns momentan ein gesellschaftliches Problem und die Volkskirchen sind natürlich auch Spiegelbild der Gesellschaft. Die Freikirchen haben missionarisch auch kaum Erfolge vorzuweisen, was von den Evangelikalen auch immer mehr eingestanden wird (und um so beeindruckender ist, da die ja ansonsten vor Selbstbewußtsein strotzen).
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Stephen Dedalus
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Stephen Dedalus »

tanatos hat geschrieben: Anders sieht es mit der Ökumene mit fernen Kontinenten aus: Das alte Ideal des "edlen Wilden" ist hier aufs seltsamste wiederbelebt worden: Menschen in fernen Ländern werden so zu einer Sichtbarwerdung eigener Wunschvorstellungen: Man gibt nun vor, sich nicht für seine eigenen Ideen einzusetzen, sondern für die Ausgebeuteten in der Ferne. (Ich erinnere mich noch sehr ganz genau an mein Studium in Bethel, als die Solidarität mit der kommunistischen Jugendorganisation auf Kuba zur Christenpflicht erhoben wurde...). Das Problem, das sich hier nun gebildet hat, ist, daß die "edlen Wilden" gar nicht unbedingt den Vorstellungen besagter Landeskirchenkader entsprechen, wie man gerade beim Thema Homosexualität sehen kann. Aber auch hiervon läßt man sich nicht beirren: Schließlich wissen diese Kreise so ziemlich genau, was gut für die Kirche, Gott und die Welt ist: das eigene aufklärerische Ideal. Und wenn die sonst und einst so idealisierten Hinterwäldler das nicht wahrhaben wollen: Macht nichts! Wiiiirrrr wissen es besser!
Hallo Tanatos,

es ist ein Zeichen des kirchlichen Zeitgeistes, das Heil in der Ferne zu suchen. Das gilt für alle Gruppen und Schattierungen. Die Evangelikalen starren auf Willow Creek und meinen, dort habe man den evangelistischen Stein der Weisen gefunden. Die Konservativen starren auf den Globalen Süden, wo man die alten Werte noch hochhält. Die liturgisch und katholisch angehauchten schauen auf die Ostkirchen, wo man das Remedium für die eigenen spirituellen und liturgischen Defizite auszumachen glaubt. Dabei lügen sie sich alle ein bißchen in die Tasche. Lösungen für die eigenen Probleme erlangt man nicht, indem man irgendwas importiert (seien das Ansichten oder Missionare), sondern indem man sich selbst an die Veränderung macht.

Wir in der Anglikanischen Kirchengemeinschaft buchstabieren das gerade schmerzhaft durch. Eine interessante Beobachtung dabei ist für mich, daß die Kirchen des Südens und des Westens sich in ihrer Haltung zu bestimmten Gegenwartsfragen kein bißchen unterscheiden. Wenn es etwa um Homosexualität geht, reagieren beide genau gleich: Sie übernehmen die Haltung ihrer Mehrheitsgesellschaften und bemänteln diese theologisch. Das ist bei der Episkopalkirche in den USA nicht anders als bei den Anglikanern in Nigeria. Keine der beiden Kirchen nimmt eine gegenkulturelle Haltung ein und steht als Kirche der Mehrheitsmeinung ihrer Gesellschaft gegenüber. Der Unterschied ist bloß, daß für die einen Homosexualität "normal" ist, während die anderen sie als "Tabu" behandeln.
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Lutheraner »

Stephen Dedalus hat geschrieben:Wir in der Anglikanischen Kirchengemeinschaft buchstabieren das gerade schmerzhaft durch. Eine interessante Beobachtung dabei ist für mich, daß die Kirchen des Südens und des Westens sich in ihrer Haltung zu bestimmten Gegenwartsfragen kein bißchen unterscheiden. Wenn es etwa um Homosexualität geht, reagieren beide genau gleich: Sie übernehmen die Haltung ihrer Mehrheitsgesellschaften und bemänteln diese theologisch. Das ist bei der Episkopalkirche in den USA nicht anders als bei den Anglikanern in Nigeria. Keine der beiden Kirchen nimmt eine gegenkulturelle Haltung ein und steht als Kirche der Mehrheitsmeinung ihrer Gesellschaft gegenüber. Der Unterschied ist bloß, daß für die einen Homosexualität "normal" ist, während die anderen sie als "Tabu" behandeln.
Kirche und Theologie sind immer dem Zeitgeist und aktuellen gesellschaftlichen Strömungen unterworfen. Je lokaler eine Kirche ausgerichtet ist, desto stärker ist das ersichtlich.

Wenn eine Kirche ihre eigene Kirchengeschichte und Tradition hochhält und sie vielleicht auch noch global orientiert ist, dann kann sie diesem Einfluß länger widerstehen.
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Marcus
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Marcus »

Lutheraner hat geschrieben:
tanatos hat geschrieben: und außerdem sind wir weiter entwickelt als sie, denn wir sind aus Deutschland und können auf eine jahrhundertelange Erfahrung mit der Aufklärung zurückblicken. Mit anderen Worten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Und das ist gut so!
Manche Partnerkirchen aus der Dritten Welt gehen damit recht pragmatisch um. Die Evang.-Luth. Kirche in Tansania hat die FO eingeführt, um die europäischen Partnerkirchen ruhig zu stellen, aber es ist für die Gesellschaft dort unvorstellbar, dass in irgendeiner Gemeinde eine Pfarrerin installiert wird.

Die Nordelbische Kirche ist übrigens auch Partnerkirche der Evang.-Luth. Kirche von Kenia.
Lass mich raten. Der LWB, allen voran die profanen (nord)-westeuropäischen Kirchen, haben der ev.-luth. Kirche in Tansania, zwar freundlich, aber dennoch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie im Falle der Nicht-Einführung der Frauenordination mit Sanktionen, Kürzung ihrer finanziellen Unterstützung etc... zu rechnen haben?

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Lutheraner hat geschrieben:
Marcus hat geschrieben:Dass Deutschland mittlerweile ein Missionsgebiet geworden ist und sich in den sog. „Volkskirchen“ einige Menschen darauf warten, dass ihnen jemand wieder die Frohe Botschaft Christi predigt, dürfte mittlerweile bekannt sein.
Das ist bei uns momentan ein gesellschaftliches Problem und die Volkskirchen sind natürlich auch Spiegelbild der Gesellschaft. Die Freikirchen haben missionarisch auch kaum Erfolge vorzuweisen, was von den Evangelikalen auch immer mehr eingestanden wird (und um so beeindruckender ist, da die ja ansonsten vor Selbstbewußtsein strotzen).
Ja, das ist leider so und liegt auch daran, dass die Synoden mit politisch motivierten Laienvertretern geradezu übersät sind, die sich nicht vom Heiligen Geist, sondern von der politischen und gesellschaftlichen Mainstreambewegung leiten lassen. Aber nicht nur die Laienvertreter, sondern auch die Pfarrer predigen zu oft lieber Menschenwort als Gotteswort und handeln nicht nach Christi Geboten, sondern nach ihrer dekadenten rationalistischen Weltanschauung, die von Hybris geradezu strotzt. Nicht wenige Bischöfe haben ihre theologische Ausbildung während der 68er-Zeit genossen. Deshalb muss man sich nicht darüber wundern, dass nicht wenige Landeskirchen von Heterodoxen regiert werden, die auch noch die Lehraufsicht über orthodoxe Pfarrer ausüben und ihnen, wie man so mitbekommt, das Leben schwer machten.

Das Volkskirchenmodell ist für mich ohnehin ein Auslaufmodell für bekennende Christen. Gerade in unserer westeuropäischen Gesellschaft sind die Volkskirchen doch in nicht wenigen Fällen nichts anderes als geistlose Selbstverwaltungsorganisationen ohne Kirchenvolk, die nur überleben, weil es bei uns den staatlichen Kirchensteuerzwangseinzug gibt. Ohne Kirchensteuer gäbe es die meisten Landeskirchen auch nicht mehr. Von der Kollekte ihrer regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer (ca. 4% der Mitglieder) können die jedenfalls nicht überleben. Für was braucht das Kirchenvolk diese Kirchen überhaupt? Für die Kindstaufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung, weil es irgendwie zur abendländischen Kultur dazugehört, hier die Kirche einzubeziehen. Einen lebendigen christlichen Glauben oder eine wirkliche Beziehung zum Christentum haben die meisten Glieder der Landeskirchen ohnehin nicht (mehr) und wird auch von zu vielen Pfarrern nicht mehr vermittelt, wobei es in Ostdeutschland im Verhältnis noch mehr bekennende Christen in den Landeskirchen als im Westen gibt, was wiederum daran liegt, dass die „Karteileichen“ in der DDR aus der Kirche ausgetreten und im Regelfall nur standhafte Christen dort verblieben sind.

Bei allem, was es auch luth. Sicht am römischen Katholizismus auch auszusetzen gibt, muss dennoch positiv betont werden, dass die starke von Rom ausgehende Lehrzentralisierung auch dazu beiträgt, dass die röm.-kath. Ortskirchen, gerade in der westlichen Welt immer noch sittlich-moralische Werte vermitteln, die größtenteils auf dem Fundament der Schrift aufbauen und moderne Verirrungen nicht die Oberhand gewinnen. Ohne Rom würden sich die röm.-kath. Bistümern in Staaten wie die Bundesrepublik, Schweiz, Niederlande etc... schon längst in einem ähnlichen Zustand wie die Gliedkirchen der EKD befinden. Lieber Papst Benedikt XVI. als Käßmann, Jespsen, Wartenberg-Potter, Steinacker, Gorski und Co.

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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Lutheraner »

Marcus hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:
tanatos hat geschrieben: und außerdem sind wir weiter entwickelt als sie, denn wir sind aus Deutschland und können auf eine jahrhundertelange Erfahrung mit der Aufklärung zurückblicken. Mit anderen Worten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Und das ist gut so!
Manche Partnerkirchen aus der Dritten Welt gehen damit recht pragmatisch um. Die Evang.-Luth. Kirche in Tansania hat die FO eingeführt, um die europäischen Partnerkirchen ruhig zu stellen, aber es ist für die Gesellschaft dort unvorstellbar, dass in irgendeiner Gemeinde eine Pfarrerin installiert wird.

Die Nordelbische Kirche ist übrigens auch Partnerkirche der Evang.-Luth. Kirche von Kenia.
Lass mich raten. Der LWB, allen voran die profanen (nord)-westeuropäischen Kirchen, haben der ev.-luth. Kirche in Tansania, zwar freundlich, aber dennoch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie im Falle der Nicht-Einführung der Frauenordination mit Sanktionen, Kürzung ihrer finanziellen Unterstützung etc... zu rechnen haben?
Ich weiß es nicht, aber vorstellbar wäre das schon. Hier steht ein Aufklärungsfetischismus über dem sonst hochgepriesenen Priestertum aller Getauften, das den Gläubigen zugesteht die Bibel selbst auslegen zu können.
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Beitrag von Lutheraner »

Marcus hat geschrieben:Von der Kollekte ihrer regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer (ca. 4% der Mitglieder) können die jedenfalls nicht überleben.
Die Kollekte ist auch nur selten für die Gemeinde. Meist geht sie an kirchliche Sozialeinrichtungen im In- und Ausland, was erfreulicherweise vorher fast immer gesagt wird. Das hat bei mir nämlich sehr großen Einfluß darauf, wieviel ich bereit bin zu geben.
Marcus hat geschrieben: Für was braucht das Kirchenvolk diese Kirchen überhaupt?
Extremfälle als Beispiele: Mir fallen spontan zwei Atheisten ein, die Kirchenmitglieder sind, weil sie die Arbeit der kirchlichen caritativen Einrichtungen schätzen und es unterstützenswert finden, dass es eine Kirche gibt, die Menschen in Notsituationen Trost spendet (auch wenn sie offensichtlich selbst nicht daran glauben).

Marcus hat geschrieben: Bei allem, was es auch luth. Sicht am römischen Katholizismus auch auszusetzen gibt, muss dennoch positiv betont werden, dass die starke von Rom ausgehende Lehrzentralisierung auch dazu beiträgt, dass die röm.-kath. Ortskirchen, gerade in der westlichen Welt immer noch sittlich-moralische Werte vermitteln, die größtenteils auf dem Fundament der Schrift aufbauen und moderne Verirrungen nicht die Oberhand gewinnen.
Der Hauptgrund hierfür ist meiner Meinung nach (siehe mein obiges Posting), dass die RKG als weltweite Kirche in ihrer Lehre einen weltweiten Konsens finden muß, da sie ansonsten auseinanderbricht und sie deshalb nicht so leicht dem regionalen Zeitgeist hinterhertappen kann.

Auf meine Kritik an den Freikirchen bist Du übrigens gar nicht eingegangen ;)
Man kann an den Volkskirchen viel kritisieren - aber den Freikirchen gelingt es auch nicht mehr gläubige Schäfchen zu finden.
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Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

Bravo Marcus, wieder einmal ein Rundumschlag! :jump: :jump:

In vielem hast Du sicher recht, aber man sollte doch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Aus der Position einer Splittergruppe, die sich als besonders "rechtgläubig" versteht, ist es immer leicht, eine Großkirche zu kritisieren. Die Volkskirche nimmt Aufgaben wahr, die eine Splittergruppe wie die SELK nie wahrnehmen könnte. Die Kirche steht immer wieder vor der Wahl, Grenzen zu ziehen und zugleich für die Menschen da zu sein, die zu ihr kommen (für Kasualien), aber eben nicht zu den "religiös Qualifizierten" gehören. Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen, daß das nie anders war. Die Natur der SELK (und anderer Freikirchen) bringt es mit sich, daß sich in ihre Leute versammeln, die ganz anders religiös sozialisiert sind oder aufgrund ihrer Überzeugungen zur SELK übergetreten sind. Das mag für diese Gruppe gut funktionieren, aber wenn Du ehrlich bist, ist es als Modell für die breite Masse völlig ungeeignet.

Und man sollte auch nicht vergessen, daß das deutsche Landeskirchenwesen, auf dem Du gerne herumhackst, in seiner spezifischen Form ein Ergebnis der lutherischen Reformation ist. :mrgreen:
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Beitrag von Lutheraner »

Stephen Dedalus hat geschrieben:Und man sollte auch nicht vergessen, daß das deutsche Landeskirchenwesen, auf dem Du gerne herumhackst, in seiner spezifischen Form ein Ergebnis der lutherischen Reformation ist. :mrgreen:
Nö, die Volkskirche gab's auch schon vorher. Ziemlich genau seit Kaiser Konstantins Zeiten.

Dem oberen Teil Deines Beitrags stimme ich zu. Man muß die Freikirchen im Gegenzug auch immer wieder fragen, warum sie keine nennenswerten Missionerfolge vorweisen können. Ihre berechtigte Kritik an den Volkskirchen ist völlig in Ordnung, aber den Beweis, dass sie es besser können, erbringen sie meist nicht.
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Johaennschen
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Beitrag von Johaennschen »

Stephen Dedalus hat geschrieben: Die Natur der SELK (und anderer Freikirchen) bringt es mit sich, daß sich in ihre Leute versammeln, die ganz anders religiös sozialisiert sind oder aufgrund ihrer Überzeugungen zur SELK übergetreten sind.
Allerdings darf man nicht vergessen, daß auch fromme Bekenntnislutheraner Kinder bekommen und diese mitunter deutlich weniger fromm als ihre Eltern sind (deswegen beten wir ja auch für die Erziehnung der Jugend) und sich in der Kirche natürlich trotzdem zuhause fühlen und ihre Meinung auch einbringen. Der Zeitgeist weht auch bei uns!
Die Volkskirche nimmt Aufgaben wahr, die eine Splittergruppe wie die SELK nie wahrnehmen könnte. Die Kirche steht immer wieder vor der Wahl, Grenzen zu ziehen und zugleich für die Menschen da zu sein, die zu ihr kommen (für Kasualien), aber eben nicht zu den "religiös Qualifizierten" gehören. Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen, daß das nie anders war.[...]
Das mag für diese Gruppe gut funktionieren, aber wenn Du ehrlich bist, ist es als Modell für die breite Masse völlig ungeeignet.
Es stimmt schon: für die breite Masse nicht wirklich dasein zu können ist für eine lutherische Kirche eigentlich unerträglich!
Historisch ist es halt so gekommen. Ohne ein konservativ-lutherisches Sammelbecken wäre die Kirchenlandschaft in der Bundesrepublik sicherlich ärmer, gerade theologisch. In der EKD ist es für bekenntnistreue Geistliche und Gläubige sicherlich nicht leicht. Problematisch ist es natürlich, wenn diese der LAndeskirche den Rücken kehren es innerhalb der EKD dann gar keine Konservativen mehr gibt, so daß der Konsens dort so richtig schön toben kann. Wenn ichs richtig mitgekriegt habe, ist das ja auch der Grund, warum "Lutheraner" in der Landeskirche verbleibt, auch wenn er dort wohl einiges erleiden muß. :jump:
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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Lutheraner hat geschrieben:
Marcus hat geschrieben:Von der Kollekte ihrer regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer (ca. 4% der Mitglieder) können die jedenfalls nicht überleben.
Die Kollekte ist auch nur selten für die Gemeinde. Meist geht sie an kirchliche Sozialeinrichtungen im In- und Ausland, was erfreulicherweise vorher fast immer gesagt wird. Das hat bei mir nämlich sehr großen Einfluß darauf, wieviel ich bereit bin zu geben.
Marcus hat geschrieben: Für was braucht das Kirchenvolk diese Kirchen überhaupt?
Extremfälle als Beispiele: Mir fallen spontan zwei Atheisten ein, die Kirchenmitglieder sind, weil sie die Arbeit der kirchlichen caritativen Einrichtungen schätzen und es unterstützenswert finden, dass es eine Kirche gibt, die Menschen in Notsituationen Trost spendet (auch wenn sie offensichtlich selbst nicht daran glauben).

Marcus hat geschrieben: Bei allem, was es auch luth. Sicht am römischen Katholizismus auch auszusetzen gibt, muss dennoch positiv betont werden, dass die starke von Rom ausgehende Lehrzentralisierung auch dazu beiträgt, dass die röm.-kath. Ortskirchen, gerade in der westlichen Welt immer noch sittlich-moralische Werte vermitteln, die größtenteils auf dem Fundament der Schrift aufbauen und moderne Verirrungen nicht die Oberhand gewinnen.
Der Hauptgrund hierfür ist meiner Meinung nach (siehe mein obiges Posting), dass die RKG als weltweite Kirche in ihrer Lehre einen weltweiten Konsens finden muß, da sie ansonsten auseinanderbricht und sie deshalb nicht so leicht dem regionalen Zeitgeist hinterhertappen kann.

Auf meine Kritik an den Freikirchen bist Du übrigens gar nicht eingegangen ;)
Man kann an den Volkskirchen viel kritisieren - aber den Freikirchen gelingt es auch nicht mehr gläubige Schäfchen zu finden.
Lieber Lutheraner,

darüber, dass die Anzahl der Kirchenmitglieder kein Beleg für Rechtgläubigkeit ist, dürfte eigentlich Konsens bestehen.

Auf Deinen Beitrag bezüglich des Freikirchenwesens bin ich nicht eingegangen, weil ich Dir hinsichtlich des Ergebnisses, nämlich dass auch Freikirchen nicht wirklich Wachstum verzeichnen können, recht gebe, so dass es insoweit nichts zu widersprechen gibt.

Man kann den Glauben der Menschen allerdings nicht erzwingen. Da hält bereits die CA auf Grundlage paulinischen und augustinischen Lehren fest.
CA Art. XVIII hat geschrieben:
Vom freien Willen wird also gelehrt, daß der Mensch etlichermaß (einigermaßen) einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes vermag der Mensch nicht, Gott gefällig zu werden, Gott herzlich zu fürchten, oder zu glauben, oder die angeborenen bösen Lüste aus dem Herzen zu werfen. Sondern solches geschieht durch den Heiligen Geist, welcher durch Gottes Wort gegeben wird. Denn Paulus spricht 1 Kor 2, 14: »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes«.
Ohne den Heiligen Geist gibt es also schon mal keinen Glauben. Aber um glauben zu können, ist es aber auch erforderlich das Evangelium Christi zu kennen bzw. zu hören. Darum ist es ja so wichtig, dass das Evangelium rein und unverfälscht gepredigt und auch an Nichtchristen gebracht wird.

Selbstverständlich werden nicht alle Mensche gläubig werden. Vielmehr ist die Zahl der Gläubigen deutlich kleiner als die Zahl der Ungläubigen bzw. Andersgläubigen, obwohl das Heilsangebot letztlich allen Menschen gilt. Viele Menschen wollen aber von der Frohen Botschaft nichts wissen, so dass sie dem Heiligen Geist hartnäckig widerstreben.

Gerade in den Landeskirchen wird es schon seit längerem geduldet, dass heterodoxe Theologen in der christlichen Gemeinde ein falsche Evangelium predigen dürfen. Der Fall Gorski zeigt, dass diese Theologen innerhalb der Kirche sogar noch Karriere machen können. Das ist entsetzlich! Die Landeskirche muss doch gegenüber ihrem Volk, aber auch gegenüber der Welt glaubhaft sein und bleiben und genau das ist sie nicht, wenn sie es zulässt, dass kirchliche Würdenträger ohne Konsequenzen wesentliche christliche Glaubenslehren in Frage stellen oder verändern bzw. entstellen können. In den Landeskirchen wird auch kaum noch Kirchenzucht ausgeübt. Würde sie gegen Prediger, die Falsches lehren oder gegen Kirchenglieder, die vom Glauben abgefallen sind oder erkennbar unbußfertig in der Sünde verharren, gemäß der Heiligen Schrift adäquat vorgehen, so würden nicht nur jede Menge Pfarrstellen vakant werden, sondern die Zahl der Kirchenmitglieder ebenso drastisch sinken.

Konservative konfessionelle Freikirchen wie die SELK nehmen normalerweise nur überzeugte Christen auf, die sich mit ihrem jeweiligen Bekenntnisstand identifizieren können. Wer z. B. nur der SELK angehören will, um Kirchensteuer zu sparen, braucht in der SELK erst gar nicht um Aufnahme zu bitten. Das macht die SELK auf ihren Internetseiten auch deutlich.

Und das konservativ-konfessionelle Profil der SELK ist auch nicht nach dem Geschmack jedes Selkies, so dass man immer wieder in den Bekanntmachungen der Veränderungen aus dem Kirchenbuch liest, dass Selkies zur Landeskirche übergetreten sind. Daher wird die SELK auch nie eine „große Kirche“ werden. Ihr geht es nicht um Quantität, sondern um Rechtgläubigkeit. Und bevor der liberale Flügel der SELK die Oberhand gewinnt, ist es mir ehrlich gesagt auch ganz recht, wenn Liberale zur Landeskirche abwandern und dafür orthodoxe Lutheraner aus den Landeskirche zu uns kommen.
Das konservative konfessionelle Christentum ist allerdings weitgehendst out, ebenso wie der traditionelle römische Katholizismus. Traditionelle Vereinigungen wie die FSSPX oder FSSP haben zwar Zulauf. Gemessen an der Zahl aller Glieder der röm.-kath. Kirche stellen aber auch sie nur eine sehr kleine Minderheit dar, die zahlenmäßig in absehbarer Zeit ihr Quantum erreicht haben wird. Hier im Kreuzgang schreiben zwar viele konservative Vertreter aus der Orthodoxie, aus dem röm. Katholizismus und dem Luthertum. In der „realen Welt“ machen wir allerdings einen kleinen Teil aus. Viele Menschen können und wollen auch nicht mehr daran glauben, dass Jesus Christus z. B. von einer Jungfrau geboren wurde oder am Kreuze starb, zur Hölle niederfuhr, am dritten Tage von den Toten auferstand, in den Himmel fuhr, nun zur rechten Gottes sitzt und wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Klassischen Freikirchen werden wiederum als Teil der evangelikalen Bewegung durch die antichristliche Propaganda in öffentlichen Medien zunehmend als „fundamentalistische Sammelstätten“ angesehen, was auch wiederum einige davon abhält, sich einer Freikirche anzuschließen. Man will ja nicht als „Fundi“ gelten. Andererseits stellen wiederum überzeugte Christen in den klassischen Freikirchen fest, dass sich auch ihre Gemeinden immer mehr den Landeskirchen theologisch annähern. So haben die Baptisten mittlerweile auch die Frauenordination eingeführt und man wird auch sicherlich Baptisten antreffen, die sich vorbehaltlos zur theistischen Evolutionslehre bekennen.

Als Christen stehen wir aber in der Pflicht, den Menschen nicht Menschenwort, sondern Gotteswort zu predigen, selbst wenn es für viele heute unangenehm ist, zu hören, dass praktizierende Homosexualität Sünde, Rumhurerei etc.. Sünde ist und die Evolutionslehre mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar ist. Viele Menschen wird man damit zwar nicht erreichen, dafür verbreitet man aber keine falschen vermeintlich christliche Lehren.

Das Volkskirchenmodell, das versucht einen gesellschaftspolitischen Kompromiss irgendwie theologisch haltbar zu begründen, um nach Möglichkeit vielen Menschen eine Heimat zu bieten, verleugnet aber letztlich Teile des christlichen Glaubens. Daher gebe ich diesem Modell für wirklich bekennende Christen keine Zukunft. Das fördert letztlich nur die Beliebigkeit und somit die Entfremdung vom christlichen Glauben.

Dass meine Kritik gerade gegen unsere Landeskirchen in Deutschland z. T. ziemlich heftig ausfällt, hat familiäre Hintergründer. Nach äußerst schlechten Erfahrungen, die meine Großmutter und Urgroßmutter mit ihrer Landeskirche gemacht hatten, konnte eine neuapostolische Bekannte meiner Urgroßmutter meine beiden Vorfahren relativ leicht zu bringen, sich der NAK anzuschließen. Die Geschwister meiner Oma sowie ihr Vater schlossen sich dann später ebenfalls der NAK an und dass obwohl ihre Vorfahren und eigentlich auch sie selbst sehr christlich erzogene Protestanten in der preußischen Unionskirche waren. So wurden auch mein Vater und ich neuapostolisch getauft und meine Mutter, die sich in ihrer Landeskirche auch nie wirklich wohlgefühlt hatte, wurde ebenfalls neuapostolisch. Die Lehrbeliebigkeit und fehlende Volksnähe sowie der Eindruck, dass Pfarrer ihren Beruf nicht aus Berufung, sondern des Geldes wegen ausüben, haben in meiner Familie dazu geführt, dass viele Menschen, die mir sehr lieb sind und waren, in eine Sekte geraten und z. T. in ihr aufgewachsen sind. Die Tochter meiner Großtante, also meine Großcousine, heiratete z. B. einen Zeugen Jehova und trat m. W. ebenfalls aus der Landeskirche aus. Meine Großtante (früher katholisch, jetzt noch evangelisch) liebäugelt wiederum mit den Zeugen. Ich stelle also immer wieder fest, dass Verwandte, die aus der Landeskirche kommen, in Sekten landen. Auch noch vor meinem offiziellen Austritt aus der NAK als junger Erwachsener, bin ich auf Leute gestoßen, die von der Landeskirche zur NAK kamen, weil sie meinten, dass man in diese nicht mehr bleiben könnte. Wenn ich mich also mal zu emotional gegenüber unseren Landeskirchen oder generell gegen liberale protestantische Kirchen äußere, dann erklärt sich das von meinem familiären Background her. Dazu kommt noch, dass ich von meiner Jugendzeit bis ins heranwachsende Alter m.o.w. überzeugter Atheist war. Dazu haben sowohl Erlebnisse aus der NAK, aber auch kirchengeschichtliche Erwicklungen sowie das aus meiner Sicht „heuchlerische Geteue“ einiger Kirchenvertreter beigetragen. Die Kirchen waren für mich schlicht nicht glaubhaft und Religion, insbesondere das Christentum nichts anderes als ein „Opium für die Seele“, welche die Obrigkeit erfand, um das schlichte Volk zum Nutzen der Obrigkeit damit zu manipulieren.

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einer Kollegin über Religion, insbesondere über den christlichen Glauben und die Kirche. Sie, Glied einer ev.-luth. Landeskirche, erzählte mir, dass sie mit ihrer Kirche nichts anfangen könne, weil sie sich in ihr fremd fühle und alles so unfamiliär sei. Während ihres einjährigen US-Aufenthalts als deutsche Abiturientin lebte sie bei einer religiösen Gastfamilie, die sie auch mit in ihre Kirche nahmen. Dort gefiel es ihr so gut, dass sie regelmäßigen den sonntäglichen Gottesdienst besuchte. Jetzt, wieder in Deutschland wohnend, nimmt sie nicht mehr am kirchlichen Leben teil. Das ist wieder ein Beispiel dafür, dass wir Volkskirchen ohne Volk haben, obwohl durchaus (junge) Kirchenglieder bereit wären, aktiv am kirchlichen Leben teilzuhaben, wenn sich die Landeskirchen änderten.

Ich kann zwar nicht sagen, dass wir in der SELK von aktiven Gemeindemitgliedern im jugendlichen Alter oder im heranwachsenden Alter nur so strotzen würden. Im Verhältnis zur Landeskirche sieht es aber bei uns deutlich besser aus. Unsere Jugend ist in der Kirche durchaus aktiv und die Zahl der Kinder, die regelmäßig am Kindergottesdienst teilnehmen, ist eigentlich auch ganz passabel. Interessanteweise wachsen bei uns grade die Gemeinden besonders schnell, wo ein konservativer, aber (hoch)liturgischer Theologe das Pfarramt bekleidet. Auch den jungen Gemeindegliedern scheint das zu gefallen.

So, jetzt ist mein Beitrag ziemlich lang geworden. Zeit zum Aufhören...

LG

Marcus

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tanatos
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Beitrag von tanatos »

Stephen Dedalus hat geschrieben: Und man sollte auch nicht vergessen, daß das deutsche Landeskirchenwesen, auf dem Du gerne herumhackst, in seiner spezifischen Form ein Ergebnis der lutherischen Reformation ist. :mrgreen:
...was beweist, daß die lutherische Reformation zwar wichtige Probleme gelöst hat, dafür aber einen Haufen neue auch geschaffen hat!

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tanatos
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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von tanatos »

Lutheraner hat geschrieben:
tanatos hat geschrieben:- Man möchte hierzu ergänzen: Denn wir habe der Kirchensteuer sei Dank im Gegensatz zu ihnen viel Geld und wissen es im Sinne unserer Vorstellungen machtvoll zu gebrauchen
Es ist in der Tat beeindruckend, wie stark ökumenische Bündnisse mit EKD-Kirchensteuern bezahlt werden: ÖRK, LWB, GEKE & Co hängen am großen Geldtopf der Landeskirchen.
Was ja eigentlich auch nicht schlecht hat. Wer reichlich Mittel hat wie die Kirchen Skandinaviens oder Deutschlands soll ruhig auch für die Gemeinschaft, und damit für gemeinschaftliche Einrichtungen bezahlen. Problematisch wird es, wenn dies nicht aus geschwisterlicher Liebe geschieht, sondern um den eigenen Willen anderen aufzustülpen.
Lutheraner hat geschrieben:
tanatos hat geschrieben: und außerdem sind wir weiter entwickelt als sie, denn wir sind aus Deutschland und können auf eine jahrhundertelange Erfahrung mit der Aufklärung zurückblicken. Mit anderen Worten: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Und das ist gut so!
Manche Partnerkirchen aus der Dritten Welt gehen damit recht pragmatisch um. Die Evang.-Luth. Kirche in Tansania hat die FO eingeführt, um die europäischen Partnerkirchen ruhig zu stellen, aber es ist für die Gesellschaft dort unvorstellbar, dass in irgendeiner Gemeinde eine Pfarrerin installiert wird.

Die Nordelbische Kirche ist übrigens auch Partnerkirche der Evang.-Luth. Kirche von Kenia.
Ich muß zugeben: Die Lage in Kenia und Tansania kenne ich nicht näher. Was ich aber aus allererster Quelle weiß, ist, wie Druck auf osteuropäische Kirchen ausgeübt wird. Mehrere osteuropäische Teilnehmer der sog. "Kontaktausschüsse" (gemeinsam mit der EKD) haben mir davon berichtet, wie es da zugeht. Von einem ja soviel behaupteten "partnerschaftlichen" Umgang kann da keine Rede mehr sein, mehr von einem Forderungskatalog der deutschen Kirchenmänner, der dann Stück für Stück demutsvoll abgearbeitet werden mußte. Von einem "pragmatischen Umgang" wie für Kenia dargestellt soll dort nichts zu spüren sein, dafür aber von einer Athmosphäre der Unfreiheit und des machtvollen Druckausübens. Meine Bekannten haben mir gegenüber dann zum Ausdruck gebracht, wie ungern sioe dem Kontaktausschuß angehören - aber man ist halt von dem Geldhahn abhängig...

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Beitrag von Lutheraner »

Hallo Marcus,

vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag. Ich kann Deine Positionen auch nachvollziehen und stimme größtenteils mit ihnen überein. Ich bin aber weiterhin der Auffassung, dass das Christentum in Deutschland ohne den Volkskirchen in unserer Gesellschaft keine Zukunft als Mehrheitsreligion hat. Mir ist es lieber, die Leute kommen nur noch zu Taufen und Hochzeiten in die Kirche, als dass sie gar nicht mehr kommen und keinerlei Kontakte mehr zum Christentum haben. Ein "Taufscheinchrist" kann sich noch auf dem Sterbebett bekehren und bereuen. Jemand, der nie etwas vom Christentum gehört hat, hat diese Chance nicht.
Die Ursache des Problems, das Deine Bekannte mit landeskirchlichen Gemeinden in Deutschland (im Gegensatz zum kirchlichen Leben in den USA) hatte, heißt Kirchensteuer. Aber dazu hat Hans Apel ja schon alles geschrieben - wie auch zu der These, dass ein Erstarken des Christentums in Deutschland offensichtlich nur von den Volkskirchen ausgehen kann.
Trotzdem kann ich mir natürlich eines Tages vorstellen zu einer Freikirche (SELK) überzutreten.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"

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Re: Ist das auch gut so???

Beitrag von Lutheraner »

tanatos hat geschrieben: Ich muß zugeben: Die Lage in Kenia und Tansania kenne ich nicht näher. Was ich aber aus allererster Quelle weiß, ist, wie Druck auf osteuropäische Kirchen ausgeübt wird. Mehrere osteuropäische Teilnehmer der sog. "Kontaktausschüsse" (gemeinsam mit der EKD) haben mir davon berichtet, wie es da zugeht. Von einem ja soviel behaupteten "partnerschaftlichen" Umgang kann da keine Rede mehr sein, mehr von einem Forderungskatalog der deutschen Kirchenmänner, der dann Stück für Stück demutsvoll abgearbeitet werden mußte. Von einem "pragmatischen Umgang" wie für Kenia dargestellt soll dort nichts zu spüren sein, dafür aber von einer Athmosphäre der Unfreiheit und des machtvollen Druckausübens. Meine Bekannten haben mir gegenüber dann zum Ausdruck gebracht, wie ungern sioe dem Kontaktausschuß angehören - aber man ist halt von dem Geldhahn abhängig...
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. So viel ich weiß kriegen einige der Baltischen Kirchen auch weniger Unterstützung (vom LWB?) weil sie die FO nicht praktizieren.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"

Johaennschen
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Beitrag von Johaennschen »

Lutheraner hat geschrieben:Ich bin aber weiterhin der Auffassung, dass das Christentum in Deutschland ohne den Volkskirchen in unserer Gesellschaft keine Zukunft als Mehrheitsreligion hat. Mir ist es lieber, die Leute kommen nur noch zu Taufen und Hochzeiten in die Kirche, als dass sie gar nicht mehr kommen und keinerlei Kontakte mehr zum Christentum haben. Ein "Taufscheinchrist" kann sich noch auf dem Sterbebett bekehren und bereuen. Jemand, der nie etwas vom Christentum gehört hat, hat diese Chance nicht.
So ist es!
Man kann aber als Taufscheinchrist ruhig häufiger in die Kirche kommen ─ und sogar Propst werden! :mrgreen:
Es gibt keine Dummheit, an die der moderne Mensch nicht imstande wäre zu glauben, sofern er damit nur dem Glauben an Christus ausweicht.
Nicolás Gómez Dávila

Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

@Marcus

Zwei Fragen habe ich:

1. Was ist Deine Theologie der Taufe? Für einen Lutheraner ist die gläubige Antwort des Menschen auf die Predigt doch erst nach dem Emfpang der Taufe möglich. Wenn die Landeskirchen aber irgendetwas tun (auch wenn es für manche nur eine äußere Form ist), ist es das Spenden der Taufe. Das dürfte in Deinen Augen doch nicht wertlos sein.

2. Kann es sein, daß Deine harsche Kritik an der Landeskirche und die Faszination, die eine dogmatisch streng verfaßte Kirche wie die SELK auf Dich ausübt, auch mit Deiner persönlichen Geschichte (Kindheit und Jugend in der NAK) zu tun haben? Mir auch bei anderen Christen mit NAK-Vergangenheit aufgefallen, daß sie (bewußt oder unbewußt) später auch in ihren neuen Kirchen ähnliche Strukturen gesucht haben. "Lehrpluralismus" ist etwas, das es natürlich bei der NAK nicht gab - und auch bei der SELK versucht man, das möglichst gering zu halten. Kannst Du Dir vorstellen, daß Menschen, die genauso wie Du mit Ernst Christen sein wollen, aber eine ganz andere persönliche Prägung mitbekommen haben, gerade deshalb die EKD schätzen, es aber in der SELK nicht aushalten könnten?

Gruß
SD
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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Stephen Dedalus hat geschrieben:@Marcus

Zwei Fragen habe ich:

1. Was ist Deine Theologie der Taufe? Für einen Lutheraner ist die gläubige Antwort des Menschen auf die Predigt doch erst nach dem Emfpang der Taufe möglich. Wenn die Landeskirchen aber irgendetwas tun (auch wenn es für manche nur eine äußere Form ist), ist es das Spenden der Taufe. Das dürfte in Deinen Augen doch nicht wertlos sein.

2. Kann es sein, daß Deine harsche Kritik an der Landeskirche und die Faszination, die eine dogmatisch streng verfaßte Kirche wie die SELK auf Dich ausübt, auch mit Deiner persönlichen Geschichte (Kindheit und Jugend in der NAK) zu tun haben? Mir auch bei anderen Christen mit NAK-Vergangenheit aufgefallen, daß sie (bewußt oder unbewußt) später auch in ihren neuen Kirchen ähnliche Strukturen gesucht haben. "Lehrpluralismus" ist etwas, das es natürlich bei der NAK nicht gab - und auch bei der SELK versucht man, das möglichst gering zu halten. Kannst Du Dir vorstellen, daß Menschen, die genauso wie Du mit Ernst Christen sein wollen, aber eine ganz andere persönliche Prägung mitbekommen haben, gerade deshalb die EKD schätzen, es aber in der SELK nicht aushalten könnten?

Gruß
SD
Zu Frage 1:

Ich entspricht nicht ev.-luth Lehre, dass Ungetaufte nicht glauben könnten. Vielmehr bewirkt die Taufe die Wiedergeburt aus Wasser und Geist. Und ohne den Glauben des Täuflings kann nach ev.-luth. Lehre die Taufe, selbst wenn sie gültig vollzogen wurde, keine Heilswirksamkeit entfalten. Dass man Kleinkinder tauft, hängt einerseits damit zusammen, dass auch sie Adams Sünde geerbt haben und der Vergebung der Sünde, Erlösung von Tod und Teufel bedürfen, auf dass sie selig werden können. Ferner ist man davon überzeugt, dass auch Kleinkinder glauben können. (Vgl. Mk. 10,13-16, Lk. 18,15). Zum Glauben kommt man allerdings, indem man das Evangelium Christi hört und sich dem Wirken des Heiligen Geistes nicht widersetzt. Ohne Evangelium und den Geist Gottes, kann niemand zum Glauben kommen. Taufen darf man aber im Grunde nur Kinder, die wenigstens einen christlichen Elternteil haben. So soll sichergestellt werden, dass auch die Kinder im christlichen Glauben heranwachsen können. Wo das nicht gegeben ist, sollte daher auch nach Meinung von Bischof i. R. Dr. Jobst Schöne (ich weiß nicht, ob er diese Meinung heute noch vertritt) keine Taufhandlung an einem Kind vollzogen werden:
Zu unserem säkularisierten Volkskirchentum ist schließlich zu sagen, daß dort, wo nicht geglaubt wird und wo auch eine Unterrichtung getaufter Kinder nach menschlichem Ermessen nicht zu erwarten ist, die Taufe nicht gespendet werden sollte. Denn wenn auch der Glaube die Taufe nicht macht und letztere ganz im Wort und Befehl Gottes gründet, so gehören dennoch Taufe und Glaube unlöslich zusammen. Der Glaube empfängt die Taufe und ohne Glaube ist die Taufe nichts nütze. Die veräußerlichte und erstarrte Sitte der Volkskirche stellt hier vor schwierige Probleme, die Luther in dieser Schärfe noch nicht kannte. Eine Taufverweigerung lag, soweit ich sehe, nicht in seinem Gesichtskreis. Wir dagegen müssen sie ernsthaft erwägen. Jedoch ist festzuhalten, daß auch eine Taufe, die bei völligem Unglauben der Beteiligten vollzogen wird, gültig, wenn auch nicht wirksam ist. Eine Wiedertaufe kann auch dann nicht in betracht kommen, wenn einer die Taufe nur „mit bösem Vorsatz“ empfangen hat und dann später zum lebendigen Glauben kommt.

Quelle: www.selk.de/download/Rost-Taufe-Glaube-Bu%DFe.pdf -
Die letzten beiden Sätze können aber auch durchaus als Argument für die Taufe eines Kindes von „Taufscheinchristen“ gebraucht werden.

Zu Frage 2:

Das ist eine typische Argumentation in der heutigen modernen Psychologie. Nicht wenige Kinderschänder würden nach deren Meinung ja auch meist zu ihren verwerflichen Verbrechen getrieben, weil sie als Kinder zumeist selbst von Schutzbefohlenen missbraucht bzw. misshandelt worden seien. Wenn die Opfer eben selbst zu Tätern werden...

Demnach ist es naheliegend, dass jemand, der aus einer theologisch engstirnigen Gemeinschaft stammt, nach seiner „Selbstbefreiung“ wieder Gefahr läuft, sich einem ähnlichen System anzuschließen, das sich nur von der theologischen Ausrichtung unterscheidet. Man kann aber orthodoxes Luthertum nicht mit der NAK vergleichen. In der NAK gilt das was der "Stammapostel" und die "Apostel" sagen, auch wenn sich jede Generation lehrmäßig in einigen Punkten wiederspricht, obwohl die "Apostel" ja angeblich das lebendige Wort Gottes predigen würden, während in der Schrift das alte Wort Gottes stünde (ist halt schon 2000 Jahre alt und älter). Einem Apostel zu widersprechen, käme also Ungehorsam gegenüber Gott gleich, manche in der NAK sehen darin sogar schon eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Und wer in der NAK meint, dass es auch außerhalb der NAK wiedergeborene Gotteskinder geben könnte, es außerhalb der NAK Sündenvergebung gäbe, Nicht-NAKler bei der 1. Wiederkunft Christi zu den Auserwählten gehörten (die NAK lehrt Chiliasmus) oder der Heilige Geist auch in Nicht-NAKlern Wohnung aufnähme, gehört dort definitiv zum (sehr) liberalen Flügel. Vor gut 1,5 Jahren wurden drei NAK-Diakone ihres Amtes enthoben, weil sie genau diese Ansichten vertreten. Demnach würde selbst ich in der NAK wohl als „modernistischer, liberaler Häretiker“ durchgehen. Mit Rechtfertigung allein aus Gnaden durch Glauben um Jesu Christi willen, kann in der NAK so gut wie niemand etwas anfangen. So gesehen ist selbst die konservativste lutherische Bekenntnisgemeinde immer noch deutlich liberaler als die NAK. Lutheraner bekennen die Hl. Schrift als das unfehlbare Wort Gottes und die BSLK als verbindliche Auslegung derselben, weil sie nach unserer Meinung der Schrift entsprechen. Jedem Prediger, Bischof ist man auch nur insoweit Gehorsam schuldig, wie er rechtgläubig lehrt, handelt und lebt. Es ist sogar möglich, dass Geistliche vom Volk gestürzt werden. Dass ist auch in der NAK undenkbar. Dort werden die Ämter streng von „oben nach unter“ vergeben. Jede Lutherische Kirche kennt hingegen eine Gemeindeversammlung, Bezirkssynode (evtl.), Synode etc, wo Fragen rechtlicher, administrativer oder theologischer Natur beraten werden und darüber beschlossen wird. Laien werden daran genauso wie Theologen im Pfarramt beteiligt. Auch in der SELK herrscht daher reger Dialog. Es gibt sowohl konservative, moderate wie auch liberale Geistliche und Kirchenglieder. Man kann in der SELK auch ohne weiteres als Pfarrer die Frauenordination befürworten. Das führt nicht zu einem Lehrbeanstandungsverfahren. Und einige Pfarrer, vor allem Taize-Freaks werden zwar für ihre ökumenische Offenheit z. T. von Konservativen kritisiert, mit Konsequenzen müssen auch sie nicht rechnen.

Du kannst von der SELK ja halten, was Du willst. Aber stelle bitte keine Synthese zwischen SELK und NAK her, wenn es um meine Glaubensentwicklung geht. Man könnte genauso gut auf die Idee kommen zu meinen, das meine „Fazination [für] eine dogmatisch streng verfaßte Kirche“ in Verbindung mit meiner beruflichen Laufbahn stünde. Während man an juristischen Fakultäten mit den verschiedensten Meinungen der Professoren geradezu bombardiert wird, bekommt man als Laufbahnanwärter für geh. Dienst sowohl während des theoretischen Teils an der FH wie auch während des praktischen Teils seines Vorbereitungsdienstes ziemlich deutlich klargemacht, wie die Gesetze zu verstehen, auszulegen und anzuwenden bzw. zu vollziehen sind. Und im Gegensatz zu einem normalen Studium an einer frei zugänglichen FH oder Uni, geht es an Verwaltungsfachhochschulen relativ autoritär zu (ich kenne beide Systeme). Da ist nichts mit, sich in die letzte Reihe im Hörsaal setzen und gemütlich Zeitung lesen oder sich auf den Tisch legen und ein Schläfchen machen... Das führt aber zu weit vom Thema ab.

Ich habe auch schon mal im Forum geschrieben, dass ich für das Luthertum keinen Absolutheitsanspruch erhebe, sondern diese Entscheidung dem Herrn überlasse, sondern vielmehr, nachdem ich mich näher mit dem Luthertum befasst hatte, zu dem Ergebnis gekommen bin, dass mich das Luthertum sehr anspricht. Viel wusste ich nämlich früher nicht darüber. Da war für mich überspitzt gesagt, EKD = Luthertum.

Und weil ich vom Luthertum überzeugt bin, möchte ich auch Glied einer Gemeinde sein, die gut lutherisch ist, wo ich also mit wenigstens annähernd Gleichgesinnten zusammen bin.

Mit Pluralismus kann ich nichts anfangen. Es kann schließlich nur eine Wahrheit geben und wo sich Lehren widersprechen, können diese zwar alle falsch, aber nur eine richtig sein. Wenn man also davon überzeugt ist, dass die Heilige Schrift das unfehlbare Wort Gottes ist, das ewiglichen Bestand hat und die BSLK die Schrift richtig wiedergeben, ist es für mich nur konsequent, dass eigene Bekenntnis auch zu verteidigen und mich insoweit von anderen Konfessionen abzugrenzen, wie diese etwas anderes lehren.

Daher kann ich mit Unionen bekenntnisverschiedener Kirchen auch nichts anfangen. Ich kann es mir daher z. B. nicht vorstellen, Mitglied in einer Kirche zu sein, wo der Pfarrer das Abendmahlsverständnis Zwinglis teilt, die Gemeindemitglieder hingegen sowohl ein calvinistisches als auch ein lutherische oder gar ein Abendmahlsverständnis nach der LK haben. Und bei dem ganzen Pluralismus soll man einträchtig miteinander Abendmahl feiern? In der ApG heißt es nicht umsonst: „Sie blieben beständig in der Lehre und im Brotbrechen.“ (frei zitiert) Gemeinsame Lehre ist daher für mich auch Voraussetzung für eine Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft.

Des weiteren kann ich es mir als Christ auch nicht vorstellen, Mitglied einer Kirche zu sein, die es zulässt, dass Theologen wie Gorski bis ins kirchenleitende Amt aufsteigen können oder wo Theologen predigen dürfen, welche grundlegende christliche Lehren wie die leibliche Auferstehung ungestraft verneinen können. Eine gewisse Verbindlichkeit will ich schon haben. Dennoch kann ich mich aber als Lutheraner in der SELK ziemlich frei fühlen. Dort kann ich nämlich meine Meinung äußern, ohne dass daran jemand wirklich Anstoß nimmt, nicht jedoch in der für mich zuständigen Landeskirche, die zu den liberalsten zählen dürfte. Dort würde ich wohl als „evangelikaler Fundi“ durchgehen und schnell Unmut erzeugen.

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holzi
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Beitrag von holzi »

Marcus hat geschrieben:Und im Gegensatz zu einem normalen Studium an einer frei zugänglichen FH oder Uni, geht es an Verwaltungsfachhochschulen relativ autoritär zu (ich kenne beide Systeme). Da ist nichts mit, sich in die letzte Reihe im Hörsaal setzen und gemütlich Zeitung lesen oder sich auf den Tisch legen und ein Schläfchen machen... Das führt aber zu weit vom Thema ab.
Doch das geht schon - bzw ging es zu meiner Zeit 1991-94 noch. Aber auch hier scheint es ja enorme Unterschiede zwischen den Fachbereichen und den Bundesländern zu geben. Wo bist du denn? Ich war in Hof.

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