Lutheraner hat geschrieben:Marcus hat geschrieben:Von der Kollekte ihrer regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer (ca. 4% der Mitglieder) können die jedenfalls nicht überleben.
Die Kollekte ist auch nur selten für die Gemeinde. Meist geht sie an kirchliche Sozialeinrichtungen im In- und Ausland, was erfreulicherweise vorher fast immer gesagt wird. Das hat bei mir nämlich sehr großen Einfluß darauf, wieviel ich bereit bin zu geben.
Marcus hat geschrieben:
Für was braucht das Kirchenvolk diese Kirchen überhaupt?
Extremfälle als Beispiele: Mir fallen spontan zwei Atheisten ein, die Kirchenmitglieder sind, weil sie die Arbeit der kirchlichen caritativen Einrichtungen schätzen und es unterstützenswert finden, dass es eine Kirche gibt, die Menschen in Notsituationen Trost spendet (auch wenn sie offensichtlich selbst nicht daran glauben).
Marcus hat geschrieben:
Bei allem, was es auch luth. Sicht am römischen Katholizismus auch auszusetzen gibt, muss dennoch positiv betont werden, dass die starke von Rom ausgehende Lehrzentralisierung auch dazu beiträgt, dass die röm.-kath. Ortskirchen, gerade in der westlichen Welt immer noch sittlich-moralische Werte vermitteln, die größtenteils auf dem Fundament der Schrift aufbauen und moderne Verirrungen nicht die Oberhand gewinnen.
Der Hauptgrund hierfür ist meiner Meinung nach (siehe mein obiges Posting), dass die RKG als weltweite Kirche in ihrer Lehre einen weltweiten Konsens finden muß, da sie ansonsten auseinanderbricht und sie deshalb nicht so leicht dem regionalen Zeitgeist hinterhertappen kann.
Auf meine Kritik an den Freikirchen bist Du übrigens gar nicht eingegangen
Man kann an den Volkskirchen viel kritisieren - aber den Freikirchen gelingt es auch nicht mehr gläubige Schäfchen zu finden.
Lieber Lutheraner,
darüber, dass die Anzahl der Kirchenmitglieder kein Beleg für Rechtgläubigkeit ist, dürfte eigentlich Konsens bestehen.
Auf Deinen Beitrag bezüglich des Freikirchenwesens bin ich nicht eingegangen, weil ich Dir hinsichtlich des Ergebnisses, nämlich dass auch Freikirchen nicht wirklich Wachstum verzeichnen können, recht gebe, so dass es insoweit nichts zu widersprechen gibt.
Man kann den Glauben der Menschen allerdings nicht erzwingen. Da hält bereits die CA auf Grundlage paulinischen und augustinischen Lehren fest.
CA Art. XVIII hat geschrieben:
Vom freien Willen wird also gelehrt, daß der Mensch etlichermaß (einigermaßen) einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes vermag der Mensch nicht, Gott gefällig zu werden, Gott herzlich zu fürchten, oder zu glauben, oder die angeborenen bösen Lüste aus dem Herzen zu werfen. Sondern solches geschieht durch den Heiligen Geist, welcher durch Gottes Wort gegeben wird. Denn Paulus spricht 1 Kor 2, 14: »Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes«.
Ohne den Heiligen Geist gibt es also schon mal keinen Glauben. Aber um glauben zu können, ist es aber auch erforderlich das Evangelium Christi zu kennen bzw. zu hören. Darum ist es ja so wichtig, dass das Evangelium rein und unverfälscht gepredigt und auch an Nichtchristen gebracht wird.
Selbstverständlich werden nicht alle Mensche gläubig werden. Vielmehr ist die Zahl der Gläubigen deutlich kleiner als die Zahl der Ungläubigen bzw. Andersgläubigen, obwohl das Heilsangebot letztlich allen Menschen gilt. Viele Menschen wollen aber von der Frohen Botschaft nichts wissen, so dass sie dem Heiligen Geist hartnäckig widerstreben.
Gerade in den Landeskirchen wird es schon seit längerem geduldet, dass heterodoxe Theologen in der christlichen Gemeinde ein falsche Evangelium predigen dürfen. Der Fall Gorski zeigt, dass diese Theologen innerhalb der Kirche sogar noch Karriere machen können. Das ist entsetzlich! Die Landeskirche muss doch gegenüber ihrem Volk, aber auch gegenüber der Welt glaubhaft sein und bleiben und genau das ist sie nicht, wenn sie es zulässt, dass kirchliche Würdenträger ohne Konsequenzen wesentliche christliche Glaubenslehren in Frage stellen oder verändern bzw. entstellen können. In den Landeskirchen wird auch kaum noch Kirchenzucht ausgeübt. Würde sie gegen Prediger, die Falsches lehren oder gegen Kirchenglieder, die vom Glauben abgefallen sind oder erkennbar unbußfertig in der Sünde verharren, gemäß der Heiligen Schrift adäquat vorgehen, so würden nicht nur jede Menge Pfarrstellen vakant werden, sondern die Zahl der Kirchenmitglieder ebenso drastisch sinken.
Konservative konfessionelle Freikirchen wie die SELK nehmen normalerweise nur überzeugte Christen auf, die sich mit ihrem jeweiligen Bekenntnisstand identifizieren können. Wer z. B. nur der SELK angehören will, um Kirchensteuer zu sparen, braucht in der SELK erst gar nicht um Aufnahme zu bitten. Das macht die SELK auf ihren Internetseiten auch deutlich.
Und das konservativ-konfessionelle Profil der SELK ist auch nicht nach dem Geschmack jedes Selkies, so dass man immer wieder in den Bekanntmachungen der Veränderungen aus dem Kirchenbuch liest, dass Selkies zur Landeskirche übergetreten sind. Daher wird die SELK auch nie eine „große Kirche“ werden. Ihr geht es nicht um Quantität, sondern um Rechtgläubigkeit. Und bevor der liberale Flügel der SELK die Oberhand gewinnt, ist es mir ehrlich gesagt auch ganz recht, wenn Liberale zur Landeskirche abwandern und dafür orthodoxe Lutheraner aus den Landeskirche zu uns kommen.
Das konservative konfessionelle Christentum ist allerdings weitgehendst out, ebenso wie der traditionelle römische Katholizismus. Traditionelle Vereinigungen wie die FSSPX oder FSSP haben zwar Zulauf. Gemessen an der Zahl aller Glieder der röm.-kath. Kirche stellen aber auch sie nur eine sehr kleine Minderheit dar, die zahlenmäßig in absehbarer Zeit ihr Quantum erreicht haben wird. Hier im Kreuzgang schreiben zwar viele konservative Vertreter aus der Orthodoxie, aus dem röm. Katholizismus und dem Luthertum. In der „realen Welt“ machen wir allerdings einen kleinen Teil aus. Viele Menschen können und wollen auch nicht mehr daran glauben, dass Jesus Christus z. B. von einer Jungfrau geboren wurde oder am Kreuze starb, zur Hölle niederfuhr, am dritten Tage von den Toten auferstand, in den Himmel fuhr, nun zur rechten Gottes sitzt und wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Klassischen Freikirchen werden wiederum als Teil der evangelikalen Bewegung durch die antichristliche Propaganda in öffentlichen Medien zunehmend als „fundamentalistische Sammelstätten“ angesehen, was auch wiederum einige davon abhält, sich einer Freikirche anzuschließen. Man will ja nicht als „Fundi“ gelten. Andererseits stellen wiederum überzeugte Christen in den klassischen Freikirchen fest, dass sich auch ihre Gemeinden immer mehr den Landeskirchen theologisch annähern. So haben die Baptisten mittlerweile auch die Frauenordination eingeführt und man wird auch sicherlich Baptisten antreffen, die sich vorbehaltlos zur theistischen Evolutionslehre bekennen.
Als Christen stehen wir aber in der Pflicht, den Menschen nicht Menschenwort, sondern Gotteswort zu predigen, selbst wenn es für viele heute unangenehm ist, zu hören, dass praktizierende Homosexualität Sünde, Rumhurerei etc.. Sünde ist und die Evolutionslehre mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar ist. Viele Menschen wird man damit zwar nicht erreichen, dafür verbreitet man aber keine falschen vermeintlich christliche Lehren.
Das Volkskirchenmodell, das versucht einen gesellschaftspolitischen Kompromiss irgendwie theologisch haltbar zu begründen, um nach Möglichkeit vielen Menschen eine Heimat zu bieten, verleugnet aber letztlich Teile des christlichen Glaubens. Daher gebe ich diesem Modell für wirklich bekennende Christen keine Zukunft. Das fördert letztlich nur die Beliebigkeit und somit die Entfremdung vom christlichen Glauben.
Dass meine Kritik gerade gegen unsere Landeskirchen in Deutschland z. T. ziemlich heftig ausfällt, hat familiäre Hintergründer. Nach äußerst schlechten Erfahrungen, die meine Großmutter und Urgroßmutter mit ihrer Landeskirche gemacht hatten, konnte eine neuapostolische Bekannte meiner Urgroßmutter meine beiden Vorfahren relativ leicht zu bringen, sich der NAK anzuschließen. Die Geschwister meiner Oma sowie ihr Vater schlossen sich dann später ebenfalls der NAK an und dass obwohl ihre Vorfahren und eigentlich auch sie selbst sehr christlich erzogene Protestanten in der preußischen Unionskirche waren. So wurden auch mein Vater und ich neuapostolisch getauft und meine Mutter, die sich in ihrer Landeskirche auch nie wirklich wohlgefühlt hatte, wurde ebenfalls neuapostolisch. Die Lehrbeliebigkeit und fehlende Volksnähe sowie der Eindruck, dass Pfarrer ihren Beruf nicht aus Berufung, sondern des Geldes wegen ausüben, haben in meiner Familie dazu geführt, dass viele Menschen, die mir sehr lieb sind und waren, in eine Sekte geraten und z. T. in ihr aufgewachsen sind. Die Tochter meiner Großtante, also meine Großcousine, heiratete z. B. einen Zeugen Jehova und trat m. W. ebenfalls aus der Landeskirche aus. Meine Großtante (früher katholisch, jetzt noch evangelisch) liebäugelt wiederum mit den Zeugen. Ich stelle also immer wieder fest, dass Verwandte, die aus der Landeskirche kommen, in Sekten landen. Auch noch vor meinem offiziellen Austritt aus der NAK als junger Erwachsener, bin ich auf Leute gestoßen, die von der Landeskirche zur NAK kamen, weil sie meinten, dass man in diese nicht mehr bleiben könnte. Wenn ich mich also mal zu emotional gegenüber unseren Landeskirchen oder generell gegen liberale protestantische Kirchen äußere, dann erklärt sich das von meinem familiären Background her. Dazu kommt noch, dass ich von meiner Jugendzeit bis ins heranwachsende Alter m.o.w. überzeugter Atheist war. Dazu haben sowohl Erlebnisse aus der NAK, aber auch kirchengeschichtliche Erwicklungen sowie das aus meiner Sicht „heuchlerische Geteue“ einiger Kirchenvertreter beigetragen. Die Kirchen waren für mich schlicht nicht glaubhaft und Religion, insbesondere das Christentum nichts anderes als ein „Opium für die Seele“, welche die Obrigkeit erfand, um das schlichte Volk zum Nutzen der Obrigkeit damit zu manipulieren.
Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einer Kollegin über Religion, insbesondere über den christlichen Glauben und die Kirche. Sie, Glied einer ev.-luth. Landeskirche, erzählte mir, dass sie mit ihrer Kirche nichts anfangen könne, weil sie sich in ihr fremd fühle und alles so unfamiliär sei. Während ihres einjährigen US-Aufenthalts als deutsche Abiturientin lebte sie bei einer religiösen Gastfamilie, die sie auch mit in ihre Kirche nahmen. Dort gefiel es ihr so gut, dass sie regelmäßigen den sonntäglichen Gottesdienst besuchte. Jetzt, wieder in Deutschland wohnend, nimmt sie nicht mehr am kirchlichen Leben teil. Das ist wieder ein Beispiel dafür, dass wir Volkskirchen ohne Volk haben, obwohl durchaus (junge) Kirchenglieder bereit wären, aktiv am kirchlichen Leben teilzuhaben, wenn sich die Landeskirchen änderten.
Ich kann zwar nicht sagen, dass wir in der SELK von aktiven Gemeindemitgliedern im jugendlichen Alter oder im heranwachsenden Alter nur so strotzen würden. Im Verhältnis zur Landeskirche sieht es aber bei uns deutlich besser aus. Unsere Jugend ist in der Kirche durchaus aktiv und die Zahl der Kinder, die regelmäßig am Kindergottesdienst teilnehmen, ist eigentlich auch ganz passabel. Interessanteweise wachsen bei uns grade die Gemeinden besonders schnell, wo ein konservativer, aber (hoch)liturgischer Theologe das Pfarramt bekleidet. Auch den jungen Gemeindegliedern scheint das zu gefallen.
So, jetzt ist mein Beitrag ziemlich lang geworden. Zeit zum Aufhören...
LG
Marcus