Unruhen in Frankreich

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Nietenolaf
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Beitrag von Nietenolaf »

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nemesis
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Beitrag von nemesis »

ein recht guter artikel über Antisemitismus und Frankreich auf Hagalil:
Antisemitismus und die französische Mehrheitsgesellschaft
Feindprojektionen auf "Juden" sind keine originär "islamischen" oder "migrantischen" Mechanismen, die vorrangig in der muslimischen Einwanderungsbevölkerung entstanden wären. Tatsächlich waren sie in Frankreich nicht nur vorhanden, sondern virulent, bevor es zu einer zahlenmäßig stärkeren Einwanderung aus den damaligen nordafrikanischen Kolonien kam.

Der israelische Historiker Zeev Sternhell - ein eminenter Spezialist der französischen faschistischen und präfaschistischen Bewegungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert schrieb zu Ausgang des vorletzten Jahrhunderts hätte man die Metropole des europäischen Antisemitismus, wo sich eine brisante Mischung aus "nationaler" und "sozialer Frage" zusammenbraute, wohl in Paris und nicht in Berlin angesiedelt (1). Im Zuge der sogenannten Dreyfus-Affäre, in deren Verlauf die Anhänger und Gegner einer Amnestierung des unschuldig wegen "Spionage" verurteilten Militärs ­ jüdischer Abstammung ­ Alfred Dreyfus zusammenstießen, mobilisierte eine antisemitische Massenbewegung in den Sälen und auf der Straße.

Doch von dieser Zeit ab hat es in der französischen Gesellschaft auch mächtige Gegenbewegungen gegeben, und der politisch organisierte Antisemitismus hat wichtige Niederlagen einstecken müssen. Den ersten bedeutenden Rückschlag musste er in der Debatte um das Dreyfus-Urteil einstecken. Als erste griffen anarchistische, libertär-sozialistische Gruppen auf militante Weise antisemitische Veranstaltungen an. Nach einigem Zögern warf die organisierte sozialistische Arbeiterbewegung unter Jean Jaurès ihr ­ bereits erhebliches ­ Gewicht in die Waagschale, und verbündete sich mit den liberalen Republikanern gegen die antisemitische Bewegung, die drohend die Dritte Republik herausforderte. Bürgerliche und fortschrittliche Intellektuelle, wie Emile Zola (mit seiner berühmten Schrift "J¹accuse") engagierten sich und spielten eine Schlüsselrolle in der politisch-moralischen Debatte.

Die GegnerInnen des Antisemitismus hatten Erfolg: Das Urteil gegen Dreyfus wurde aufgehoben, und am Ende der innenpolitischen Auseinandersetzung stand die 1905 beschlossene Trennung von Kirche und Staat. Der bis heute institutionell festgeschriebene französische Laizismus ist ein direktes Ergebnis des Ausgangs der Dreyfus-Affäre. Eine zweite erhebliche Niederlage für die antisemitische Massenagitation bedeutete die Wahl des französischen Juden Léon Blum zum Premierminister der linken Front populaire-Regierung (2) im Mai 1936. Der sozialistisch orientierte Jurist war zuvor zur Zielscheibe einer systematisch angelegten antisemitischen Massen- und Hasskampagne geworden. In deren Verlauf wurde u.a. behauptet, Blum heiße in Wirklichkeit Karfunkelstein und stamme aus Bessarabien, insgeheim sei er reich und man wisse nichts von der Herkunft seines Vermögens. Die rechte Massenpresse bezeichnete ihn nach einem klassischen antisemitischen Topos als juif errant, also wurzellosen und "umher irrenden (oder streunenden) Juden". Dennoch ist der Name Léon Blums bis heute im Massenbewusstsein eher mit positiven Dingen verbunden, namentlich mit der erstmaligen gesetzlichen Einführung von Jahresurlaub.

Der staatliche Antisemitismus, wie er wenige Jahre später in Vichy zum Programm wurde ­ und zur NS-Vernichtungsmaschinerie beitrug -, ist hingegen eng mit der deutschen Besatzung und ihren Kollaborateuren verbunden, und daher zumindest im Nachhinein in weitesten Kreisen fraglos diskreditiert. Dagegen lebt er natürlich in Kreisen der extremen Rechten fort. Doch innerhalb der extremen Rechten existieren (wie zu anderen ideologischen Fragen) verschiedene Standpunkte nebeneinander her. Denn ein Teil des politischen Rechtsextremismus hat in den 50er Jahren, weniger aus Ablehnung des Antisemitismus als vielmehr aufgrund außenpolitischer und internationaler Konstellationen, pro-israelische Positionen angenommen.

Exkurs: Die extreme Rechte, Israel und der Antisemitimus - Ein komplexes Verhältnis

Hintergrund dieser Tatsache ist, dass der Staat Israel damals eng mit Frankreich verbündet war, als dieses seine Kolonialkriege gegen arabisch-nordafrikanische Länder führte, vor allem in Algerien (1954 bis 1962) sowie gegen Ägypten (mit der "Suezexpedition" 1956), da im nasseristischen Kairo die Ursache für die vermeintlich sonst unbegreifliche Rebellion gegen die französische Herrschaft gesucht wurde. Dem ultrakolonialen Lager verpflichtete Rechte, die selbst aus antisemitischer Tradition kamen ­ und die mit der innenpolitischen Aufheizung während des Algerienkrieg wieder aus ihren Schlupflöchern und Vichy-nostalgischen Zirkeln hervor an die Öffentlichkeit kamen - , wurden in dieser Situation dennoch (in außenpolitischer Hinsicht) zu Unterstützern Israels.

Sie schafften es, das nicht in Widerspruch zu ihrer antisemitischen Grundhaltung zu bringen: Sie gingen davon an, nunmehr die "jüdische Frage" in Europa dadurch lösen zu können, dass die jüdische Bevölkerung künftig geschlossen nach Israel gehen solle. "Ethnische Reinheit" sollte so mit militärischen Allianzen im kolonialen "Hinterhof" des Landes einhergehen. Kulminationspunkt dieser Entwicklung ist die "Suezexpedition" im Oktober 1956 (Frankreich, Großbritannien und Israel greifen zusammen Ägypten an, nachdem dieses den Suezkanal nationalisiert hat). An ihr nimmt Jean-Marie Le Pen als freiwillig dienender Unteroffizier teil, bevor er drei Monate später in Algerien an Folterungen teilnimmt. Später hat Le Pen seinen Biographen von der Faszination erzählt, welche die israelischen Truppen in diesen Tagen auf ihn ausgeübt hätten. (3)

Ein Teilbereich der extremen Rechten setzt diese Parteinahme bis heute in ähnlicher Form fort: Ihm gilt Israel, ähnlich wie in ihren Augen Europa, als "Insel im Meer der barbarischen Dritten Welt". Diese müsse auf ähnliche Weise verteidigt werden, wie Europa sich muslimischer Zuwanderer zu erwehren habe. Die Sympathie für eine israelische Politik, der militaristische Positionen und eine reine Strategie der Stärke "empfohlen" werden, beruht also im Wesentlichen auf einer Projektion ­ gemeint ist vielmehr Europa selbst und "seine" Abwehr afrikanischer oder asiatischer Einwanderer. Oftmals schwingt bei dieser Variante der extremen Rechten der Gedanke mit, dass "die jüdische Lobby" (im Land oder auf internationaler Ebene) angeblich so stark sei, dass man sich besser nicht ­ oder noch nicht! ­ mit ihr anlegen möge.

Solche Positionen nahm etwa der nationalkonservative Flügel des FN ein, der eine Brücke zum rechten Flügel den bürgerlichen Parteien hätte bilden können und der Ende der 80er Jahre mehrheitlich absprang. Einer seiner Köpfe war damals Olivier d'Ormesson, der vor allem einen der führenden Südafrika-Lobbyisten (also Pro-Apartheid-Politiker) in Frankreich bildete. Er kehrte dem FN Ende 1987 den Rücken; Jean-Marie Le Pen würde ihn später öffentlich als "israelischen Agenten" bezeichnen (in "National Hebdo" vom 27. Februar 1997).

Später, zu Anfang dieses Jahrzehnts hat der vom FN abgespaltene Teil unter Bruno Mégret, der mit geringem Erfolg eine eigene Partei (den MNR, Mouvement national républicain) gründete, diese Haltung vor allem nach dem 11. September 2001 eingenommen. Und dabei ziemlich lautstark bekundet, "gemeinsame Positionen mit den jüdischen Organisationen Frankreichs" zu teilen, was allerdings auf kein Gegenecho stieß. Aus verschiedenen Gründen, u.a. dem Mangel einer charismatischen "Führer"figur (Mégret ist ein harter Ideologe, doch wirkt er wie ein blasser Technokrat, und mit 1,62 Meter Körpergröße verkörpert er nicht den "starken Mann" nach dem Geschmack eines autoritären Publikums) ist der MNR heute so gut wie tot. Im benachbarten Belgien nimmt der Vlaams Blok vorwiegend diese Position ein, namentlich in seiner Hochburg Antwerpen, wo er auf eine Stillhaltetaktik gegenüber der starken örtlichen jüdischen Gemeinde setzt.

Dagegen hat ein anderer Teil der extremen Rechten in den letzten Jahrzehnten verstärkt aus dem Fundus antisemitischer Verschwörungstheorien geschöpft, an den Jean-Marie Le Pen ab Mitte der 80er Jahre mehr oder minder offen anknüpfte. Oftmals (aber nicht immer) geht dies auch mit außenpolitischer Ablehnung Israels einher, so beim offenen Neonazi-Flügel innerhalb und am Rande des FN. Er wird vor allem durch die - am 6. August 2002, nach dem Attentat eines jungen Mitglieds auf Präsident Chirac, verbotene - Gruppierung Unité Radicale verkörpert, die nach ihrem gesetzlichen Verbot vom vorigen Jahr im März 2003 eine (bisher erheblich schwächere) Nachfolgeorganisation gegründet hat, den "Bloc identitaire". Diese, einige hundert Aktivisten zählende, Fraktion ruft mitunter bei Demonstrationen auch Slogans wie "In Paris wie in Gaza, Intifada". Anlässlich einer Tagung ihrer Kader im September 2001 wurde etwa großsupurig verkündet: "Die Palästinenser sind unsere objektiven Verbündeten (gegen die Israelis). Wir gehen ein Stück Weges mit dem objektiven Verbündeten, und danach verpassen wir ihm eine Kugel in den Kopf." (4)

Innerhalb des Front National, der unbestritten führenden Partei auf der extremen Rechten, koexistieren heute beide Positionen - ähnlich, wie es auch Unterstützer kroatischer (namentlich auf dem katholisch-fundamentalistischen Flügel des FN) und serbischer Ultranationalisten (namentlich in den "nationalrevolutionären" Fraktionen) nebeneinander gibt. Allerdings entwickelte sich zwischen 1985 und 1995 der damalige Mainstream der extremen Rechten (deren Kader- und Intellektuellenpotenzial nach der Parteispaltung Le Pen/ Mégret von 1999 abgenommen hat) weg von in den 80er Jahren noch Ton angebenden pro-amerikanischen und pro-israelischen Positionen, hin zu völkisch-antiwestlichen.

Das ist auch mit der damaligen persönlichen Entwicklung von Parteichef Le Pen verknüpft. Dieser war noch im Februar 1987 mit Vertretern des Jewish World Congress zusammengetroffen, unter ihnen Vertreter der rechten Herut-Partei in Israel (die heute dem weit rechts stehenden Wahlbündnis "Israel unser Haus" angehört); das Treffen hatte Jack Torcyner organisiert. (5) Nachdem es anscheinend zufrieden stellend verlaufen war und beide Seiten sich in Augenschein genommen hatten, war Jean-Marie Le Pen offensichtlich fest davon überzeugt, nun mit den "Strippenziehern" einer weltweiten "jüdischen Macht" am Tisch gesessen zu haben, und sich bei ihnen seinen Frieden erkauft zu haben. Als seine Auschwitz relativierenden Äußerungen im französischen Fernsehen (Stichwort: "die Detail-Affäre" vom September 1987) sieben Monate später in Frankreich für einen politischen Skandal sorgten, da fühlte Le Pen sich schmählich verraten. Hatte er doch felsenfest geglaubt, nun mit der jüdischen Weltverschwörung eine Art Stillhalteabkommen geschlossen zu haben. Besonders in den darauf folgenden Jahren erging Jean-Marie Le Pen sich also öffentlich in Verschwörungs-Thesen und Kritik an einem "Big brother", der von der "amerikanischen Ostküste" aus die französische Politik dirigiere und der auch dafür verantwortlich sei, dass die bürgerliche Rechte seine Bewegung nicht für bündnisfähig erachte.

Später hat die Parteispaltung die ideologische, programmatische Arbeit in den Hintergrund treten lassen. Denn in ihrer Folge kümmerten sich die verschiedenen Fraktionen der extremen Rechten zunächst vorwiegend darum, sich gegenseitig Schaden zuzufügen, wobei ideologische Positionen in diesem Sinne instrumentalisiert wurden. Selbst der scharfe Anti-Einwanderungs-Diskurs (der normalerweise beim FN im Mittelpunkt steht) wurde dabei vorübergehend relativiert und abgeschwächt, um der anderen Fraktion - in diesem Fall dem MNR - in der Öffentlichkeit "Rassismus" vorwerfen zu können. Diese Phase dauerte in ihrer zugespitztesten Form das gesamte Jahr 1999 über an. Die extreme Rechte hat sie später überwunden und sich neu strukturiert, doch spielt die Persönlichkeit von Le Pen heute ein viel zentralere Rolle (bzw. die langfristige ideologische Arbeit der Kader heute eine geringere Rolle) als vor der Spaltung. Das Parteileben des FN hat sich vorwiegend auf seine Wahlkandidaturen konzentriert. Daher ist die Bedeutung ideologischer Orientierungspunkte heute geringer als noch in den Neunziger Jahren, und Jean-Marie Le Pen erlaubte sich geradezu eine ideologische Beliebigkeit in weltpolitischen Fragen. So bezog sich Le Pen in den Tagen vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2002 zugleich positiv auf Ariel Sharon (seine eigene Algerien-Erfahrung lehre ihn ja, dass man im Kampf gegen den Terrorismus eine harte Hand haben müsse) und auf "seinen Freund" Saddam Hussein (die beiden Männer haben sich im November 1990 und im Mai 1996 getroffen). Auf politische Stimmigkeit kam es dabei nicht so sehr an, sondern im Grunde vor allem darauf, möglichst alle Ressentiment-Potenziale - sowohl das gegen Juden als auch jenes gegen arabische Einwanderer - auszuschöpfen.

Zugleich bestehen an den aktivistischen Rändern der extremen Rechten Strömungen, die ein klares und unverwechselbares ideologisches Profil haben, auch in der Frage "Antisemitismus oder antiarabischer Rassismus zuerst?". Aus beiden Strömungen heraus gab und gibt es ­ begrenzte ­ Bemühungen, Mitglieder jeweiliger Communities als Ansprech- oder zumindest als Vorzeige- und Sparringspartner zu gewinnen. Einerseits gab es in den letzten Jahren eine, vor kurzem durch die Gerichte unterbundene, Kooperation zwischen den Webpages französischer Rassisten und französisch-jüdischer sowie israelischer Rechtsextremisten. Insgesamt umfasst dieses Spektrum rund 30 Websites, die in den meisten Fällen im Laufe des 2003 gerichtlich zum Abschalten gezwungen wurden. Das bekannteste Beispiel ist die gegenseitige Verlinkung zwischen den beiden Homepages SOS Racaille ("SOS Gesocks") und www.amisraelhai.org ("Das Volk Israels lebt"). Beide Internet-Sites verwiesen aufeinander, auf beiden wurden arabische Menschen als "Ratten", "Abfälle" und Ähnliches tituliert. Ihrem Treiben wurde jedoch durch die Justiz ein Ende gesetzt, und der Hauptbetreiber von www.amisraelhai.org Alexandre Attali stand am 30. September dieses Jahres in Paris vor Gericht, wo noch an den Toren des Justizpalastes geladene Zeugen durch Extremisten bedroht wurden. Am folgenden Tag wurde sein flüchtiger Webmaster in Nordfrankreich verhaftet.

Die Aktivisten dieses Milieus kommen aus zwei Richtungen. Einerseits aus dem Umfeld (vor allem) der Ligue de Défense Juive (LDJ, Jüdische Verteidigungs-Liga), dem französischen Ableger der extremistischen Kach-Bewegung des Rabbi Kahane. Diese ist in den USA sowie in Israel verboten, vier ihrer Webpages wurden vor wenigen Tagen in den USA auf die Liste terroristischer Organisationen aufgenommen. Andererseits stammen sie aber auch aus rechtsextremen französischen Gruppen (nicht-jüdischer Franzosen), denen es bei dieser begrenzten Kooperation vor allem darum geht, mit allen erdenklichen Mitteln die Spannungen zwischen Communities zu verstärken, um dem "globalen Rassenkrieg" den Weg zu ebnen. (6)

Aus ihren Reihen stammt etwa Florian Schekler (mit richtigem Namen Jean-Florian Trouchaud), der am 24. September dieses Jahres in Paris zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, weil er ein - vereiteltes - Selbstmordattentat auf die Pariser Zentralmoschee im 5. Arrondissement geplant hatte. Er war im Februar dieses Jahres rechtzeitig verhaftet worden.

Umgekehrt bemühten sich vor allem im Herbst 2000, kurz nach Beginn der zweiten Intifada, französische Neonazis und Rechtsextremisten darum, mit jungen arabischstämmigen Einwandererkindern in den Banlieues in¹s Gespräch zu kommen. Laut einem Polizeibericht, der im November 2000 durch das Wochenmagazin "Le Point" zitiert wurde, gediehen die Bemühungen aber in der Praxis nicht sehr weit.

Neben den militanten, aktivistischen Flügeln innerhalb verfügt auch der "parlamentarische Arm", der "respektable" Teil der rechtsextremen Großpartei, sowohl über seine Alibi-Juden als auch daneben über seine "Arabes de service". Zu ersteren zählt etwa der (aus Altersgründen nicht mehr aktive) Robert Hemmerdinger, der in den Neunziger Jahren im Regionalparlament des Großraums Paris saß und sogar ehemaliger Résistance-Teilnehmer war; er ist mittlerweile aus Altersgründen nicht mehr aktiv, nachdem er 1992/94 eine gewisse Rolle bei der Aufdeckung von Korruptionsskandalen der Parteigänger Jacques Chiracs gespielt hatte. Zu zweiteren gehört der derzeitige Pariser Regionalparlamentarier Farid Smahi. Die Hauptgründe für die Betätigung dieser Personen auf der extremen Rechten liegen in beiden Fälle in einer Vorgeschichte in Gestalt des Algerienkriegs begründet.

Dieser Krieg (1954 - 62) brachte eine Reihe ehemaliger Résistance-Angehöriger, im Namen der Verteidigung der Republik und ihres Kolonialreichs, im Rahmen neuer politischer Konstellationen an die Seite von Rechten und extremen Rechten. Zugleich brachte der Algerienkrieg eine Hilfsarmee von pro-französischen Kolonialsubjekten hervor, die damals auf Seiten der "Metropole" (des kolonialen "Mutterlands") gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung kämpften: Die "Harkis". Die Motivationen dieser Harkis waren unterschiedlicher Natur: Manche kämpften aus persönlicher Vorteilsuche als Hilfstruppe für die französische Armee (als eine Art Kollaborateure im klassischen Sinne). In anderen Fällen dagegen sind die Ursachen in den inneren Brüchen der traditionellen algerischen Gesellschaft selbst zu suchen, welche die Kolonialmacht sich zunutze machen konnte. Bspw. in Phänomenen von (lang zurückreichender) Rache zwischen verschiedenen algerischen Familien, die etwa einen Teil eines Dorfs auf die Seite der französischen Armee brachte, weil andere Teile des Dorfes am Kampf für die Unabhängigkeit teilnahmen. Ein Teil dieser "Harkis" ließ sich Verbrechen wie etwa die Teilnahme an Folterungen und persönliche Vorteilnahme bei Plünderungen zuschulden kommen, andere sind im Endeffekt eher als Opfer des Konflikts zu betrachten. Ein Teil der nach 1962 in Algerien verbliebenen Harkis wurden bei Racheakten getötet oder massakriert, während andere an anderen Orten unbehelligt blieben. Die in größerer Zahl nach Frankreich geflüchteten Harkis wiesen später oft Eingliederungsschwierigkeiten in die französische Gesellschaft auf. Vor diesem Hintergrund, verbunden mit einer Art Minderwertigkeitskomplex gegenüber der französischen Gesellschaft (und dem Willen zu einem unbedingten, extremen Loyalitäts- oder französischen Identitätsbeweis), wurden einige Harkis beim Front National aktiv. Manche von ihnen auch an führender Stelle. Sie sollten Jean-Marie Le Pen als öffentlichen Nachweis demokratischer Reinheit dienen: Wie könne man seine Partei denn als rassistisch oder faschistisch bezeichnen, wo doch "Araber und Juden bei ihr Mitglied" seien - ein klassisches Alibi-Argument.



Anmerkungen:

(1) Einleitung zu in "La droite révolutionnaire. Les origines françaises du fascisme", Paris, Editions du Seuil, 1978.
(2) Die deutsche Übersetzung mit "Volksfront" ist mehr als nur ungenau, da die französische Bezeichnung populaire wenig mit dem deutschen "Volks-" oder "volkstümlich"-Begriff gemeinsam hat. Er bezeichnet eine, wenngleich vergröberte, soziale Kategorie ­ in etwa die "Unterschichten".
(3) Gilles Bresson und Christian Lionet: "Le Pen. Biographie." Paris, Seuil, 1994. Vgl. besonders S. 148, 156/157, 280.
(4) Zitiert nach "Le Monde" vom 17. 07. 2002.
(5) Vgl. Lothar Baier: "Firma Frankreich", Berlin 1988, S. 71. Übereinstimmende Angaben machte der ehemalige Kommunikations-Beauftragte von Jean-Marie Le Pen, der 1994 aus dem FN ausgetreten war, Lorrain de Saint-Affrique, im Interview mit dem Verfasser dieser Zeilen (am 19. März 1997 in Paris).
(6) Bezeichnend bzw. erhellend ist dabei, dass im deutschsprachige Raum gerade "antideutsche" Sekten, die sich aus ehemaligen Linken rekrutieren, dieses Bündnis affirmieren und, wenngleich mit einigen rhetorischen Vorbehalten, unterstützen. So jüngst Justus Wertmüller in der wichtigsten Sektenzeitschrift dieses Milieus, "Bahamas", Nummer 42 ("Französische Zustände. Antirassisten machen mobilŠ"). Dort streitet er zunächst die Existenz solcher Kontakte ab, um sie dann im weiteren Verlauf des Artikels aber (mit ein paar Abstrichen) zu affirmieren. So attestiert er dem Neo- bzw. Altfaschisten Jean-Marie Le Pen, zwar wohl rassistische Äußerungen abzugeben, aber auch "vernünftige Einwände gegen die ungebremste Islamisierung". Ferner konstatiert er, Le Pen vertrete eigentlich richtige "Kritik" gegen eine "irre gewordene Gesellschaft", wenngleich sie auf "widerwärtigem Niveau" bleibe (denn um ein gutes Niveau zu erreichen, muss man schon Wertmüllers Gruppierung beitreten). Ferner begeistert sich Wertmüller förmlich für die Gewalttaten der LDJ. Das muss nicht verwundern, denn für diese sehr deutschen "Antideutschen" bildet die Berufung auf den von ihnen angeblich geführten Kampf gegen Antisemitismus oftmals nur die ideologische Legitimation für ihre lebensgeschichtliche Abrechnung mit der Linken, und für die ungehemmte Übernahme mitunter rassistischer Thesen. So wird das Buch eines Autors aus Wertmüllers Blättchen, Karl Selent u.a. mit folgendem Werbetext angekündigt: "Den Kosovo-Palästinensern dagegen würde er gerne mal Arkan den Tiger zeigen." (ça ira-Verlag Freiburg) Besagter Arkan war der Anführer paramilitärischer Banden in Serbien, an der Schnittstelle zwischen politischer Gewalt und Organisierter Kriminalität, der im Jahr 2000 von Konkurrenten aus dem Weg geräumt wurde, nach Jahren des Raubens und des Mordens. Den in Israel lebenden Menschen wird durch solche rechtsradikalen Gewaltfantasien deutscher, vorgeblicher Philosemiten mit Sicherheit kein Gefallen erwiesen.
Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehn. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen. - Kurt Tucholsky

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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Die Franzosen sind Opfer ihrer eigenen humanitären Phrasen geworden, mit denen sie, besonders nach 1789, die Hirne aller weißen Männer vernebelt & verkleistert haben. Insoferne haben sie sich ihre Probleme selbst eingebrockt; es scheint doch so etwas wie eine historische Gerechtigkeit zu geben

Das Abendland nebst seinen Filialen in Übersee ist dekadent geworden; die Überlebensinstinkte sind durch abstrakte Wieselworte deaktiviert worden.

Mal sehen, wie unsere Intelligentija reagieren wird, wenn der importierte [zensiert] demnächst hierzulande morden, brandstiften und plündern wird.

Wahrscheinlich wird man sich schuldbewußt an die Brust schlagen und von unzureichenden Integrationsangeboten schwiemeln.

Tacitus
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Beitrag von Tacitus »

Liberté, Egalité, Pfefferminzté !

Tacitus
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Beitrag von Tacitus »

Nicolas Sarkozy, der "kleine Prinz", Frankreichs Innenminister, äußert sich in der Weltwoche zu den Krawallen in seinem Land. Auszüge:
weltwoche.ch hat geschrieben:Sie reden von «Gesindel» (racaille) und nicht von «Delinquenten». Sie sind überzeugt, dass Sie Zugang finden zu den Franzosen, wenn Sie deren Sprache sprechen. Lenken Ihre starken Worte nicht einfach von Ihrer Machtlosigkeit ab?
Was werfen Sie mir vor? Dass ich einen Ganoven (voyou) einen Ganoven nenne? Dass ich ankündige, die Banlieues vom Drogenhandel zu befreien, über den man seit Jahren lamentiert, ohne wirklich etwas zu unternehmen? Man weiss schon lange, was in den Banlieues los ist, und man zieht es seit dreissig Jahren vor, sie verrotten zu lassen und grossräumig zu umfahren. Man hat versucht, sich Ruhe zu erschwindeln, indem man den Service public einfach aus den Zonen abzog und gleichzeitig eine Sozialpolitik betrieb, die aus Unterstützungsleistungen besteht. Die Bewohner der Vorstadtviertel haben das Gefühl, die Republik habe sie aufgegeben!

Integrationsminister Azouz Begag kritisiert, dass Sie die Bewohner der Banlieue stigmatisieren.
Ich lass mich auf keine Polemik ein. Ich will nur eines unterstreichen: Seit ich wieder Innenminister bin, habe ich 46 Besuche in der Banlieue gemacht. Während der Ausschreitungen bin ich jede Nacht vor Ort gewesen, und ich werde weiterhin präsent bleiben. Ich rede von einer Realität, die ich kenne, und ich richte mich an Leute, zu denen die Botschaft durchdringt. Meine Arbeit besteht darin, von denen verstanden zu werden, die da wohnen, die den Blick senken, wenn sie ihr eigenes Haus betreten, weil irgendwelche Ganoven sie drangsalieren. Ich stehe auf der Seite dieser Leute. Ich habe keine Lunte angezündet.

Muss das Jugendstrafrecht angepasst werden?
Die Minderjährigen von heute haben nichts mehr zu tun mit denjenigen vor vierzig Jahren. Es gibt Jugendliche von 14, 15 Jahren, die schon Vergewaltigungen, Raubüberfälle und Brandstiftungen hinter sich haben und stark sind wie ausgewachsene Männer. Wir brauchen neue strafrechtliche Mittel. Es muss auch nachgedacht werden über die Familien, die ihre Erziehungspflichten nicht wahrnehmen: Sie sollten durch die Kürzung oder die vormundschaftliche Einbettung der Sozialhilfe bestraft werden. Auch die Zahl der Internate in den schwierigen Zonen muss vergrössert werden. In der Region Paris ist in einer von zwei Familien nur ein Elternteil vorhanden. Was macht man mit den «Vier-Uhr-Waisenkindern», wenn die Schule aus ist? Ein Platz in einem Internat kann verhindern, dass die Kinder dem Gesetz der Strasse ausgesetzt werden. Auch die Mittel, um gewalttätiges Verhalten schon bei den Allerjüngsten schnell festzustellen, müssen verstärkt werden. Grundsätzlich glaube ich nicht an globale Strategien, sondern nur an individualisierte Lösungsstrategien.

Petra
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Registriert: Samstag 4. Oktober 2003, 19:30

Beitrag von Petra »

Monsieur Sarkozy soll angeblich der kommende Mann Frankreichs für das Präsidentenamt sein.

Schwer nachzuvollziehen. :hmm:

Raphael

Beitrag von Raphael »

Ein Bericht über die Zustände in den Banlieues wurde heute morgen um 0.00 Uhr (!) in der ARD gebracht: Weder Huren noch Sklavinnen

Die FAZ schrieb dazu folgendes: Sie würden mich töten

Die Ausrede "Davon habe ich nichts gewußt!" gilt genausowenig wie bei den Abtreibungen ........ :|

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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Raphael, anhand von sorgfältig – und der eigenen Aussageabsicht entsprechend – ausgewählten furchtbaren Einzelschicksalen kann man alles und gar nichts beweisen, vor allem aber hervorragend Propaganda treiben.

Die Begriffswelt der Beitragsankündigung läßt darauf schließen, daß da eine Kampfemanze als Autorin am Werk war. Mit der Anprangerung „männlicher Gewalt“ kommt man den eigentlichen Ursachen der Probleme in solchen Quartieren nicht näher (wie übrigens auch nicht mit dem billigen Verweis aufs islamische Schreckgespenst).

Beobachtungen in deutschen und amerikanischen Vergleichsgebieten – und ich habe keinen Grund anzunehmen, es sei in Frankreich prinzipiell anders – zeigen mir vielmehr, daß einerseits vorwiegend Männer oder Jungen ebenso Täter wie Opfer der dortigen bandenmäßigen Gewalttätigkeit sind, daß andererseits aber die Mädchen ebenso Opfer wie auch Täterinnen sind.

Man könnte also ebenso von „weiblicher Gewalt“ reden. Entsprechende Fälle kenne ich sogar selbst. Nur hilft das bei der Suche nach den Ursachen nicht weiter. Das ist keine Frage von „männlich“ oder „weiblich“.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Uwe Schmidt
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Beitrag von Uwe Schmidt »

Petra hat geschrieben:Monsieur Sarkozy soll angeblich der kommende Mann Frankreichs für das Präsidentenamt sein.

Schwer nachzuvollziehen. :hmm:

Wieso? Dieser ungarische Adlige wird zweifellos président de la République, weil er jung, gebildet, vernünftig und effizient ist. Die weißen Franzosen hoffen, dass er die Probleme mit den "Arabern" beseitigt (meistens sind es ja nur halbwegs arabisierte Berber). Ein erster Schritt in diese Richtung war seine Initiative, den Moscheenbau staatlich zu finanzieren, sodass die Muslime nicht scharenweise zu islamistischen, oft saudischen Organisiationen überlaufen müssen.

Uwe Schmidt
Beiträge: 1153
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Beitrag von Uwe Schmidt »

Ewald Mrnka hat geschrieben:
FioreGraz hat geschrieben:
Tacitus hat geschrieben:
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Wenn er hier auf Chirac schimpft, dann spiegelt das natürlich den
Ärger wider, den man in den angelsächsischen Logen und bei den
Bne Briss derzeit über den Grand Orient de France hegt, oder min-
destens über seine Hauptströmung.
Aha, die Juden und die Freimaurer sind schuld. Oder verstehe ich Dich da miss, o Robert?
Nicht die Juden die Zionisten oder Weisen von Zion, die dann mit den Illuminaten unter einer Decke stecken. In wirklichkeit war ja auch Mohamed mal ein Zionist und die Verschwörung ist von langer HAnd geplant, zuerst überollen uns die Moslems, auf das wir dann von den Budhisten/ Chinesen (Buddha war ein Großmeister der Loge) befreit werden. Im Rahmen des Budhismus gepaart mit dem Kommunismus werden wir dann langsam umerzogen, zu seelen und gottlosen Zombis die Hammer und Sichel verehren wobei Sichel in wirklichkeit die Hörner des Teufels darstellen genauso wie der Halbmond ......

Lg
Fiore
Ich liebe Verschwörungstheorien. Merke: Nur die Paranoiker überleben.


Ja, das hat Henry Kissinger gesagt!

Uwe Schmidt
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Registriert: Donnerstag 18. März 2004, 04:56

Beitrag von Uwe Schmidt »

nemesis hat geschrieben:
Die Presse hat geschrieben:Es sind vermutlich im Kern die gleichen Gründe, die die Jungs auf der arabischen Straße in Paris davon abhält, sich auch nur halbwegs anständig zu entwickeln: eine religiös inspirierte Kultur, die jeden wissenschaftlichen, sozialen, ökonomischen oder politischen Fortschritt nur unter einem kräftigen Glaubensvorbehalt zulässt, wenn überhaupt (im arabischen 300-Millionen-Menschen-Markt erschienen 1996 nicht einmal 2000 Buchtitel; in den kleineren USA waren es im selben Jahr weit über 100.000).
was das erscheinen von bücherin in der islamischen welt mit dem verhalten von nominell muslimischen jugendlichen zu tun, würde ich gerne wissen.
es ist der gleiche rassistische mist in der presse von journalisten, deren kenntnis über den islam, islamischen ländern und muslimen aus ein paar populärwissenschaftlichen büchern, hörsenagen und vorurteilen resultiert.
diese jugendliche sind nominell muslime, ihr verhalten hat nichts mit religiös inspirierter kultur zu tun. im gegenteil das sind eher jugendliche die hip-hop hören, alkohol trinken, hasch rauchen, freundinnen u. sex vor der ehe haben. nicht gerade attribute einer islamischen lebensweise. sie praktizieren den islam nicht. sie leben inder gleichen kultur wie die nicht-muslimischen franzosen. aber es gibt schichtspezifische unterschiede, die so zu bennen zu banal ist für viele journalisten (und viele andere). es ist schon bezeichnend, das das verhalten von muslimen automatisch auf die religion zurückgeführt wird, und andere gründe erst gar nicht in betracht zieht. auf die idee das auch muslimen ihre religion egal sein kann kommt natürlich keiner drauf, was auch gewollt ist.
und ihr verhalten hat nichts mit den verhältnissen der islamischen welt zu tun, zumal die sehr heterogen ist und an ganz anderen gründen krankt als die situation von jugendlichen, deren situation erst ein ergebniss des diaspora-daseins oder der hiesigen verhältnisse ist.


Ich vermute mal, dass sich Islamismus im journalistischen Tagesgeschäft einfach besser verkauft als die nüchterne (und richtige) Analyse, dass die Unzufriedenheit der beurs hauptsächlich in der Diskriminierung durch die einheimischen Franzosen begründet liegt!
Allerdings spielt der Nahostkonflikt schon auch eine sehr große Rolle in den Vorstädten - der wird dann dort regelmäßig nachgespielt.

Raphael

Beitrag von Raphael »

@ Robert Ketelhohn
Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Raphael, anhand von sorgfältig – und der eigenen Aussageabsicht entsprechend – ausgewählten furchtbaren Einzelschicksalen kann man alles und gar nichts beweisen, vor allem aber hervorragend Propaganda treiben.

Die Begriffswelt der Beitragsankündigung läßt darauf schließen, daß da eine Kampfemanze als Autorin am Werk war. Mit der Anprangerung „männlicher Gewalt“ kommt man den eigentlichen Ursachen der Probleme in solchen Quartieren nicht näher (wie übrigens auch nicht mit dem billigen Verweis aufs islamische Schreckgespenst).

Beobachtungen in deutschen und amerikanischen Vergleichsgebieten – und ich habe keinen Grund anzunehmen, es sei in Frankreich prinzipiell anders – zeigen mir vielmehr, daß einerseits vorwiegend Männer oder Jungen ebenso Täter wie Opfer der dortigen bandenmäßigen Gewalttätigkeit sind, daß andererseits aber die Mädchen ebenso Opfer wie auch Täterinnen sind.

Man könnte also ebenso von „weiblicher Gewalt“ reden. Entsprechende Fälle kenne ich sogar selbst. Nur hilft das bei der Suche nach den Ursachen nicht weiter. Das ist keine Frage von „männlich“ oder „weiblich“.
Es geht mir doch gar nicht um die extremen Einzelschicksale, die geeignet sind, Emotionen hochkochen zu lassen! :hmm:

Es geht um den "ganz normalen Wahnsinn", der sich offensichtlich in den Banlieues schon seit mehreren Jahren vollzieht ............

Und auch wenn man weit entfernt von einer Gender-Ideologie ist, ist es IMHO nicht von der Hand zu weisen, daß die zu Tage getretenen Gewalttätigkeiten in Frankreich zu mehr als 95% von Männern durchgeführt worden sind. Es scheint in der Tat der Fall zu sein, daß diese männlichen Jugendlichen sich stärker von einer Ideologisierung des Konfliktes beeinflussen lassen als weibliche Jugendliche, die unter denselben Verhältnissen aufgewachsen sind. Man hat den Sponti-Spruch "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!" im Ohr, wenn man diese Berichte sieht. :/

Interessanterweise ist auch die französische Intelligenzia ziemlich sprachlos und weitgehend abgetaucht. Warum wohl? :roll:

Und Berichte aus amerikanischen Stadtvierteln, in denen die ansonsten sehr gesetzestreuen Staatsbürger bei der entsprechenden Nachtzeit selbst vor roten Ampeln nicht halten wollten, sind seit Jahrzehnten bekannt. Hier tritt die pure Angst zu Tage ...............

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pierre10
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Beitrag von pierre10 »

Uwe Schmidt hat geschrieben:
Petra hat geschrieben:Monsieur Sarkozy soll angeblich der kommende Mann Frankreichs für das Präsidentenamt sein.

Schwer nachzuvollziehen. :hmm:

Wieso? Dieser ungarische Adlige wird zweifellos président de la République, weil er jung, gebildet, vernünftig und effizient ist. Die weißen Franzosen hoffen, dass er die Probleme mit den "Arabern" beseitigt (meistens sind es ja nur halbwegs arabisierte Berber). Ein erster Schritt in diese Richtung war seine Initiative, den Moscheenbau staatlich zu finanzieren, sodass die Muslime nicht scharenweise zu islamistischen, oft saudischen Organisiationen überlaufen müssen.
Ich denke, dass er seine Wahl bereits verspielt hat. Viel Franzosen mögen diese starken Worte nicht, im Gegenteil, sie sind in der Mehrzahl bedrückt über die Probleme der Immigranten.

Pierre
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pierre10
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Beitrag von pierre10 »

Uwe Schmidt hat geschrieben:
nemesis hat geschrieben:
Die Presse hat geschrieben:Es sind vermutlich im Kern die gleichen Gründe, die die Jungs auf der arabischen Straße in Paris davon abhält, sich auch nur halbwegs anständig zu entwickeln: eine religiös inspirierte Kultur, die jeden wissenschaftlichen, sozialen, ökonomischen oder politischen Fortschritt nur unter einem kräftigen Glaubensvorbehalt zulässt, wenn überhaupt (im arabischen 300-Millionen-Menschen-Markt erschienen 1996 nicht einmal 2000 Buchtitel; in den kleineren USA waren es im selben Jahr weit über 100.000).
was das erscheinen von bücherin in der islamischen welt mit dem verhalten von nominell muslimischen jugendlichen zu tun, würde ich gerne wissen.
es ist der gleiche rassistische mist in der presse von journalisten, deren kenntnis über den islam, islamischen ländern und muslimen aus ein paar populärwissenschaftlichen büchern, hörsenagen und vorurteilen resultiert.
diese jugendliche sind nominell muslime, ihr verhalten hat nichts mit religiös inspirierter kultur zu tun. im gegenteil das sind eher jugendliche die hip-hop hören, alkohol trinken, hasch rauchen, freundinnen u. sex vor der ehe haben. nicht gerade attribute einer islamischen lebensweise. sie praktizieren den islam nicht. sie leben inder gleichen kultur wie die nicht-muslimischen franzosen. aber es gibt schichtspezifische unterschiede, die so zu bennen zu banal ist für viele journalisten (und viele andere). es ist schon bezeichnend, das das verhalten von muslimen automatisch auf die religion zurückgeführt wird, und andere gründe erst gar nicht in betracht zieht. auf die idee das auch muslimen ihre religion egal sein kann kommt natürlich keiner drauf, was auch gewollt ist.
und ihr verhalten hat nichts mit den verhältnissen der islamischen welt zu tun, zumal die sehr heterogen ist und an ganz anderen gründen krankt als die situation von jugendlichen, deren situation erst ein ergebniss des diaspora-daseins oder der hiesigen verhältnisse ist.


Ich vermute mal, dass sich Islamismus im journalistischen Tagesgeschäft einfach besser verkauft als die nüchterne (und richtige) Analyse, dass die Unzufriedenheit der beurs hauptsächlich in der Diskriminierung durch die einheimischen Franzosen begründet liegt!
Allerdings spielt der Nahostkonflikt schon auch eine sehr große Rolle in den Vorstädten - der wird dann dort regelmäßig nachgespielt.
Diese Schilderung der Situation erscheint mir korrekt.

Pierre
Grenzen im Kopf sind sehr hinderlich

Raphael

Beitrag von Raphael »

@ Pierre
Pierre hat geschrieben:
Uwe Schmidt hat geschrieben:
Petra hat geschrieben:Monsieur Sarkozy soll angeblich der kommende Mann Frankreichs für das Präsidentenamt sein.

Schwer nachzuvollziehen. :hmm:

Wieso? Dieser ungarische Adlige wird zweifellos président de la République, weil er jung, gebildet, vernünftig und effizient ist. Die weißen Franzosen hoffen, dass er die Probleme mit den "Arabern" beseitigt (meistens sind es ja nur halbwegs arabisierte Berber). Ein erster Schritt in diese Richtung war seine Initiative, den Moscheenbau staatlich zu finanzieren, sodass die Muslime nicht scharenweise zu islamistischen, oft saudischen Organisiationen überlaufen müssen.
Ich denke, dass er seine Wahl bereits verspielt hat. Viel Franzosen mögen diese starken Worte nicht, im Gegenteil, sie sind in der Mehrzahl bedrückt über die Probleme der Immigranten.

Pierre
Wie siehst Du die Rolle der Le Pen - Anhänger in dieser Frage?

Tacitus
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Beitrag von Tacitus »

Pierre hat geschrieben:
Petra hat geschrieben:Monsieur Sarkozy soll angeblich der kommende Mann Frankreichs für das Präsidentenamt sein.
Schwer nachzuvollziehen. :hmm:
Ich denke, dass er seine Wahl bereits verspielt hat. Viel Franzosen mögen diese starken Worte nicht, im Gegenteil, sie sind in der Mehrzahl bedrückt über die Probleme der Immigranten.

Pierre
Nun, lieber Pierre, ich dachte Du lebst in Frankreich? Ich dachte mir schon - als ich Deinen Beitrag las - dass es sich wohl anders verhalten würde. Heute lese ich in der Welt, 70 % der Franzosen befürworten Sarkozys Methoden.
Lebst Du im Kloster?

Tacitus
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Beitrag von Tacitus »

Keine Aufstände - nirgends.
Dominique de Villepin erweist sich als wahrer Franzose. War was? Nein, doch nicht in Frankreich. In einem Interview mit CNN gab der berufsbedingt Realitätsblinde folgendes zum Besten:
[Christiane] Amanpour: You know, many people, after hurricane Katrina struck the United States said, that it exposed the poverty and racism that exist in the United States. Many people in France said that ... around the world said it. Many people also said that the riots in the ghettos if you like... in the suburbs ...

De Villepin: I am not sure you can call them riots. It's very different from the situation you have known in 1992 in L.A. for example. You had at that time 54 people that died, and you had 2,000 people wounded. In France during the 2 weeks period of unrest, nobody died in France. So, I think you can't compare this social unrest with any kind of riots.

Amanpour: What do you call it then?

De Villepin: Social unrest, you have to understand also, there were no guns in the streets. No adults; mostly young people between 12 and 20 ... so it is very special movement
Quelle

Es wird Zeit, dass dieser Politikertypus in France abtritt und Realisten wie Sarkozy Platz macht.

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pierre10
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Beitrag von pierre10 »

Wie siehst Du die Rolle der Le Pen - Anhänger in dieser Frage?[/quote]

Le Pen ist auf dem absteigenden Weg, ist wohl auch besser so.

Pierre
Grenzen im Kopf sind sehr hinderlich

Raphael

Beitrag von Raphael »

@ Pierre
Pierre hat geschrieben:Le Pen ist auf dem absteigenden Weg, ist wohl auch besser so.

Pierre
Die Unruhen werden IMHO seine Anhänger mobilisieren!
Für sie sind doch die verbalen Attacken eines Sarkozy auf das "Gesindel" noch viel zu zahm ........

Uwe Schmidt
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Beitrag von Uwe Schmidt »

Raphael hat geschrieben:@ Pierre
Pierre hat geschrieben:Le Pen ist auf dem absteigenden Weg, ist wohl auch besser so.

Pierre
Die Unruhen werden IMHO seine Anhänger mobilisieren!
Für sie sind doch die verbalen Attacken eines Sarkozy auf das "Gesindel" noch viel zu zahm ........


Nö, glaube ich eher nicht: Sarkozy ist doch viel besser als Le Pen im "Ordnung-Schaffen". Seit Sarko auf der Bühne steht, geht es mit Le Pen bergab, letzterer ist einfach nicht mehr nötig, wo doch ein Nicht-Außenseiter wie Sarkozy glaubhaft machen konnte, dass er wirklich etwas gegen die Arabisierung Frankreichs unternehmen will.

Tacitus
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Beitrag von Tacitus »


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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Man müßte wissen, um welche Art von "Jugendlichen es sich gehandelt hat. waren sie schwarz, waren sie weiß, waren sie Milchkaffees, Mohammedaner, Christen, Hooligans, waren sie, Gott behüte, etwa Faschisten? Katholische Traditionalisten?

Generell von "Jugendlichen" zu sprechen ist "Rassismus". Da wirft man doch, greulich & abscheulich, alle Jugendlichen "undiffereziert" in einen Topf.
Wer die wirklichen Herrschenden identifizieren will, braucht sich nur zwei Fragen zu stellen:
WEN und WAS darfst Du NICHT kritisieren?
WESSEN INTERESSEN verfolgt das System?

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Cosimo
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Beitrag von Cosimo »

Zumindest zwei hatten Marrokanische Papiere

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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Cosimo hat geschrieben:Zumindest zwei hatten Marrokanische Papiere
Na, prima, es differenziert sich aus.
Wer die wirklichen Herrschenden identifizieren will, braucht sich nur zwei Fragen zu stellen:
WEN und WAS darfst Du NICHT kritisieren?
WESSEN INTERESSEN verfolgt das System?

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Knecht Ruprecht
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Beitrag von Knecht Ruprecht »

Gibt es inzwischen Analysen, wieso ausgerechnet arabisch aussehende und dunkelhäutige Menschen an der Gewalt beteiligt waren? In Frankkreich gibt es doch noch mehr verschieden aussehende zugewanderte Menschen, wieso haben die so etwas nicht nötig?

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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Knecht Ruprecht hat geschrieben:Gibt es inzwischen Analysen, wieso ausgerechnet arabisch aussehende und dunkelhäutige Menschen an der Gewalt beteiligt waren? In Frankkreich gibt es doch noch mehr verschieden aussehende zugewanderte Menschen, wieso haben die so etwas nicht nötig?
Du stelltst vielleicht Fragen!
Japaner waren offenbar nicht unter der "Jugendlichen".

Vielleicht sollte man künftig überhaupt keine Bilder mehr zeigen, damit keine "dumpfen" Vorurteile hochkommen können.
Wer die wirklichen Herrschenden identifizieren will, braucht sich nur zwei Fragen zu stellen:
WEN und WAS darfst Du NICHT kritisieren?
WESSEN INTERESSEN verfolgt das System?

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Elisabethgzb
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Beitrag von Elisabethgzb »

Ewald Mrnka hat geschrieben:
Knecht Ruprecht hat geschrieben:Gibt es inzwischen Analysen, wieso ausgerechnet arabisch aussehende und dunkelhäutige Menschen an der Gewalt beteiligt waren? In Frankkreich gibt es doch noch mehr verschieden aussehende zugewanderte Menschen, wieso haben die so etwas nicht nötig?
Du stelltst vielleicht Fragen!
Japaner waren offenbar nicht unter der "Jugendlichen".

Vielleicht sollte man künftig überhaupt keine Bilder mehr zeigen, damit keine "dumpfen" Vorurteile hochkommen können.
Japaner sind keine Muslime und überhaupt Asiaten werden sich hüten, solche Gewaltorgien zu veranstalten, und dadurch das Gesicht zu verlieren, jedenfalls außerhalb Asiens.

Und in der anderen Weltrichtung also Latingamerika und de Karibik sind eh Katholisch, und keine Muslime und veranstalten bekanntlich ihre Gewalt daheim in Haiti.


Ich glaube @ Lewe Knecht Rupprecht damit dürfte deine Frage erschöpfend beantwortet sein.

Gruss,
Elisabeth

Raphael

Beitrag von Raphael »


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pierre10
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Beitrag von pierre10 »

Raphael hat geschrieben:Kommt Frankreich zur Ruhe?

Tötung von jungem Juden schockiert Frankreich
Es gibt einfach unverständliche Taten, hier könnte mann einigen Erklärungen finden, ich finde es einfach unmenschlich.

Pierre
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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Da wird noch manches auf uns zukommen; "verstehen" muß man das nicht. Es reichte schon aus, wenn man es wenigstens zur Kenntnis nehmen würde.

Der Europäische Bürgerkrieg hat nämlich schon begonnen.
Wer die wirklichen Herrschenden identifizieren will, braucht sich nur zwei Fragen zu stellen:
WEN und WAS darfst Du NICHT kritisieren?
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Robert Ketelhohn
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Beitrag von Robert Ketelhohn »

Ewald hat geschrieben:Der Europäische Bürgerkrieg hat nämlich schon begonnen.
Aber keineswegs unvermeidlich, sondern gemacht.
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

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Ewald Mrnka
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Beitrag von Ewald Mrnka »

Robert Ketelhohn hat geschrieben:
Ewald hat geschrieben:Der Europäische Bürgerkrieg hat nämlich schon begonnen.
Aber keineswegs unvermeidlich, sondern gemacht.
Es wird schrecklich; besonders für die Schwachen. Nach dem (vergleichsweise!) perikleischen 19. Jahrhundert geht es nur noch bergab.

"Im Zeitalter der Humanität sind die Menschen selten geworden".
Wer die wirklichen Herrschenden identifizieren will, braucht sich nur zwei Fragen zu stellen:
WEN und WAS darfst Du NICHT kritisieren?
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