Stephen Dedalus hat geschrieben:Hi John,
ich denke, daß Calvin eine wesentlich stärkere Führungspersönlichkeit war als Luther, allerdings war sein direkter Einflußbereich bedeutend kleiner und reichte nicht weit über die Genfer Kirche und die Schweiz hinaus. Innerhalb dieses BEreiches gelang es ihm jedoch, eine Kirchenwesen nach seinen Vorstellungen zu formen, was Luther m. W. in dieser direkten Form nicht getan hat.
Nun ja, Du hast ja im Prinzip das Gleiche gesagt wie ich, nur anders betont.
Denn es gab ja einige reformierte Kirchen, die sozusagen Kinder Calvins waren und sind, nicht zuletzt die Scottish Kirk und die reformierten Baptisten, die ja beide große Zweige in den USA haben. (Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, die von solchen Christen stark geprägt wurde.) Aber ich glaube nicht, daß es eine starke gemeinsame
calvinistische Identität oder Erbe gibt, nicht auf der gleichen Ebene wie Luther -- und eine "pure" Calvinismus gibt es m.E. nicht mehr, nicht mal den Anspruch darauf (so wie z.B. Alt-Lutheraner).
Das ist auch gewissermaßen ein Kompliment an Luthers Nachfolger: Sie haben's ja geschafft, eine Erbe weiterzugeben und einigermaßen Einheit zu bewahren, während die reformierten Kirchen (auch die calvinistischer Färbung) ständig spalten und mit anderen fusionieren. Die gingen ja sogar ins Extreme mit Kongregationalismus -- und es waren die Kongregationalisten, die in meiner Kindheit besonders stark vertreten waren, wo es so extrem wurde, daß nur diese eine Gemeinde wirklich christlich ist und alle anderen vom Teufel gelenkt (und die Nachbargemeinde behauptete selbstverständlich das Gleiche von sich).
Das meine ich auch nicht als Calvin-Bashing, nicht wirklich negativ, sondern es ist eine Beobachtung, als (ungewollte) Folge seiner Ideen. Wer weiß, vielleicht hat eine dieser winzigen Gemeinden in den schlichten weißgestrichen Kirchen in den Appalachen Recht, auch wenn ich es für unwahrscheinlich halte.
Es hat aber m.E. keinen Zweck, Luther und Calvin zu vergleichen und zu sagen, der oder der sei katholischer, denn es reißt beide Figuren aus ihrem historischen Kontext heraus. Es geht u.a. darum, was das Ergebnis war, wie haltbar ihre Ideen waren und sind. Mir scheint es, daß Lutheranismus an sich haltbarer und einheitlicher geworden ist, als Calvinismus -- und somit könnte man eher eine institutionelle wie lehrliche Einheit mit Lutheranern finden, als mit Calvinisten, unabhängig davon, wie durchdacht die Ideen der jeweiligen Denker (und die ihrer Anhänger) auf dem ersten Blick erscheint.
Der einzige Nachteil bei Lutheranern, den ich beobachte: Luther spielt bei manchen (wohl nicht bei allen!) Lutheranern eine derart überragende Rolle, daß es schnell zum Bunkerdenken kommt. Auch wenn Bunkerdenken kaum ein Monopol der Lutheraner ist, gelle?
Ganz ehrlich, trotz der calvinistischen Prägung Teile der anglikanischen Theologie in der Geschichte, würde ich eher sagen, mit Lutheranern können wir was heute anfangen. Und siehe da, es läuft darauf hinaus -- Porvoo und ELCA.
Cheers,
John
Der Beweis, dass Gott einen Sinn für Humor hat: Er hat die Menschheit geschaffen.
[ Alt-Katholisch/Anglikanisch in Hannover ]