Auferstehungstag: «μία σαββάτων»?

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
bwv232
Beiträge: 54
Registriert: Freitag 23. Januar 2009, 21:35

Auferstehungstag: «μία σαββάτων»?

Beitrag von bwv232 »

Bei einer Diskussion mit einem messianischem Evangelikalen ist letzthin die Behauptung gefallen, der Auferstehungstag von Christus Jesus sei gar nicht der erste Tag nach dem Sabbat gewesen, also der Sonntag. Die entsprechende Stelle, etwa in Matthäus 28,1 sei eine Fehlübersetzung.
Matthäus 28,1:

 ̓Οψὲ δὲ σαββάτων, τῃ̂ ἐπιφωσκούσῃ εἰς μίαν σαββάτων,
Mit meinen bescheidenen Griechisch-Kenntnissen hätte ich das jetzt so übersetzt:
[aber?] nach des Sabbats, beim aufgehenden zum eins [erster Tag?] des Sabbats
Ich habe jetzt lange darüber nachgegrübelt, ehrlich gesagt ist das auf Griechisch tatsächlich schwer verständlich. Was ist mit dem σαββάτων eigentlich jeweils gemeint? Ich weiß, dass es sowohl den 'Tag' als auch die 'Woche' bezeichnen kann, aber was genau wird da eigentlich von der zeitlichen Abfolge erklärt? Und wie könnte man aus diesen -zumindest in der Übersetzung sehr klaren Worten- schlussfolgern, dass es sich bei dem Auferstehungstag um eine 'christliche' Fehlübersetzung handelt? Da ich mich in dieser Diskussion am Ende aus Unkenntnis geschlagen geben musste, wollte ich diesem Problem auf jeden Fall noch mal tiefer nachgehen,

viele Grüße

Benutzeravatar
lifestylekatholik
Beiträge: 8702
Registriert: Montag 6. Oktober 2008, 23:29

Re: Auferstehungstag

Beitrag von lifestylekatholik »

Wo ist das Problem? Es ist kirchliche Tradition seit Urzeiten und somit richtig.
»Was muß man denn in der Kirche ›machen‹? In den Gottesdienſt gehen und beten reicht doch.«

bwv232
Beiträge: 54
Registriert: Freitag 23. Januar 2009, 21:35

Re: Auferstehungstag

Beitrag von bwv232 »

lifestylekatholik hat geschrieben:Wo ist das Problem? Es ist kirchliche Tradition seit Urzeiten und somit richtig.
Bei der besagten Diskussion war für mich das Problem, die erste Begegnung des auferstandenen Christus hat nach der Tradition fraglos am ersten Tag der Woche stattgefunden, dennoch sollte das auch begründet werden können. Und bei der Lektüre des griechischen Textes erschien mir das dann weniger klar, als in der Übersetzung. Nachdem dass hier ja ein Forum voller Fachleute ist, dachte ich, frage ich mal nach, ob an der These der Fehlübersetzung etwas dran sein kann.

viele Grüße

Benutzeravatar
lifestylekatholik
Beiträge: 8702
Registriert: Montag 6. Oktober 2008, 23:29

Re: Auferstehungstag

Beitrag von lifestylekatholik »

bwv232 hat geschrieben:Und bei der Lektüre des griechischen Textes erschien mir das dann weniger klar, als in der Übersetzung. Nachdem dass hier ja ein Forum voller Fachleute ist, dachte ich, frage ich mal nach, ob an der These der Fehlübersetzung etwas dran sein kann.
Es kann nichts dran sein, weil die feste kirchliche Tradition dem entgegensteht.

Aber vielleicht ist ein Moderator ja so nett und schiebt das in die Griechischschule im Brauhaus?
»Was muß man denn in der Kirche ›machen‹? In den Gottesdienſt gehen und beten reicht doch.«

Benutzeravatar
Nassos
Beiträge: 9048
Registriert: Montag 1. Juni 2009, 01:48

Re: Griechischschule

Beitrag von Nassos »

Also, zum Auferstehungstag haette ich sofort an das Konzil verwiesen, das dies festlegte. Das aber nicht aus dem Grund, dass ich ... kein Altgriechisch kann. Einiges davon verstehe ich, weil es nicht all zu weit weg ist vom Neugriechischen und mit etwas Kombinatorik kommt man drauf (manchmal aber auch auf falsche [Punkt]), aber bei manchen Sachen stehe ich selber leider machtlos da. :bedrippelt:

Ich werde noch mal fragen, es steht ja auch die von Teutonius im Erbsuendenthread der Sakristei gestellte Frage (der altgriechische Satz und die Frage, ob der Mensch oder die Welt gefallen sei).

Ich hoffe, ich bekomme das zeitlich hin...

Nassos
Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Benutzeravatar
Nassos
Beiträge: 9048
Registriert: Montag 1. Juni 2009, 01:48

Re: Auferstehungstag

Beitrag von Nassos »

bwv232 hat geschrieben:
Matthäus 28,1:

 ̓Οψὲ δὲ σαββάτων, τῃ̂ ἐπιφωσκούσῃ εἰς μίαν σαββάτων,
σαββάτων ist der Samstag. Εις μίαν ist die erste Stunde in der Nacht zum Sonntag. Wir feiern die Auferstehung um Mitternacht (in Deutschland wegen dem Zeitunterschied schon um 23:00 Uhr). Es ist aber immer noch samstag nacht.

Ich hoffe, ich konnte das korrekt erklären...

Gruß,
Nassos
Ich glaube; hilf meinem Unglauben

bwv232
Beiträge: 54
Registriert: Freitag 23. Januar 2009, 21:35

Re: Griechischschule

Beitrag von bwv232 »

Nassos hat geschrieben:
bwv232 hat geschrieben:
Matthäus 28,1:

 ̓Οψὲ δὲ σαββάτων, τῃ̂ ἐπιφωσκούσῃ εἰς μίαν σαββάτων,
σαββάτων ist der Samstag. Εις μίαν ist die erste Stunde in der Nacht zum Sonntag. Wir feiern die Auferstehung um Mitternacht (in Deutschland wegen dem Zeitunterschied schon um 23:00 Uhr). Es ist aber immer noch samstag nacht.

Ich hoffe, ich konnte das korrekt erklären...

Gruß,
Nassos
Danke. So weit ich weiß, wird nach alter Tradition der Abend des Samstag ja schon zum Sonntag gerechnet. So wie der jüdische Sabbat am Samstag nach Einbruch der Dunkelheit endet, so beginnt der christliche Sonntag eben auch schon am Samstag. Mit der Vorabendmesse erfüllst du ja auch deine Sonntagspflicht. Die erste Stunde des ersten Tages der Woche müsste demnach der Samstagabend gewesen sein, kurz nach der Dunkelheit.

Wie weit sich daraus aber eine 'Fehler' in der Übersetzung ergibt, konnte ich auch in der oben erwähnten Diskussion nicht klären. Das die erste Begegnung des auferstandenen Christus am ersten Tag der Woche stattgefunden hat, ist doch biblisch völlig klar. Wie nun dieser Tag im einzelnen bezeichnet wird und wann er genau anfangen und geenden hat, ändert daran gar nichts.

viele Grüße

Benutzeravatar
Robert Ketelhohn
Beiträge: 26022
Registriert: Donnerstag 2. Oktober 2003, 09:26
Wohnort: Velten in der Mark
Kontaktdaten:

Re: Auferstehungstag

Beitrag von Robert Ketelhohn »

Nassos hat geschrieben:
bwv232 hat geschrieben:
Matthäus 28,1:

 ̓Οψὲ δὲ σαββάτων, τῃ̂ ἐπιφωσκούσῃ εἰς μίαν σαββάτων,
σαββάτων ist der Samstag. Εις μίαν ist die erste Stunde in der Nacht zum Sonntag.
Wir feiern die Auferstehung um Mitternacht (in Deutschland wegen dem Zeitunter-
schied schon um 23:00 Uhr). Es ist aber immer noch samstag nacht.
Nein. Der Sabbat (unser Sonnabend) ist τὸ σάββατον; σαββάτων ist der Genitiv Plural,
also „der Sabbate“. Nun heißt σάββατον aber nicht nur Sonnabend oder Sabbat, sondern
auch allgemein „Festtag“, vor allem aber bedeutet der Plural τὰ σάββατα in der κοινὴ
„die Woche“.

Mt 28,1 könnte man das zweite σαββάτων als „Festtage“ verstehen, nämlich die Woche
nach dem Pascha, nicht aber das erste σαββάτων. So ist hier eindeutig „Woche“ gemeint.

Ebenso Lc 24,1: Καὶ τὸ μὲν σάββατον ἡσύχασαν κατὰ τὴν ἐντολήν, τῇ δὲ μιᾷ τῶν σαβ-
βάτων ὄρϑρου βαϑέως ἐπὶ τὸ μνῆμα ἦλϑον ϕέρουσαι ἃ ἡτοίμασαν ἀρώματα. Im ersten
Halbsatz liegt σάββατον ganz normal im Singular vor („und den Sabbat ruhten sie etc.“),
im zweiten im Plural im Sinne von „Woche“: „am einen [= ersten, μία ist hier als Ordinal-
zahl gebraucht] Tag der Woche aber etc.“.

Mc 16,9 dagegen wird der Singular gebraucht: „ἀναστὰς δὲ πρωὶ πρώτῃ σαββάτου ἐϕά-
νη πρῶτον Μαρίᾳ τῇ Μαγδαληνῇ – auferstehend aber früh am ersten ‹Tag› des Sabbats
erschien er zuerst der Maria Magdalena“. Der „erste Tag des Sabbats“ meint den ersten
Tag danach, also den Sonntag. An dieser Wendung wird kenntlich, wie die Bedeutungsent-
wicklung zu σάββατα – „Woche“ vonstatten ging. Zunächst konnten gelegentlich auch
die Singularformen direkt „Woche“ bedeuten – so etwa Lc 18,12: „νηστεύω δὶς τοῦ σαβ-
βάτου – ich faste zweimal die Woche“ –, aber die Pluralform wurde allmählich vorherr-
schend.

Zurück zu Mt 28,1: ὀψὲ δὲ σαββάτων, τῇ ἐπιϕωσκούσῃ εἰς μίαν σαββάτων, ἦλϑεν Μα-
ρία ἡ Μαγδαληνὴ καὶ ἡ ἄλλη Μαρία ϑεωρῆσαι τὸν τάϕον. Jenes ὀψὲ bedeutet „[lange]
nachher, spät, zu spät“ und dergleichen. Mit abhängigem Genitiv meint es entweder „[lan-
ge] nach (der im Genitiv angegebenen Zeit)“ oder „spät (innerhalb des im Genitiv angege-
benen Zeitraums)“, also etwa „spät am Tage“ oder „[lange] nach dem (näher spezifizierten)
Tag“.

Sollen wir in unserm Fall Mt 28,1 nun also sagen: „spät in der Woche“ oder „lange nach der
Woche“? – Beides wäre unpassend. (Auch die Vulgata übersetzt mit vespere übrigens reich-
lich schräg.) Vielmehr müssen wir verstehen: „nach dem Ende der Woche“, auch nach dem
Sabbat im übrigen, dem Ruhetag, an welchem nichts geschah und aus Achtung vor dem Ge-
setz die Frauen nicht zum Grab gingen (insofern also durchaus auch „lange“ nach den zuvor
geschilderten Ereignissen). Marcus und Lucas drücken sich klarer aus, keine Frage. Man wird
vermuten dürfen, daß das Holperige der Formulierung bei Matthæus der Übersetzung aus
dem aramäischen Original geschuldet ist. Eindeutig zu verstehen ist es aber letztlich doch.

Der ganze Vers lautet dann übersetzt: „Nach dem Ende der Woche, als es in den einen [= er-
sten] ‹Tag› der Woche hinein licht wurde [dämmerte], kamen Maria Magdalena und die an-
dere Maria, nach dem Grab zu schauen.“
Propter Sion non tacebo, | ſed ruinas Romę flebo, | quouſque juſtitia
rurſus nobis oriatur | et ut lampas accendatur | juſtus in eccleſia.

Benutzeravatar
Nassos
Beiträge: 9048
Registriert: Montag 1. Juni 2009, 01:48

Re: Auferstehungstag: «μία σαββάτων»?

Beitrag von Nassos »

ich hoffe, ich darf in der Griechischschule noch mitwirken.... ;D

Vielen Dank fuer diese Ausfuehrung, auch fuer mich war Neues dabei. Ich hatte darueberhinaus tatsaechlich uebersehen, dass dort ein Mehrzahl-Omega im Sabbaton drin war. Peinlich.

Aehm, wieso ist dies aus dem Strang der Griechischschule wieder raus? Vor allem Herr Ketelhohns Beitrag ist Schule.

Nassos
Ich glaube; hilf meinem Unglauben

Antworten Vorheriges ThemaNächstes Thema