Christ86 hat geschrieben:
Was denkst du eigentlich, geht es mehr zu einem neuen reformierten Bekenntnis oder zur Wiedereinführung der altkirchlichen bzw. (alt-)reformierten Bekenntnisse?
In der neuen Kirchenordnung der Zürcher Landeskirche werden die Bekenntnisschriften (altkirchlich und Schriften der Reformation) zumindest in einem Artikel erwähnt, jedoch mehr im Sinne einer Rückbesinnung auf die Wurzeln der Reformierten Kirche.
Vereinzelt lassen heute Pfarrerinnen und Pfarrer in Gottesdiensten wieder das Apostolikum oder andere Bekenntnistexte (z.B. dasjenige von Kurt Marti) lesen. Ich vermute, dass dies zunehmen wird. Aber ich bin sehr unsicher.
Die Tendenz, jeder verbindlichen Aussage zu Glaubensfragen, ja überhaupt jeder Auseinandersetzung mit solchen auszuweichen, besteht bei vielen Pfarrern aber noch immer. Für mich wird die Sache zu einer Frage des Überlebens der reformierten Kirche. Ich glaube nicht, dass es auf die Länge aufgeht, immer nur zu schauen, dass man ja keinem Gemeindeglied mit einer Glaubensansicht zu nahe tritt. Es mag vorübergehend als erfolgversprechend erscheinen, mit Gemeindefesten, Tanz- und Filmabenden und anderen unverbindlichen Events Menschen in die Kirchenräume zu locken. Spätestens dann, wenn das Geld ausgehen wird, um die Sigristen- und Hauswartsstunden zu bezahlen oder wenn sich Sozialdiakoninnen und Pfarrer auf ihre Kernarbeit konzentrieren müssen, weil die Arbeit auf weniger Pfarr-, Diakonie-, Sekretariats- und Hauswartsstellen aufgeteilt werden muss, wird man vermehrt auf die Arbeit von Freiwilligen und Behördenmitglieder, die sich nicht für jeden Handgriff bezahlen lassen, angewiesen sein. Und wenn diese, wie man so schön sagt, "für Gottes Lohn" arbeiten sollen, brauchen sie ein Glaubensfundament und wollen mit diesem Ernst genommen werden. Wenn ihnen dies nicht mehr geboten wird, bleiben sie der Kirche fern oder engagieren sich in der Nachbarkirchgemeinde oder in einer Freikirche, wo Glaubensfragen noch grösseres Gewicht zuerkannt wird. (Diejenigen, welche die Kirche nur wegen Events und schönen Tauf-, Konfirmations- und Totenfeiern aufsuchen, werden sich ohne "marktkonforme" Bezahlung sicherlich nicht engagieren.)
Vielleicht schreibe ich jetzt "off topic" mir meinen Frust vom Leib. Ich habe mich immer als liberaler Reformierter gesehen. Inzwischen merke ich, dass mein Verständnis von liberal (freiheitliche christliche Lehre mit Inhalt und Toleranz gegenüber Menschen, die nicht in allen Glaubensfragen mit mir übereinstimmen; aber gemeinsames Ringen um die Wahrheit) mit demjenigen beispielsweise meines Gemeindepfarrers (der sich bei jeder Gelegenheit als liberal bezeichnet, aber einfach Unverbindlichkeit, Gleichgültigkeit und Sprachlosigkeit in der Verkündigung meint) nicht übereinstimmt. Ich denke, die Frage nach dem Bekenntnis bzw. nach der Suche nach einem solchen hat viel mit der Frage zu tun, ob man sich dem Gespräch über Glaubensfragen stellt oder nicht, womit meine Schreibe vielleicht doch nicht so "off topic" ist..
Noch zur Anfrage von cantus planus von heute 18.36 Uhr: Vielleicht bin ich wirklich in einem Umbruch, in einer Neuorientierung. Ich kann das (noch) nicht abschliessend beurteilen. Der Umstand, dass ich nun schon während mehreren Jahre im Kreuzgang, also einem in der Regel romtreuen katholischen Forum mitdiskutiere (und wohl auch den einen oder andern damit ärgere), zeigt doch, dass die Befassung mit anderen christlichen Gedankengängen für mich nicht absolut neu ist.... sie führt mich auch immer wieder zum Nachdenken über meine eigenen reformierten Glaubenswurzeln.