Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

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Christ86
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Re: Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

Beitrag von Christ86 »

Granuaile hat geschrieben:Ich sehe aber eine Entwicklung zu wieder mehr Verbindlichkeit. Dies ist ein schwieriger Weg. Es müssen anderthalb Jahrhunderte, in denen Bekenntnisse verdrängt wurden, aufgearbeitet werden. Das braucht Zeit und Energie.
Was ja durchaus ein positives Zeichen ist :)

Was denkst du eigentlich, geht es mehr zu einem neuen reformierten Bekenntnis oder zur Wiedereinführung der altkirchlichen bzw. (alt-)reformierten Bekenntnisse? :detektiv:

Mir gefällt das Credo von Kappel, aber das habe ich schon mal gesagt :ja:
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cantus planus
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Re: Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

Beitrag von cantus planus »

Granuaile hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben: Aber damit gibt die Reformierte Kirche in der Schweiz doch endgültig zu gescheitert zu sein. Wer kein gemeinsames Bekenntnis hat, der hat keinen gemeinsamen Glauben und wer kein Bekenntnis hat, der hat keinen Glauben.
Ohne dass ich jetzt den Lutheranern und den deutschen Reformierten zu nahe treten will: Wenn ich an lutherischen oder (in Deutschland) reformierten Gottesdiensten teilnehme, wundere ich mich oft, welch verschiedene Ansichten gepredigt werden und sehe oft nicht, wie sich diese auf die Katechismen Luthers oder das Augsburger Bekenntnis bzw. auf den Heidelberger Katechismus stützen. Indem irgendwo in den Kirchensatzungen steht, diese oder jene Bekenntnisschrift sei verbindlich und indem jeden Sonntag das Apostolikum oder Nizäa-Konstantinopel aufgesagt wird, wird die Kirche bzw. die betreffende Kirchgemeinde noch lange nicht eine echte Bekenntnisgemeinschaft. In dem Sinne ist es nicht unbedingt ein blosses Scheitern der schweizerischen Reformierten, im 19. Jahrhundert zur "Bekenntnisfreiheit" gelangt zu sein und von dieser nicht mehr loszukommen, sondern ein ehrlicher Akt des offen gelegten Unvermögens.
Im übrigen bin ich gar nicht so sicher, ob die Reformierten in der Schweiz wirklich so bekenntnislos oder gar ungläubig sind. Etwas Difuses scheint mir vorhanden zu sein. Karl Barth hat einmal von "Bekenntnisarmut" in der Schweiz gesprochen. Mir scheint der Ausdruck nicht schlecht zu sein.

Ich sehe, dass ich mich wieder einmal von Lutheraner in die Ecke treiben lasse und meine Kirche verteidige. Ich empfinde das Abrücken von verbindlichen Bekenntnissen im 19. Jahrhundert als einen Fehlentscheid und bedauere, dass sich damals die Wortführer der Hauptlager (Positive und Liberale) nicht zusammensetzen konnten und letztlich den Weg des geringsten Widerstandes wählten, indem sie einfach "alles" freigaben. Ich sehe aber eine Entwicklung zu wieder mehr Verbindlichkeit. Dies ist ein schwieriger Weg. Es müssen anderthalb Jahrhunderte, in denen Bekenntnisse verdrängt wurden, aufgearbeitet werden. Das braucht Zeit und Energie.
Ich wundere mich sehr. Hier beklagst du gerade, was du bei den Katholiken in anderen Unterforen oft genug verurteilt hast. Hast du da eine neue Erkenntnis gewonnen?

Auf dieser Basis werde sogar ich noch zum Freund des ökumenischen Dialogs.
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Granuaile
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Re: Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

Beitrag von Granuaile »

Christ86 hat geschrieben: Was denkst du eigentlich, geht es mehr zu einem neuen reformierten Bekenntnis oder zur Wiedereinführung der altkirchlichen bzw. (alt-)reformierten Bekenntnisse? :detektiv:
In der neuen Kirchenordnung der Zürcher Landeskirche werden die Bekenntnisschriften (altkirchlich und Schriften der Reformation) zumindest in einem Artikel erwähnt, jedoch mehr im Sinne einer Rückbesinnung auf die Wurzeln der Reformierten Kirche.
Vereinzelt lassen heute Pfarrerinnen und Pfarrer in Gottesdiensten wieder das Apostolikum oder andere Bekenntnistexte (z.B. dasjenige von Kurt Marti) lesen. Ich vermute, dass dies zunehmen wird. Aber ich bin sehr unsicher.

Die Tendenz, jeder verbindlichen Aussage zu Glaubensfragen, ja überhaupt jeder Auseinandersetzung mit solchen auszuweichen, besteht bei vielen Pfarrern aber noch immer. Für mich wird die Sache zu einer Frage des Überlebens der reformierten Kirche. Ich glaube nicht, dass es auf die Länge aufgeht, immer nur zu schauen, dass man ja keinem Gemeindeglied mit einer Glaubensansicht zu nahe tritt. Es mag vorübergehend als erfolgversprechend erscheinen, mit Gemeindefesten, Tanz- und Filmabenden und anderen unverbindlichen Events Menschen in die Kirchenräume zu locken. Spätestens dann, wenn das Geld ausgehen wird, um die Sigristen- und Hauswartsstunden zu bezahlen oder wenn sich Sozialdiakoninnen und Pfarrer auf ihre Kernarbeit konzentrieren müssen, weil die Arbeit auf weniger Pfarr-, Diakonie-, Sekretariats- und Hauswartsstellen aufgeteilt werden muss, wird man vermehrt auf die Arbeit von Freiwilligen und Behördenmitglieder, die sich nicht für jeden Handgriff bezahlen lassen, angewiesen sein. Und wenn diese, wie man so schön sagt, "für Gottes Lohn" arbeiten sollen, brauchen sie ein Glaubensfundament und wollen mit diesem Ernst genommen werden. Wenn ihnen dies nicht mehr geboten wird, bleiben sie der Kirche fern oder engagieren sich in der Nachbarkirchgemeinde oder in einer Freikirche, wo Glaubensfragen noch grösseres Gewicht zuerkannt wird. (Diejenigen, welche die Kirche nur wegen Events und schönen Tauf-, Konfirmations- und Totenfeiern aufsuchen, werden sich ohne "marktkonforme" Bezahlung sicherlich nicht engagieren.)
Vielleicht schreibe ich jetzt "off topic" mir meinen Frust vom Leib. Ich habe mich immer als liberaler Reformierter gesehen. Inzwischen merke ich, dass mein Verständnis von liberal (freiheitliche christliche Lehre mit Inhalt und Toleranz gegenüber Menschen, die nicht in allen Glaubensfragen mit mir übereinstimmen; aber gemeinsames Ringen um die Wahrheit) mit demjenigen beispielsweise meines Gemeindepfarrers (der sich bei jeder Gelegenheit als liberal bezeichnet, aber einfach Unverbindlichkeit, Gleichgültigkeit und Sprachlosigkeit in der Verkündigung meint) nicht übereinstimmt. Ich denke, die Frage nach dem Bekenntnis bzw. nach der Suche nach einem solchen hat viel mit der Frage zu tun, ob man sich dem Gespräch über Glaubensfragen stellt oder nicht, womit meine Schreibe vielleicht doch nicht so "off topic" ist..

Noch zur Anfrage von cantus planus von heute 18.36 Uhr: Vielleicht bin ich wirklich in einem Umbruch, in einer Neuorientierung. Ich kann das (noch) nicht abschliessend beurteilen. Der Umstand, dass ich nun schon während mehreren Jahre im Kreuzgang, also einem in der Regel romtreuen katholischen Forum mitdiskutiere (und wohl auch den einen oder andern damit ärgere), zeigt doch, dass die Befassung mit anderen christlichen Gedankengängen für mich nicht absolut neu ist.... sie führt mich auch immer wieder zum Nachdenken über meine eigenen reformierten Glaubenswurzeln.

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cantus planus
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Re: Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

Beitrag von cantus planus »

:daumen-rauf:
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Christ86
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Re: Reformierte Landeskirchen: Wieder ein Bekenntnis?

Beitrag von Christ86 »

@Granuaile

Danke für die Einschätzung :) Ich finde, deine Erläuterungen auch zum persönlichen, gegenwärtigen Stand gar nicht OT, sie hängen ja eigentlich stark mit dem Thema zusammen.

Ein reformierter Freund besuchte einige Zeit eine Freikirche, weil bei ihm in der Gemeinde von vielem, insbesondere Politik etc., gesprochen wurde, nie aber von Gott. Er war der Meinung, dass er dafür auch in eine Partei eintreten könne und war dann eben freikirchlich orientiert. Inzwischen ist er umgezogen und die neue reformierte Gemeinde ist so gar nicht wie die frühere, sondern recht glaubensaktiv (und hat interessanterweise auch viele jüngere Aktive).

Ich sehe in dieser Bekenntnisdiskussion eine grosse Chance nicht nur für die Reformierten selber, sondern auch für die Ökumene, denn eine Kirche, die bekennt was sie glaubt, ist nunmal "glaubwürdiger" als Dialogpartnerin und auch als Gemeinschaft für ihre Mitglieder :ja: Der Hl. Geist wirkt eben allezeit :doktor:

Zu deinen Aussagen kann ich nur sagen: :klatsch:
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