Der Schweigebefehl Christi

Schriftexegese. Theologische & philosophische Disputationen. Die etwas spezielleren Fragen.
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Berolinensis
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Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Berolinensis »

Bei vielen Wundern, die der Heiland vor seinem Kreuzesopfer vollbrachte, verbietet er den Geheilten oder den ausgtriebenen Dämonen, davon zu erzählen, z.B. Mk 1,44; 3,12; 7,36a; Lk 5,14.

Kann jemand kurz erläutern (oder einen hilfreichen Hinweis auf eine Behandlung des Themas geben, womöglich online nachlesbar), warum der Herr dies tat? Zumal die Geheilten sich regelmäßig nicht daran gehalten haben, was dem Allwissenden klar war. Vielen Dank schon einmal.

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Gamaliel
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Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Gamaliel »

Berolinensis hat geschrieben:Kann jemand kurz erläutern (oder einen hilfreichen Hinweis auf eine Behandlung des Themas geben, womöglich online nachlesbar), warum der Herr dies tat? Zumal die Geheilten sich regelmäßig nicht daran gehalten haben, was dem Allwissenden klar war. Vielen Dank schon einmal.
Einen Hinweis kann ich geben: Ich würde mir die Auslegung der einzelnen Stellen bei den Kirchenvätern oder beim hl. Thomas anschauen. Siehe dazu etwa "Catena aurea" oder die Einzelkommentare von Thomas (COMMENTARIA BIBLICA).

Bei den Heilungen von Menschen ging es oft darum zwei Dinge unter einen Hut zu bringen: Christus zeigt durch die Heilung seine Überlegenheit über das Gesetz des Moses, bekundet aber gleichzeitig auch seine Verbindung mit diesem (indem er etwa den Geheilten gleich zum Priester schickt und ihm - als objektiv noch Unreinem - Gespräche mit den anderen Menschen verbietet.)

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Hubertus
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Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Hubertus »

Die moderne Exegese nennt dies mk "Geheimnismotiv"; vgl. z.B. hier u.ö., einfach nach markinisches geheimnismotiv googlen. (Hier der entsprechende Abschnitt aus der [jaja, ich weiß] Wikipedia.)

Kurz zusammengefaßt, geht dies Richtung davon aus, der Befehl zu schweigen deshalb ergeht, weil Christi wahre Person und Sendung erst von Ostern her verständlich werde. Man kann dabei auf zahlreiche außerbiblische Wundererzählungen ähnlichen Typs verweisen, die aufzeigen, daß es durchaus auch Scharlatane gab, die "Wunder" vollbrachten und von der Menge bestaunt wurden. - Demgegenüber würde Christus dann seine Wundertaten in engstem Zusammenhang mit dem österlichen Ereignis verstanden haben wissen wollen und der Gefahr entgegentreten wollen, er sei ein "Wundertäter" in dem "herkömmlichen Sinne".
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Berolinensis
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Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Berolinensis »

Danke schon einmal für diesen Hinweis! An die cat. aur. hatte ich natürlich auch gedacht, ich dachte allerdings, es gäbe vielleicht eine Behandlung dieses Themas im Zusammenhang.

Das bietet die cat. aur. zu Mk 7,36 (ich numeriere die Zitate mal):
1. Hieronymus: Per quod non in virtutibus gloriandum esse docuit; sed in cruce et humiliatione. 2. Chrysostomus: Praecepit etiam miraculum occultare, ne ante tempus accenderet Iudaeos ad homicidium per invidiam perpetrandum. 3. Hieronymus: Civitas autem in monte posita, undique circumspecta abscondi non potest, et humilitas semper praecedit gloriam; unde sequitur quanto autem eis praecipiebat, tanto magis plus praedicabant. 4. Theophylactus: Docemur autem ex hoc cum alicui beneficia elargimur, minime applausus, et laudes petere; cum vero accepimus beneficia, benefactores praedicare et laudare, quamvis nolint. 5. Augustinus de Cons. Evang: Si autem sciebat eos (sicut ille qui notas habebat et praesentes et futuras hominum voluntates) tanto magis praedicaturos, quanto magis ne praedicarent eis praecipiebat; ut quid hoc praecipiebat, nisi pigris volebat ostendere quanto gaudiosius, quanto ferventius eum praedicare debeant, quibus iubet ut praedicent, quando illi qui prohibebantur, tacere non poterant?
Die Punkte 1 und 4 sind ja die offensichtlichsten: das Beispiel der Demut, daß wir uns unserer guten Taten nicht rühmen sollen.

Was ich mich hauptsächlich gefragt hatte war, daß doch die Wunder des Herrn unseren Glauben stärken sollen. Das kann ja aber nicht geschehen, wenn darüber nicht gesprochen wird. Diesen Punkt greift Chrysostomus in Nr. 2 auf, indem er sagt, der Herr wollte vermeiden, daß die Juden vor der Zeit dazu gereizt würden, ihn umzubringen. Danach scheint alles wieder auf die Stunde der Erlösung zuzulaufen; der Hauptgrund wäre demnach meinem Verständnis nach "meine Stunde ist noch nicht gekommen".

Meine Frage nach dem Vorauswissen um die Verletzung des Gebots beantwortet Augustinus in Nr. 5 damit, der Heiland habe dadurch den Faulen zeigen wollen, um wieviel freudiger und eifriger die ihn verkündigen müssen, denen das aufgetragen ist, wenn schon die, denen es verboten war, nicht schweigen konnten. Das ist natürlich eine Erklärung. Sie ist aber für meine Begriffe nicht erschöpfend. Insbesondere verträgt sie sich ja eigentlich schlecht mit dem vorigen Punkt, daß die Stunde noch nicht gekommen war. Es bleibt also erst einmal die Spannung ziwschen den Umständen, daß der Herr einerseits wirklich wollte, daß sein Schweigegebot befolgt werde, und andererseits wußte, daß es nicht befolgt werden würde.

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Hubertus
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Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Hubertus »

Berolinensis hat geschrieben:Danke schon einmal für diesen Hinweis! An die cat. aur. hatte ich natürlich auch gedacht, ich dachte allerdings, es gäbe vielleicht eine Behandlung dieses Themas im Zusammenhang.

Das bietet die cat. aur. zu Mk 7,36 (ich numeriere die Zitate mal):
1. Hieronymus: Per quod non in virtutibus gloriandum esse docuit; sed in cruce et humiliatione. 2. Chrysostomus: Praecepit etiam miraculum occultare, ne ante tempus accenderet Iudaeos ad homicidium per invidiam perpetrandum. 3. Hieronymus: Civitas autem in monte posita, undique circumspecta abscondi non potest, et humilitas semper praecedit gloriam; unde sequitur quanto autem eis praecipiebat, tanto magis plus praedicabant. 4. Theophylactus: Docemur autem ex hoc cum alicui beneficia elargimur, minime applausus, et laudes petere; cum vero accepimus beneficia, benefactores praedicare et laudare, quamvis nolint. 5. Augustinus de Cons. Evang: Si autem sciebat eos (sicut ille qui notas habebat et praesentes et futuras hominum voluntates) tanto magis praedicaturos, quanto magis ne praedicarent eis praecipiebat; ut quid hoc praecipiebat, nisi pigris volebat ostendere quanto gaudiosius, quanto ferventius eum praedicare debeant, quibus iubet ut praedicent, quando illi qui prohibebantur, tacere non poterant?
Die Punkte 1 und 4 sind ja die offensichtlichsten: das Beispiel der Demut, daß wir uns unserer guten Taten nicht rühmen sollen.

Was ich mich hauptsächlich gefragt hatte war, daß doch die Wunder des Herrn unseren Glauben stärken sollen. Das kann ja aber nicht geschehen, wenn darüber nicht gesprochen wird. Diesen Punkt greift Chrysostomus in Nr. 2 auf, indem er sagt, der Herr wollte vermeiden, daß die Juden vor der Zeit dazu gereizt würden, ihn umzubringen. Danach scheint alles wieder auf die Stunde der Erlösung zuzulaufen; der Hauptgrund wäre demnach meinem Verständnis nach "meine Stunde ist noch nicht gekommen".
Interessant, wie hier der Standpunkt der neueren Exegese den spekulativen Entfaltungen der Väter nähert. Das die Ansätze Übergreifende scheint tatsächlich ein gewisser Verweis auf die noch ausstehende Stunde des Herrn zu sein. Dies geht ja auch expressis verbis aus 9,9 hervor:
Nova Vulgata hat geschrieben:9 Et descendentibus illis de monte, praecepit illis, ne cui, quae vidissent, narrarent, nisi cum Filius hominis a mortuis resurrexerit.
Berolinensis hat geschrieben:Meine Frage nach dem Vorauswissen um die Verletzung des Gebots beantwortet Augustinus in Nr. 5 damit, der Heiland habe dadurch den Faulen zeigen wollen, um wieviel freudiger und eifriger die ihn verkündigen müssen, denen das aufgetragen ist, wenn schon die, denen es verboten war, nicht schweigen konnten. Das ist natürlich eine Erklärung. Sie ist aber für meine Begriffe nicht erschöpfend. Insbesondere verträgt sie sich ja eigentlich schlecht mit dem vorigen Punkt, daß die Stunde noch nicht gekommen war. Es bleibt also erst einmal die Spannung ziwschen den Umständen, daß der Herr einerseits wirklich wollte, daß sein Schweigegebot befolgt werde, und andererseits wußte, daß es nicht befolgt werden würde.
Eine ganz ähnliche Situation gibt es doch auch auf dem Ölberg: Obwohl der Herr wußte, daß die Jünger einschlafen würden, gab er ihnen den Befehl, zu wachen und zu beten. Eine mögliche Erklärung könnte möglicherweise in der Angemessenheit jeder Weisungen Christi liegen: Es war in der Tat angemessen, zu schweigen, zu wachen und zu beten - auch wenn es in der konkreten Situation von den Einzelnen nicht eingehalten wurde.
Zuletzt geändert von taddeo am Montag 6. Dezember 2010, 22:07, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Zitatformatierung repariert.
Der Kult ist immer wichtiger als jede noch so gescheite Predigt. Die Objektivität des Kultes ist das Größte und das Wichtigste, was unsere Zeit braucht. Der Alte Ritus ist der größte Schatz der Kirche, ihr Notgepäck, ihre Arche Noah. (M. Mosebach)

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Nassos
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Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von Nassos »

Berolinensis,

eine sehr gute und zumal hochinteressante Frage. Der Hinweis auf das Osterereignis "hat was".

Vielen Dank!

Nassos
Ich glaube; hilf meinem Unglauben

ad_hoc
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Registriert: Mittwoch 14. Januar 2004, 12:14

Re: Der Schweigebefehl Christi

Beitrag von ad_hoc »

Danke, Hubertus, für die schöne Antwort.

Gruß, ad_hoc
quidquid cognoscitur, ad modum cognoscentis cognoscitur (n. Thomas v. Aquin)

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