K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.
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overkott
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K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Ich glaube, dass man K. Barth nicht mit einem Satz abhaken kann. Sein grundlegendes Fragen nach systematischer Theologie macht ihn relevant für ein vernünftig begründetes Christentum. Manche Ansätze in seiner Theologie scheinen immer noch aktuell zu sein: sein Interesse an Anselm von Canterbury, geometrische Denkmodelle in der Theologie, versöhnte Widersprüchlichkeit.

Aber ein grundlegender Denkfehler liegt wohl in seinem Verständnis Gottes als "den ganz anderen". Dieses Denken widerspricht der Offenbarung in der Schöpfung, in der Bibel, vor allem aber in Jesus Christus. Jesus Christus als das Mensch gewordene Wort Gottes hat Gott als den selbstverständlichen, als den allgemein verständlichen offenbart, der nicht mehr nur den Schriftgelehrten zugänglich ist, sondern prinzipiell jedem Menschen, der von Herzen nach dem Guten sucht und seinen Nächsten liebt wie sich selbst. Gott ist die einzige Selbstverständlichkeit dieser Welt, weil alles andere sich von ihm her versteht und zu ihm relativ ist. Gott als den ganz anderen zu verkünden, bedeutet aber eine Mystifikation, die in Spannung zur Bibel steht und den Gläubigen entmündigt. Erst wenn die kirchliche Verkündigung wieder zum selbstverständlichen Gott zurückkehrt, kann ein mit Jesus als Herrn und Bruder der Gottes- und Nächstenliebe verpflichteter, verantwortlicher und insofern mündiger Glaube (er)wachsen.

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Niels
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Niels »

Mir ist Barth nicht ganz und gar unsympathisch.
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ChrisCross
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von ChrisCross »

Zumindest hat er nicht so sehr wie manch anderer Theologe zur Auflösung des Glaubens auf protestantischer Seite beigetragen.
Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.
Augustinus Conf. I. 1

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Ich glaube, Barths Problem war Kierkegaard. Auch Kierkegaard sollte man nicht in Bausch und Bogen verurteilen. Aber seine These von der Kreuzigung des Verstands als Voraussetzung des Glaubens, mithin eine Tradition negativer Theologie ist der Grund für das protestantische Säkularisierungsproblem, wie es sich besonders deutlich in Nordeuropa zeigt. Die Spaltung von Frömmigkeit und Philosophie ist das Ergebnis reformatorischer Reduktion der Bibel um Weisheitsliteratur.

Demgegenüber sind Anselm und Bonaventura mit ihrem Verständnis der Bibel als Gottesweisheit und theologischer Philosophie heute wieder besonders aktuell. Gott ist ab dem ersten Satz der Bibel verständlich. Gott ist das Selbst(verständnis) der Welt. Gott ist das einzige Axiom. Darin erweist er sich als der Herr(scher) über die Schöpfung. Und indem er Gutes tut, gutheißt und segnet und die Schöpfung auf den Menschen hin erschafft, erweist er sich als liebender Vater oder abstrakter formuliert: als die Liebe. Die Liebe als Schöpfungsmotiv taucht schon im Buch der Weisheit auf, das der evangelischen Bibel fehlt. Insofern bestätigt Johannes mit seiner Lehre Gottes als die Liebe die Schöpfungstheologie und ihre alttestamentliche Rezeption. Wer mit Jesus und Bonaventura die Bibel liest, folgt nicht einem Denkmuster (-+), sondern sieht das Positive prinzipiell im ersten Satz der Bibel bereits grundgelegt. Jesus erweist sich als Gottes Sohn, indem er Gott treu bleibt und sich am paradiesischen Anfang orientiert. Auferstehung bedeutet für ihn Rückkehr ins Paradies, die mit der Aufnahme in den Himmel ihren Höhepunkt findet.

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Niels
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Niels »

overkott hat geschrieben:Auch Kierkegaard sollte man nicht in Bausch und Bogen verurteilen
Wer tut das? Ich nicht. :neinfreu:
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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Kritisch bei Barth ist der Ansatz des "unendlich qualitativen Unterschieds zwischen Mensch und Gott" zu beurteilen.

Dies steht in Spannung zur Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Kritisch zu beurteilen ist ebenfalls die Idee der doppelten Prädestination, nach der Gott für den Menschen das Leben, für sich selbst aber den Tod vorsieht.

Die Idee der doppelten Prädestinantion steht in Spannung zum Baum des Lebens. Die Fehlinterpretation des Kreuzestodes hängt zusammen mit einer mangelnden Reflexion von erstem und zweitem Tod. Christus ("In deine Hände lege ich meinen Geist.") hat den Tod der Seele nicht erlitten.

Glaube als Vertrauen auf die Rettung aller ist eine unzulässige Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts.

Diese Glaubensinterpretation entmündigt den Menschen und entzieht ihm die Verantwortung für sein Handeln. Sie würde den Glauben seiner ethischen Dimension berauben. Das Vertrauen auf die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes lässt demgegenüber Gott und dem Menschen die Freiheit der Entscheidung.

Die Kritik an natürlicher Theologie widerspricht der Lehre Jesus vom fremden Wundertäter und Paulus Würdigung natürlicher Theologie.

Die Kritik an einem abstrakten Gottesbild widerspricht biblischer Rede von Gott als Wort, als Geist, als Liebe.

Die Theologie Barths leidet zu stark unter dem protestantischen Widerspruch von Glaube und Vernunft.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Als Gegenpol zu Barth wirkt Bultmann. Sein Versuch einer Rationalisierung protestantischer Theologie ist eine bahnbrechende Neuerung. Er lüftet den Schleier der Verklärung und bemüht sich um den skeptischen Blick auf die Evangelien eines modernen Wissenschaftlers. Das gilt etwa für sein Verständnis der Auferstehung ins Kerygma. Für katholische Theologie relevant ist die Frage, inwieweit solche Positionen mit der Tradition kompatibel sind. Der Umweg über Bonaventura führt zu einer neuen, geistlichen Lektüre auch des neuen Testaments und öffnet die Augen für die Interpretation der Auferstehung durch Jesus selbst sowie durch Johannes und Paulus. Besonders das geistliche Johannes-Evangelium ist durch eine Verschiebung vom körperlichen ins geistige Verständnis geprägt. Die entspricht den (vermutlich älteren) Paulusbriefen. Bultmanns Theologie kann insofern als Beitrag eines protestantischen Theologen zur Forschung über die Tradition der Moderne gewertet werden. Mit anderen Worten: Auch Bultmann hebt im neuen Testament hervor, was darin immer schon modern war. Aber wo seine Theologie defizitär bleibt, sieht man besonders an einer Stelle, die Ratzinger in seinem 2. Jesus-Buch von Bultmann über die Einheit hervorhebt:

„Sie gründet also nicht in natürlichen oder weltgeschichtlichen Gegebenheiten, und sie kann auch nicht durch Organisation, durch Institutionen oder Dogmen hergestellt werden ... Geschaffen werden kann die Einheit nur durch das Wort der Verkündigung, in der der Offenbarer – in seiner Einheit mit dem Vater – jeweils gegenwärtig ist. Und bedarf die Verkündigung zu ihrer Realisierung in der Welt der Institutionen und Dogmen, so können diese doch nicht die Einheit echter Verkündigung garantieren. Andererseits braucht durch die faktische Zersplitterung der Kirche, die übrigens gerade die Folge ihrer Institutionen und Dogmen ist, die Einheit der Verkündigung nicht vereitelt zu werden. Überall kann das Wort echt erklingen, wo die Tradition festgehalten wird. Da die Echtheit der Verkündigung nicht ... kontrollierbar ist und da der dem Wort antwortende Glaube unsichtbar ist, so ist auch die echte Einheit der Gemeinde unsichtbar ... Unsichtbar ist sie, da sie überhaupt kein weltliches Phänomen ist ...“ (Das Evangelium des Johannes, S. 393f).

Bultmann denkt die Geistkirche des sel. Joachim von Fiore fort. Und es ist klar, dass Ratzinger im Nachklang seiner Bonaventura-Habilitation, jetzt vielmehr noch als Papst nicht damit zufrieden sein kann. Die "Echtheit der Verkündigung" als sprachliche Variation über das "rein gepredigte Evangelium" als unkontrollierbares und überhaupt kein weltliches Phänomen bleibt bei Bultmann eine negative Ekklesiologie, die der konkreten Jüngergemeinschaft Jesus nicht gerecht wird. Damit ist Bultmann der Einzug ins gelobte Land der kirchlichen Einheit als ein Leib und ein Geist in Christus nicht vergönnt.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Barths Offenbarungslehre fasst Gottes Wesen als Prozess seiner Selbstmitteilung auf. Gottes Sein ist im Werden (Eberhard Jüngel).

Das Problem bei diesem Gedankengang liegt in der etwas ungeordneten Begriffsfolge. Richtig ist:

Offenbarung ist der Prozess einer Selbstmitteilung. Tatsächlich mag sich auch ein Wesen entwickeln. Eine Entwicklung etwa wäre von schlecht zu gut.

Tatsächlich könnte man sogar versuchen, mit biblischen Texten schon ab der Schöpfungsgeschichte zu argumentieren, dass Gott neugierig ist oder das Gott etwas bereut.

Das darf man jedoch nicht falsch verstehen. Nicht Gott ändert sich, sondern der Mensch. Neugier und Reue sind damit Ausdruck der Beziehung zum freien Geschöpf. Wenn aber der ewige Gott sich nicht ändert, sondern in seinem guten Willen und seiner Liebe konstant ist, ist Gottes Wesen auch kein Prozess.

Wir haben es hier mit dem Ewigkeit-Zeit-Paradoxon zu tun. In Gott sind Ewigkeit und Zeit eins. Dabei ändert sich Gottes Wesen nicht, aber es offenbart sich ständig. Gottes Wesen umfasst nicht nur Zeit und Schöpfung, sondern ist auch in der Zeit und in der Schöpfung präsent. Indem Gott sich in der Schöpfung verwirklicht, kommt er zur Ruhe. Gott ruht in sich selbst.

Tillich kommt dem differenzierten Verständnis von Gott und Welt des ersten Satzes der Bibel näher als Barth. Sein Gott als "Sein-selbst" ist zwar ein seltsamer Neologismus. Soweit er jedoch damit meint, dass Gott das Selbst des Seins ist, entspricht sein Verständnis den Gottesnamen El-Schaddai und Jahwe: Gott der Allmächtige (Schöpfer) ist der Ich bin mit dir (Ex 3,12ff.; 6,3).

Ich glaube, dass Bonaventura durch sein prima scriptura einlädt zum ökumenischen Dialog, der hinführt zu Glaube und Vernunft in Gemeinschaft mit dem Papst in der Vielfalt kirchlicher Formen.

Raphael

Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Raphael »

Manchmal staunt man ja doch über die Dinge, welche Du hier so schriftlich verfaßt, aber manchmal kann man Dir auch uneingeschränkt zustimmen!

Meinen nicht vorhandenen Hut ziehend :huhu:
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Yeti
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Yeti »

Karl Barth war unbedingt ein Glücksfall, nicht nur für prot. Theologie, sondern für das Christentum überhaupt, gerade im Sinne der Ökumene. Falls die "analogia entis" jemals tatsächlich das einzige Hindernis für seine Konversion (lt. seiner Aussage) gewesen sein mag (was ich nicht glaube, s. sein Begriff vom "Heiligen"), so lebte er - speziell was die Ökumene angeht - ein paar Jahrzehnte zu früh. Wer sich für die Berührungspunkte substantieller prot. Theologie mit der kath.-kirchlichen Lehre interessiert (und keine Berührungsängste hat), sei v.a. die Diss. von Hans Küng ans Herz gelegt - aus einer Zeit vor seiner Hybris. Es stellt sich aber auch die Frage, was Barth der prot. Theologie heute zu sagen hätte. Ich las einmal einen Aufsatz von Kard. Kasper in den "Stimmen der Zeit", da beklagte er, dass die Gesprächsgrundlage für die Ökumene mit den prot. Denominationen zunehmends auseinanderbräche, man orientiere sich von Luther und Barth weg hin zu Schleiermacher und von Harnack (die praktisch nichts mehr von einer Dogmatik übriglassen, wie Barth und Luther sie noch verstanden). Letztendlich ist das aber ein Problem für Fachleute geworden, weil die Unterschiede der Konfessionen eigentlich selbst nur noch Fachleute kennen. Die Kirchen helfen bei dieser Irritation ja auch kräftig mit.
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Niels
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Niels »

Yeti hat geschrieben: Wer sich für die Berührungspunkte substantieller prot. Theologie mit der kath.-kirchlichen Lehre interessiert (und keine Berührungsängste hat), sei v.a. die Diss. von Hans Küng ans Herz gelegt - aus einer Zeit vor seiner Hybris.
Die habe ich hier in einem der Regale stehen. Karl Barth hat ja das Vorwort verfasst.
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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Yeti hat geschrieben:Karl Barth war unbedingt ein Glücksfall, nicht nur für prot. Theologie, sondern für das Christentum überhaupt, gerade im Sinne der Ökumene. Falls die "analogia entis" jemals tatsächlich das einzige Hindernis für seine Konversion (lt. seiner Aussage) gewesen sein mag (was ich nicht glaube, s. sein Begriff vom "Heiligen"), so lebte er - speziell was die Ökumene angeht - ein paar Jahrzehnte zu früh. Wer sich für die Berührungspunkte substantieller prot. Theologie mit der kath.-kirchlichen Lehre interessiert (und keine Berührungsängste hat), sei v.a. die Diss. von Hans Küng ans Herz gelegt - aus einer Zeit vor seiner Hybris. Es stellt sich aber auch die Frage, was Barth der prot. Theologie heute zu sagen hätte. Ich las einmal einen Aufsatz von Kard. Kasper in den "Stimmen der Zeit", da beklagte er, dass die Gesprächsgrundlage für die Ökumene mit den prot. Denominationen zunehmends auseinanderbräche, man orientiere sich von Luther und Barth weg hin zu Schleiermacher und von Harnack (die praktisch nichts mehr von einer Dogmatik übriglassen, wie Barth und Luther sie noch verstanden). Letztendlich ist das aber ein Problem für Fachleute geworden, weil die Unterschiede der Konfessionen eigentlich selbst nur noch Fachleute kennen. Die Kirchen helfen bei dieser Irritation ja auch kräftig mit.
Barth als sola Glücksfall zu sehen, nimmt ihn nicht wirklich ernst. Wer ihn ernst nimmt, setzt sich mit seinen Thesen kritisch auseinander. Barth und Harnack formulieren sicherlich beide theologische Einseitigkeiten, die dem Zusammenhang von Gottesliebe und Nächstenliebe und damit auch dem Zusammenhang von Gottesdienst und Nächstendienst nicht ganz gerecht werden. Was in der Eucharistie sonntags gefeiert wird, muss sich natürlich auch in der Woche widerspiegeln. Wichtig ist auch zu wissen:

1. Gottes Wort ist offenbar und deshalb begreiflich:
2. Gott ist nicht der ganz andere, sondern hat sich in Schöpfung und Menschwerdung im Gleichnis mitgeteilt.
3. Offenbarungsfülle (Jesus Christus) und Offenbarungsdynamik (Tradition) bedeuten: Es ist alles gesagt, aber noch nicht alles verstanden.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Mir scheint, dass Bultmann mit seinem Entmythologisierungsprogramm heute schon wieder überholt wirkt. Vor allem Ranke-Heinemann ist ein prominentes Entmythologisierungsopfer. Aber auch Küng (jüngstes Beispiel ist seine Äußerung zu Wunderheilungen) kann man dazu zählen. Die Gefahr beim Entmythologisierungsprogramm liegt im Ersatz eines magischen Materialismus durch einen naturwissenschaftlichen oder historischen Materialismus.

Trotz mancher Fragezeichen würde ich Drewermann nicht zu den Entmythologisierungsopfern zählen. Drewermann hat biblische Geschichten als Geschichten ernst genommen, vergegenwärtigt und auf ihre Bedeutung für die Gegenwart hin befragt.

Um jedoch nicht zuviel externes soziologisches oder psychologisches Denken in die Bibel hineinzuprojizieren, scheint eine erneute Lesung der Bibel mit Jesus ein traditionell moderner Ansatz zu sein: Wie hat Jesus das Alte Testament gelesen? Wie kann man analog das Neue Testament lesen? Wie kann man von Gott her Natur, Geschichte, Leben, Zusammenleben heute deuten?

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Meine Antwort auf Barth:

Wie im Himmel, so auf Erden: Gott lenkt die Welt, wie der Geist den Körper. Es handelt sich dabei um Zusammenhänge, die differenziert betrachtet werden.

Gott ist nicht negativ, sondern positiv: Gott offenbart sich in der Schöpfung und im Menschen. Gott äußert sich in Welt. Er lenkt sie durch die Zeit. Gott gibt es und er nimmt es wieder. Er lässt werden und er lässt vergehen. Jeder Sonne hat er im Universum seinen Platz eingeräumt, jedem Planeten seine Bahn, jedem Menschen sein Leben. Die Menschen hat er dazu bestimmt, die Natur zu nutzen, sich gegenseitig zu nützen sowie sich selbst zu beherrschen.

Gott ist immer und überall gegenwärtig. Sein Geist durchdringt Raum und Zeit. Gott ist auch im Menschen. Prinzipiell jeder Mensch kann mit seinem Verstand und in seinem Herzen seine Stimme hören. Wer auf die Stimme Gottes hört und Gutes tut, ist Gottes Sohn. Jesus Christus ist Gottes Sohn. Er wurde am Kreuz geopfert. Er lebt in seiner Kirche für immer.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Raphael hat geschrieben:Manchmal staunt man ja doch über die Dinge, welche Du hier so schriftlich verfaßt, aber manchmal kann man Dir auch uneingeschränkt zustimmen!

Meinen nicht vorhandenen Hut ziehend :huhu:
Raphael
Diese Übereinstimmung freut mich.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Zu den Entmythologisierungsopfern zählte neben Ranke-Heinemann auch Sölle. Sölle verstand Christentum ausschließlich als politische Ethik. Die Gefahr ist klar: In das Vakuum negativer Theologie strömen Ideologien. Daher geht es nicht um die Destruktion des Mythos, sondern um die Frage: Was sagt uns Gott im Mythos über die Natur und über den Menschen? Gott neu zu verstehen, setzt einen konstruktiven Umgang mit der Schöpfungsgeschichte voraus. Gottes Geist reflektiert sich in der Realität. Von Gott her die Welt anzuschauen, könnte bei Guardini anknüpfen: die Einheit der Welt differenziert betrachten als Gottes Dialog mit dem Menschen und als Dialog untereinander.

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Guardini weist über sein Jahrhundert hinaus durch seinen konziliaren Geist. Man findet bei ihm die augustinisch-bonaventuranische Sichtweite, die offen ist auch für thomistische Positionen, gleichzeitig eine erfrischend unkonfessionell evangelische Theologie, ein mit Buber Mitdenken sowie den Atem von Assisi und des intertheologischen Dialogs.

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Lutheraner
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Lutheraner »

overkott hat geschrieben:Ich glaube, dass man K. Barth nicht mit einem Satz abhaken kann.
Doch:

Er war reformiert.
"Ta nwi takashi a huga bakashi. Ta nwi takashi maluka batuka"

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lutherbeck
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von lutherbeck »

Lutheraner hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Ich glaube, dass man K. Barth nicht mit einem Satz abhaken kann.
Doch:

Er war reformiert.
Weitere Sätze zu K. Barth:

http://www.ekd.de/aktuell/7641.html
"Ich bin nur ein einfacher demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn".

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

lutherbeck hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Ich glaube, dass man K. Barth nicht mit einem Satz abhaken kann.
Doch:

Er war reformiert.
Weitere Sätze zu K. Barth:

http://www.ekd.de/aktuell/7641.html
Der Artikel macht das Problem seiner Theologie deutlich. Eigentlich ist sie nicht dialektisch-versöhnend, sondern dualistisch-gespalten: Gott ist der ganz ferne, der unbegreifliche; Theologie ist Unglaube; Glaube ist Geschenk. Barths Theologie wirkt beinahe wie das Gegenteil von Offenbarung als Selbsterklärung des Selbstverständlichen. Schließlich erklärt Jesus Christus Gott für jedermann. Paulus und Johannes haben verstanden. Warum nicht Barth?

Raphael

Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von Raphael »

overkott hat geschrieben:Der Artikel macht das Problem seiner Theologie deutlich.
Nicht nur seiner Theologie, sondern auch die seiner Lebensführung. :auweia:
Diese erscheint mir genauso unverständlich wie die der mädchen- und knabenbegrapschenden Pendants, wie wir sie in der katholischen Kirche zur Kenntnis nehmen mußten ..............

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overkott
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Re: K. Barth - Glück oder Unglück evangelischer Theologie?

Beitrag von overkott »

Raphael hat geschrieben:
overkott hat geschrieben:Der Artikel macht das Problem seiner Theologie deutlich.
Nicht nur seiner Theologie, sondern auch die seiner Lebensführung. :auweia:
Diese erscheint mir genauso unverständlich wie die der mädchen- und knabenbegrapschenden Pendants, wie wir sie in der katholischen Kirche zur Kenntnis nehmen mußten ..............
Das ist jedenfalls kein Argument gegen das Zölibat.

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