ChrisCross hat geschrieben:Also mir ist noch keine Zahl über den Weg gelaufen, dir etwa?
Im Hof unter meinem Fenster parken drei Autos. Es sind tatsächlich drei, nicht ungefähr oder geschätzt oder nur nach Ansicht mancher Beobachter. Diese Dreizahl ist real, wirklich existent, auch außerhalb meiner Gedanken. Als Mensch kann ich sie (zusammen mit bestimmten Primaten und offenbar auch einigen Vögeln) durch meine Sinnesorgane und mein Denken wahrnehmen und als solche erkennen. Nun ist diese Dreiheit natürlich abstrakt, ideal, man kann sie nicht anfassen oder mit ihr tanzen und es ist überhaupt nicht vorstellbar, dass sie etwa personale Züge trüge. Sie ist aber eine Realität und keineswegs bloße Konvention. Was also ist diese Dreizahl? Eine Idee? Ein Akzidens? Ein Ordnungskriterium? Ein Begriff? Auch wenn es eines davon wäre, bliebe zumindest die Einsicht, dass diese Ideen, Eigenschaften, Kriterien oder Begriffe unserem Denken vorausgehen, nicht von ihm gemacht werden, sondern in ihrem Wesen präexistent sind. Eben dem wirklichen Sein zugehören, nicht einem trügerischen Schein oder einer beliebigen konventionellen Ordnung.
Diese Einsicht habe ich aus Christophs Zahlenspielen gewonnen, und sie erweist sich für mich als außerordentlich hilfreich zum Verständnis des anselmschen Gottesbeweises. Anselm sagt, das größte Denkbare muss wirklich existieren, weil sich sonst ein noch Größeres denken ließe. Als Neuplatoniker sind Denken und Sein für Anselm nicht getrennt. Diese Herangehensweise ist uns als aristotelisch geprägte Modernisten sehr fremd und sie stieß deshalb auch schon dem großen Modernisierer Thomas auf.
Wohlgemerkt, hier sprechen wir von einem Gottesbeweis, er soll also nur zu der Erkenntnis führen, dass ein personaler Gott existiert. Wie Gott ist, dass er dreifaltig ist, dass er Mensch geworden ist, dass Jesus Christus auferstand und uns im Altarssakrament wirklich begegnet, all das bleibt hier erstmal außen vor, es geht ja (noch) um die menschliche Erkenntnis der Wahrheit Gottes im Licht der Vernunft, nicht bereits um geoffenbarte Wahrheit.
ChrisCross hat geschrieben:Ja, und ich ordne meine Socken nach Farben. Das heißt für die realen Socken und für mich aber noch lange nicht, dass es Farben wirklich gibt. Tatsächlich sind es nämlich nur Zusammensetzung aus verschiedenen möglichen Spektren des Lichts.
Ja und? Die vom Menschen erkannten Farben ergeben sich aus den im Gehirn verarbeiteten Signalen der Rezeptoren des menschlichen Auges. Hunde sehen kein Rot, weil ihnen Farbrezeptoren fehlen, und haben daher ein ganz anderes Bild von der Wirklichkeit (sie riecht für sie wohl intensiver). Mäusebussarde sehen weitere Farben, die wir uns als Menschen gar nicht vorstellen können, weil ihr Auge zusätzliche Farbrezeptoren besitzt. Wie das Facettenauge einer Libelle ihre Opfer farblich wahrnimmt, wissen wir glaube ich gar nicht. Willst du aber jetzt meinen, die Realität sei farblos und Insekten, Hunde, Bussarde und Menschen konstruieren sich ihre jeweils eigene, bunte Schöpfungswirklichkeit nur in ihrer Phantasie? Die Lichtspektren wären dann ja eine bloße Einbildung oder Konvention, und das sind sie eben nicht, sie gehen vielmehr dem Wahrnehmen (und dem denkenden Erkennen und Ordnen des Wahrgenommenen) voraus.
ChrisCross hat geschrieben:Du solltest wohl auch wissen, dass physikalische Einheiten auch eher willkürlich in ihrem Ursprung gewählt sind. Sonst bräuchten wir ja auch kein Urmeter oder ähnliches.
Wie gesagt, weder Zahlen noch Farben sind konventionelle, willkürlich gewählte physikalische Größen. Sie spiegeln die Wirklichkeit wider, wie wir sie zu erkennen vermögen, nicht mehr und nicht weniger.