Das schlimmste ist: Die Mehrheit des Volks macht bei all dem willig mit. Motto: »Wir sind anständige Bürger, wir haben nichts zu verbergen.« Ansonsten funktioniert der Verdrängungsmechanismus wie zu Adolfs Zeiten.
Ich könnte hier die Geschichte unsres letzten Weihnachtsfests erzählen. Gegen den seit mehreren Jahren schon aus guten Grunde bestehenden Usus, hohe Kirchenfeste nur noch im engsten Kreis der Kleinfamilie zu begehen, hatten wir zu Weihnachten 2008 wieder Gäste geladen. Ein Ehepaar der denkbar nächsten Verwandtschaft.
Unser Sohn Victor fuchtelte, während wir an der Tafel die Gans zu verspeisen beginnen wollten, gerade noch mit seiner Spielzeugflinte herum. Der Gast empfahl ihm, er solle doch nach Moskau fahren, sich vor dem Kreml auf die Lauer legen und Putin, wenn der herauskomme, abknallen. Auf diesen echten Weihnachtsknaller erwiderte unsere Tochter Larissa wie aus der Pistole geknallt: »Nee, die Merkel abknallen!«
Da war nun des Gasts Eheweib förchterlich entsetzt. Aber nein, die Merkel doch nicht, das sei doch so eine tolle Frau, und so weiter und so fort. An dieser Stelle schaltete mein eignes Eheweib sich ein, während ich mir noch Rotkohl auf den Teller schaufelte: Gerade die merkel-leyensche Familienpolitik sei doch wohl nicht das Gelbe vom Ei. Im Gegenteil, Familien mit Kindern würden überall und immer mehr benachteiligt, insbesondere, wenn sie sich selber um die Kindererziehung kümmerten.
Darauf erwiderte unser Gast etwas von Frau Merkels grandioser Familienförderung. Belegen konnte er das nicht, er hatte vermutlich ein Interview mit der Dame in Springers »Berliner Morgenpost« gelesen und für bare Münze genommen. Unterdessen hatte ich mir zwar aufgetan, wessen Magen und Gaumen begehrten, mußte nun aber doch alles auf dem Teller auskühlen lassen, um diesen abstrusen Vorstellungen zu antworten.
Zunächst legte ich an wenigen knappen Beispielen die negativen Folgen der merkelschen Politik aus Sicht von Familien und Kindern dar. Aber ich will das weitere nicht im einzelnen nachzeichnen. Thematisch blieben wir zunächst bei der deutschen Innen-, Familien- und Sozialpolitik. Irgendwann kam auch das Internationale noch einmal ins Spiel. Putin sei ein Raubtier, hörte ich da. Vermutlich deshalb hielt man es auch für angebracht, ihn „abzuknallen“. Georg Busch dagegen schütze überall auf der Welt unsere Freiheit. Wie einst Kennedy, welcher einst in Berlin unsern Gästen so gewaltig den Ami-Stempel aufs Dach gedrückt hat, daß der Schaden an den Sparren unbehebbar scheint.
Formal verlief die Diskussion nicht so ruhig wie meine Widergabe hier. Wort und Widerwort schaukelten einander an Heftigkeit hoch. Meine Angriffe gegen die aktuelle deutsche Regierungspolitik wurden zunehmend polemischer, ebenso wie parallel die Angriffe unserer Gäste gegen meine Person.
Dies war übrigens die augenfälligste Asymmetrie jenes Weihnachtsgesprächs: Ich griff niemals Anwesende an, sondern die herrschende Klasse, und zwar stets in der Sache begründet; die Gäste dagegen gingen ausschließlich mich als Person an (na ja, abgesehen von Wladimir Wladimirowitsch, aber das spielte nur am Rande eine Rolle), ja ich wurde förmlich zur Unperson gemacht. Und zwar fast ausschließlich aus formalen Gründen. Der Outlaw oder Bandido ist ein Gebannter, weil er sich dem (echten oder vermeinten) gesellschaftlichen Konsens widersetzt.
Das ganze steigerte sich, bis der Gast aufsprang, um das Haus zu verlassen und nie wieder zu betreten. Sein Eheweib, welches er bereits mitzerren wollte, fing die Szene dann allerdings geschickt auf, indem sie versetzte: »Du wolltest doch noch die Garage an Larissas Puppenhaus anbauen! Geh doch erst mal ins Kinderzimmer!«
So geschah es tatsächlich, während ich meine kalte Gans zu essen begann. Der Rest des Tages verlief ähnlich eisig.
Weshalb diese Anekdote? – Sie illustriere, wie ein aus der »Berliner Morgenpost« oder Konsorten gespeistes Weltbild sich faktisch auswirkt und wie es sich selber verfestigt und gegen Infragestellung immunisiert.