conscientia hat geschrieben:Lieber Marcus,
Du müsstest uns jetzt nur noch erklären:
I. Bist Du als Lutheraner Mitglied der SELK (also, aus der Sicht eines Katholen, der einen angeheirateten Onkel bei der Evang.-Luth. Freikirche in Baden hat, "Altlutheraner" - ohne Dich beleidigen zu wollen, denn ich weiß wohl, dass es Hardcore-Altlutheraner gibt, denen kaum eine Predigt bekenntnistreu genug ist) oder bist Du
II. ein Vertreter der lutherischen Orthodoxie aus einer evang.-luth. Landeskirche (so in Richtung "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis")? Dass Du nicht aus einer unierten evangelischen Landeskirche wie Westfalen oder Baden kommst, ist mir schon klar geworden. - Und jetzt eine ganz dumme Frage:
III. Würdest Du eigentlich einen Unterschied zwischen einem orthodoxen Lutheraner (Paul Gerhardt-/Joh. Seb. Bach-Fan) und einem Pietisten aus einer luth. Landeskirche sehen?
(Pietisten, so wurde es in meinem Reliunterricht immer karikiert, sind etwas weinerlich veranlagte Frömmler, die gerne alles süßlich fühlen und durch das Absingen schmalziger Lieder mit schmalzigen Melodien (Gerhard Tersteegen: Ich bete an die Macht der Liebe) wie auch durch das Wörtlich-Nehmen der Herrnhuter Tageslosung auf die Tränendrüse drücken.
Sei mir nicht böse: Manchmal muss man die Dinge ein wenig auf den Punkt bringen, um sie klarer zu machen. Unsere Kirchen sind ja immer ziemlich vielfältig.
Gruß
c.
Lieber Conscientia,
gerne gehe ich auf Deine Fragen ausführlich ein:
Zu 1) Ich bin Glied der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (Altlutheraner). Die SELK ist allerdings weder theologisch noch liturgisch so homogen wie beispielsweise die Priesterbruderschaft St. Pius X. Es gibt sowohl einen konservativen wie auch einen liberalen Flügel und natürlich eine Basis. Während der konservative Flügel natürlich sehr bekenntnistreu- und bibeltreu ist, ist der liberale Flügel trotz seiner lutherischen Identität eher ökumenisch eingestellt und kann auch mit der Frauenordination oder der theistischen Evolutionslehre beispielsweise gut leben. Es herrscht also ein breites Diskussionsspektrum in der SELK. Aber sowohl Liberale als auch Konservative sind sich zumindest insoweit ein, dass man die Heilige Schrift in Glaubensfragen oder in Sachen der christlichen Lebensführung niemals in Frage stellen darf, nur um im Strom der Zeit mitschwimmen zu können. Daher werden die Befürworter der FO die Paulusbriefe auch nicht ignorieren, sondern versuchen aufzuzeigen, dass es sich hierbei um ein Adiaphora handelt und das FO-Verbot nicht nach göttlichem Recht ist. Es wird aber kein Pfarrer suspendiert oder gegen ihn ein Lehrbeanstandungsverfahren eingeleitet, nur weil er nicht an die 6-Tages-Schöpfung (diese Fraktion dürfte auch in der SELK nicht all zu groß sein) glaubt oder sich auch Frauen im Pfarramt vorstellen kann (in der Evangelisch-Lutherischen Freikirche ist das natürlich unvorstellbar). Heilsnotwendige Glaubenslehren wie z. B. die Auferstehung Christi werden in der SELK allerdings von keinem Pfarrer oder Kirchendiener in Frage gestellt. Der liberale Flügel der SELK entspricht daher wohl am ehesten der moderat-konservativen Richtung in den Landeskirchen. Und liturgisch bekommst man in der SELK von der Deutschen Messe Form A und Pfarrer mit schwarzem Talar und Beffchen bis hin zur aufgemotzten Deutschen Messe Form B (entspricht schon fast der Tridentinischen Messe), wo der Pfarrer dann Kasel, Albe und Stola trägt, ebenfalls alles geboten, wobei viele Pfarrer mittlerweile Albe und Stola tragen. Ich würde mich selbst als theologisch eher konservativ und hochliturgisch einstufen, stehe aber trotz der tolerierten Meinungsvielfalt meiner Kirche allerdings hinter ihr. So eine Art „Petrusbruder“ eben.
In diesem Jahr finden zwischen der SELK und der röm.-kath. Kirche übrigens Lehrgespräche statt, wo es vor allem um das Abendmahlsverständnis gehen soll. Gegenüber der röm.-kath. Kirche hegen die meisten Selkies zwar keine Animositäten, dennoch werden einige Lehren und Gebräuche kritisch unter die Lupe genommen. Interessant ist es jedoch immer wieder mal zu hören, dass man an Sonntagen, wo man nicht am eigenen Gottesdienst teilnehmen kann, sich freut, sich die katholische Messe im Fernsehen anzuschauen zu können. Ein konservativer Altpfarrer meinte mal, dass dort in der Regel noch vernünftig gepredigt würde und man die evangelischen Fernsehgottesdienste im Normalfall vergessen könnte. Mein Eindruck ist ohnehin der, dass die ev.-luth. Landeskirchen deutlich mehr Kritik als die röm.-kath. Kirche abbekommen.
Ein konservativer Pfarrer i. R. appellierte sogar in einem Rundschreiben an die eigenen Kirchenglieder, die aus dem Irak nach Deutschland geflüchteten Christen als christliche Mitbrüder und Mitschwestern aufzunehmen und ihnen auch die Möglichkeit, in SELK-Gemeinden Gottesdienste im eigenen Ritus mit den eigenen Priester abzuhalten, nicht zu verwehren, obwohl sie meines Wissens formal dem römischen Bischof unterstehen. Die Chaldäisch-Katholische Kirche gehört doch als Unionskirche zu Euch, nicht wahr?
Zu 2) Der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ gehöre ich zwar nicht an, dennoch kann ich aber ihre Positionen insgesamt für gutheißen. Wäre schön, wenn es ihr gelänge, die Landeskirche wieder „auf Vordermann“ zu bringen. Den User „Lutheraner“ könnte ich mir dort allerdings gut als Mitglied vorstellen.
Zu 3) Ohne einen Pietisten zu nahe treten zu wollen, aber als Lutheraner kann ich sie ehrlich gesagt nicht ansehen. Der Pietismus hat im Großen und Ganzen auch negativ auf das Luthertum gewirkt. Die Bekenntnisbindung, die Sakramente, ganz geschweige die Einzelbeichten haben im Pietismus doch noch nie eine große Rolle gespielt. Dafür legt man aber viel Wert auf individuelle Bibelfrömmigkeit und jeder, der etwas Lesen und Schreiben kann, meint – mal überspitzt ausgedrückt – sein eigenes kirchliches Lehramt zu sein. Pietisten wollen zwar nach Möglichkeit zur Landeskirche gehören, sich aber möglichst auch wenig von ihr sagen lassen. Viele landeskirchliche Gemeinschaften sind nicht umsonst pietistisch geprägt. Der Pietismus hat aber auch seine guten Seiten: So werden die Bibel als Wort Gottes hoch geschätzt und Nächstenliebe auch aktiv praktiziert. Pietisten sind zwar zweifellos Christen, i. d. R. sogar gute Christen. Aber mit dem Luthertum haben sie nur noch wenig gemeinsam.
LG Marcus