Interzelebration

Rund um Anglikanertum, Protestantismus und Freikirchenwesen.
conscientia
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Beitrag von conscientia »

Lutheraner hat geschrieben:Dir scheint es vor allem um die sichtbare Einheit zu gehen. Die ist aber aufgrund der theologischen DIfferenzen leider nicht möglich. Eine Kirchengemeinde kann nicht einem Bischof unterstellt sein, der einen anderen Glauben vertritt. Das widerspräche doch den Bischofsverständnissen der CA und der römischen Kirche. In der römischen Kirche sind doch - bis auf wenige Ausnahmen - sogar Gemeinden der lateinischen Kirche und der Ostkirche unterschiedlichen Bischöfen unterstellt.
Ab einem bestimmten Punkt muss es um sichtbare Einheit gehen!

Eucharistiegemeinschaft ist auch sichtbare Einheit!

Entweder es gibt nur noch tolerierbare theologische usw. Differenzen (und einen Glauben, der in unterschiedlichen Frömmigkeiten, inhaltlichen Akzentuierungen usw. gelebt wird), dann gibt es sichtbare Einheit von der Kirchenverwaltung bis hin zur Eucharistiegemeinschaft - oder eben nicht.

Meines Erachtens ist es extrem wichtig, dass in allen Kirchen Hierarchen, Klerus und Volk endlich einmal im Konkreten über den eigenen Schatten springen. Das ist ein geistlicher Prozess, auf den wir alle uns einlassen müssten.

Die mit Rom unierten Ostkirchen sind kein Teil der römischen Kirche, sondern Teile anderer Patriarchatskirchen, die, aus welchen Gründen auch, zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Geschichte begonnen haben, die communicatio in sacris mit dem Stuhl des hl. Peter wieder aufzunehmen.

Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

Lutheraner hat geschrieben:
Stephen Dedalus hat geschrieben: Abgesehen davon können die Lutheraner durch einen guten Schuß Methodismus lehrmäßig nur gewinnen.
Vielleicht habe ich ja den falschen Eindruck von Methodisten, aber ich sehe keinen Unterschied zwischen ihnen und unierten Pietisten. Ich wüsste also nicht, wo da neue Impulse herkommen sollten.
Auf Deutschland bezogen hast Du wohl recht: Der deutsche Methodismus ist von einem liberalen Pietismus heute kaum mehr zu unterscheiden. Das hat historische Gründe.

Die neuen Impulse könnten vom echten wesleyanischen Erbe her kommen. Ich halte Wesleys Theologie, besonders seine Soteriologie, für wundervoll. Sie stellt eine perfekte Balance zwischen römisch-katholischer Gnadenlehre und evangelischer Rechtfertigungslehre dar und ist in den Kirchenvätern verwurzelt. Dies und die methodistische Weltzugewandtheit, die aus einem tiefen Streben nach Heilgung des Herzens und des Lebens wächst, sind Impulse, die allen Traditionen gut tun.

Und natürlich die Hymnen von Charles Wesley. Gute Theologie in ihrer alleschönsten Form. ;)
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Petur
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Beitrag von Petur »

Die Einführung des Priesteramtes in der ELCA oder das Porvoo-Abkommen halte ich für sehr sehr gute Entwicklungen.
Das Amtsverständnis dieser "lutherisch-episkopalen" Kirchen hat aber einen schwachen Punkt:

Sicher werden sie in ihren Gemeinden nicht bischöflich geweihte Pastoren anderer luth. Schwesterkirchen auch weiterhin zu geistlichen Amtshandlungen zulassen.

Vor einigen Wochen habe ich ein Foto gesehen, das mich ein bisschen gestört hat. Ein ungarischer luth. Bischof (keine ap. Sukz.) war auf Besuch in Schweden. Er durfte dort nicht nur traditionelle liturgische Gewänder eines Priesters, sondern auch eine Mitra tragen, obwohl die offizielle liturgische Kleidung der ungarischen Bischöfe der schwarze Talar mit dem Beffchen und seit einiger Jahren auch die Stola sind.
Zuletzt geändert von Petur am Mittwoch 21. Mai 2008, 16:20, insgesamt 1-mal geändert.

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Lutheraner
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Beitrag von Lutheraner »

Hallo Petur,

Der LWB (Lutherische Weltbund) versteht sich zwar nicht als Kirche, allerdings ergibt sich durch die Mitgliedschaft eine Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft mit anderen Mitgliedskirchen. Interzelebration ist also erlaubt.
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Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

Das ist ein generelles Problem ökumenischer Vereinbarungen:

Durch die Erklärung von Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen zwei Kirchen, werden die anderweitigen Beziehungen dieser Kirchen nicht berührt. Auch wenn die Porvoo-Kirchen mit den Anglikanern eine Vereinbarung unterzeichnet haben, die die bischöfliche Ordination zur Voraussetzung der Zelebration der Eucharistie macht, können diese Kirchen trotzdem Sakramentsgemeinschaft mit nichtbischöflichen Kirchen pflegen.

Umgekehrt stehen alle Kirchen der Anglican Communion miteinander in Gemeinschaft, aber die Porvoo-Erklärung gilt nur für die Kirche von England (und Schottland, Irland und Wales?). Auf die Episkopalkirche zum Beispiel hat dies keine Auswirkungen.

Im Einzelfall kann dies ganz schön kompliziert sein. Ein lutherischer Priester aus Schweden dürfte etwa bei einer anglikanischen Gemeinde in Deutschland zelebrieren. Ebenso ein altkatholischer Priester. Der lutherische Priester dürfte aber nicht bei den Altkatholiken in Deutschland zelebrieren.

Da sollte mal jemand eine Übersicht herstellen... ;)
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Petur
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Beitrag von Petur »

Lutheraner hat geschrieben:Hallo Petur,

Der LWB (Lutherische Weltbund) versteht sich zwar nicht als Kirche, allerdings ergibt sich durch die Mitgliedschaft eine Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft mit anderen Mitgliedskirchen. Interzelebration ist also erlaubt.
Hallo, Lutheraner,

das war mir klar. Ich wollte nur auf einen seltsamen Widerspruch hinweisen. Das Amtsverständnis der bischöflichen Lutheraner scheint mir nicht ganz folgerichtig zu sein. Aber natürlich wollen sie die anderen Lutheraner nicht im Stich lassen.

Alles Gute!

Petur

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Lutheraner
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Beitrag von Lutheraner »

Hallo Petur,

die episkopal organisierten lutherischen Kirchen haben ein etwas anderes Amtsverständnis als die Anglikaner. Sie betrachten das historische Bischofsamt als wichtig, aber nicht als notwendig für die sichtbare Kirche und damit für Kirchengemeinschaft. Einige von ihnen (die evang.-luth. Kirchen von Finnland, Estland, Lettland, Litauen) stehen durch die Leuenberger Konkordie auch mit refomierten, unierten und methodistischen Kirchen in Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft. Es geht also nicht nur darum "die anderen Lutheraner nicht im Stich zu lassen".
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Petur
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Beitrag von Petur »

Petur hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:Hallo Petur,

Der LWB (Lutherische Weltbund) versteht sich zwar nicht als Kirche, allerdings ergibt sich durch die Mitgliedschaft eine Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft mit anderen Mitgliedskirchen. Interzelebration ist also erlaubt.
Hallo, Lutheraner,

das war mir klar. Ich wollte nur auf einen seltsamen Widerspruch hinweisen. Das Amtsverständnis der bischöflichen Lutheraner scheint mir nicht ganz folgerichtig zu sein. Aber natürlich wollen sie die anderen Lutheraner nicht im Stich lassen.

Alles Gute!

Petur
Was aber nicht bedeuten dürfte, dass man einem "nichtbischöflichen Bischof" eine Mitra gibt. Ich kann aber die Ansicht eines jungen römischen Priesters meiner Stadt auch nicht teilen: es störte ihn, dass der lutherische Geistliche der Stadt immer Kollarhemd trug (und er trägt es auch heute
:jump: ), weil er meinte, der Pastor habe kein Recht dazu, er sei ja kein Priester. Das ist natürlich kein ernstes Argument...

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Lutheraner
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Beitrag von Lutheraner »

Stephen Dedalus hat geschrieben: Im Einzelfall kann dies ganz schön kompliziert sein. Ein lutherischer Priester aus Schweden dürfte etwa bei einer anglikanischen Gemeinde in Deutschland zelebrieren. Ebenso ein altkatholischer Priester. Der lutherische Priester dürfte aber nicht bei den Altkatholiken in Deutschland zelebrieren.

Da sollte mal jemand eine Übersicht herstellen... ;)
Das wäre interessant ;)

Wenn Du noch Leuenberg und Kirchengemeinschaften, die direkt zwischen einzelnen Kirchen erklärt wurden, miteinbeziehst, dann wird's richtig lustig. Ausgerechnet bei den konservativen lettischen Lutheranern sind theoretisch wohl die meisten Interzelebrationskombinationen möglich, dank ihrer Mitgliedschaft im LWB, Porvoo, Leuenberg und der Kirchengemeinschaft mit der LCMS.
Bei der evang.-luth. Kirche in Baden ergäben sich auch ein paar interessante Kombinationen.
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Petur
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Beitrag von Petur »

Lutheraner hat geschrieben:Hallo Petur,

die episkopal organisierten lutherischen Kirchen haben ein etwas anderes Amtsverständnis als die Anglikaner. Sie betrachten das historische Bischofsamt als wichtig, aber nicht als notwendig für die sichtbare Kirche und damit für Kirchengemeinschaft. Einige von ihnen (die evang.-luth. Kirchen von Finnland, Estland, Lettland, Litauen) stehen durch die Leuenberger Konkordie auch mit refomierten, unierten und methodistischen Kirchen in Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft. Es geht also nicht nur darum "die anderen Lutheraner nicht im Stich zu lassen".
Ich kann mich nur wiederholen: hier sehe ich einen Widerspruch. Freilich nur dann, wenn sie das Priesteramt im kath. Sinne ernst nehmen. Wenn nicht, dann wozu das Abkommen mit den Anglikanern?

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Petur
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Beitrag von Petur »

Lutheraner hat geschrieben: Ausgerechnet bei den konservativen lettischen Lutheranern sind theoretisch wohl die meisten Interzelebrationskombinationen möglich, dank ihrer Mitgliedschaft im LWB, Porvoo, Leuenberg und der Kirchengemeinschaft mit der LCMS.
Sind sie in der Porvoo-Gemeinschaft nicht nur Beobachter?

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Lutheraner
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Beitrag von Lutheraner »

Petur hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben: Ausgerechnet bei den konservativen lettischen Lutheranern sind theoretisch wohl die meisten Interzelebrationskombinationen möglich, dank ihrer Mitgliedschaft im LWB, Porvoo, Leuenberg und der Kirchengemeinschaft mit der LCMS.
Sind sie in der Porvoo-Gemeinschaft nicht nur Beobachter?
Ja, das stimmt natürlich. Schade ;)
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Lutheraner
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Beitrag von Lutheraner »

Petur hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:Hallo Petur,

die episkopal organisierten lutherischen Kirchen haben ein etwas anderes Amtsverständnis als die Anglikaner. Sie betrachten das historische Bischofsamt als wichtig, aber nicht als notwendig für die sichtbare Kirche und damit für Kirchengemeinschaft. Einige von ihnen (die evang.-luth. Kirchen von Finnland, Estland, Lettland, Litauen) stehen durch die Leuenberger Konkordie auch mit refomierten, unierten und methodistischen Kirchen in Kanzel- und Sakramentsgemeinschaft. Es geht also nicht nur darum "die anderen Lutheraner nicht im Stich zu lassen".
Ich kann mich nur wiederholen: hier sehe ich einen Widerspruch. Freilich nur dann, wenn sie das Priesteramt im kath. Sinne ernst nehmen. Wenn nicht, dann wozu das Abkommen mit den Anglikanern?
Hallo Petur,

Der LWB hat letztes Jahr das Dokument "Das bischöfliche Amt im Rahmen der Apostolizität der Kirche" veröffentlicht. Das ist sicherlich interessant für Dich:

http://www.lutheranworld.org/LWF_Docume ... 007-DE.pdf
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Petur
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Beitrag von Petur »

Lieber Lutheraner, vielen Dank für den Link!

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Stephen Dedalus hat geschrieben:@Lutheraner und Marcus,

wenn ich Eure Darstellungen lese, stelle ich mir zwei Fragen:

1. Was spricht nach Eurer Auffassung dagegen, das Bischofsamt nicht einer Person, sondern einem Gremium zu uebertragen? Die genannten Funktionen koennten ebenso von einer Gruppe uebernommen werden.

2. Was spricht nach Eurer Auffassung gegen die Wiedereinfuehrung des landesherrlichen Kirchenregimentes? Denn vor 1918 war es ja nicht der Oberkonstorialpraesident, der die bischoefliche Funktion innehatte, sondern der Landesherr. Wenn er aber ueber die Lehre wacht und die Kirche fuehrt, warum kann er dann nicht mehr Bischof sein?

Ich habe den Verdacht, dass bei Eurer Darstellung des Bischofsamtes grundsaetzliche altkirchliche Elemente des Bischofsamtes unter den Tisch fallen...

LG
SD
Zu 1) Theoretisch gesehen schon. Nur verderben in der Praxis viele Köche schnell mal den Brei. Wenn es natürlich darum geht, Antworten auf grundlegende Lehrfragen zu finden, macht es hingegen durchaus Sinn, eine Bischofskonferenz die Kompetenz zu übertragen, die entsprechenden Lehrfragen zu klären, um es zu verhindern, dass von Region zu Region „eigene Süppchens“ gekocht werden (Lehreinheit muss gewahrt bleiben). Die Bischofskonferenz wäre dann so eine Art „oberstes Lehramt“.

Falls es allerdings lediglich darum geht, Lehraufsicht auszuüben, Gemeinden zu besuchen oder Ordinationen durchzuführen, soll das bischöfliche Amt von einer Person ausgeübt werden. Aufgeblähte Gremien kosten viel Geld und arbeiten in der Regel nicht effizient .

Die BSLK schreiben zwar keine verbindliche Kirchenverfassung vor, dennoch entspricht es eher den BSLK die bischöfliche Gewalt direkt auf Personen anstatt auf Gremien zu übertragen.

Zu 2) Für einen Altlutheraner ist der Gedanke, wieder das landesherrliche Kirchenregiment einzuführen eine Sache, bei der ihm die Nackenhaare zu Bergen stehen. Außerdem widerspricht das landesherrliche Regiment mit einem Landesfürsten als „summus episcopus“ auch CA Art. XXVIII. Zu den Aufgaben eines Bischofs gehören hiernach auch die Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente. Ohne ordnungsgemäße Berufung, die wiederum in der Ordination ihre Vollendung findet, darf aber niemand predigen und die Sakramente verwalten. Alles andere wäre klar bekenntniswidrig. Daraus folgt, dass ein Bischof also ein ordinierter Geistlicher sein muss. Außerdem darf ein Bischof auch kein weltliches Regiment ausüben. Dieser Missbrauch wurde ja den röm.-kath. Bischöfen seitens der Lutheraner angetadelt. Leider wurde die damalige„babylonische Gefangenschaft der Kirche unter dem Papst und den Bischöfe“ durch eine „babylonische Gefangenschaft der Kirche unter den Landesherren“ letztlich ersetzt.

Wenn ich schreibe, dass die Weihe/Ordination nach meinem Verständnis Amtscharismen vermittle, der Unterschied zwischen einem Bischof und Presbyter in der Funktion jedoch nicht in der Weihe bestünde, heißt das nicht, dass nach meiner Ansicht genauso gut irgendein nicht-ordinierter Landesherr bischöfliches Gewalt ausüben könnte. Ein Bischof ist für mich vielmehr eine Art „Superpresbyter“. Das landesherrliche Regiment war ursprünglich ohnehin nur als vorübergehende Notlösung gedacht und sollte nicht zu einer langfristigen Einrichtung werden.

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

conscientia hat geschrieben:
Lutheraner hat geschrieben:Dir scheint es vor allem um die sichtbare Einheit zu gehen. Die ist aber aufgrund der theologischen DIfferenzen leider nicht möglich. Eine Kirchengemeinde kann nicht einem Bischof unterstellt sein, der einen anderen Glauben vertritt. Das widerspräche doch den Bischofsverständnissen der CA und der römischen Kirche. In der römischen Kirche sind doch - bis auf wenige Ausnahmen - sogar Gemeinden der lateinischen Kirche und der Ostkirche unterschiedlichen Bischöfen unterstellt.
Ab einem bestimmten Punkt muss es um sichtbare Einheit gehen!

Eucharistiegemeinschaft ist auch sichtbare Einheit!

Entweder es gibt nur noch tolerierbare theologische usw. Differenzen (und einen Glauben, der in unterschiedlichen Frömmigkeiten, inhaltlichen Akzentuierungen usw. gelebt wird), dann gibt es sichtbare Einheit von der Kirchenverwaltung bis hin zur Eucharistiegemeinschaft - oder eben nicht.

Meines Erachtens ist es extrem wichtig, dass in allen Kirchen Hierarchen, Klerus und Volk endlich einmal im Konkreten über den eigenen Schatten springen. Das ist ein geistlicher Prozess, auf den wir alle uns einlassen müssten.

Die mit Rom unierten Ostkirchen sind kein Teil der römischen Kirche, sondern Teile anderer Patriarchatskirchen, die, aus welchen Gründen auch, zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Geschichte begonnen haben, die communicatio in sacris mit dem Stuhl des hl. Peter wieder aufzunehmen.
Wie Lutheraner bereits im Grunde schon gesagt hat, müssten sowohl die luth. Bischöfe bestimmte röm.-kath. Lehren missbilligen wie auch röm.-kath. Bischöfe bestimmte ev.-luth. Lehren missbilligen müssten, weil sie sonst jeweils ihre Obliegenheiten verletzten, indem sie Häresien tolerierten.

Zwischen Lutheranern und röm. Katholiken kann es zu keiner Eucharistiegemeinschaft kommen, solange keine Lehreinheit besteht. Gerade das katholische Opferverständnis und die Darbietung des Leibes und des Blutes Jesu Christi zur Vergebung der Sünden für Lebendige und Verstorbene sowie für das Heil der Welt macht es für einen Lutheraner eigentlich sehr schwer, bei Euch an der Kommunion teilzunehmen. Das ist nach lutherischem Verständnis ein Sakramentsgebrauch entgegen der Einsetzung Christi, so dass keine Gewissheit bestehen kann, ob die Eucharistie überhaupt vollgültig ist. Genauso dürfte kein röm. Katholik bei uns kommunizieren, weil er nach dem Verständnis der eigenen Kirche mangels gültiger Priesterweihe davon ausgehen müsste, bestenfalls gesegneten Wein und gesegnetes Brot gereicht zu bekommen.

Ich will Euch ja gar nicht den Vorwurf machen, eine Opferwiederholung zu lehren. Dennoch ist das Opferverständnis der röm.-kath. Kirche für mich nicht akzeptabel.

Das schreibe ich jetzt wirklich nicht in der Absicht, Dich und andere röm. Katholiken zu provozieren. Ich bin allerdings der Meinung, dass Ökumene auch Aufrichtigkeit erfordert und man die Karten deshalb offen auf den Tisch legen sollte. Man macht sich und dem Anderen sonst nur etwas vor.

Ob man als Lutheraner oder als röm. Katholik bei den anderen kommunizieren will, sollte aber in erster Linie eine Gewissensentscheidung sein und bleiben. Wäre ich ev.-luth. Pfarrer würde ich z. B. einen römischen Katholiken, der meine Weihe akzeptiert und somit das Altarsakrament für gültig hält, im Einzelfall zur Kommunion zulassen. Ich könnte allerdings selbst aus Gewissensgründen nicht an einer röm.-kath. Kommunion teilnehmen. Gegen den Besuch einer röm.-kath. Messe hätte ich wiederum keine Bedenken. Die Predigten Eurer Pfarrer in den Fernsehgottesdiensten sprechen mich im Regelfall sogar deutlich mehr an als jene ihrer Kollegen und Kolleginnen aus den Landeskirchen.

Es spricht ja wirklich nichts dagegen, dass Christen verschiedener Konfessionen zusammenkommen, um miteinander über ihren Glauben zu sprechen, dabei Gemeinsamkeiten hervorheben, bestehende Missverständnisse abbauen, gemeinsam beten oder sich gegenseitig zu Gottesdiensten einzuladen. Diese Form der Ökumene halte ich beispielsweise für sehr begrüßenswert. Eine Kirchen- oder Abendmahlsgemeinschaft setzt aber Lehreinheit voraus. Die rechtgläubige sichtbare Kirche ist nach lutherischem Verständnis allerdings nur dort, wo das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente gemäß der Einsetzung Christi recht verwaltet werden. Genau dies und nicht mehr ist nach unserem Verständnis zur Einheit erforderlich. Solange sich aber unsere Lehren z. T. widersprechen, kann von einer Einheit keine Rede sein. Ich möchte zwar keinen Absolutheitsanspruch für das Luthertum erheben, dennoch kann ich es nicht übersehen, dass zwischen uns keine Lehreinheit besteht. Du kennst doch die BSLK. Dann sicherlich auch die Schmalkaldischen Artikel. Der 2. Teil listet z. B. eine Menge von röm.-kath. Lehren und Gebräuchen auf, die aus lutherischer Sicht komplett beseitigt bzw. grundlegend revidiert werden müssten. Lediglich der 3. Teil lässt gewisse Spielräume zu, wobei auch diese durch die Konkordienformel nochmals enger geworden sind. Die letzten drei Dogmen sind für Lutheraner absolut nicht hinnehmbar.
Zuletzt geändert von Marcus am Mittwoch 21. Mai 2008, 22:13, insgesamt 1-mal geändert.

ieromonach
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Beitrag von ieromonach »

Lieber Marcus,
Frage: Seid ihr evgl. Christen eigentlich "Lutheraner" oder Christianer?

Evgl.-luth.Kirche, oder: Selbst. evgl. luth. Kirche, was ist das eigentlich, ist Luther der Christus oder Jesus? Die Kirc he ist doch der geheimnisvolle Leib Jesu Christi und nicht Luthers. Ihr seid für mich unglaubwürdig wenn ihr evl. lutherisch sein wollt. Versteh ich Dich falsch? dann sag was ich falsch versteh.

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Marcus
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Re: Interzelebration

Beitrag von Marcus »

ieromonach hat geschrieben:Lieber Marcus,
Frage: Seid ihr evgl. Christen eigentlich "Lutheraner" oder Christianer?

Evgl.-luth.Kirche, oder: Selbst. evgl. luth. Kirche, was ist das eigentlich, ist Luther der Christus oder Jesus? Die Kirc he ist doch der geheimnisvolle Leib Jesu Christi und nicht Luthers. Ihr seid für mich unglaubwürdig wenn ihr evl. lutherisch sein wollt. Versteh ich Dich falsch? dann sag was ich falsch versteh.

+P.Theodoros
Lieber Pater Theodoroas,

ich glaube, dass Du da etwas missverstanden hast, was zunächst nicht weiter schlimm ist, da ich das früher mal genauso aufgefasst hatte.

Zu dem Thema schrieb ich erst kürzlich einen Beitrag:

http://www.kreuzgang.org/viewtopic.php? ... c&start=48

Natürlich ist die Kirche der Leib Christi und wir Christen sind auch alle ein Glied am Leib Christi, ob egal aus welcher Denomination der Christ oder die Christin kommt. Und unser Herr ist auch nicht Luther, sondern Jesus Christus. Luther wollte auch nie, dass sein Name Bestandteil des Kirchennamens wird. Da die Anhänger Luthers allerdings als „Lutheraner“ bezeichnet wurden und man sich von den anderen Protestanten (den Reformierten) verständlicherweise auch namentlich abgrenzen wollte, nannte man sich ev.-luth, die anderen ev.-ref.. Aber das Adjektiv „lutherisch“ vor dem Substantiv „Lehre“ hat eine andere Bedeutung als „Lehren Luthers“. Evangelisch-lutherisch ist nicht, was Luther lehrte, sondern sind jene Lehren bzw. Schriften, welche von den Vätern der Konkordienformel ins Konkordienbuch aufgenommen wurden. In den sog. „Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche“ wimmelt es geradezu von altkirchlichen Bekenntnissen und Kirchenväterzitaten. Von Luther selbst wurden nur drei Schriften zu Bekenntnisschriften erklärt, und zwar sein Kleiner und Großer Katechismus sowie die Schmalkaldischen Artikel. Ev.-luth, röm.-kath., ev.-ref. sind heute einfach Konfessionsbezeichnungen. Erwähnt man die Kürzel, weiß jeder welche theologische Richtung damit gemeint ist. Anfangs nannte sich die ev.-luth. Kirche noch „Augsburger Konfession“. In Skandinavien wurde die Kirchen als Staatskirchen z. B. nach dem Landsnamen benannt (z. B. Schwedische Kirche)

In der Hoffung etwas Licht ins Dunkle gebracht zu haben,

Marcus

ieromonach
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Beitrag von ieromonach »

Vielen DANK, lieber Markos. +pth


PS: Was unterscheidet dien SELK (sind mir sympatisch) von der evgl.luth Landeskirche z B in Berlin?

Sind nicht beide lutherisch, oder?

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Marcus
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Re: Interzelebration

Beitrag von Marcus »

PS: Was unterscheidet dien SELK (sind mir sympatisch) von der evgl.luth Landeskirche z B in Berlin?

Sind nicht beide lutherisch, oder?
Lieber Pater Theodoros,

es gibt in Berlin leider keine ev.-luth. Landeskirche, sondern nur eine evangelische Landeskirche als Unionskirche (hier wird das ev.-luth. sowie das ev.-ref. Bekenntnis als gleichwertig anerkannt). So gesehen ist die SELK die einzigste lutherische Kirche in Berlin.

Unterschiede zwischen SELK und VELKD werden hier anschaulich dargestellt:


Differierende theologische Standpunkte zwischen VELKD und SELK

Näheres zur SELK:

Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche - Eine Informationsschrift

Ganz ausführliche Infos zur SELK bekommst Du bei Pfarrer Dr. Martens von der St. Mariengemeinde in Berlin. Er schreibt schon seit längerem ausführliche Beiträge zur Theologie, Liturgie etc., die er auch im Internet publiziert. Einfach mal nachschauen, was Dich interessiert: klick hier
Zuletzt geändert von Marcus am Mittwoch 21. Mai 2008, 22:14, insgesamt 1-mal geändert.

ieromonach
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Beitrag von ieromonach »

Lieber Markos,
möche mich bei Dir bedanken für die höflichen Antworten.

+P.Theodoros

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

Lieber Pater Theodoros,

das habe ich doch gerne gemacht. :)

LG Marcus

ieromonach
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Beitrag von ieromonach »

Lieber Markos,
Deine Ehrlichkeit, in den Beiträgen , ist erfrischend. In vielen ökum. Gesprächen erlebe ich n ur öberflächliches Gerede. Man will nur "Lieb" sein. Wenn es uns wirklich um Wahrheit und Ein heit der Kirche geht dann müssen wir auch dem A nderen sagen "was ich glaube". Nur die Ehrlichkeit kann uns vielleicht zur Einheit führen. Bin fest davon überzeugt, nur die ehrliche Darstellung, dessen was ich glaube, bringt unser Gespräch weiter.

in Liebe IC+XC + P.Theodoros

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Beitrag von Lutheraner »

Marcus hat geschrieben:Die Predigten Eurer Pfarrer in den Fernsehgottesdiensten sprechen mich im Regelfall sogar deutlich mehr an als jene ihrer Kollegen und Kolleginnen aus den Landeskirchen.
OT, aber Du bringst mich gerade drauf: Letzten Sonntag gab es erstmals einen Gottesdienst einer Pfingstgemeinde als ZDF-Fernsehgottesdienst. Der war (fast) perfekt inszeniert. Hat ihn noch jemand gesehen?
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Re: Interzelebration

Beitrag von Lutheraner »

Lieber Pater Theodoros,


ieromonach hat geschrieben:Frage: Seid ihr evgl. Christen eigentlich "Lutheraner" oder Christianer?
Erlaube mir hierzu eine Gegenfrage:

Seid ihr griechisch oder orthodox? ;-)

Sicherlich beides - wie wir auch: evangelisch, was die Wertschätzung des Evangeliums (und damit nach unserem Verständnis Rechtgläubigkeit, also Orthodoxie) zum Ausdruck bringt und lutherisch,da mit der Reformation Martin Luthers das reine Evangelium wiederentdeckt wurde.
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Re: Interzelebration

Beitrag von Lutheraner »

@Pater Theodoros:
Marcus hat geschrieben: Ganz ausführliche Infos zur SELK bekommst Du bei Pfarrer Dr. Martens von der St. Mariengemeinde in Berlin. Er schreibt schon seit längerem ausführliche Beiträge zur Theologie, Liturgie etc., die er auch im Internet publiziert. Einfach mal nachschauen, was Dich interessiert: klick hier
Lebst Du nicht auch in Berlin? Vielleicht könnt ihr (Du und Pfarrer Dr. Martens) ökumenische Kontakte knüpfen?
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ieromonach
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Interzelebration

Beitrag von ieromonach »

Lieber Luheraner,
hab einen SELK Gottesdienst besucht. War beeindruckt. In einer ökum. Veranstaltung hat er Zeugnis abgelegt, "Allah ist n icht unser Gott!", hab mich dann bei ihm bedankt. Leider wird die SELK fast nicht zur Kenntnis im ökum. Gespräch genommen. Bin schon überzeugt davon, daß wir Orthodoxe mit dem Bekenntnis der 'SELK viele Gmeinsamkeiten haben. Nur wir wissen von einander nichts.

+P.Theodoros

conscientia
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Beitrag von conscientia »

Lieber Marcus,

Du müsstest uns jetzt nur noch erklären:

I. Bist Du als Lutheraner Mitglied der SELK (also, aus der Sicht eines Katholen, der einen angeheirateten Onkel bei der Evang.-Luth. Freikirche in Baden hat, "Altlutheraner" - ohne Dich beleidigen zu wollen, denn ich weiß wohl, dass es Hardcore-Altlutheraner gibt, denen kaum eine Predigt bekenntnistreu genug ist) oder bist Du

II. ein Vertreter der lutherischen Orthodoxie aus einer evang.-luth. Landeskirche (so in Richtung "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis")? Dass Du nicht aus einer unierten evangelischen Landeskirche wie Westfalen oder Baden kommst, ist mir schon klar geworden. - Und jetzt eine ganz dumme Frage:

III. Würdest Du eigentlich einen Unterschied zwischen einem orthodoxen Lutheraner (Paul Gerhardt-/Joh. Seb. Bach-Fan) und einem Pietisten aus einer luth. Landeskirche sehen?
(Pietisten, so wurde es in meinem Reliunterricht immer karikiert, sind etwas weinerlich veranlagte Frömmler, die gerne alles süßlich fühlen und durch das Absingen schmalziger Lieder mit schmalzigen Melodien (Gerhard Tersteegen: Ich bete an die Macht der Liebe) wie auch durch das Wörtlich-Nehmen der Herrnhuter Tageslosung auf die Tränendrüse drücken.

Sei mir nicht böse: Manchmal muss man die Dinge ein wenig auf den Punkt bringen, um sie klarer zu machen. Unsere Kirchen sind ja immer ziemlich vielfältig.

Gruß
c.

Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

conscientia hat geschrieben:(Pietisten, so wurde es in meinem Reliunterricht immer karikiert, sind etwas weinerlich veranlagte Frömmler, die gerne alles süßlich fühlen und durch das Absingen schmalziger Lieder mit schmalzigen Melodien (Gerhard Tersteegen: Ich bete an die Macht der Liebe) wie auch durch das Wörtlich-Nehmen der Herrnhuter Tageslosung auf die Tränendrüse drücken.
Das ist schade, und man sollte Deinem Religionslehrer noch nachträglich auf die Finger klopfen. Ich kenne das Klischee des weinerlichen schwäbischen Pietisten auch (und die gibt es auch in der Realität!). Aber der Pietismus ist doch eine historisch sehr bedeutsame religiöse Bewegung. Der einstmals kräftige Baum des Pietismus hatte viele interessante Früchte: Den Kirchenreformer Spener, den preußischen Francke mit seinem Bußmethodismus, den seelenfrohen Zinzendorf mit seiner Form des christlichen Kommunismus, die spekulativen Schwaben bis hin zum schwärmerischen Michael Hahn... Und nicht zuletzt den Denker F D E Schleiermacher, der sich immer als "Pietist höherer Ordnung" verstand. Auch große Philosophen wie Hegel oder Kierkegaard sind ohne gewisse pietistische Einflüsse gar nicht denkbar.

Und bestimmte neopietistische Elemente haben im 19. Jahrhundert auch zur Bildung von lutherischen Gruppierungen geführt, die dann später in der SELK aufgingen (Vilmar!!). Ich denke auch Löhe war vom Neopietismus des 19. Jahrhunderts stark beeinflußt.

Meine Lieblingspietistin ist übrigens die unvergeßliche Tante Schorlemmer aus Fontanes "Vor dem Sturm"!

Gruß
SD
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Marcus
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Beitrag von Marcus »

conscientia hat geschrieben:Lieber Marcus,

Du müsstest uns jetzt nur noch erklären:

I. Bist Du als Lutheraner Mitglied der SELK (also, aus der Sicht eines Katholen, der einen angeheirateten Onkel bei der Evang.-Luth. Freikirche in Baden hat, "Altlutheraner" - ohne Dich beleidigen zu wollen, denn ich weiß wohl, dass es Hardcore-Altlutheraner gibt, denen kaum eine Predigt bekenntnistreu genug ist) oder bist Du

II. ein Vertreter der lutherischen Orthodoxie aus einer evang.-luth. Landeskirche (so in Richtung "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis")? Dass Du nicht aus einer unierten evangelischen Landeskirche wie Westfalen oder Baden kommst, ist mir schon klar geworden. - Und jetzt eine ganz dumme Frage:

III. Würdest Du eigentlich einen Unterschied zwischen einem orthodoxen Lutheraner (Paul Gerhardt-/Joh. Seb. Bach-Fan) und einem Pietisten aus einer luth. Landeskirche sehen?
(Pietisten, so wurde es in meinem Reliunterricht immer karikiert, sind etwas weinerlich veranlagte Frömmler, die gerne alles süßlich fühlen und durch das Absingen schmalziger Lieder mit schmalzigen Melodien (Gerhard Tersteegen: Ich bete an die Macht der Liebe) wie auch durch das Wörtlich-Nehmen der Herrnhuter Tageslosung auf die Tränendrüse drücken.

Sei mir nicht böse: Manchmal muss man die Dinge ein wenig auf den Punkt bringen, um sie klarer zu machen. Unsere Kirchen sind ja immer ziemlich vielfältig.

Gruß
c.
Lieber Conscientia,

gerne gehe ich auf Deine Fragen ausführlich ein:

Zu 1) Ich bin Glied der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (Altlutheraner). Die SELK ist allerdings weder theologisch noch liturgisch so homogen wie beispielsweise die Priesterbruderschaft St. Pius X. Es gibt sowohl einen konservativen wie auch einen liberalen Flügel und natürlich eine Basis. Während der konservative Flügel natürlich sehr bekenntnistreu- und bibeltreu ist, ist der liberale Flügel trotz seiner lutherischen Identität eher ökumenisch eingestellt und kann auch mit der Frauenordination oder der theistischen Evolutionslehre beispielsweise gut leben. Es herrscht also ein breites Diskussionsspektrum in der SELK. Aber sowohl Liberale als auch Konservative sind sich zumindest insoweit ein, dass man die Heilige Schrift in Glaubensfragen oder in Sachen der christlichen Lebensführung niemals in Frage stellen darf, nur um im Strom der Zeit mitschwimmen zu können. Daher werden die Befürworter der FO die Paulusbriefe auch nicht ignorieren, sondern versuchen aufzuzeigen, dass es sich hierbei um ein Adiaphora handelt und das FO-Verbot nicht nach göttlichem Recht ist. Es wird aber kein Pfarrer suspendiert oder gegen ihn ein Lehrbeanstandungsverfahren eingeleitet, nur weil er nicht an die 6-Tages-Schöpfung (diese Fraktion dürfte auch in der SELK nicht all zu groß sein) glaubt oder sich auch Frauen im Pfarramt vorstellen kann (in der Evangelisch-Lutherischen Freikirche ist das natürlich unvorstellbar). Heilsnotwendige Glaubenslehren wie z. B. die Auferstehung Christi werden in der SELK allerdings von keinem Pfarrer oder Kirchendiener in Frage gestellt. Der liberale Flügel der SELK entspricht daher wohl am ehesten der moderat-konservativen Richtung in den Landeskirchen. Und liturgisch bekommst man in der SELK von der Deutschen Messe Form A und Pfarrer mit schwarzem Talar und Beffchen bis hin zur aufgemotzten Deutschen Messe Form B (entspricht schon fast der Tridentinischen Messe), wo der Pfarrer dann Kasel, Albe und Stola trägt, ebenfalls alles geboten, wobei viele Pfarrer mittlerweile Albe und Stola tragen. Ich würde mich selbst als theologisch eher konservativ und hochliturgisch einstufen, stehe aber trotz der tolerierten Meinungsvielfalt meiner Kirche allerdings hinter ihr. So eine Art „Petrusbruder“ eben.

In diesem Jahr finden zwischen der SELK und der röm.-kath. Kirche übrigens Lehrgespräche statt, wo es vor allem um das Abendmahlsverständnis gehen soll. Gegenüber der röm.-kath. Kirche hegen die meisten Selkies zwar keine Animositäten, dennoch werden einige Lehren und Gebräuche kritisch unter die Lupe genommen. Interessant ist es jedoch immer wieder mal zu hören, dass man an Sonntagen, wo man nicht am eigenen Gottesdienst teilnehmen kann, sich freut, sich die katholische Messe im Fernsehen anzuschauen zu können. Ein konservativer Altpfarrer meinte mal, dass dort in der Regel noch vernünftig gepredigt würde und man die evangelischen Fernsehgottesdienste im Normalfall vergessen könnte. Mein Eindruck ist ohnehin der, dass die ev.-luth. Landeskirchen deutlich mehr Kritik als die röm.-kath. Kirche abbekommen.

Ein konservativer Pfarrer i. R. appellierte sogar in einem Rundschreiben an die eigenen Kirchenglieder, die aus dem Irak nach Deutschland geflüchteten Christen als christliche Mitbrüder und Mitschwestern aufzunehmen und ihnen auch die Möglichkeit, in SELK-Gemeinden Gottesdienste im eigenen Ritus mit den eigenen Priester abzuhalten, nicht zu verwehren, obwohl sie meines Wissens formal dem römischen Bischof unterstehen. Die Chaldäisch-Katholische Kirche gehört doch als Unionskirche zu Euch, nicht wahr?

Zu 2) Der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ gehöre ich zwar nicht an, dennoch kann ich aber ihre Positionen insgesamt für gutheißen. Wäre schön, wenn es ihr gelänge, die Landeskirche wieder „auf Vordermann“ zu bringen. Den User „Lutheraner“ könnte ich mir dort allerdings gut als Mitglied vorstellen.

Zu 3) Ohne einen Pietisten zu nahe treten zu wollen, aber als Lutheraner kann ich sie ehrlich gesagt nicht ansehen. Der Pietismus hat im Großen und Ganzen auch negativ auf das Luthertum gewirkt. Die Bekenntnisbindung, die Sakramente, ganz geschweige die Einzelbeichten haben im Pietismus doch noch nie eine große Rolle gespielt. Dafür legt man aber viel Wert auf individuelle Bibelfrömmigkeit und jeder, der etwas Lesen und Schreiben kann, meint – mal überspitzt ausgedrückt – sein eigenes kirchliches Lehramt zu sein. Pietisten wollen zwar nach Möglichkeit zur Landeskirche gehören, sich aber möglichst auch wenig von ihr sagen lassen. Viele landeskirchliche Gemeinschaften sind nicht umsonst pietistisch geprägt. Der Pietismus hat aber auch seine guten Seiten: So werden die Bibel als Wort Gottes hoch geschätzt und Nächstenliebe auch aktiv praktiziert. Pietisten sind zwar zweifellos Christen, i. d. R. sogar gute Christen. Aber mit dem Luthertum haben sie nur noch wenig gemeinsam.

LG Marcus

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Marcus
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Beitrag von Marcus »

@ SD

Ich kenne die theologische Ausrichtung Richtung der beiden Herren unter dem Begriff „Neuluthertum“. Das hat aber mit dem eigentlichen Pietismus wenig zu tun. Vilmar und Löhe werden ja z. B. heute noch für ihr vermeintlich katholisches Amtsverständnis von Teilen der Landeskirche oder bei Hardcorelutheranern (z. B. bei den Altmissouris) kritisiert, wonach das kirchliche Amt als gemeindebegründend verstanden wurde. Man nennt sie dort auch „romantisierende Lutheraner“. Und gerade im Pietismus hat ja das kirchliche Amt nur einen geringen, dafür aber das allg. Priestertum und die Laienpredigt einen sehr hohen Stellenwert.

Prof. Dr. Franz Pieper + (LCMS) über Löhe und Co.:
Zur teilweisen Entschuldigung Hoeflings dient, dass seine Gegner (Muenchmeyer, Loehe, Kliefoth u. a.) eine stark romanisierende Amtslehre vortrugen, naemlich die Lehre, dass das oeffentliche Predigtamt nicht von der christlichen Gemeinde, als der urspruenglichen Inhaberin aller geistlichen Gewalt, durch Berufung uebertragen werde, sondern eine goettliche Stiftung in dem Sinn sei, dass es unmittelbar von den Aposteln auf ihre Schueler als ein besonderer Stand ueberging, und dass dieser Stand sich durch die Ordination selbst fortpflanze. Auch redete man so, als ob die Gnadenmittel nur dann ihre rechte Kraft und Wirksamkeit haetten, wenn sie von den so zustande gekommenen Amtspersonen verwaltet wuerden. Gegen diese Karikatur der Lehre vom oeffentlichen Predigtamt sagt Hoefling mit Recht, dass dadurch die oeffentlichen Amtsverwalter zu einem "Gnadenmittel" neben Wort und Sakrament gemacht wuerden. Aber die Polemik Hoeflings leidet in keiner Weise Anwendung auf das im lutherischen Bekenntnis gelehrte oeffentliche Predigtamt. Durch den Umstand, dass dieses Amt Gottes Befehl hat, werden seine oeffentliehen Diener ebensowenig zu Gnadenmitteln und zeremonialgesetzlichen Organen, wie alle Christen dadurch zu Gnadenmitteln und zeremonialgesetzlichen Organen werden, dass auch ihr Lehren nach Gottes Befehl und Ordnung geschieht. Sodann schaerft die lutherische Lehre vom Predigtamt auch sehr nachdruecklich ein, dass die Kraft und Wirksamkeit der Gnadenmittel in keiner Weise von den Personen der oeffentlichen Diener abhaengt, sondern dass die Gnadenmittel alle Kraft in sich selbst haben, einerlei von wem sie verwaltet werden. Hoefling ist es somit nicht gelungen, im Kampf gegen eine grobe romanistische Verirrung die Balance zu halten. Um Loehes und anderer romanisierenden Theologen unmittelbare goettliche Setzung des oeffentlichen Predigtamts gruendlich zu wiederlegen, meinte er leugnen zu muessen, dass die mittelbare, durch die Gemeinde sich vollziehende Setzung goettliche Ordnung sei oder goettlichen Befehl habe. Er irrte daher nach der andern Seite hin ab.
Das Neuluthertum war eher eine Erweckungsbewegung zur Rückbesinnung auf die Apostolizität und Katholizität der Kirche auf Grundlage der BSLK. Im Amtsverständnis der SELK steckt auch heute mehr Löhe und Vilmar als Pieper oder Walther drin.

Stephen Dedalus
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Beitrag von Stephen Dedalus »

Marcus hat geschrieben: Ich kenne die theologische Ausrichtung Richtung der beiden Herren unter dem Begriff „Neuluthertum“. Das hat aber mit dem eigentlichen Pietismus wenig zu tun.
Das täuscht! Das Neoluthertum wächst zeitgleich und teilweise aus der Erweckungsbewegung heraus, und die hat klar (neo)pietistische Wurzeln. Die Verbindung wird klar, wenn man nicht auf die hochkirchliche Theologie des Neoluthertums schaut, sondern auf den Antirationalismus. In gewisser Weise sind Neopietismus und Neuluthertum beide mögliche Reaktionen auf den Rationalismus. Jede auf ihre eigene Art, aber doch gegenseitig beeinflußt.

Abgesehen davon hat der klassische Pietismus zunächst zu einer Belebung der Sakramentspraxis geführt und nicht zu einer Verflachung. Aber das nur am Rande...

LG
SD
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